mini|Abb. 1: Contredanse française, Allemande-Figur. Cotillon bezeichnet zwei unterschiedliche Tanzformen, zum einem eine in Europa und Amerika verbreitete Gesellschaftstanzform des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, zum anderen eine im 19. Jahrhundert entstandene und bis zum Ersten Weltkrieg beliebte Abfolge von Paartänzen wie Walzer und Polka mit Gruppenfiguren und Tanzspielen.

Beim Cotillon des 18. Jahrhunderts (auch Contredanse française genannt) stellen sich in der Regel vier Paare im Carré auf. Sie tanzen miteinander verschiedene Raumfiguren, wobei typischerweise in jeder Strophe veränderliche Einleitungsfiguren mit einer Refrain-artigen Hauptfigur wechseln, die in jeder Strophe gleich bleibt und charakteristisch für einen bestimmten Cotillon ist. Die Musik ist in der Regel in einem 2/4- oder 6/8-Takt notiert.

Aus dieser reichen Tradition mit über tausend erhaltenen Choreographien sind unterschiedliche Ball- und Volkstänze entstanden, die teilweise bis in die Gegenwart üblich sind (siehe Quadrille, Française, Céilí-Tänze).

Geschichte

Vorläufer Eine der Hauptwurzeln des um 1700 in Frankreich entstandenen Cotillons liegt zweifelsohne im englischen Country Dance, dessen Choreographien ab Mitte des 17. Jahrhunderts dokumentiert sind. Ein Charakteristikum vieler früher Country Dances ist der zweiteilige Aufbau mit einer bei allen Tänzen gleichbleibenden Folge von Anfangsfiguren sowie einer Refrain-artigen Hauptfigur. Die weit überwiegende Form von Country Dances war eine Gasse von drei, vier oder beliebig vielen Paaren, aber auch Kreisformen oder Aufstellungen mit zwei bzw. vier Paaren im Carré kamen vor. Aufgrund des engen kulturellen Austausches zwischen den Nachbarländern dürften Country Dances bereits um diese Zeit nach Frankreich gelangt sein.

Aber auch heimische Kreistänze (Branles), wie die Gavotte, und die reiche Tradition von Tanzliedern mit Wechselgesängen zwischen Strophe und Kehrreim dürften eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Ein Strophe-Refrain-Aufbau ist darüber hinaus sowohl bei französischen wie auch italienischen Tänzen dieser Zeit bekannt.

Während die Gassenform des englischen Country Dances in den 1680er Jahren am französischen Hof eingeführt wurde und später als Anglaise oder Contredanse anglaise in ganz Europa beliebt wurde, galt der Cotillon immer als typisch französisch, und wurde dementsprechend als Contredanse française bekannt. Auch er verbreitete sich in weiten Teilen Europas und den amerikanischen Kolonien.

Frühe Formen Im Jahr 1705 veröffentlichte Raoul Auger Feuillet einen "Cotillon" für zwei Paare in Beauchamp-Feuillet-Notation. Feuillet bezeichnete den Tanz als „eine Form des Branle“. Zu der gewählten Melodie des Tanzes ist ein Text überliefert, der wohl der Gattung den Namen gab: Ma commère, quand je danse, mon cotillon va-t-il bien? (übs: Meine liebe Freundin, wenn ich tanze, sitzt mein Unterrock gut?). Der Tanz zeigt schon das Strophe-Refrain Muster. Die ersten drei Einleitungsfiguren (je nach Quelle Entrée, Couplet, Figure générale, oder englisch Change genannt) entsprechen den typischen Anfangsfiguren im Country Dance (meet, fall back; sides; armes) gefolgt von weiteren Entrée-Figuren (Paarkreis, Mühle, großer Kreis).

Die undatierten Handschriften von La Vigne (Ms.Durlach 209 und 210) beschreiben eine Reihe weiterer Cotillons für zwei Paare, mit leicht veränderter Folge der Entrées. Feuillets Nachfolger Jacques Dezais veröffentlichte im November 1715 den Cotillon des Fêtes de Thalie in Feuillets Contredanse-Notation. Hier findet sich der erste belegte Cotillon zu vier Paaren, der in der zweiten Jahrhunderthälfte dominieren sollte. Dezais Premier Livre de Contre-Dances, 1726, bringt weitere Vier-Paar-Contredanses mit komplexeren Figuren. Beide Quellen geben wertvolle Einblicke in die frühen Cotillon-Formen. Nach Momm. findet sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine überbordende Vielfalt der Formen, die sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu einem festgefügten Repertoire kanonisierte.

Späte Formen Aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind nur wenige gedruckte Publikationen mit Cotillons erhalten, allerdings waren schon früh handschriftliche Einzelexemplare im Verkauf. In der zweiten Hälfte kam es dann zu einer regelrechten Explosion an Druckveröffentlichungen mit rund 1800 verschiedenen Choreographien. Inzwischen hatte sich ein signifikanter Standardisierungsprozess vollzogen.

Die erste Quelle des späten Typs erschien in den österreichischen Niederlanden: 1757 veröffentlichte der Genter Tanzmeister D'Aubat de St. Flour 98 Choreographien in verbaler Beschreibung mit gelegentlichen Illustrationen zu den Raumwegen weniger bekannter Tanzfiguren. mini|Abb. 2: De la Cuisse: La Marquise. Tanzbeschreibung in Text und Diagrammen Die stilbildende Veröffentlichung sollte aber in Paris 1762 durch De la Cuisse erfolgen: In Le Répertoire des bals und den Fortsetzungsbänden entwickelte er ein Format, dass sowohl als Sammelband, Heftchen oder als Einzeltanz erworben werden konnte. Jeder Contredanse war mit einem Titelblatt versehen mit Angaben zur Herkunft des Musikstücks (oft aus populären Bühnenwerken) und zum Urheber der Choreographie (darunter auch solche von oft anonymen Amateuren und Amateurinnen), auf der zweiten Seite folgte die verbale Beschreibung der für die einzelne Choreographie charakteristischen Hauptfigur. Auf der dritten Seite befanden sich Diagramme zur Abfolge der Teilfiguren mit Angaben, wie viele Takte sie jeweils einnehmen. Die letzte Seite des Faltblättchens enthielt die musikalische Notation.

De la Cuisse erläutert in seinem Vorwort die Abfolge der Entreefiguren, denen jeweils die Hauptfigur eines Cotillons folgte:

le grand rond (großer Kreis) la main droite et gauche (Handtour rechts und links) les deux mains (Paarkreis, beide Hände gefasst, rechts und links) les quattre dames moulinet (Damen-Mühle rechts und links) les quattre cavaliers moulinet (Herren-Mühle rechts und links) les quattre dames rond (Damenkreis rechts und links) les quattre cavaliers rond (Herrenkreis rechts und links) l'allemande à droite et à gauche (Rückenkreuzfassung rechts und links gedreht, siehe Abb. 1) le grand rond (abschließender großer Kreis)

Die Hauptfigur konnte kurz und einfach gehalten sein, aber auch sehr ausführlich mit komplexen Raumwegen, die sich aus einer Vielzahl von Einzelfiguren zusammensetzten (siehe Abb. 2). Häufig wurde die Hauptfigur zunächst von zwei gegenüberstehenden Paaren getanzt, anschließend wiederholten die beiden anderen Paare dieselbe Figur und schlossen damit die Strophe ab.

Das Schrittmaterial entsprach dem französischen Repertoire, wie es auch in den Contredanses anglaises um 1700 Anwendung fand, wie demi-contretems, pas de gavotte, balancé, pas de rigaudon, chassé etc. Gute Tänzer konnten aber die Schrittfolgen beliebig variieren und eine Reihe weiterer Schritte des französischen Stils einsetzen.

In den folgenden Jahrzehnten erschienen weit über tausend weitere Cotillons bei verschiedenen Verlegern und Produzenten wie z. B. Bouin, Lahante, Landrin und Bacquoy-Guedon. Die Erfindungsgabe der Tanzmeister und Amateure in der Figurengestaltung war bemerkenswert. Neben der Standardaufstellung von vier Paaren im Viereck, waren auch Aufstellungen für 2, 3, 6 oder sogar 8 Paaren gebräuchlich sowie Gassenformen. Trotz dieser großen Variation in Formation und Besetzungen behielt der Cotillon aber stets seine zweiteilige Struktur bei.

Musik Die besondere Struktur der Cotillons erforderte in der Regel auch eine Melodie mit zwei sich wiederholenden Abschnitten: den ersten mit acht Takten für die Entrées und den zweiten mit acht oder mehr Takten für die Hauptfigur. Gelegentlich finden sich auch Rondeau-Formen. Die Melodien sind im Zweiertakt (2/4 oder 6/8) und beginnen oft mit einem langen Auftakt. Es überwiegt die Dur-Tonart, obwohl eine alternative Melodie in der Tonika-Moll oft für Abwechslung sorgt.

Das Pot-Pourri 1774 präsentierte der Tanzmeister Landrin eine Variante des regulären Cotillons in seinen Veröffentlichungen der Pot-pourri françois des contre-danse ancienne…. Anstatt nach jedem Entrée dieselbe Hauptfigur zu tanzen, wurde in jeder Strophe eine neue Hauptfigur getanzt: Die Reihenfolge der Entrées war jedoch dieselbe wie die von De la Cuisse festgelegte. Es ist unklar, ob Landrin diese Adaption erfunden oder eine Form des Cotillons veröffentlicht hat, die in Frankreich bereits praktiziert wurde.

Die Contredanse allemande Gegen Ende der 1760er Jahre häuften sich Cotillons, die als Contredanse allemande bezeichnet wurden. Gleichzeitig wurde in Frankreich die Allemande sehr populär, ein Paartanz, der sich aus traditionellen deutschen Formen ableitete und besonders durch variationsreiche Armverschlingungen charakterisiert war. Während eine genaue zeitgenössische Definition fehlt, lassen sich in den Contredanses allemandes ein verstärktes Vorkommen von Figuren mit Armverschlingungen, Allemande-Schritte sowie eine volltaktig beginnende Musik im Zweiertakt nachweisen, wie sie auch für die französische Paartanz-Allemande typisch war. Ihr Tempo war dabei etwas schneller als das der Contredanse française.

Der Cotillon in Deutschland Während im deutschsprachigen Raum im frühen 18. Jahrhundert neben dem Menuett und dem deutschen Tanz insbesondere Anglaisen, also englische Country Dances, vorherrschend waren, berichtet der Tanzmeister Hänsel 1755 dass inzwischen auch Cotillons, die mit französischem Schrittmaterial getanzt wurden, beliebt waren. Die in Frankreich übliche Reihenfolge der Entrées wurde auch in Deutschland im Wesentlichen beibehalten. Im späten 18. Jahrhundert etablierte sich auch der Begriff „Quadrille“ für Cotillons, was heute immer wieder zu Verwechslungen mit der Quadrille des 19. Jahrhunderts führt.

Die beliebteste Form war mit Abstand die für 4 Paare im Carré, aber auch Großformen wie Douzen (für 12 Tänzer) und Seizen (für 8 Paare) wurden immer wieder getanzt, wovon u. a. die umfangreichen Tanzsammlungen des Dresdner Hofs zeugen.

Insgesamt aber blieben auch im späten 18. Jahrhundert in Deutschland die Anglaise-Formen aufgrund ihrer Einfachheit in Figuren und Schrittmaterial wesentlich stärker verbreitet als der Cotillon.

Der Cotillon in England 1717–1815 In England tauchten erste Cotillonformen schon im frühen 18. Jahrhundert auf der Bühne auf: "A new Cotilian" wurde 1717 im Lincoln’s Inn Fields Theatre getanzt, und "Les Cotillons" 1723 im Drury Lane. Auch in dem Publikumsrenner The Beggar's Opera (ab 1728) wurde das Londoner Publikum mit einem Cotillon unterhalten.

Die erste englische Tanzpublikation mit „Cotillions“ erschienen bereits 1768, nur sechs Jahre nach De la Cuisse, von Gherardi, weitere folgten in den nächsten Jahren u. a. von Hurst, Longman, Siret und Gallini.

Der englische Cotillon folgte dem französischen Modell eng: Er verwendete französische Schritte (balancé, rigaudon, contretemps), französische Namen für Figuren (poussette, moulinet, queue de chat) und häufig den französischen Gavotte-Rhythmus.

Die englischen Ballbesucher begrüßten offensichtlich ein frisches Genre als Ergänzung zum Tanzrepertoire aus Menuetten und Country Dances. Für Cotillon-Bälle konnten gedruckte Programme mit den Figuren für jeden Cotillon erworben werden. Ein solches Programm für einen Ball in Bristol 1799 listete vier Cotillons vor dem Tee und sechs danach auf. Bei Almack's tanzte die vornehme Gesellschaft Cotillons schon seit 1768. In Bath waren Cotillon-Bälle von 1780 bis 1792 regelmäßiger Bestandteil des wöchentlichen Programms.

Nach Ende der Napoleonischen Kriege wurde der Cotillion allerdings rasch von der mondänen Quadrille abgelöst.

Der Cotillon anderen europäischen Ländern