Julian Kirschler (* 1964 in Pforzheim) ist ein deutscher Fotograf und Medienkünstler. Erste Aufmerksamkeit erlangte er 2020 durch das Fotografieren westeuropäischer Metropolen während der Corona-Pandemie.
Biographie Kirschler studierte von 1988 bis 1990 Fotografie an der Staatlichen Fachakademie für Fotodesign in München, zuvor arbeitete er in einem einjährigen Praktikum als Assistent für den Rennsport- und Werbefotografen Rainer W. Schlegelmilch in Frankfurt/Main. Nach Abschluss seines Studiums arbeitete Kirschler als freier Assistent u. a. für Rita Kohmann und Cliff Serna in den Bereichen der Mode- und Peoplefotografie. Zwischen 1994 und 2008 war er Marketingleiter eines Unternehmens für Elektro- und Solartechnik. 1999 entwickelte er mit seinem Bruder Hanns Peter Kirschler mit elektrocity.de das erste deutschsprachige Internetportal für die Elektrobranche. Mit der Einführung des EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) entwickelten sie zudem regionale Marktplätze für Solartechnik. Seit 2008 arbeitete Kirschler als freiberuflicher Fotograf und seit 2019 als Medienkünstler. In seiner künstlerischen Arbeit widmet er sich gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Themen, die er kritisch hinterfragt. Seine Fotografien versteht er als visuelle Erzählungen, die von ihm in eigens dafür komponierte Soundscapes eingebettet werden.
Julian Kirschler lebt und arbeitet in Pforzheim, Berlin und Schwarzenberg im Bregenzerwald.
Werke
Berge, Wiesen und Wälder 2019 begann Kirschler die Serie Berge, Wiesen und Wälder zu fotografieren. Dabei handelt es sich um großformatige Naturaufnahmen, die mit einer hochauflösenden digitalen Mittelformatkamera zum Teil aus einem fahrenden Auto heraus aufgenommen wurden. Kirschler sieht in den von ihm so genannten „CAR- oder FLOWshots“ einen neuen Zugang zu den Themen der Romantik wie Heimatbezug oder Innerlichkeit verwirklicht, da er die Perspektive dieser Bilder durch Kindheitserinnerungen an Autofahrten in unserem Unterbewusstsein verankert sieht. Für die Betitelung der Bilder nutzt Kirschler das System zur Georeferenzierung von What3Words, das durch eine Zufallskombination dreier Worte jedem Ort der Welt eine eindeutige Adresse zuweist.
You are here:@///cloud.cuckoo.land Seit 2019 entwickelt Kirschler ein immersives Kunst- und Ausstellungskonzept unter dem Titel: You are here:@///cloud.cuckoo.land. Dieses Konzept ist multisensorisch und interaktiv und basiert auf präziser Inraumortung der Betrachter. Mit dem Titel cloud.cuckoo.land stellt Kirschler den Bezug zu dem antiken Topos des „Wolkenkuckucksheims“ her, einem Begriff, der ursprünglich aus Aristophanes‘ Komödie Die Vögel stammt und einen utopischen Ort ohne Realitätsbezug bezeichnet. Kirschlers „Wolkenkuckucksheime“ sind jedoch durch die georeferentielle Betitelung mit Hilfe der App What3Words genau lokalisierbar. Im Ausstellungskontext von You are here:@///cloud.cuckoo.land präsentierte Kirschler seine Fotografien in Größen von 3 × 2 bis zu 4 × 6 Metern. Diese Präsentation wird durch Soundscapes unterstützt, die über Kopfhörer abgespielt und durch eine taktile Weste ergänzt werden. Kirschler nutzt hierfür ein Soundsystem, das die Besucher durch Tracking bei der Betrachtung der Werke in eine je individuelle Sound-Landschaft einbindet.
High Noon Die Werkserie High Noon führte Kirschler während der Coronapandemie im Jahr 2020 in verschiedene europäische Metropolen (Amsterdam, Berlin, Dresden, Florenz, Frankfurt/Main, Hamburg, Madrid, München, Paris, Salzburg, Siena, Rom, Venedig, Wien, Zürich u. a.), wo er trotz der Pandemie-Bedingungen touristische Hot Spots und Transitorte wie Flughäfen oder Bahnhöfe als menschenleere urbane Szenarien aufnahm. Als Störelement während der Betrachtung der Bilder soll der "digitale Virus" sichtbar werden. Die digitalen Manipulationen erzeugen einen Bildeindruck, den der Kunstwissenschaftler Dr. Robert Eikmeyer 2020 mit 3D-Computergrafiken vergleicht, die realen Stadträumen die Anmutung eines Computerspiels verleihen.
In nomine patris 2022 produzierte Kirschler in Kooperation mit dem Industriedesigner Tuncer Tolun, den 3-D-Film- und Computerspielproduzenten Nervous Passenger sowie dem 3-D-Designer und Künstler Jakub Moravek seine erste installative Arbeit IN NOMINE PATRIS, die die weltweiten Missbrauchsfälle in der katholischen und evangelischen Kirche zum Gegenstand hat. In seinem Essay Kinder Überraschung - Zum perversen Kern der Arbeit in nomine patris des Künstlers Julian Kirschler, zieht Robert Eikmeyer Analogien zu Slavoj Žižeks Die Puppe und der Zwerg.
Raum des Unbehagens In der Werkserie RAUM DES UNBEHAGENS werden in unterschiedlichen medialen Erscheinungsformen Themen wie Machtmissbrauch, der Glaube an Verschwörungstheorien, Hate Speech in Social Media, Umweltzerstörung oder Angriffe auf die Demokratie künstlerisch verhandelt. 2024 realisierte Kirschler unter diesem Titel sieben Installationen mit animierten 3D-Videos und Fotoarbeiten, die die biblischen sieben Todsünden neu interpretieren. Der Tisch I (2024) ist ein künstlerisch interpretierter Nachbau des sechs Meter langen Verhandlungstisches von Wladimir Putin im Maßstab 1:3, an dem dieser im Kreml Staatsgäste wie den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron oder den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz empfing und der zu einem Symbol russischer Machtpolitik geworden ist. Der Tisch II (2024) ist ein 3D-Animationsfilm, präsentiert in einer Peepshow-Kabine. Der Film ist von der Ästhetik Michelangelo Antonionis Zabriskie Point inspiriert. Weitere Arbeiten in dieser Werkserie sind They Fooled You! There’s No Turtle, Stupid (2024) und Biedermann ist der Brandstifter (2024).
CAPITALIST 2026 nahm Kirschler in dem zweiteiligen Werk CAPITALIST auf die Zusammenhänge kapitalistischer Wertschaffungsmechanismen im Kunstbetrieb sowie auf die nach wie vor kolonial geprägten Denk- und Handlungsweisen der postkapitalistischen Gesellschaften des globalen Nordens Bezug, indem er die Arbeit mit dem Titel „Comedian“ (2024) des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan einer kritisch-humorvollen Aneignung unterzieht.
Künstlerische Motivation und Arbeitsweise Artist Statement 2020 veröffentlicht Julian Kirschler den Essay Über den Einfluss von Digitalisierung, Social Media und fortschreitender Enttabuisierung auf Bilder, Sehgewohnheiten – und meine eigene Fotografie, in dem er sein künstlerisches Programm im größeren Zusammenhang von Gesellschaft, digitalen Medien und Kunstgeschichte erläutert.
Kollaborationen Für seine Werkserien arbeitet Julian Kirschler mit den Musikern und Produzenten Stefan Kling und Mathias Freimann sowie dem 3D-Animationskünstler Jakub Moravec zusammen. Im Rahmen einer Serie geplanter internationaler Ausstellungen hat Kirschler 2025 das Konzept „Heal – Humanistic Engagement through an artistic lab“ entwickelt für eine Zusammenarbeit mit der international tätigen Kinderhilfsorganisation Plan International. Außerdem arbeitet Kirschler in unterschiedlichen Kontexten mit dem Schweizer Kurator Daniel Blochwitz zusammen.
Einzelausstellungen (Auswahl)
2021: Cloud.cuckoo.land.LAB, 6. November 2021 bis 14. November 2021, Emma Kreativzentrum, Pforzheim 2022: IN NOMINE PATRIS, Installation, Premiere am 4. Dezember 2022, Alter Schlachthof, Pforzheim. Mit einem Paneltalk mit Dr. Robert Eikmeyer (Professor für Kunst- und Designtheorie Hochschule Pforzheim) und Prof. Dr. Zeynep Sayin (Professorin für Bildwissenschaften und Medientheorie, Universität Istanbul, Kunstuniversität Linz, Akademie der Bildenden Künste, Wien, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig) 2024: RAUM DES UNBEHAGENS, von 09. Juli bis 31. Juli 2024, Alter Schlachthof, Pforzheim. Mit einem Paneltalk mit Thomas Rump (Medienberater und Journalist) und dem Träger des Grimme-Preis (2021) Dominik Wessely 2026: DER RAUM DES UNBEHAGENS, von 14. Februar 2026 bis 1. März 2026, Galiläa Kirche, Berlin-Friedrichshain. Mit einem Paneltalk mit Sebastian Frenzel (Monopol Magazin) 2026: HIGH NOON, 15. September 2026 bis 15. Oktober 2026, Gallery House Zurich, kuratiert von Daniel Blochwitz
Rezeption
Artikel und Interviews
Stefan Fischer, Virus im Bild. Mit seinem Fotoprojekt "High Noon" zeigt Julian Kirschler die Leere an bekannten touristischen Orten. Süddeutsche Zeitung, 3. Februar 2021 Manfred Zollner, Julian Kirschler: High Noon Fotografie aus dem Lockdown. In: fotoMAGAZIN Sandra Pfäfflin: Fotografien werden zum körperlichen Erlebnis. Immersive Ausstellung „could.cuckoo.land.LAB“ im Kreativzentrum. PZ News Birgit Metzbauer, In Pforzheim hat ein Künstler den berühmten Tisch von Putin nachgebaut. Badische Neueste Nachrichten R. Mühlebach, A. zu Castell-Rüdenhausen und M. Hahn: Dieser Künstler schockt die Kirche - Ich war das mit dem Stinkefinger-Altar, Julian Kirschler im Interview, Bild Zeitung
Film und Fernsehen
Geisterstädte im Corona Shut down, ZDF Heute
2021 war Kirschler einer der Protagonisten in Dominik Wesselys ARD-Dokumentation "Das Impfdrama – Deutschlands Weg aus der Pandemie". 2024 drehte SWR 3 Kultur einen Beitrag zu der Ausstellungspremiere „Der Raum des Unbehagens“, der später von der ARD für die Sendung „Titel Thesen Temperamente“ übernommen wurde.
Essays
Robert Eikmeyer: Der Geist ist ein Virus. Zu den Fotografien von Julian Kirschler. o. O., 2020
Robert Eikmeyer: Kinder Überraschung - Zum perversen Kern der Arbeit in nomine patris des Künstlers Julian Kirschler. o.O., 2022
Podcast Seit 2024 betreibt Julian Kirschler zusammen mit Robert Eikmeyer den Podcast "make ART great again".
Weblinks
Webseite von Julian Kirschler: https://www.julian-kirschler.com/ Bilder der High Noon Serie: https://www.highnoon.art/
Einzelnachweise
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