Die Herner Polenrevolte (auch Herner Krawalle oder Krawalle von Herne) war ein Streik mehrheitlich polnischstämmiger Bergarbeiter im Juni des Jahres 1899, in den Bergrevieren Herne, Gelsenkirchen und Recklinghausen und letztendlicher Auslöser für die Gründung der Zjednoczenie Zawodowe Polskie als Gewerkschaft polnischer Arbeiter im Ruhrgebiet.Jan Brejski: "Dlaczego powstało 'Zjednoczenie Zawodowe Polskie?' - Bo chciał tego lud polski" In: Ćwierć wieku pracy dla narodu i robotnika, 1927, S. 514
Vorgeschichte Die Kohleunternehmer der Ruhr warben ab den 1870er Jahren gezielt junge polnische Arbeitsmigranten als kostengünstige, ungelernte Arbeitskräfte für die Kohlezechen an,Matthias Blazek: Polacy w Westfalii – Polen in Westfalen. Polnische Migration ins Ruhrgebiet zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs, Stuttgart 2021, S. 31–33, ISBN 978-3-8382-1597-6 weshalb sich in kürzester Zeit eine signifikante polnische Diaspora im Ruhrgebiet bildete. Die später vom Streik betroffenen Bergreviere besaßen mit rund 20 % den prozentual höchsten Anteil polnischer Bevölkerung im gesamten Ruhrgebiet, wobei diese in den entsprechenden Zechen zwischen 48 % und 57 % der Belegschaft stellten.Lorenz Pieper: Die Lage der Bergarbeiter im Ruhrrevier (Münchener Volkswirtschaftliche Studien, 58), Stuttgart; Berlin 1903, S. 20–22
Die polnischen Arbeitsmigranten lebten im Ruhrgebiet vielfach weitestgehend von der deutschsprachigen Bevölkerung segregiert in sogenannten ZechenkolonienUlrich Herbert: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge, München 2001, S. 75, ISBN 978-3-406-47477-4 und stießen in der deutschen Mehrheitsbevölkerung auch aufgrund nationalistischer Motive vielfach auf Ablehnung und Ausgrenzung. Seitens des Staates wurden polnische Arbeiter vielfach nationalpolnischer Agitation beschuldigt, während unter deutschen Arbeitern das Klischee des polnischen Streikbrechers und Lohndrückers grassierte.Klaus Tenfelde: Sozialgeschichte der Bergarbeiterschaft an der Ruhr im 19. Jahrhundert, 1977, S. 514, ISBN 3-87831-344-6
Die Lage der polnischen Bergarbeiter war Ende des 20. Jahrhunderts sehr prekär. Im Mai 1899 wurden in den Zechen die Knappschaftsbeiträge für alle Arbeiterklassen um den gleichen Betrag erhöht. Da das Gehalt aber unter anderem an das Alter und die Stellung im Betrieb gekoppelt war, war die prozentuale Zusatzbelastung für junge und rangniedrige Arbeiter wie Schlepper besonders groß.John Kulczycki: The Herne 'Polish Revolt' of 1899: Social and National Consciousness among Polish Coal Miners in the Ruhr In: Canadian Slavonic Papers Revue Canadienne des Slavistes 31,2 (1989), S. 146–169, doi:10.1080/00085006.1989.11091912
Dies traf zwar auch die deutsche Belegschaft aber überproportional den polnischen Teil, da hier junge, ungelernte Männer eine Mehrheit stellten. Während es noch eine Vielzahl weiterer und komplexer Gründe für den Ausstand gab, wirkte diese Erhöhung als Katalysator an der sich letztendlich der Streik entzündete.Christoph Kleßmann: Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1870-1945. Soziale Integration und nationale Subkultur einer Minderheit in der deutschen Industriegesellschaft (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 30), Göttingen 1978, S. 56, ISBN 978-3-525-35982-2
Ablauf des Streiks
Am Freitag, den 23. Juni 1899 forderten ca. 70 Schlepper und Pferdeführer der Zeche Von der Heydt eine Lohnerhöhung von 20 Pfennig pro Schicht und verweigerten nach der Ablehnung dieser Forderung die Einfahrt. Nach Aufforderung das Gelände zu verlassen, taten die Arbeiter dies auch. Am darauffolgenden Tag weitete sich der Streik aus. Neben der Zeche Von der Heydt, wurden nun auch die benachbarten Zechen Shamrock I und II sowie Julia bestreikt. Der Ausstand verlief auch an diesem Tag relativ ereignislos und friedlich. Andernorts hatten derlei kurze Streiks bereits zu einer Lohnerhöhung geführt und waren keine große Besonderheit.
Die Eskalation begann am Sonntag, den 25. Juni 1899. Der Alte Verband hatte zusammen mit einer kleinen Gruppe polnischer Sozialisten zu einer Zusammenkunft in einem Herner Lokal eingeladen, um über den weiteren Verlauf des Streiks zu beraten. Noch bevor das Treffen beginnen konnte, löste die Polizei die Veranstaltung mit Begründung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung auf. Um die sich nun vor dem Lokal zusammenfindende Menschenmenge auseinanderzutreiben, setzte die Polizei ohne vorherige Provokation seitens der Arbeiter Waffengewalt ein, verletzte mehrere Teilnehmer und verhaftete sieben von ihnen.
Der Streik weitete sich am folgenden Tag auf die Zeche Friedrich der Große aus und wurde an allen bestreikten Standorten intensiviert. Es kam zu mitunter gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Streikenden und Vorgesetzten sowie der Polizei, bei denen es zu Steinwürfen, Sachbeschädigung und einigen Verletzten kam. Bisher hatten sich kaum Hauer dem Streik angeschlossen und die Mehrheit der Streikenden bestand nach wie vor aus Schleppern. Während sich unter den an diesem Tag festgenommenen Arbeitern auch eine Vielzahl Deutscher befand, betonen die Behörden in einem Telegram am Abend bereits den polnischen Charakter des Streiks und sehen dahinter eine Auseinandersetzung und ein Kräftemessen zwischen polnischen und deutschen Arbeitskräften.
Dienstag, den 27. Juni spitzt sich die Lage in Herne zu. Erstmals beteiligen sich auch eine Vielzahl Hauer am Ausstand. Insgesamt legen rund 8.000 der 22.000 Beschäftigen in den betroffenen Zechen ihre Arbeit nieder und versammeln sich in großen Mengen vor den Zechentoren. Es kommt erneut zu Auseinandersetzungen und Sachbeschädigungen. Am Abend kommt es zur sogenannten Schlacht an der Bahnhofsstraße in der die Streikenden der Zeche Friedrich der Große auf ein Aufgebot der örtlichen Polizei treffen. Diese entschließt sich die Menge unter Einsatz von Schusswaffen aufzulösen. Drei Arbeiter werden tödlich, einige weitere schwer verletzt.
Der Streik hält in ähnlicher Intensität weitere zwei Tage an. Die Zechenleitungen und preußischen Behörden beraten miteinander und bitten in einem Telegram an Kaiser Wilhelm II. um militärische Unterstützung zur Zerschlagung des vermeintlich polnischen Aufstandes. Dieser entsendet 2.000 Infanteristen und 150 Kavalleristen in das Ruhrgebiet. Unter dem immensen staatlichen Druck kollabiert der Streik letztendlich. Anfang Juli ist er endgültig vorüber.
Nachwirkungen
Der Streik hatte nachhaltige Folgen für die weitere Sozialgeschichte des Ruhrgebiets. Einerseits schuf er einen Präzedenzfall für militärische Interventionen bei Streikgeschehen und war Vorbild für die staatliche Reaktion auf den Bergarbeiterstreik von 1905. Die Bergarbeiter – insbesondere die polnischsprachigen – und ihre Streiks wurden von den Behörden fortan als gefährlich eingestuft und Handeln entsprechend danach ausgerichtet.
Der eigentlich soziale Konflikt wurde ethnisiert und im Sinne nationalistischer Überzeugungen primär seitens des Staates umgedeutet. Polen und polnische Vereine waren fortan noch schwerwiegenderer staatlicher Repression und Überwachung ausgeliefert. Gleichzeitig verstärkte diese Behandlung ein Gemeinschaftsgefühl unter den Ruhrpolen, die vermehrt als geschlossene gesellschaftliche Gruppe in Erscheinung traten.
Der Streik offenbarte trotz einer nicht geringen Beteiligung auch deutscher Arbeiter das Maß der Entfremdung zwischen Deutschen und Polen, was in einer separaten polnischen Bergarbeiter Gewerkschaft, der ZZP Ausdruck fand.Diethelm Blecking: Integration through Sports? Polish Migrants in the Ruhr, Germany Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis 60, 2015, S. 275–293, doi:10.1017/S0020859015000401 Die Distanzierung der Deutschen Gewerkschaften nach, sowie deren unterlassene Unterstützung während des Streiks war entsprechend ein gewichtiger Grund für eine Zersplitterung der Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung.
Literatur
David Skrabania: "Die „Herner Polenrevolte“ im Jahr 1899" In: Porta Polonica. LWL Museen für Industriekultur, November 2018. John Kulczycki: The Herne 'Polish Revolt' of 1899: Social and National Consciousness among Polish Coal Miners in the Ruhr In: Canadian Slavonic Papers Revue Canadienne des Slavistes 31,2 (1989), S. 146–169, doi:10.1080/00085006.1989.11091912 Klaus Tenfelde: Die „Krawalle von Herne“ im Jahre 1899 In: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 15.1, 1979, S. 71–104.
Einzelnachweise
Kategorie:Streik im Deutschen Kaiserreich Kategorie:Veranstaltung 1899