Ernst Schwarz (chinesisch , * 6. August 1916 in Wien, Österreich-Ungarn; † 6. September 2003 in Münichreith, Bezirk Melk) war ein österreichischer Sinologe, Übersetzer und Schriftsteller.
Leben
In Wien Ernst Josef Schwarz entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus Wien-Hietzing. Seine Eltern, Desiderius und Bertha Schwarz,Desiderius Schwarz (1872–1935) und Berta, geb. Stern (1881–1926) (fälschlich „1891“ bei Sylvia Schwarz auf Ancestors and Family Connections of The POLLAK, ZWIEBACK and KOHN Families of Nagykanizsa, Hungary and KLOTCHMAN Family of Khmelnytskyi, Ukraine - Person Page, vgl. z. B. Grabinschrift auf Austria – Egon’s parents gravestone (Berta and Desiderius Schwarz | Sosúa Virtual Museum) besaßen zusammen mit der Familie Fischl ein Geschäft in der Mariahilfer Straße.Schwarz & Fischl, Mariahilfer Str. 119 Er hatte einen Bruder (Egon, 1904–1976)Über Shanghai in die ebenfalls visafrei aufnehmende Dominikanische Republik emigriert, s. http://www.sosuamuseum.org/private-museum-2/private/schwarz-krakowiak-family/. und zwei Schwestern (Lilli, 1907–1970, und Francisca, 1909–2000)Lilli, verh. Hofstätter/Hofstatter (fälschl. „Lilly Hoffstater“, 1908?–1972?), und Francisca (genannt Francis), verh. Fischl, emigrierten in die USA, s. Ancestors and Family Connections of The POLLAK, ZWIEBACK and KOHN Families of Nagykanizsa, Hungary and KLOTCHMAN Family of Khmelnytskyi, Ukraine - Person Page. Auch Geburts- und Todesjahr von Lilli divergieren mit https://de.findagrave.com/memorial/136714830/lilli-hofstatter.. Nach der Matura (Reifeprüfung) am Gymnasium Fichtnergasse (Bundesgymnasium Wien XIII) begann er 1935 ein Medizin-Studium an der Universität Wien und wechselte 1938 zur Philosophischen Fakultät (Ägyptologie und Alte Geschichte).Archiv der Universität Wien: Nationale von Ernst Schwarz in MED 1935–1938 & PHIL 1937–1938. Nach dem Anschluss des „Ständestaates“ Österreich an das Deutsche Reich 1938 musste er als sogenannter „Volljude“ lt. Reichsbürgergesetz und aufgrund seines sozialdemokratischen EngagementsFunktionär in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) Österreichs, die bereits 1934 nach dem Dollfuß-Putsch offiziell verboten worden war., erst die UniversitätVgl. Johannes Koll (Hrsg.) „Säuberungen“ an österreichischen Hochschulen 1934–1945. Voraussetzungen, Prozesse, Folgen. Böhlau, Wien u. a. 2017. und wenig später – förmlich über Nacht – aus dem Land fliehen. Über den Hafen von Neapel verließ er Europa.
In Shanghai Er gelangte, wie einige Monate später sein (inzwischen in Wien enteigneter) Bruder Egon, auf dem Seeweg nach Shanghai, einer der damals weltweit wenigen Stätten, die Juden und andere Flüchtlinge ohne Visum und mittellos aufnahmen.Erschüttert vom plötzlichen, radikalen Wandel des jüdischen Lebens in Wien, war es der persönliche Verdienst des Diplomaten Ho Feng Shan gewesen, dass 1938–1940 viele Juden Österreich überhaupt noch verlassen durften. Siehe z. B. Letzte Zuflucht Shanghai – Wie mehr als 20 000 Flüchtlinge vor dem Holocaust gerettet wurden – https://www.goethe.de/prj/yim/de/the/has/21803426.html oder die Dokumentationen Letzte Zuflucht – Juden in Shanghai (ntv) und Shanghai Ghetto (http://www.shanghaighetto.com/.) sowie Wei Zhuang: Die Erinnerungskulturen des jüdischen Exils in Shanghai (1933–1950), LIT Verlag, Münster 2015. Er erlebte das durch Fremdmächte beherrschte, international geprägte Shanghai anfangs noch als faszinierendes Abenteuer, mit allerdings erheblichen sozialen Differenzen, bei denen statt der Juden die Chinesen stark diskriminiert wurden. Schwarz lernte im Selbststudium Chinesisch, während er gleichzeitig als Gymnastiklehrer und Boxtrainer tätig war. Von Juni bis Dezember 1938 war seiner Verlobten Annemarie Hecht (1917–2002)Tochter des jüdischen Kinderarztes a. o. Prof. Dr. Adolf Franz Hecht, der am 19. Dezember 1938 in Wien Suizid beging, und seiner Ehefrau Margarethe (geb. Eisert), die aus der Emigration von Frankreich in das KZ Auschwitz deportiert wurde, wo sie 1942(?) umkam. Ihr Onkel Robert Hecht, als Jurist und Beamter zuvor ein Wegbereiter des autoritären Ständestaates, nahm sich am 30. Mai 1938 im Konzentrationslager Dachau das Leben (wurde „geselbstmordet“). Ihrem Bruder Hans Georg Hecht (1908–2000) gelang die Flucht nach Buenos Aires. Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938 per Arbeitsvertrag in London und New York, dann über Vancouver die Weiterreise nach Shanghai geglückt, im Januar 1939 heirateten sie dort. In einem Teil des Wohnhauses in der French Concession gründete Annemarie einen kleinen internationalen Montessori-Kindergarten, während er neben seiner Arbeit erste Kontakte zu buddhistischen Klöstern pflegte, was ihn prägen sollte und ihm u. a. die Interpretation altchinesischer Originaltexte nahebrachte. Während der japanischen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg änderten sich ab 1941 (Pazifikkrieg) die Lebensbedingungen für jüdische Emigranten und Exilanten gravierend,„Für die Entbindung [des Sohnes] gab ich meinen letzten einigermaßen anständigen Anzug und meine Armbanduhr her. Wir lebten oft nur von den Auspeisungsmahlzeiten einer karitativen buddhistisch-dauistischen Gesellschaft.“ E. S. in Beschmutzt und schlammig ist die Welt... Eine Lange Nacht über Dichtung und Exil. Zur Hungersittuation siehe z. B. auch den „Aufruf an alle juedischen Maenner und Frauen Shanghais des Vorstandes und der Repraesentanz der Juedischen Gemeinde“ vom 11. Januar 1942, Reproduktion in Ernst G. Heppner: Shanghai Refuge. A Memoir of the World War II Jewish Ghetto. University of Nebraska Press, Lincoln & London 1993, Abb.-Teil zwischen S. 76 und 77. insbesondere durch das Shanghaier Ghetto in Hongkou.Yeh Wen-hsin (Hrsg.): Wartime Shanghai. Routledge, London 1998.Irene Eber: Wartime Shanghai and the Jewish Refugees from Central Europe. Survival, Co-Existence, and Identity in a Multi-Ethnic City (New Perspectives on Modern Jewish History, Volume 1). De Gruyter, Berlin / Boston 2012.Bernd Martin: Shanghai als Zufluchtsort für Juden. Konturen einer Zwischenstation 1938 bis 1947. – In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Jahrgang 64 (2016), Heft 4, S. 567–596. 2016_4.pdf Für die nach 1937 aus Mitteleuropa Eingereisten ohne (oder mit abgelaufenem) PassDas Deutsche Reich aberkannte allen österreichischen Juden (auch den im Ausland befindlichen) eine Staatsangehörigkeit. Seite - 155 - in Heimatrecht und Staatsbürgerschaft österreichischer Juden - Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart | Web-Books im Austria-Forum drohten abermals politische Verfolgungen, die per „Proclamation concerning Restrictions of Residence and Business of Stateless Refugees“ verstärkt durchgesetzt wurde. Rettung bot ihm für zwei Jahre das von Fan Cheng () geführte buddhistische Kloster „Tempel des Guan Di“ () im Süden Shanghais.Sieh den dreiteiligen Beitrag von Chang Kai (), original in China Media (), u. a. auf “谍影重重 ”的奥地利汉学家——我所认识的施华滋教授(上)_中国 etc. abrufbar. Seine ebenfalls jüdische Frau hatte einen gewissen formalen Schutz durch ihre Einreise aus Amerika, für ihn galt dies nicht. Das Ehepaar trennte sich, 1944 heiratete sie Friedrich Pordes und blieb noch bis 1949 in Shanghai.
In Nanjing Im Herbst 1945 zog er für zwei Jahre erneut in ein buddhistisches Kloster, den „Tempel des Alten Waldes“ ()Zur Geschichte des 1958/59 abgerissenen Tempels vgl. 古林寺(南京市鼓樓區古林寺):歷史沿革,歷史遺蹟,古寺復建,_中文百科全書 und 南京记忆|梅下问史 牡丹寻幽——走进名花荟萃的古林公园_工作动态_南京市地方志工作办公室. in Nanjing, und arbeitete freiberuflich als Übersetzer. Während seiner Tätigkeit in der Nationalen Zentralbibliothek in NanjingDie Zhongyang Tushuguan () war mit damals ca. 3 Millionen Bänden die größte Bibliothek Chinas, sie ist die Vorläuferin heutigen Nanjing Library (). wirkte er zusammen mit der Dichterin Mao Yumei (, 1920–1998)Zu der Literaturwissenschaftlerin und ihrem späteren lyrischen Werk siehe z. B. 中国人民大学文学院 und 茅于美的诗词全集、作品集(共140首)_古诗词名句_国学荟. Ihr Vater war der in China berühmte Brückenbau-Experte Mao Yisheng (茅以昇 / 茅以升); er verhinderte eine Ehe mit Ernst Schwarz (“谍影重重 ”的奥地利汉学家——我所认识的施华滋教授(上)_中国). an dem Prestigeobjekt, die umfangreiche Sammlung „Quellen der Gedichte im Alten Stil“ () von Shen Deqian (, 1673–1769) ins Englische zu übersetzen; nach einem Viertel des Werkes scheiterte dies zwar an einer beiläufigen Intervention des Gelehrten Hu Shi, doch das Interesse an chinesischer Lyrik war durch diese Zusammenarbeit entscheidend vertieft.Ernst Schwarz in So sprach der Weise, S. 676. Seine Kollegin wurde hier als „Mau Yü-me“ transkribiert. 1946/1947 unterrichtete Schwarz englische Literatur an der Private University of Nanking.
1947 wurde er Sekretär an der Österreichischen Gesandtschaft in China (Austrian Legation in China – ) in Nanking (Nanjing), damals Hauptstadt der Republik China. Hier war er beteiligt, als 1949 mit Hilfe des US-amerikanischen Botschafters John Leighton Stuart (1876–1962) gute Beziehungen zwischen der neu gegründeten Volksrepublik China und den USA aufgebaut werden sollten;Insbesondere Zhou Enlai, ein ehemaliger Student Stuarts, später General, dann erster Ministerpräsident und Außenminister der VR China, versuchte direkt und indirekt zwischen den Kuomintang, der KP Chinas bzw. Mao Zedong und z. B. den USA zu vermitteln, was weitgehend erfolglos blieb, vgl. Barbara Barnouin & Yu Changgen Zhou Enlai: A Political Life. Chinese University Press, Hong Kong 2006. Wichtige Vermittler für Zhou Enlai waren z. B. seine Dolmetscherin Anna Wang (, 1907–1989) und ihr Ehemann, der spätere Botschafter in Polen (s. Wer war Anna Wang und wer war Wang Bingnan?), die Ernst Schwarz damals kennenlernte. Zur politischen Situation siehe auch John Leighton Stuart and U.S.-Chinese Communist Rapprochement in 1949: Was There Another “Lost Chance in China”? | The China Quarterly | Cambridge Core. diese Bemühungen wurden 1950 durch die Regierung Truman im Zuge des Koreakrieges gestoppt (US-Embargo gegenüber der VR China). Neben seiner offiziellen Tätigkeit initiierte Ernst Schwarz mit dem Gesandten Felix Stumvoll (1883–1951) die Begründung der Sino-Austrian Cultural Association (SACA).Zur Person Dr. Felix Stumvolls und seiner Funktion in dieser Zeit politischer Umbrüche, inkl. der SACA-Ziele, siehe Gerd Kaminski Vergessene Verdienste. Dr. Felix Stumvoll: erster und letzter österreichischer Gesandter in der Republik China, in: China-Report 111–112/1991, S. 40–71. Siehe weiterhin das Journal of the Sino-Austrian Cultural Association (SACAJ). Zhu Jiahua (, 1893–1963), Bildungsminister in der Kuomintang-Regierung, spielte hierbei eine einflussreiche Rolle, indem er wichtige Kontakte zu diesem Zweck aufbaute. Unter den renommierten SACA-Unterstützern befand sich Zong Baihua (, 1897–1986)Zur Person siehe Zong Baihua (1897–1986), Chinese Syncretist of Chinese and Western Aesthetics, poet | World Biographical Encyclopedia (prabook.com) (englisch) und in der Baidu Baike: Zong Baihua (chinesischer Philosoph, ästhetischer Meister, Dichter) _Baidu Enzyklopädie (chinesisch). Zu seinem Werk u. a. die Essays in An Aesthetics Anthology. Routledge, 2023., mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte;Zum SACA und den persönlichen Verbindungen siehe auch Konrad Hermann (2008), S. 206–207, 211–212. ihr gemeinsamer Aufsatz von 1949, der im halbmonatlichen „Neuen China-Magazin“ () veröffentlicht wurde, gilt als Vorstufe zu einem Hauptwerk Zongs, dem „Ästhetischen Spaziergang“ (Erstauflage im Shanghai-Volksverlag (Shanghai Renmín Chubanshe) 1981.).
In der Volksrepublik China