Das Albani-Torlonia-Polyptychon (it. Polittico Albani Torlonia) ist ein mehrteiliges Altarbild in Tempera auf Holz in den Maßen 140 cm × 160 cm von Pietro Perugino (* um 1450, † 1523) aus dem Jahr 1491, heute in der Sammlung Albani Torlonia in Rom. Auftraggeber des Werkes war nach verbreiteter Annahme Kardinal Giuliano della Rovere, der spätere Papst Julius II., zur Ausschmückung des Palazzo Santi Apostoli. In jüngerer Zeit wurde diese Annahme infrage gestellt, vgl. den Abschnitt Provenienz und Zuschreibung.

Physische Beschreibung und Bildmotive Das Polyptychon ist in zwei Register geteilt.

Das untere Register besteht aus einer annähernd quadratischen Mitteltafel, der links und rechts zwei etwas höhere Seitentafeln beigeordnet sind. Die Seitentafeln schließen nach oben mit einem Rundbogen ab. Diese drei Tafeln zeigen die Geburt Jesu mit Maria und Joseph und zwei Engeln, flankiert von jeweils zwei Heiligen.

Im oberen Register ist in der Mitte eine Lünette (halbkreisförmiges Bildfeld), deren maximale Breite der der Mitteltafel entspricht; zwei Zwickel ergänzen sie zu einem Rechteck. Hier zeigt Perugino eine Kreuzigungsgruppe mit Jesus am Kreuz, Maria, Maria Magdalena und Johannes.

Auch im oberen Register gibt es zwei Seitentafeln, deren Breite der der unteren Seitentafeln entspricht; nach unten abgeschlossen sind sie durch einen Ausschnitt, der der Form des halbkreisförmigen Abschlusses der darunterliegenden Tafel folgt. Dargestellt ist hier geteilt in zwei Bilder die Verkündigung der Geburt Jesu, links der Erzengel Gabriel und rechts die Jungfrau Maria.

Die Tafeln sind durch eine nicht im Original erhaltene goldfarbene Rahmenkonstruktion optisch voneinander getrennt. Wie der ursprüngliche Rahmen aussah, ist nicht bekannt. Die Breite der ursprünglichen Unterteilungen dürfte dem heutigen Zustand in etwa entsprochen haben, da sonst die Architektur im unteren Register nicht stimmig gewesen wäre.

Bildbeschreibung Geburt Jesu Mitteltafel Die Geburt Jesu nimmt im Polyptychon die zentrale Stelle ein.

Im Vordergrund der Mitteltafel liegt das nackte Jesuskind auf einem Streifen Stoff, der offenbar Teil der Kleidung Marias ist. Der Oberkörper wird durch ein großes rotes zylindrisches Kissen gestützt. Links neben ihm und etwas nach hinten versetzt kniet der heilige Joseph, Mann Marias und Ziehvater Jesu, mit seinem rechten Bein auf dem Boden. Er trägt ein sehr dunkles, vielleicht schwarzes oder dunkelblaues Gewand und darüber einen roten togaähnlichen Umhang, der um die Hüften geschlungen ist und dessen Ende über der linken Schulter liegt. Seine Hände sind zum Gebet zusammengelegt und sein Blick gesenkt, die Augen vielleicht geschlossen oder auf das Jesuskind gerichtet. Rechts kniet die Jungfrau in rotem Kleid und blauem, schimmerndem Umhang, der einer römischen Stola entsprechen mag und auf dessen unterem Ende das Jesuskind liegt. Ihr Haar ist mit einem Tuch oder Schleier teilweise bedeckt. Auch sie hat die Hände zur Anbetung zusammengelegt, den Kopf leicht gesenkt und das Jesuskind im Blick.

Etwas weiter hinten, im Durchblick zwischen Joseph und Maria, knien zwei Engel von nahezu gleicher Statur, ihre Körper zum Jesuskind gewendet, der eine Engel in schwarzem Kleid und lilafarbenem Überwurf mit zusammengelegten Händen, der andere in orangefarbenem Gewand und die Unterarme über der Brust gekreuzt. Beide haben den Kopf leicht gesenkt und scheinen die Augen geschlossen zu haben. Über ihren Schultern sind die Spitzen ihrer Flügel erkennbar.

Noch weiter hinten, am rechten Rand der Mitteltafel, sind Ochs und Esel dargestellt, die der Szene zuzuschauen scheinen. Sie werden in der Bibel im Kontext der Geburt Jesu nicht erwähnt, sondern gehen auf alttestamentarische Texte zurück, insbesondere . Sie wurden schon sehr früh fester ikonographischer Bestandteil der Geburt Jesu, es sind Abbildungen aus dem 4. Jahrhundert erhalten. Oft wird sogar das Jesuskind alleine mit ihnen gezeigt, ohne dass andere Personen anwesend wären.

Auf dem Kapitell des Pfeilers unmittelbar hinter Maria sitzt ein kleiner Vogel; dies mag eine Taube sein, die den heiligen Geist symbolisiert. Sie wird oft in der Geburt Jesu dargestellt, meist oberhalb des Jesuskindes.

Seitentafeln Die vier Figuren auf den Seitentafeln stellen links den Erzengel Michael und Johannes den Täufer sowie rechts Hieronymus und den heiligen Georg dar.

Erzengel Michael auf der linken Tafel kniet, seine Körperhaltung ähnelt der des hl. Joseph. Zu identifizieren ist der Erzengel anhand seiner Rüstung, die Joseph Crowe und Giovanni Cavalcaselle als „polirten Stahlharnisch mit dem Medusenhaupte auf der Brust“ beschreiben. Der Knauf seines Schwertes ragt hinter seinem linken Knie empor. Ihm zur Linken steht Johannes der Täufer, erkennbar an dem mit der linken Hand gehaltenen Kreuzstab. Er trägt ein sehr dunkles ärmelloses Gewand und darüber eine lilafarbene Toga, deren Ende auf seiner rechten Schulter liegt. Seine Rechte ist leicht nach vorne gerichtet und weist auf das Jesuskind.

Weitgehend spiegelbildlich zu diesen beiden Figuren, auch in der Körperhaltung, zeigt die rechte Seitentafel die Heiligen Georg „der Drachentöter“ und Hieronymus. Georg ist symmetrisch zum Erzengel Michael auf der gegenüberliegenden Bildseite positioniert und trägt wie dieser eine Rüstung, die fast ganz in Schwarz gehalten ist. Sie wirkt schwerer und wuchtiger als die seines Gegenübers, mit deutlich herausgearbeiteten Armkacheln und Stoßkragen, zu seiner Linken das Schwertgehänge. Als letzte Figur der Kreuzigungsdarstellung steht neben ihm der betende Kirchenvater Hieronymus in schwarzem Gewand und rotem Mantel. Er wird hier ohne die ihm üblicherweise beigeordneten Attribute wie Kardinalsornat oder Löwe dargestellt; möglicherweise ist der über seinem Kopf erkennbare zerbröckelnde Gewölbebogen auf ihn bezogen, der das gestürzte Heidentum versinnbildlichen könnte.

Den Heiligenschein der Figuren stellt Perugino durch eine sehr feine, fast transparente goldfarbene Scheibe dar, die bei Joseph, Maria und dem betenden Engel jedoch kaum erkennbar ist.

Bauwerk und Hintergrund Alle Figuren stehen bzw. knien vor einer nach mindestens drei Seiten offenen vierschiffigen Loggia, möglicherweise also unter freiem Himmel. Crowe und Cavalcaselle lokalisieren das Geschehen hingegen in einem Vorraum, der dann aber offensichtlich nicht in das Gewölbesystem der Loggia integriert ist. Mit Ausnahme des linken Schiffes haben alle übrigen Schiffe eine Länge von drei Jochen. Der Boden ist mit sehr großen Kacheln gefliest und erstreckt sich vom vorderen Bildrand bis zum hinteren Abschluss der Loggia. Hinter Ochs und Esel, aber noch innerhalb der überdachten Fläche ist ein Lattenzaun abgebildet, der im rechten Seitenfeld fortgesetzt wird. Die Bildarchitektur betont, dass sich alle Figuren der Geburt Jesu trotz der Darstellung in mehreren Bildfeldern in einem einheitlichen Raum befinden.

Die Loggia leitet den Blick des Betrachters zum Hintergrund, der eine ruhige umbrische Landschaft zeigt, wie sie Perugino sehr häufig darstellt. Links ist eine Felsformation, rechts ein Hügel, jeweils umgeben von zarten Bäumchen, auch diese typisch für Perugino. Im Bildzentrum senkt sich die Landschaft leicht zu einem Talausschnitt, wohinter in großer Ferne ein Gebirge den Horizont bildet.

Auf den Hälsen der vier zuvorderst stehenden Pfeiler hat Perugino seine Signatur eingezeichnet: , „Pietro aus Perugia hat [dies] gemalt 1491“. Konventionell wäre die Jahresangabe als „1409“ zu lesen; „1491“ entspräche . Dafür bot der Hals des Pfeilers nicht genügend Platz. steht hier daher nicht für „9“, sondern für „90“, das abschließende Wort für die „1“.

Interpretation der Geburt Jesu Die Geburt Jesu dürfte Peruginos verlorenem Fresko desselben Motivs in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan geähnelt haben, das teilweise durch Zeichnungen bekannt ist. Der Künstler hatte dieses zu Beginn der 1480er Jahre geschaffen, später war es dann von Michelangelo übermalt worden.

Das Motiv des auf dem Boden liegenden Jesuskindes und der anbetenden Maria leitet sich aus der Schilderung einer Vision der hl. Birgitta (* 1303, † 1373) ab, die ihr während einer Pilgerfahrt in das Heilige Land zuteilgeworden war. Kurz vor ihrem Tode schrieb sie diese nieder. Ihr Bericht wurde sehr bald bekannt, bereits 1380 wurde ihre Vision in Italien in einem Gemälde bildlich dargestellt, einschließlich ihrer eigenen Person.

Während in frühen Versionen dieses Motivs das Jesuskind auf dem nackten Erdboden lag, gingen die Maler ab 1440 dazu über, es auf ein Ende des Mantels oder Umhangs seiner Mutter zu platzieren. Dies sollte den Betrachter an die engen Bande zwischen der Mutter und dem von ihr geborenen Sohn erinnern.

Kreuzigung Exakt in der Mitte der Lünette wird Jesus am Kreuz gezeigt. Er ist bereits gestorben, unter anderem erkennbar an der ihm erst nach seinem Tode beigebrachten Seitenwunde . Sein Kopf ist aus Betrachtersicht etwas nach links geneigt. Auf dem Kopf trägt er die Dornenkrone und um die Hüfte ein an der rechten Seite des Körpers verknotetes Lendentuch. Seine Füße stehen – nach dem Typus eines Dreinagelkreuzes – übereinander auf ein Suppedaneum genagelt (ein stützendes Fußbrett, das den Todeskampf verlängern sollte). Das Kreuz erstreckt sich fast über die ganze Bildhöhe. Oberhalb des Querbalkens ist ein zweiter kleinerer Querbalken mit der Aufschrift I•N•R•I angebracht.

Unmittelbar rechts vom Kreuz kniet Maria Magdalena, den Oberkörper leicht vornübergebeugt zu den Füßen Jesu. Ihre Hände umklammern knapp unterhalb der Höhe ihres Kopfes das Kreuz. Zu einem roten Kleid trägt sie wie Maria in der Geburt Jesu einen weiten stolaähnlichen Umhang nicht klar bestimmter Farbe, der allerdings nur ihre rechte Schulter zu bedecken scheint. Das untere Ende dieses Umhangs hat sie hervorgezogen und scheint es mit der rechten, den Kreuzespfahl umklammernden Hand hochzuhalten.

Links vom Kreuz steht Maria, mehr dem Betrachter als dem Kreuz zugewendet und die Hände in Hüfthöhe zum Gebet gefaltet. Ihr Blick ist gesenkt. Ihre Kleidung entspricht der aus der Geburt Jesu, jedoch ist das Kleid von sehr dunkler Farbe, möglicherweise Schwarz, und der Umhang in dunklem Violett. Auf dem Kopf trägt sie einen Schleier.

Ihr gegenüber steht rechts vom Kreuz der Jünger, den Jesus liebte, wie er im Johannesevangelium genannt wird. In der christlichen Tradition wird er mit dem Apostel Johannes identifiziert, doch scheint diese Annahme nicht gesichert. Er ist als einziger der Jünger als ein Augenzeuge der Kreuzigung benannt . In ruhigem Habitus blickt er auf den Gekreuzigten. Seine Hände sind wie die Marias in Hüfthöhe zum Gebet gefaltet, wobei seine Handflächen nach unten gekehrt sind. Über einem braunvioletten Gewand trägt er einen Umhang in leuchtendem Rot.

Die Landschaft zeigt Perugino tiefenmäßig gestaffelt. Zwar vergleichbar mit der der Geburt, ist sie doch stärker topographisch gegliedert. Wenige Meter hinter Maria erhebt sich eine Felsformation ähnlich der in der Geburt dargestellten. Auch hinter dem Jünger sind Felsen gezeigt, diese jedoch mit Gras bewachsen. Im Mittelgrund, in einer Entfernung von vielleicht hundert oder zweihundert Metern zum Kreuz und in Blickrichtung direkt hinter ihm senkt sich die grüne Landschaft zu einer Mulde, die ein kleiner See ausfüllt, während sie zu den Seiten und weiter nach hinten wieder ansteigt. Perugino belebt sie mit zahlreichen grünbelaubten Bäumen. Im fernen Hintergrund erheben sich am Horizont Berge, farbperspektivisch vom Mittelgrund durch ihre bläuliche Färbung abgesetzt.

Verkündigung Hier wird die Verkündigung des Engels an Maria, dass sie den Sohn Gottes gebären werde, dargestellt: In der linken Tafel der Erzengel Gabriel, in der rechten Maria. Die Bibel schildert die Verkündigung im Lukasevangelium .