Soziogene Entwicklungsstörungen (SE) bezeichnen sprachliche, kognitive und verhaltensbezogene Störungen der Entwicklung bei einem organisch gesunden Kind, das seine angeborenen Fähigkeiten nicht in vollem Umfang entfalten kann. Ursächlich dafür ist eine durch ungünstige soziale Umstände bedingte nicht ausreichende Entwicklungsanregung vor allem in der frühen Kindheit. Unzureichend angeregte frühkindliche Entwicklungsschritte können zu geringeren intellektuellen Leistungen führen als vom Potenzial her angelegt und sind von lebenslanger Nachhaltigkeit. Überproportional häufig finden sich SE bei Familien im unteren sozioökonomischen Statusbereich (unterer SES) der gesellschaftlichen Schichtung (gekennzeichnet vor allem durch Bildungsferne und materielle Armut).
Der in diesem Zusammenhang häufig gebrauchte Begriff „psychosoziale Entwicklungsstörungen“ (PE) berücksichtigt zu wenig den sehr großen Anteil der schichtenbezogenen Entwicklungsstörungen zugunsten eines individuellen Störungsbildes, welches in allen gesellschaftlichen Schichten auftreten kann. Soziogene Störungen sind demzufolge ein – wenn auch sehr großer – Teilbereich der psychosozialen Störungen.
Der Begriff soziogene Entwicklungsstörungen erscheint seit Anfang des Millenniums vor allem in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur, z. B.
Ursachen Die Ursachen dieser Benachteiligung liegen in einer nicht den angeborenen Potenzialen entsprechenden unvollkommenen frühkindlichen Entwicklung. Die Entwicklungsbedürfnisse der Kinder werden auf dem Hintergrund der oft prekären familiären Verhältnisse im unteren SES-Bereich nicht ausreichend wahrgenommen und die Kinder dementsprechend zu wenig angeregt. Beispielhaft ist die verbale Kommunikation: Kinder aus Familien eines höheren SES hören im Alter von drei Jahren ca. 30 Millionen Wörter mehr als Kinder aus dem untersten SES-Bereich. Ursache für dieses elterliche Verhalten sind in der Regel die belastenden und überfordernden Lebensverhältnisse, aber auch die Bildungsferne der Eltern.
Da eine ausreichende Entwicklungsanregung in der besonders wichtigen menschlichen Entwicklungsphase frühe Kindheit (null bis sechs Jahre) ausbleibt, können sich die angeborenen Anlagen und Fähigkeiten der Kinder nicht ausreichend in ihren Entwicklungszeitfenstern entfalten. Die genetisch angelegten Entwicklungspotenziale (Entwicklungsvalenzen) werden nur teilweise oder auch gar nicht ausgeschöpft. Spätestens bei den Schuleingangsuntersuchungen fallen diese Kinder durch z. T. deutliche Entwicklungsrückstände in den Bereichen Kognition, Sprache und Verhalten auf, häufig bis zu ausgeprägten Entwicklungsstörungen. Da diese Entwicklungsdefizite durch die mangelhafte edukative Anregung des familiären Umfeldes auftreten, sind sie deshalb im Unterschied zu körperlich bedingten (somatogenen [genetisch; Fehlbildunge]) Entwicklungsstörungen sozial bedingte Folgeerscheinungen und werden als soziogene Entwicklungsstörungen definiert.
Wird die fehlende Entwicklungsstimulation nicht ausgeglichen, werden nicht adressierte neuronale Netze abgebaut. Das Gehirn passt sich noch vor der Pubertät auch morphologisch an die bis dahin bestehende Unterforderung an (zerebrale Plastizität). Dies erklärt, warum frühkindliche Entwicklungsstörungen nachhaltig negativ wirken und andererseits frühkindliche Entwicklungsanregungen so effektiv und effizient sind, da die adressierten neuronalen Netze erhalten bleiben. Mit relativ geringen frühkindlichen „Anregungsinvestitionen“ kann viel mehr erreicht werden als zu einem späteren (zu späten) Zeitpunkt.
Folgen Über 50.000 Kinder und Jugendliche erreichen in Deutschland jährlich keinen Hauptschulabschluss, ganz überwiegend kommen sie aus Familien des unteren SES. Ein Großteil der betroffenen Jugendlichen kann nur mit erheblichem Aufwand durch spezielle Förderprogramme in das berufliche und gesellschaftliche Leben integriert werden. Trotz dieser Maßnahmen gelingt die gesellschaftliche Integration nur selten. Zudem haben diese Kinder und Jugendlichen meist einen schlechteren allgemeinen Gesundheitszustand. Viele Betroffene haben geringere Teilhabechancen und fühlen sich infolgedessen gesellschaftlich nicht repräsentiert. Besonders alarmierend: Jeder zweite arbeitslose Jugendliche hat entweder keinen Schulabschluss oder einen Hauptschulabschluss.
Auch wenn Schulen für diese Kinder und Jugendlichen verstärkt angemessene Bildungsangebote vorhalten müssen, kann schulische Bildung allein diese Defizite weder quantitativ noch qualitativ ausreichend kompensieren. Im Gegenteil, oftmals werden u. a. durch unzureichende personelle Ressourcen, mangelnde Qualifikationen im Umgang mit Familien des unteren SES und nicht passende curriculare Standards die Bildungsprobleme der betroffenen Kinder während ihrer Schulzeit noch verstärkt. Das führt dazu, dass die ohnehin vorhandene Bildungsschere immer weiter auseinanderklafft.
Lösungsansatz Folgende Lösungsansätze schlägt eine Arbeitsgemeinschaft von Experten aus Wissenschaft, Pädiatrie, sozialen Hilfesystemen sowie dem Journalismus konkret vor:
Aufsuchende Betreuung der hier in den Blick genommenen Familien durch kompetente Sozialraumlotsen zur kontinuierlichen familiären Beratung, ggf. Terminbegleitung und ggf. U3-Kita-Platzbeschaffung Umsetzung des Anspruchs auf frühzeitige frühkindliche Förderung Verbesserung der Qualität frühkindlicher Förderung und Vernetzung der Angebote Quantitativer und qualitativer Ausbau der U3-Kita-Plätze Konsequentere Umsetzung der Inklusion Bedarfsgerechte Mittelerhöhung der frühen Hilfen
Einzelnachweise
Kategorie:Psychische Störung