Der Arbeitskreis für Ost-West Fragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (zumeist kurz Ost West Kreis, Ost-West-Kreis, oder OWK) war eine Vereinigung kirchlich und gesellschaftspolitisch interessierter und bürgerschaftlich engagierter Christen aus Kirchengemeinden in der Bundesrepublik der Bonner Republik und Vertretern ihrer Partnergemeinden in der DDR.
Im Verlauf seiner Geschichte setzte sich der Kreis für den Grenzen überschreitenden religiösen und politischen Dialog in Deutschland und Europa ein. Zentrale Themen waren die theoretische Begründung und praktische Umsetzung eines zeitgemäßen Christentums, die Realisierung des auf der VI. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen beschlossenen Konziliaren Prozesses (‘Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung’) in Mittel- und Osteuropa sowie der Dialog mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften und humanistischer Traditionen.
Der Evangelische Arbeitskreis für Ost-West Fragen stand beispielhaft für eine hauptsächlich von der kirchlichen Basis getragene Gemeinschaft, die während des frühen Kalten Krieges begann, die gefährdete Religions- und Meinungsfreiheit in Mittel- und Osteuropa zu verteidigen, die Folgen der deutschen und europäischen Teilung zwischen 1945 und 1989 zu mildern und die Spaltung Europas zu überwinden. Zahlreiche Mitglieder des Arbeitskreises engagierten sich aktiv in der kirchlichen Opposition gegen atheistische und totalitäre Tendenzen in der DDR-Politik und wurden von der Staatssicherheit der DDR observiert oder zum Objekt von ‘Zersetzungsmaßnahmen’ der Stasi. Federführende Mitglieder des Kreises wie Horst Franke, Roland Geipel und Hans Simon wurden für ihre mutige Arbeit für die Friedliche Revolution von 1989 mit hohen Auszeichnungen der Bundesrepublik Deutschland (Bundesverdienstkreuz) ausgezeichnet.
Zusammensetzung, Ziele, Arbeitsformen Die meisten Mitglieder des OWKs hatten ihre geistigen Wurzeln in der Jugendarbeit der Evangelischen Kirchen in der Bundesrepublik der Bonner Republik und der DDR (Junge Gemeinde), waren aber als gesellschaftspolitischer Arbeitskreis (partei-)politisch nicht gebunden und repräsentierten ein breites Spektrum theologischer und politischer Anschauungen.
Allgemein verbindende Ziele bestanden in dem dialog-gestützten sozialen und politischen Ausgleich der politischen Systeme in Ost-und-West während des Kalten Krieges sowie der Überwindung der deutschen und europäischen Teilung. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Verteidigung der Religionsfreiheit in der von der atheistischen marxistisch-leninistischen Staatsdoktrin geprägten DDR und der Einforderung von Reise- und Versammlungsfreiheit sowie von freier Meinungsäußerung und überprüfbaren demokratischen Wahlen in Mittel- und Osteuropa.
Im Zuge des vom Ökumenischen Rates der Kirchen 1983 angestoßenen Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung traten in den achtziger Jahren auch der Einsatz für atomare Abrüstung und die Verhinderung eines atomaren Krieges in Europa sowie die Bewahrung der Schöpfung in Mittel- und Osteuropa immer mehr in den Mittelpunkt der Kreisarbeit. Nach der Friedlichen Revolution in der DDR 1989 und der Vereinigung Deutschlands konzentrierte sich die Kreisarbeit auf die Angleichung wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Chancen und Standards sowie den Austausch mit an der Idee eines gemeinsamen europäischen Hauses interessierten osteuropäischen Partnern, u. a. Studierenden und Lehrenden an polnischen Hochschulen.
Der Ideenaustausch von Christen und anderen Humanisten in Mittel- und Osteuropa bildete das Zentrum der OWK-Arbeit. Der Kreis war aber auch an einer Reihe praktischer Aktivitäten beteiligt, die dazu dienten, konkrete humanitäre und materielle Probleme zu lösen, die sich aus der deutschen und europäischen Teilung ergaben. Ein wichtiges Mittel der Dialog-Arbeit bestand in der Organisation und Durchführung von Tagungen und Workshops, die – häufig von akademischen Referenten ein- und angeleitet – dem Meinungs- und Erfahrungsaustausch dienten. Da die Mitglieder des OWK in der DDR nach 1961 nicht in die Bundesrepublik ausreisen durften, fanden die Begegnungen seitdem im Osten (u. a. Ost-Berlin, Leipzig, Ziegenrück/Thüringen) statt. Häufig wurden auf den Tagungen Fragen und Arbeitsmaterialien (Bücher, Filme) thematisiert, die in der DDR und anderen Ostblockländern von staatlicher Seite marginalisiert oder unterdrückt wurden. Daher war es oft erforderlich, nicht erwünschte oder verbotene Medien durch die DDR Grenzkontrollen zu schmuggeln, was sowohl die östlichen Tagungsveranstalter als auch westliche Kreismitglieder ins Visier des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) brachte.
Der Kreis war bis 1989 auch aktiv daran beteiligt, wirtschaftlich, sozial und medizinisch benachteiligten Menschen in der DDR und anderen Ostblock Ländern Pakete mit Medikamenten und Lebensmitteln zu senden. Zeitweise wurden über kirchliche Sonderkonten oder durch direkte Warensendungen auch die Ausstattung von Gemeindezentren und Bauarbeiten an kirchlichen Gebäuden unterstützt. Ein von einigen westlichen Mitglieder geförderter Sonderbereich der praktischen Arbeit galt der Unterstützung von kirchlichen Krankenhäusern und Behinderteneinrichtungen in der DDR und später auch der Sowjetunion (Leningrad/St. Petersburg) mit westlicher Forschungsliteratur und mit Spezialapparaten, z. B. Spezialbetten für den Krankenhausbedarf.
Geschichte
Gründungsgeschichte, bis zum Mauerbau Die Gründung des OWK steht im Zusammenhang mit dem 5. Deutschen Evangelischen Kirchentag (12.–16. August) 1953 in Hamburg, an dem kurz nach dem gescheiterten Aufstand vom 17. Juni in der DDR auch über 10 000 Besucher aus der DDR teilnahmen. In dem noch teilweise kriegszerstörten Hamburg war die Unterbringung und Versorgung der ostdeutschen Kirchentagsteilnehmer eine erhebliche Herausforderung, führte aber auch zu einem besonders solidarischen und einträchtigen Austausch der Besucher. Viele DDR-Teilnehmer berichteten von starken staatlichen Repressalien gegen Christen und den zunehmenden Abschottungsbemühungen seitens des Regimes in Ost-Berlin. Die Unterdrückungsmaßnahmen gegen Christen in der DDR standen im Kontext der atheistischen Ideologie der (spät-)stalinistischen SED-Führung, welche Religion als Aberglauben und ‘Opium des Volkes’ betrachtete und institutionalisierte Religion zunächst einschränken und schließlich abschaffen wollte. Einige Mitglieder des Evangelischen Jugendkonvents aus Hamburg: Gerda Heinicke, Carl Stöwaß, und Horst Franke beschlossen daraufhin, einen Arbeitskreis zu gründen, der den Dialog der Christen in Ost und West, vor allem auch auf Gemeindeebene, über die machtpolitischen und ideologischen Gräben in Deutschland und Europa hinweg, aufrechterhalten sollte.
Obwohl die Möglichkeiten für West-Reisen von DDR Bürgern in den 1950er Jahren durch bürokratische Schikanen und Devisenbestimmungen der DDR stark behindert wurden, fanden die ersten Tagungen des OWK in Hermannsburg und in der Evangelischen Akademie Loccum statt, denn die Infrastruktur für kirchliche Treffen war im Westen Deutschlands stärker entwickelt. Vor allem aber gab es dort keine Beeinträchtigungen der Rede- und Versammlungsfreiheit durch staatliche Beobachtung. Kirchliche Jugendvertreter der Gemeinden, aber auch Pfarrer und Gemeindevorstände kamen zu den frühen OWK-Tagungen vor allem aus Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und aus Mecklenburg sowie aus dem Hamburger Raum, aus Niedersachsen und Baden-Württemberg. Diese Regionen blieben bis in die Nachwendezeit Zentren der Kreisarbeit. Kurz vor dem Mauerbau fanden Tagungen auch in West-Berlin statt. Die Tagungsarbeit des Kreises wurde durch die ideelle und institutionelle Unterstützung von Bischöfen der Evangelisch-Lutherischen Kirche u. a. Friedrich-Wilhelm Krummacher (Pommersche Evangelische Kirche) und Hans-Otto Wölber (Evangelisch-Lutherische Kirche in Hamburg) gefördert.
Geschichte nach 1961 Nach der Abriegelung der innerdeutschen Grenze und dem Bau der Berliner Mauer 1961 fanden die OWK-Tagungen in Joachimsthal bei Berlin und an anderen Orten der DDR (Leipzig, Ziegenrück, Wismar) sowie in der Tschechoslowakei statt. Die Veranstalter waren zumeist mutige Kirchenleute wie Pastor Theuerkauf (Joachimsthal) und Pfarrer Theo Küttler (Leipzig-Kleinschzocher), die ihre Kirchen- und Gemeinderäume für die Zusammenkünfte zur Verfügung stellten und sich dabei der permanenten Bespitzelung durch die Stasi aussetzten. Als Hauptreferent der Ost-Berliner OWK Tagung sprach 1968 der Prager Philosoph und Religionswissenschaftler Milan Machovec über den Christlich-Marxistischen Dialog. Kurz nach dem gescheiterten Prager Frühling wurde Machovec als Unterstützer Alexander Dubčeks und herausragender philosophischer Brückenbauer zwischen Ost und West von dem pro-sowjetischen Husák-Regime entlassen und entrechtet. Machovecs bemühte sich 1968 von Hamburg aus, wo er bei Ost West Kreis Freunden unterkam, amerikanische und sowjetische Intellektuelle für einen ‘Sozialismus mit menschlichem Antlitz’ in der Tschechoslowakei zu gewinnen. Dies blieb damals zwar ohne Erfolg, seine Ideen und sein Vorbild blieben jedoch bis zur Samtenen Revolution 1989 in Prager und anderen osteuropäischen Dissidentengruppen von großer Bedeutung.
In den 1970er Jahren änderte sich die ideologische Kirchenpolitik der DDR, nachdem die Evangelischen Landeskirchen in der DDR 1969 vom Staat genötigt wurden, sich von den westdeutschen Landeskirchen zu trennen und sich im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR zusammenzuschließen. Diese neue kirchenpolitische Situation, die unter dem Stichwort ‘Kirche im Sozialismus’ diskutiert wurde, hatte auch einige positive Auswirkungen auf den Alltag der aktiven Christen in der DDR, der jedoch insgesamt durch staatliche Repressalien und Benachteiligungen gekennzeichnet blieb. Als Beispiele sind zu nennen: der häufige Ausschluss von Mitglieder der Jungen Gemeinden und christlichen Kriegsdienstverweigerern von bestimmten schulischen und universitären Ausbildungsgängen, die Zensur religiöser Buchpublikationen und die Stasi-Überwachung von Pfarrern und aktiven Gemeindemitgliedern sowie das Verbot von kirchlich organisierten Veranstaltungen zur Erhaltung des Friedens, die eine gesellschafts- oder militärkritische Komponente hatten. All dies betraf viele Mitglieder des OWKs in der DDR.
Themen der Leipziger OWK-Tagungen in den 1970er und 1980er Jahren waren u. a. Gesprächs- und Dialogkulturen in Ost- und West, kirchliches und gesellschaftliches Engagement für den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung, Frauenemanzipation in Kirche und Gesellschaft, Befreiungstheologie, Religion und Sexualität, Gegenwartsliteratur als Spiegel der gesellschaftlichen Zustände in Ost und West. Einige der Themenschwerpunkte wie Bewahrung der Schöpfung und Umweltschutz beschäftigten den Kreis seit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl intensiv und auch noch nach der Wende, u. a. bei der Diskussion um die Einstellung des Braunkohle- und Uranbergbaus in der ehemaligen DDR und die damit verbundenen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Transformationen. Einer der visionären Ideengeber einer neuen europäisch-nordafrikanischen Energiepolitik, der Physiker, Begründer von Desertec und Mitglied des Club of Rome, Gerhard Knies, war als langjähriges OWK-Mitglied aktiv in diese Diskussionen eingebunden.