Albert Tanner (* 14. März 1950 in Teufen AR; † 28. Dezember 2025 in Bern) war ein Schweizer Historiker und Pädagoge. Er lehrte als Historiker an der Universität Bern und war in der Lehrerbildung an der Pädagogischen Hochschule Bern tätig.
Leben Albert Tanner ist in der Buebenrüti oberhalb von Teufen aufgewachsen.Rolf App: Albert Tanner war ein grundsätzlich fröhlicher Mensch. tagblatt.ch, 20. Januar 2026. Sein Vater war Gipser und seine Mutter Hausfrau, zusammen bewirtschafteten sie zudem einen kleinbäuerlichen Betrieb.Andreas Würgler: Albert Tanner (1950–2025): Ein Nachruf, in: Schweiz. Zeitschrift für Geschichte, 76/2 (2026), S. 274–278, online: PDF Nach der Matura 1969 in St. Gallen studierte er an der Universität Zürich Geschichte, Neuere deutsche Literatur und Pädagogik. Er habe sich – mit dem ihm eigenen Schalk – als Produkt jener «Mobilisierung der ländlichen Bildungsreserve» bezeichnet, für die in den 1960er und 1970er Jahren Gymnasien und Universitäten ausgebaut wurden. Schon 1976 bis 1979 als Assistent des dort lehrenden Sozialhistorikers Rudolf Braun war Tanner an der Reorganisation des Geschichtsstudiums und an der Vermittlung historischen Wissens interessiert. Neben dem Studium arbeitete er als stellvertretender Primarlehrer und schrieb für die Appenzeller Zeitung und andere Zeitungen. Von 1980 bis 1982 war er Geschichtslehrer an der Kantonsschule Zürcher Unterland.
1982 schloss er eine Dissertation zur Industrialisierung des Kantons Appenzell Ausserrhoden ab.Besprechung: Albert Tanner: Das Schiffchen fliegt. Thurgauer Zeitung, 6. März 1986 Gemäss Andreas Würgler sind darin die Kapitel zur sozialen Logik und den kulturellen Ausdrucksformen der in der Textilproduktion Beschäftigten besonders innovativ. Das Klischee von der rückständigen Landsgemeinde-Idylle werde gründlich revidiert. 1985 folgte eine erweiterte, grossformatige und mit Abbildungen, Tabellen sowie Fotografien reich illustrierte Version zur Industrialisierung der Textilproduktion: «Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht. Weber, Sticker und Fabrikanten in der Ostschweiz».
1982 wechselte Tanner an die Universität Bern, wo er als Assistent und später als Oberassistent bei Beatrix Mesmer und ab 1994 als Privatdozent für Neuste Geschichte tätig war. Seine Forschungsschwerpunkte waren wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Wandel im 18. bis 20. Jahrhundert mit den Schwerpunkten Frühindustrialisierung in der Ostschweiz und Schweizer Bürgertum. Seine Arbeiten verbanden wirtschafts- und sozialhistorische Perspektiven mit kulturwissenschaftlichen Fragestellungen. 1995 erschien seine Habilitationsschrift «Arbeitsame Patrioten – Wohlanständige Damen. Bürgertum und Bürgerlichkeit in der Schweiz 1830–1914». An den Fallbeispielen Bern und Zürich zeichnet diese quellennahe Studie die Konstituierung des Bürgertums als soziokulturelle Klasse mit spezifischem Lebens- und Verhaltensstil nach. Für das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) verfasste er dreizehn Artikel, darunter jene über «Alltagsgeschichte», «Belle Epoque», «Bürgertum», «Eliten», «Heimarbeit» und «Radikalismus».
Seine Lehrveranstaltungen waren sehr beliebt. Zu Themen wie Konsumzeitalter, Jugendbewegungen, Landesstreik, Schweiz im Zweiten Weltkrieg, Glück, Methoden- und Theoriefragen in der Geschichte verknüpfte er konkrete Fragen und Quellenarbeit mit theoretischen, oft kultursoziologischen Ansätzen und innovativen didaktischen Formen. Gemäss Würgler war Tanners Betreuungsarbeit vorbildlich engagiert, fördernd und fordernd, aufmunternd und anstachelnd, mit viel optimistischem Vertrauen in die Betreuten.
Bei der Nachfolge von Beatrix Mesmer favorisierten die Studierenden 1996 Albert Tanner. Die universitäre Berufungskommission zog ihm jedoch Brigitte Studer vor.Studer erbt Mesmer-Lehrstuhl. Der Bund, 13. Juli 1996 So orientierte sich Tanner neu. Er unterrichtete zunächst am Didaktikum Aarau (1997–2001), dann am Institut für Lehrerinnen- und Lehrerbildung in Bern-Marzili (2001–2005). Ab 2001 leitete in der universitären Lehrerbildung die Abteilung obere Klassen Primarstufe, bis er in der 2005 neu geschaffenen Pädagogischen Hochschule Bern eine Leitungsfunktion übernahm.Albert Tanner designiert. In: Der Bund, 26. August 2004. Als Leiter des Instituts Vorschulstufe und Primarstufe und als Mitglied der Hochschulleitung prägte er gemäss Pädagogischer Hochschule Bern «die Ausbildung von Lehrpersonen im Kanton Bern und darüber hinaus während mehr als zehn Jahren massgeblich mit».Albert Tanner. Todesanzeige der Pädagogischen Hochschule Bern, 13. Januar 2026 (PDF) Den für viele Beschäftigten der Lehrerinnen- und Lehrerbildung neuen und oft fremden Forschungsauftrag unterstützte Tanner nach Kräften. Er fungierte als Mitherausgeber von Sammelbänden zu Themen wie «Heterogenität und Integration: Umgang mit Ungleichheit und Differenz in Schule und Kindergarten» (2006) oder «Sprachen lernen – lernen durch Sprache» (2010).
2014 trat Tanner in den Ruhestand.
Auch während Tanner ab den 1980er-Jahren in Bern lebte, behielt er den Bezug zu seiner Herkunftsregion. Dies zeigte sich zum Beispiel in Appenzeller Welten, einem 2016 in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Mäddel Fuchs entstandenen Buch, in dem 41 bemerkenswerte Männer und Frauen porträtiert werden.Appenzellische Lebensbilder. In: Neue Zürcher Zeitung, 9. Dezember 2016 Danach hinderte Tanner eine Krankheit am weiteren Forschen und Publizieren.
Tanner zeichnete sich «nicht nur durch enormen Fleiss und eine überlegene Intelligenz» aus, sondern auch durch «Freundlichkeit, Zugänglichkeit, Motivationsgabe», wie er in einem Nachruf von Rolf App gewürdigt wurde.
Er hinterliess seine Frau, eine Historikerin und Journalistin, und zwei Töchter.
Publikationen (Auswahl)
Spulen, Weben, Sticken. Die Industrialisierung in Appenzell Ausserrhoden. Diss. Zürich 1982. Das Schiffchen fliegt, die Maschine rauscht. Weber, Sticker und Fabrikanten in der Ostschweiz. Zürich 1985.
Arbeitsame Patrioten, wohlanständige Damen. Bürgertum und Bürgerlichkeit in der Schweiz, 1830–1914. Zürich 1995. Zugleich: Habil.-Schrift Bern, 1994. ISBN 978-3-280-02330-3. Inhaltsverzeichnis PDF Im Zeichen der Revolution. Der Weg zum schweizerischen Bundesstaat 1798–1848, Zürich 1997 (zusammen mit Thomas Hildbrand). Revolution und Innovation. Die konfliktreiche Entstehung des schweizerischen Bundesstaates von 1848. Zürich 1998 (zusammen mit Andreas Ernst und Matthias Weishaupt). Die Konstruktion einer Nation. Nation und Nationalisierung in der Schweiz 18.–20. Jahrhundert. Zürich 1998 (zusammen mit Urs Altermatt und Catherine Bosshart-Pfluger). Vom Wert der Arbeit. Schweizer Gewerkschaften – Geschichte und Geschichten. Zürich 2006 (zusammen mit Valérie Boillat, Bernhard Degen, Elisabeth Joris, Stefan Keller und Rolf Zimmermann). Heterogenität und Integration. Umgang mit Ungleichheit und Differenz in Schule und Kindergarten. Zürich 2006 (zusammen mit Hans Badertscher, Rita Holzer, Andreas Schindler, Ursula Streckeisen). Sprachen lernen - Lernen durch Sprache. Zürich 2010 (zusammen mit Franziska Bitter Bättig).
Nachrufe
Rolf App: Albert Tanner war ein grundsätzlich fröhlicher Mensch, tagblatt.ch, 20. Januar 2026 (mit Foto) Andreas Würgler: Albert Tanner (1950–2025): Ein Nachruf, in: Schweiz. Zeitschrift für Geschichte, 76/2 (2026), S. 274–278, online: PDF
Weblinks Publikationen von Albert Tanner in Katalogen der Schweizerischen Nationalbibliothek Biografische Seite beim Historischen Institut der Universität Bern (Stand 2005, Internet Archive) Biografische Seite bei der Pädagogischen Hochschule Bern (Stand 2014, Internet Archive) Kurzbiografie beim Unionsverlag
Einzelnachweise
Kategorie:Neuzeithistoriker Kategorie:Sozialhistoriker Kategorie:Hochschullehrer (Universität Bern) Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1950 Kategorie:Gestorben 2025 Kategorie:Mann