Die Karl Kübler AG war ein 1810 gegründetes Bauunternehmen, das bis 1977 in Stuttgart bestand.
Geschichte
mini|Maurer-Lehrbrief von 1857 u. a. mit Unterschrift Zunftvorsteher Karl Friedrich Kübler mini|Aktie 100 DM von 1966
Die Karl Kübler AG (kurz Kübler) hatte ihren Ursprung in einem im Jahr 1810 von Friedrich Kübler, Geselle des Maurer- und Steinhauerhandwerks, in Göppingen/Württemberg gegründeten Bauunternehmen. Von 1898 bis 1922 wurde das Unternehmen in der Rechtsform der OHG geführt. Zum 2. März 1922 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Sie firmierte drei Monate lang unter Süddeutsche Holzhallenbau-Aktiengesellschaft und schließlich unter Karl Kübler AG. Der Sitz wurde nach Stuttgart verlegt. Kübler musste am 9. Februar 1977, nach fast 167 Jahren Geschäftstätigkeit, Insolvenz anmelden. Geschäftsfelder waren der Hoch-, Tief- und Brückenbau, der Holzbau, der Fertighausbau und das serielle Bauen von Holz- und Variel-Raumzellen.
Geschäftstätigkeit in den ersten Jahrzehnten
Friedrich Kübler (1785–1839) erhielt nach seinem Umzug von Weilheim an der Teck nach Göppingen 1810 zuerst nur das Beisitzer- und erst fünf Jahre später das Bürgerrecht und wurde schließlich zum Zunftmeister und dann zum Innungsobermeister gewählt. Neben dem Wohnhausbau zählten der zwischen 1838 und 1845 errichtete 52 Meter hohe Kirchturm der evangelischen Stadtkirche Göppingen, der den baufälligen Turm aus der Anfangszeit der Kirche ersetzte, zu den schwierigeren Aufgaben.Karl Kirschmer: Die Geschichte der Stadt Göppingen II. Teil. Stadt Göppingen 1952, S. 120.;Karl Kübler AG: Kübler – Leistungsbericht. 1951, S. 1. 1839 übernimmt sein Sohn Karl Friedrich Kübler (1810–1866) und danach dessen Sohn Karl Kübler (1839–1898) die Baufirma. Der Bau der Filstalbahn ab 1847,Otto Supper: Die Entwicklung des Eisenbahnwesens im Königreich Württemberg. In: Wolfgang Fiegenbaum (Hrsg.): Kohlhammer Edition Eisenbahn. Stuttgart 1981, ISBN 3-17-005976-9. auch Württembergische Ostbahn oder Filsbahn genannt, die von Stuttgart über Plochingen und Göppingen nach Ulm führt,Stefan Lang: Von Zeiten und Zügen, Eisenbahngeschichte(n) im Landkreis Göppingen. Kreisarchiv Göppingen 2018, ISBN 978-3-87437-584-9; Thomas Schnabel: Geschichte von Baden und Württemberg 1900–1952. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln 2000, ISBN 3-17-015925-9, S. 26. kam auch der Baufirma Kübler zugute. Sie erhielt Bauaufträge für Wasserkraftanlagen, Triebwerke, Feuerungen und Schornsteine, Fabrik-, Wehr- und Kanalbauten. 1867 wurde die erste Brücke errichtet. Zwei Jahre später folgten größere Industriebauten z. B. für die Bleicherei Uhingen, für Schachenmayr Wolle in Salach und die Süddeutsche Baumwoll-Industrie Kuchen.
In den 1870er Jahren wurde Karl Kübler Pionier im Betonbau mit eigenen Betonmischmaschinen, errichtete einen eigenen Zimmereibetrieb und ein Sägewerk. Ab 1884 vervollständigte die Baufirma die Kirchtürme an der evangelischen Oberhofenkirche Göppingen um die beiden aufgesetzten Steinhelme. Nach dem Tod des namensgebenden Karl Kübler 1898 übernahmen seine Söhne Karl und Emil die Leitung und führten das Unternehmen in der Rechtsform der OHG weiter. Zur Jahrhundertwende war die Baufirma auch im mittleren Neckarraum bei der Errichtung von Textil-, Maschinen- und Papierfabriken z. B. in Reutlingen, Nürtingen, Neckarhausen und Oberndorf tätig.Karl Kirschmer: Die Geschichte der Stadt Göppingen, II. Teil. Stadt Göppingen 1952, S. 119 ff. Zu dieser Zeit zählte das Bauunternehmen bereits über 1000 Beschäftigte.
Erweiterung durch Gründung Niederlassung Stuttgart mini|Staatsoper Stuttgart mini|Hauptbahnhof Stuttgart mini|Mädchen-Realschule Göppingen 1910 erhielten die Brüder Kübler den Auftrag zum Bau des neuen Großen Hauses (Königliches Hoftheater, heute Opernhaus der Württembergischen Staatstheater Stuttgart) und des Verwaltungsgebäudes des Königlichen Hoftheaters in Stuttgart. Es ersetzte das 1902 abgebrannte frühere Staatstheater. Nach der Fertigstellung im Jahr 1912 wurden Emil und Karl Kübler zu königlich-württembergischen Hofbaumeistern ernannt. Diese Aufträge waren der Impuls zur Gründung einer Zweigniederlassung mit Ingenieurbüro in Stuttgart. Die Leitung der Niederlassung übernahm Emil Kübler (1872–1945), die Göppinger Niederlassung leitete Karl Kübler (1869–1926). Ab 1911 errichtete Kübler zusammen mit anderen Bauunternehmen in Göppingen die Mädchen-Realschule nach Plänen des Architektenbüros Paul Bonatz und Friedrich Scholer. Das denkmalgeschützte Hauptgebäude beherbergt heute das Mörike-Gymnasium. Von 1914 bis 1916 baute die Stuttgarter Niederlassung, wieder nach Plänen von Paul Bonatz und Friedrich Scholer, den Bauteil 1 des Rohbaus des Stuttgarter Hauptbahnhofs mit dem Bahnhofsturm (Bonatzbau) und führte den Umbau der Gleisanlagen durch.Franz Bartl: Stuttgart Hauptbahnhof. Empfangsgebäude und Bahnsteigüberdachung im Kontext der Architektur- und Konstruktionsentwicklung. Institut für Baukonstruktion (Hrsg.): Schriftenreihe Baukonstruktion. Band 24, Stuttgart 1990.; Karl Kirschmer: Die Geschichte der Stadt Göppingen, II. Teil. Stadt Göppingen 1952, S. 121; stadtlexikon-stuttgart.de abgerufen am 11. November 2025. Es folgten der Umbau des Königlichen Reithauses und der Bau eines Stollen der Landeswasserversorgung. Obwohl im Ersten Weltkrieg das Baugewerbe fast zum Stillstand kam, erstellte Kübler u. a. Luftschiffhallen für die Zeppelinwerke in Friedrichshafen. 1922 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und firmierte nach einem dreimonatigen Intermezzo als „Süddeutsche Holzhallenbau-Aktiengesellschaft“ mit Sitz in Göppingen nun unter „Karl Kübler AG, Unternehmung für Hoch- und Tiefbau“ mit Sitz in Stuttgart. Daneben bestanden Zweigbüros in Leipzig, München und Köln.
Die Zusammenarbeit mit Paul Bonatz ging über diese Bauwerke hinaus. Für die deutsche Eisenbahn wurden freitragende Holzkonstruktionen für Bahnhofshallen, Lokomotiv- und Güterschuppen offeriert, ebenso Ausstellungs- und Fabrikräume unter Mitarbeit von Paul Bonatz.Hoff/Krumbier/Anger (Hrsg.): Das Deutsche Eisenbahnwesen der Gegenwart. Band 2. Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1923, S. 387 Gebaut wurden u. a. für die Deutsche Reichsbahn 8 Gleishallen im Hauptbahnhof Stuttgart, Werkstätten in München-Ost und Lokschuppen in Heidelberg und Freiburg. Auch der gegenüber dem Hauptbahnhof Stuttgart errichtete und bis 2010 als HindenburgbauDer Hindenburgbau in Stuttgart. In: Moderne Bauformen. Monatshefte für Architektur und Raumkunst. Nr. 7, Jg. 27, 1928, S. 261-272, doi:10.11588/diglit.48540.31. bezeichnete und der zu diesem Ensemble gehörende, ebenfalls von Bonatz und Scholer entworfene Zeppelinbau als nordwestlicher Abschluss des Bahnhofvorplatzes wurden durch Kübler zwischen 1926 und 1931 erstellt.Herbert Hoffmann: Der Zeppelinbau in Stuttgart. In: Moderne Bauformen. Monatshefte für Architektur und Raumkunst. Nr. 11, Jg. 30, 1931, S. 533–547 ();Inken Gaukel: Zeppelinbau publiziert am 29. Oktober 2019 In: Stadtarchiv Stuttgart. URL: stadtlexikon-stuttgart.de abgerufen am 27. November 2024. Weitere Fabrik- und Verwaltungsgebäude erstellte Kübler 1911 für die Fa. Märklin, bekannt für ihre Modelleisenbahnen, im Jahr 1914 für die Firma Schuler Pressen GmbH in Göppingen, u. a. Hersteller von Münz- und Karosseriepressen, und 1923 das Schuhfabrikgebäude in Kornwestheim für die Württembergische Schuhfabrik, später Salamander AG.Karl Kirschmer: Die Geschichte der Stadt Göppingen, II. Teil. Stadt Göppingen 1952, S. 119 ff.
Es folgten Aufträge für den Bau von Wasserkraftanlagen, zum Beispiel des Heimbachkraftwerks in Freudenstadt, des Städtischen Kraftwerks Nürtingen und die Wasserkraftanlage Altenburg. Im Auftrag der staatlichen württembergischen Neckarbaudirektion und der Neckar-Aktiengesellschaft erbrachte Kübler in den 1920er und den 1930er Jahren Bauleistungen bei der Neckarkanalisation in Zusammenarbeit mit anderen Bauunternehmen wie Baresel, Dyckerhoff und Widmann, sowie Julius Berger.Landesarchiv Baden-Württemberg Hauptstaatsarchiv Stuttgart: Kanalisierung des Neckars. E 130 b BÜ 1413, Bild 2, landesarchiv-bw.de abgerufen am 8. November 2025. Sie arbeitete mit u. a. bei den Staustufen Gundelsheim, Kochendorf, Heilbronn, Hessigheim und ab 1949 bis 1967 im Abschnitt bis Plochingen an den Schleusen Stuttgart-Münster und Stuttgart-Untertürkheim sowie Oberesslingen. Auch hier kam es wieder zur Zusammenarbeit mit Paul Bonatz, der für den Entwurf und die Planung einer Vielzahl von Schleusen und Staustufen dieses Bauprojekts verantwortlich war. Die gesamte Bundeswasserstraße mit allen Bauten wurde 1972 unter Denkmalschutz gestellt.Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart: Unser Neckarkanal. August 2013., denkmalpflege-bw.de abgerufen am 8. November 2025.
Intensiviert wurde auch der Ingenieur-Holzbau mit Dübel-, Nagel- und Leimholz-Spezialkonstruktionen für Kirchen, Hallen und Saalbauten. Verwendung fanden Konstruktionen nach eigenen Patenten und nach dem Patent Hetzer,Christian Müller: Entwicklung des Holzleimbaues unter besonderer Berücksichtigung der Erfindungen von Otto Hetzer- ein Beitrag zur Geschichte der Bautechnik. Dissertation Weimar o. D.; Otto Lueger: Lexikon der gesamten Technik Stichwort Holzbauweisen; Anzeige Holzrohrbau. Verlag DVA, 2. Auflage Stuttgart und Leipzig 1904, In: Bauwelt, 1926, Heft 34, S. 117 beispielsweise bei der 1928 errichteten Reithalle Münsterland in Münster i. W. mit 80 Metern Länge und 37 Metern Breite nach dem patentierten System Kübler (DRP). Das Geschäftsfeld Reithallen mit Tribünen und Gebäuden in Holzbauweise wurde z. B. in der Fachzeitschrift für den Reitsport „Deutsche Sankt Georg Sportzeitung“ beworben. Bestätigt ist auch der Holzrohrbau im Zusammenhang mit Wasserkraftanlagen.Paul Schaefer: Hölzerne Dachkonstruktion der Reithalle Münsterland in Münster i.W. In: Deutsche Bauzeitung, Konstruktion und Ausführung. Nr. 5, Berlin Mai 1928, Seite 69ff; Deutsche Sankt Georg Sportzeitung 1930, S. 2 Die hohen Anforderungen an den Leimholzbau führten 1933 zur detaillierten DIN 1052 Vorschrift zum Holzbau. Kübler war eine von nur sieben vom Reichsarbeitsministerium zugelassenen Firmen, denen es erlaubt war, geleimte Holzbauteile einzusetzen.Wolfgang Rug: Innovationen im Holzbau, Die Hetzerbauweise – Teil 2. in: Bautechnik. Nr. 4, 1995, 72. Jg., S. 235