Ernst Diedrich Karl Julius Schermer (* 19. Dezember 1886 in Lübeck; † 22. April 1955 ebenda) war ein deutscher Hydrobiologe und Malakologe, Lehrer, Abgeordneter (SPD) und Autor. Er widmete sich besonders der Erforschung von Süßwassermollusken.
Leben Ernst Schermer war ein Sohn des Bankbeamten Jürgen Diederich Friedrich Schermer (1828–1912) und dessen Frau Ingeborg, geb. Maßberg.Biographische Grunddaten nach Schermer, Ernst, in: Wer ist's? 8 (1922) S. 1346 Hans Schermer: Das Travetal war seine Heimat: der Biologe und Pädagoge: Ernst Schermer im Strom Lübeckischer Geschichte 1886-1955. (= Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck B 15) Lübeck: Schmidt-Römhild 1986, ISBN 3-7950-0453-5 Schermer besuchte die Höhere Bürgerschule, aus der später das Johanneum zu Lübeck wurde. Besonders prägte ihn der Unterricht durch den Zoologen Heinrich Lenz. Von 1902 bis 1908 erhielt Schermer auf dem Lübecker Präparandeum (1902–1905) und Lehrerseminar (1905–1908) eine Ausbildung zum Mittelschullehrer. 1908/09 leistete er Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger beim Infanterie-Regiment „Lübeck“ (3. Hanseatisches) Nr. 162.
Ostern 1909 begann er als Lehrer an der 2. St. Lorenz-Knaben-Schule (heute Bugenhagenschule). Im gleichen Jahr konnte er am XVII. Deutschen Geographentag teilnehmen, der in Lübeck stattfand. Anfang 1913 erfolgte seine Verbeamtung. Seit dem 10. April 1913 war er verheiratet mit der Lehrerin Käthchen, geb. Harms. Die Trauung durch Wilhelm Mildenstein fand „mit Genehmigung des Kircnenrats“ im Gesellschaftshaus Zur Hoffnung statt.Heiratseintrag im Kirchenbuch St. Lorenz Heiraten 1871-1920, abgerufen über ancestr.com Das Paar hatte zwei Söhne: den späteren Gewerkschaftsfunktionär Ernst-Dietrich Schermer (* 1914) sowie den späteren Verleger (Verlag Chemie) Hans Schermer (1916–1989), der 1986 die Biographie seines Vaters veröffentlichte.
Schon als Schüler unternahm Ernst Schermer naturkundliche Streifzüge and Trave und Wakenitz. Das Travegebiet wurde zum Schwerpunkt seiner naturkundlichen Forschungen und Veröffentlichungen ab 1910. Schon früh setzte er sich für Natur- und Landschaftsschutz einVgl. seinen Aufsatz Naturschutz in unserer engeren Heimat, in: Lübeckische Blätter vom 7. Dezember 1913; 1907 gehörte er zu den Gründern des Lübecker Vereins für Heimatschutz. Er baute eine umfangreiche Sammlung von Schnecken und Muscheln auf. 1910 erschien im Nachrichtenblatt der Deutschen Malakologischen Gesellschaft seine erste Abhandlung über die Mantelschnecke.Ein Beitrag zur Amphipeplea glutinosa. 1912 war er Mitgründer des Lübecker Vereins für Aquarien- Terrarienfreunde (später Verein für volkstümliche Naturkunde).
Schermer war auch musikalisch begabt und Mitglied des Lübecker Lehrergesangvereins sowie der Gesellschaft der Musikfreunde, die damals das Lübecker Symphonieorchester unterhielt.
Im Ersten Weltkrieg leistete Schermer Kriegsdienst, zunächst an der Westfront. Während eines Genesungsurlaubs konnte er 1916 die Prüfung zum Mittelschullehrer ablegen. Im Sommer 1918 kam er zum Ersatzbataillon 86 nach Schleswig. Durch Empfehlung von August Thienemann erhielt er ein Stipendium der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, an deren Hydrobiologischer Anstalt, dem späteren Max-Planck-Institut für Limnologie in Plön zu forschen. Ab 1919 unterrichtete er an der III. Mädchen-Mittelschule, ab 1925 an der im Sinne der Reformpädagogik neu gegründeten Gemeinschaftsschule. 1930 wurde er zum ersten Leiter für das aus dem Lübecker Waisenhaus hervorgegangene Haus der Jugend berufen, das zugleich als Jugendherberge diente.
Seit 1918 war Schermer aktives Mitglied der SPD, was für Lübecker Lehrer eher ungewöhnlich war. Bei der ersten Bürgerschaftswahl der Weimarer Republik wurde er 1919 in die Lübecker Bürgerschaft gewählt, die bis zum Verlust der Eigenstaatlichkeit Lübecks im Groß-Hamburg-Gesetz 1937 den Status eines Landesparlaments hatte.Wilhelm Heinz Schröder: Sozialdemokratische Parlamentarier in den Deutschen Reichs- und Landtagen 1867-1933: Biographien, Chronik, Wahldokumentation: ein Handbuch. Düsseldorf: Droste 1995, ISBN 3-7700-5192-0, S. 718 Nr. 200230 Er gehörte der Bürgerschaft bis 1922 an und dann wieder von 1926 bis zum November 1932. In der Bürgerschaft wurde er stellvertretender Wortführer (Präsident) und war Mitglied im Ausschuss für Unterricht, Kunst und Wissenschaft. Hier setzte er sich für den Bau der Klosterhofschule ein.
Daneben war er ab 1920 zweiter Vorsitzender des Lübecker Lehrervereins, erster Vorsitzender im Lübecker Beamtenbund und Vorsitzender des Arbeiter-Bildungsvereins. Er war ein gefragter Redner der Gesellschaft für Volksbildung. Mit Otto Anthes war er im Vorstand der Lübecker Volkshochschule aktiv; mit Anthes war er Teil eines Stammtisches in der Künstlerkneipe Zur Eule. 1921 war er Mitgründer der Lübecker Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft. 1924 trat er aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Lübeck aus und verstand sich seither als freireligiös. Als Freimaurer gehörte er ab 1924 der heute nicht mehr existierenden Lübecker Johannisloge Zum offenen Buch im Freimaurerbund zur aufgehenden Sonne (FZAS) an, in der auch Julius Leber Mitglied war, und war mehrfach deren Meister vom Stuhl.
Als Sozialdemokrat, Mitglied der Friedensgesellschaft und Freimaurer war Schermer nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 früh von Repressalien betroffen. Am 10. März 1933 besetzte die SA das Haus der Jugend, am 22. März musste Schermer um seine Entlassung nachsuchen und die Dienstwohnung im Haus räumen. Er wollte in den Schuldienst zurückkehren, wurde jedoch im Sommer im Alter von 47 Jahren nach § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen. Da die kleine Pension nicht ausreichend war, erwarb die Familie ein Haus mit großem Garten zur Selbstversorgung im Süden Lübecks nahe Hohenstiege. Der Sohn Hans musste das Johanneum verlassen und eine kaufmännische Lehre beginnen. Ernst Schermer wurde bespitzelt und mehrfach bei der Gestapo vorgeladen. Als ausgewiesener Experte konnte er aber weiterhin populärwissenschaftliche Artikel veröffentlichen und ehrenamtlich bei Ludwig Benick am Museum am Dom mitarbeiten – bis zu dessen Zerstörung im Luftangriff auf Lübeck am 29. März 1942. 1935 fand Schermer eine Anstellung zunächst als Versicherungsagent und 1941 als Angestellter im Drägerwerk. Hier wurde er 1943 Opfer einer Denunziation, kam aber mit einer Geldstrafe davon.Jörg Fligge: Lübecker Schulen im „Dritten Reich“: eine Studie zum Bildungswesen in der NS-Zeit im Kontext der Entwicklung im Reichsgebiet. Schmidt-Römhild, Lübeck 2014, ISBN 978-3-7950-5214-0, S. 896f
rahmenlos|rechts Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Schermer unverzüglich in den Schuldienst zurück. Eine Berufung zum Stadtschulrat lehnte er zunächst ab. Diese Position übernahm sein Freund Wilhelm Stier. Stattdessen wurde Schermer Rektor der Ernst-Moritz-Arndt-Mittelschule am Marquardplatz (so hieß die St.-Lorenz-Knaben-Mittelschule seit 1934; heute zusammen mit der früheren Bernd-Notke-Mittelschule Julius-Leber-Schule) in Lübeck-St. Lorenz. Im Dezember 1945 wurde der Verein für volkstümliche Naturkunde neu gegründet als Verein Natur und Heimat und Tochtergesellschaft der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit. Auch der Lübecker Lehrerverein wurde unter Schermers Führung als Teil der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft rekonstituiert. Im Februar 1947 tauschte Schermer mit Wilhelm Stier die Posten und wurde doch noch städtischer Schulrat. Seine Hauptaufgaben waren angesichts der durch den Zuzug von Flüchtlingen dramatisch gestiegenen Schülerzahlen die Lehrerausbildung und die Rückgewinnung sowie der Neubau von Schulraum. Er setzte sich für den Neubau des Naturhistorischen Museums (heute Museum für Natur und Umwelt Lübeck) ein, das erst nach seinem Tod errichtet werden konnte. Mit Ende des Jahres 1951 wurde er in den Ruhestand versetzt.
Ehrungen 1950 erhielt Schermer die von der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit aus Anlass des 150-jährigen Bestehens der Museen in Lübeck gestiftete Carl-Julius-Milde-Medaille, die einmalig an um die Museen verdiente Mitglieder der Gesellschaft verliehen wurde. Neben Schermer waren dies Ludwig Benick, Carl Georg Heise, Johannes Klöcking, Karl Petersen, Ernst Petrick, Hans Saager, Hermann Gustav Stolterfoht, Karl Strunck und Erna Suadicani.200 Jahre Beständigkeit und Wandel bürgerlichen Gemeinsinns: Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit in Lübeck, 1789-1989. Lübeck: Schmidt-Römhild 1989, S. 160
1952 verlieh ihm die Kieler Christian-Albrechts-Universität den Ehrendoktor der Naturwissenschaften.
1954 erhielt er das Bundesverdienstkreuz (Verdienstkreuz I. Klasse).
Nachlass Schermers umfangreiche Mollusken-Sammlung kam an das Naturhistorische Museum Lübeck. Seine Funde sind eine wichtige Basis für die Erstellung des Mollusken-Fundortkatasters in Schleswig-Holstein.
Werke Für eine komplette Bibliographie siehe Hans Schermer: Das Travetal war seine Heimat: Der Biologe und Pädagoge Ernst Schermer im Strom Lübeckischer Geschichte 1886-1955. (= Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck Reihe B Band 15) Lübeck: Schmidt-Römhild 1986 ISBN 3-7950-0453-5, S. 148–159
Biologische Untersuchungen in der Untertrave bei Lübeck zwischen Struckfähre und der Herrenbrücke. In: Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft und des Naturhistorischen Museums in Lübeck 2. Reihe 27 (1916), auch als Sonderdruck erschienen (Digitalisat) Unsere Schnecken und Muscheln: Leben, Pflege und Zucht einheimischer Arten. Braunschweig: Wenzel 1921 Von Klaas, Schlanka, Plattbauch und anderen Untieren: Tiergeschichten und Plaudereien. Lübeck: Wessel Die Molluskenfauna der ostholsteinischen Seen. In: Archiv für Hydrobiologie 22 (1931), S. 259–305 Ritter Stechbüttel und andere Tiergeschichten. Kiel: Lipsius & Tischer 1949 Hydrobioloische Untersuchungen im Travegebiet. Teil 1, in: Forschungen der Geographischen Gesellschaft und des Naturhistorischen Museums zu Lübeck 42 (1950), S. 35–131 Teil 2, in: Forschungen der Geographischen Gesellschaft und des Naturhistorischen Museums zu Lübeck 43 (1951), S. 7–89 Durch die Heimat: Lübecker Wanderbuch und Reiseführer. 1. Neuauflage, Lübeck: Lübecker Nachrichten 1953 Die Molluskenfauna des alten Stecknitzkanals. Stuttgart 1953
Literatur Schermer, Ernst, in: Wer ist's? 8 (1922) S. 1346 Uwe Bremse: Dr. h .c. Ernst Schermer zum hundertsten Geburtstag. in: Die Heimat 93 (1986 ), S. 334–336 Hans Schermer: Das Travetal war seine Heimat: der Biologe und Pädagoge: Ernst Schermer im Strom Lübeckischer Geschichte 1886-1955. (= Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck B 15) Lübeck: Schmidt-Römhild 1986, ISBN 3-7950-0453-5 Wilhelm Heinz Schröder: Sozialdemokratische Parlamentarier in den Deutschen Reichs- und Landtagen 1867-1933: Biographien, Chronik, Wahldokumentation: ein Handbuch. Düsseldorf: Droste 1995, ISBN 3-7700-5192-0, S. 718 Nr. 200230 Jörg Fligge: Lübecker Schulen im „Dritten Reich“: eine Studie zum Bildungswesen in der NS-Zeit im Kontext der Entwicklung im Reichsgebiet. Schmidt-Römhild, Lübeck 2014, ISBN 978-3-7950-5214-0, bes. S. 896f
Weblinks Eintrag in der Datenbank BIOSOP
Einzelnachweise
Kategorie:Malakologe Kategorie:Lehrer (Deutschland) Kategorie:Ehrendoktor der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Kategorie:Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse Kategorie:Mitglied der Bürgerschaft (Lübeck) Kategorie:NS-Opfer Kategorie:SPD-Mitglied Kategorie:GEW-Funktionär Kategorie:Freimaurer (20. Jahrhundert) Kategorie:Freimaurer (Deutschland) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1886 Kategorie:Gestorben 1955 Kategorie:Mann