mini|Jürgen-Werner Collatz Jürgen-Werner Collatz (* 20. Dezember 1942 in Berlin-Schöneberg) ist ein deutscher Medizinsoziologe und Sozialepidemiologe. Als Initiator und Begleiter zahlreicher interdisziplinärer Projekte hat er mit Hilfe von sozialen Einrichtungen und politischen Entscheidungsträgern dazu beigetragen, die Chancengleichheit im Gesundheitswesen zu fördern.
Leben Unmittelbar nach seinem DDR-Examen 1968 (Diplom als Ökonom-Pädagoge) und noch vor dem Einmarsch der Ostblockarmeen floh Collatz über die Tschechoslowakei im Prager Frühling in die Bundesrepublik Deutschland. Sein Studium der Sonderpädagogik, Psychologie und Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Niedersachsen beendete er 1976 mit dem Abschluss als Diplom-Pädagoge.
Von Ende 1968 bis 1976 arbeitete Collatz parallel zum Studium an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in der Abteilung Epidemiologie und Sozialmedizin als Organisationsleiter für Bevölkerungsbefragungen. Zudem war er von 1969 bis 1974 als nebenamtlicher Geschäftsführer am Aufbau der neugegründeten Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen beteiligt.
Von 1977 bis 1984 war er Wissenschaftlicher Leiter der Perinatalstudie Niedersachsen und Bremen an der Abteilung Medizinische Soziologie der MHH und evaluierte zeitgleich die Früherkennungs-Untersuchungen für Kinder. 1983 beendete er seine Dissertation mit dem Abschluss als Dr. rer. biol. hum. an der MHH und wurde dort zum Akademischen Rat ernannt.
Als Folge der Ergebnisse der Perinatalstudie leitete Collatz bis 1989 das Modellprojekt Familienhebamme in Bremen und Niedersachsen. Danach gründete er das Ethno-Medizinische Zentrum Hannover zur Integration von Migranten in die Gesundheitsversorgung und leitete es ehrenamtlich bis 2003. Im Jahr 1990 begann er Studien zur Effektivität, zum Bedarf und zur Inanspruchnahme von medizinischen und psychosozialen Versorgungseinrichtungen für Frauen und Mütter mit Kindern; die Ergebnisse zeigten die Effektivität und Notwendigkeit von Mutter-Kind-Kuren.
1994 wurde er zum Akademischen Oberrat in der Abteilung Medizinische Soziologie ernannt. Im gleichen Jahr gründete er im Rahmen der MHH einen Forschungsverbund Familienmedizin zur Qualitätssicherung von Mutter-Kind-Kuren, dem sich zeitweilig 90 deutsche Kliniken anschlossen. Den Forschungsverbund leitete er bis zu seiner Pensionierung 2008.
Im Ruhestand arbeitete er von 2015 bis 2024 ehrenamtlich für die Lernhilfe der St.-Elisabeth-Kirchengemeinde Langenhagen.
Forschungsschwerpunkte / Lehraufträge Collatz' Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Gesundheitsförderung, Familien- und Bevölkerungsmedizin waren: Analyse von Schwangerschaft, Geburt und Säuglingsentwicklung Evaluation von Schwangerschaftsvorsorge und von Früherkennungsuntersuchungen für Kinder und Jugendliche Verbesserungen der Hebammenausbildung und Hebammenarbeit Integration von Menschen in prekären sozialen Lagen und von Migranten in die Gesundheitsversorgung Familienmedizin, Mütter/Kinder-Gesundheit
Weitere Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit waren Armutsforschung, Autismus, Ethnomedizin, geistige Entwicklungsstörungen, Familiensoziologie, Gesundheitssystemforschung, Arzt/Patient-Interaktion, primäre und sekundäre Prävention, medizinische Primärversorgung, sozialpädiatrische Themen, Stressforschung sowie transkulturelle Begutachtung.
Collatz nahm von 1977 bis 1998 Lehraufträge an folgenden Universitäten und Fachhochschulen wahr:
Universitäten: Hannover, Oldenburg, Hildesheim, Hamburg, Lüneburg, München, Heidelberg, Bremen Fachhochschulen: Sozialarbeit Hannover, Informatik Hannover
Ehrungen seit 2003: Ehrenmitglied des Ethno-Medizinischen Zentrums Hannover seit 2006: Ehrenmitglied der Deutsch-türkischen Medizinergesellschaft Hannover 2022: Niedersächsischer Integrationspreis im Rahmen der Lernhilfe der St.-Elisabeth-Kirchengemeinde Langenhagen
Publikationen (Auswahl) Als Autor mit Hartmut Hecker, Karl Oeter, Johann Jürgen Rohde: Perinatale Mortalität eines Bundeslandes (Niedersachsen) und daraus zu ziehende Schlüsse. Erste Ergebnisse der Perinatal-Studie Hannover. In: Perinatale Medizin, 9. Kongreß für Perinatale Medizin, Berlin (1979) Bd. VIII. Hrsgg. von Eberhardt Schmidt, Joachim Wolfram Dudenhausen, Erich Saling. Thieme, Stuttgart/New York 1981. mit Hartmut Hecker, Karl Oeter, Johann Jürgen Rohde, Michael Wilken, Ellen Wolf in Theodor Hellbrügge (Hrsg.): Perinatalstudie Niedersachsen und Bremen. Urban & Schwarzenberg, München/Wien/Baltimore 1983, S. 128–170. Analysen zur 'Mutterschaftsvorsorge' . Prozesse der Versorgung und ihre Beeinflussung durch psychosoziale und biomedizinische Faktoren. Medizinische Hochschule Hannover, Dissertation 1983 (Lebenslauf: S. 88), mit Johann Jürgen Rohde: Ergebnisse der Aktion Familien-Hebamme im Überblick. GSF, München 1986. mit Gisela C. Fischer: Erkrankungen bei Immigranten - Diagnostik, Therapie, Begutachtung. In: Krankheit, Kranksein und häufige Krankheitsverläufe (Hrsg.: Gerd-Dieter Burchard). Gustav Fischer, Stuttgart/Jena 1989, S. 17–31. Die Kultur sekundärpräventiver Maßnahmen in der Bundesrepblik Deutschland - am Beispiel des Früherkennngsprogramms für Säuglinge und Kleinkinder. MMG, Göttingen 1989, Band 14, S. 215–220. mit Henning Borchert, Andreas Brandt, Inge Tietze: Effektivität, Bedarf und Inanspruchnahme von medizinischen und psychosozialen Versorgungseinrichtungen für Frauen und Mütter mit Kindern. Der Beitrag von Mütterkuren zur Frauengesundheit. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Band 126. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/Köln, 1994; 2. Aufl. 1996, ISBN 3-17-014959-8. Zur Realität von Krankheit und Krankheitsversorgung von Migranten in Deutschland. In: Gesundheitskult und Krankheitswirklichkeit (Jahrbuch für Kritische Medizin, Band 23). Argument-Verlag, Hamburg 1994, ISBN 3-88619-802-2, S. 101–132 (Lebenslauf: S. 206). mit Gisela C. Fischer, Sophia Thies-Zajonc, Andrea Silier, Regina Exner, Ludwig Kühn: Mütterspezifische Belastungen - Gesundheitsstörungen - Krankheit. Das Leitsyndrom zur Begutachtung und Indikationsstellung von Mütter- und Mutter-Kind-Kuren. vwb, Berlin 1998, ISBN 3-86135-280-X. Ausländische Patienten - eine Patientengruppe mit besonderen Bedürfnissen. In: Günther E. Braun (Hrsg.): Ausländische Patienten für deutsche Krankenhäuser gewinnen. Luchterhand, Neuwied/Köln/München 2004, S. 49–68 (Lebenslauf: S. 482). Familienmedizinische Ansätze - Beispiel Mutter-Kind-Maßnahmen. In: Leitfaden Psychosomatische Frauenheilkunde; Deutscher Ärzte-Verlag: Köln 2012, ISBN 978-3-7691-0622-0, S. 125–136. Familiengesundheit und 'neue Morbidität' bei (alleinerziehenden) Müttern und kinderreichen Familien. In: Vera Kalitzkus, Stefan Wilms (Hrsg.): Familienmedizin in der hausärztlichen Versorgung der Zukunft. university press, Düsseldorf 2013, ISBN 978-3-943460-44-5, S. 157–188.
Als Herausgeber mit Gebhard Flatz: Geistige Entwicklungsstörungen. Genetische und Umweltfaktoren als Ursachen und als Grundlagen von Diagnostik, Therapie und Prävention. Huber, Bern/Stuttgart/Wien 1976, ISBN 3-456-80254-4. mit Elçin Kürşat-Ahlers, Johannes Korporal: Gesundheit für Alle. Die medizinische Versorgung türkischer Familien in der Bundesrepublik. EBV Rissen, Hamburg 1985, ISBN 3-923002-17-3. Was macht Migranten in Deutschland krank? Zur Problematik von Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sowie von Armutsdiskriminierung in psychosozialer und medizinischer Versorgung. EBV Rissen, Hamburg 1992, ISBN 3-923002-65-3. mit Eckhardt Koch, Ramazan Salman, Wielant Machleidt: Transkulturelle Begutachtung: Qualitätssicherung sozialgerichtlicher und sozialmedizinischer Begutachtung für Arbeitsmigranten in Deutschland. Das transkulturelle Psychoforum, Band 1. vwb, Berlin 1997, ISBN 3-86135-130-7. mit Winfried Hackhausen, Ramazan Salman: Begutachtung im interkulturellen Feld. Zur Lage der Migranten und zur Qualität ihrer sozialgerichtlichen und sozialmedizinischen Begutachtung in Deutschland. vwb, Berlin 1999, ISBN 3-86135-290-7. Familienmedizin in Deutschland. Notwendigkeit, Dilemma, Perspektiven. Pabst Science Publishers, Lengerich 2010, ISBN 978-3-89967-614-3.
Quellen / Literatur Verabschiedung durch den MHH-Präsidenten Dieter Bitter-Suermann im Dezember 2007. Veröffentlichung der MHH-Presseabteilung im Alumni-Fotoalbum Januar 2008. Jubiläumsfeier - 25 Jahre Forschungsverbund Familiengesundheit. In: Newsletter Medizinische Hochschule Hannover September 2022, S. 1. Jahrelanger Einsatz für geflüchtete Kinder: Das Ehepaar Collatz sucht Nachfolger für die "Lernhilfe". In: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 8. November 2024.
Weblinks
(Fluchtschilderung 1969 als Vortrag 2013 vor der 10. Klasse der Realschule Isernhagen)
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