Der Kindertransport im Spanischen Bürgerkrieg nach Dänemark war Teil der Evakuierungsmaßnahmen, durch die Kinder und Jugendliche vor den Angriffen der Franco-Truppen geschützt werden sollten. Die spanisch-republikanische Regierung unterstützte diese Vorsichtsmaßnahmen und fand dabei Unterstützung bei nationalen und internationalen Hilfsorganisationen. Während allerdings Länder wie Frankreich, Belgien, Großbritannien und auch die Sowjetunion mehrere Tausend Kinder aufnahmen, war Dänemark während des Spanischen Bürgerkriegs nur das Ziel eines einzigen Kindertransports mit etwa 120 Kindern. Aus politischen und finanziellen Gründen wurden die nach Dänemark evakuierten Kinder nach etwa einem Jahr Aufenthalt dort nach Frankreich umgesiedelt.

Der schwierige Weg nach Dänemark

Die Abläufe des Kindertransports nach Dänemark sind auf spanischer Seite kaum dokumentiert, und auf der Webseite des spanischen Staatsarchivs über die Kindertransporte wird er noch nicht einmal erwähnt. Die Historikerin Josefina Ceballos Herrero stützte sich für ihre Recherchen weitgehend auf Archivmaterial, das sich im Archiv der dänischen Arbeiterbewegung im Arbeitermuseum in Kopenhagen befindet. Die dänische Arbeiterbewegung gehörte zu den wichtigsten Unterstützern der nach Dänemark evakuierten Kinder.

Das Startdatum des Kindertransports war nach Ceballos Herrero und Dorte Ellesøe Hansen der 1. August 1937. An diesem Tag wurden Kinder per Zug aus Bilbao und Santander nach Gijón gebracht. Es handelte sich um baskische Kinder und um welche aus Kantabrien, die im Hafen von Gijón-El Musel noch auf asturische Kinder trafen. Sie alle zusammen verließen noch am Abend auf dem französischen Kohleschiff Ploubazlanec den Hafen und wurden auf dem Seeweg nach Pauillac gebracht.Josefina Ceballos Herrero: Los niños de la Guerra Civil española en Dinamarca

Das Schiff erreichte am Vormittag des 2. September Pauillac, von wo die Kinder umgehend per Zug nach Saint-Cloud in der Nähe von Paris gebracht wurden. Sie kamen in einer ehemaligen Autofabrik unter, die zum Flüchtlingslager hergerichtet worden war und bereits Tausende von Kindern und Erwachsenen beherbergte. Diese Darstellung von Ceballos Herrero ist jedoch nur zum Teil korrekt, denn nach Célia Keren befanden sich zu dem Zeitpunkt nicht Tausende von Menschen in dem Lager, sondern etwa 300 Kinder aus Bilbao, deren weitere Unterbringung noch nicht geklärt war.Célia Keren: L’évacuation et l’accueil des enfants espagnols en France An anderer Stelle spricht sie aber von 1.639 Kindern, die am 1. September 1937 „Santander mit dem Dampfer PloubazlanecZur besonderen Geschichte der Ploubazlanec siehe: SS Ploubazlanec (+1939) auf der Webseite wrecksite.eu. in Richtung Pauillac“ verlassen hätten und „alle in das Transitzentrum Val d'Or in Saint-Cloud“ gebracht worden seien. Ob der Abfahrtshafen Gijón-El Musel war, wie von Ceballos Herrero und auch von HansenDorte Ellesøe Hansen: Niños de la guerra. Spanske flygtningebørn i Danmark angegeben, oder doch Santander, ist anhand der vorhandenen Quellen nicht zu klären.

Die Kinder auf der Ploubazlanec wurden nach ihrer Ankunft vorerst Opfer eines Kompetenzgerangels zwischen dem vom französischen Gewerkschaftsbund Confédération générale du travail (CGT; Allgemeiner Gewerkschaftsbund) gegründeten Comité d'accueil aux enfants d'Espagne (CAEE; Aufnahmekomitee für spanische Kinder) und der spanischen Regierung in Valencia.Siehe hierzu auch: Der Konlikt zwischen CGT/CAEE und Spanischer Republik Deren Ministerium für öffentliche Bildung und Gesundheit hatte mit Erlass vom 10. August 1937 festgelegt, dass ab sofort eine in Paris anzusiedelnde spanischen Delegation für evakuierte Kinder die einzige zuständige Stelle für alles sei, was mit der Unterbringung, Organisation, Erziehung und Überwachung der im Ausland lebenden Gruppen spanischer Kinder zu tun hat. In diesem schwierigen Umfeld hatte die Provinzsozialbehörde von Santander schon versucht, mit den skandinavischen Botschaften in Paris über die Aufnahme von Kindern in Schweden, Dänemark und Norwegen zu verhandeln. Da sich die Kindertransporte aus Spanien nach Frankreich immer wieder verzögert hatten, zog das schwedische Hilfskomitee am 31. Juli 1937 sein Aufnahmeangebot zurück und wollte nur noch Ferienlager für spanische Kinder in Frankreich unterstützen. Davon betroffen waren als erste die am 2. September 1937 nach Saint-Cloud gebrachten Kinder.

Der neue spanische Delegierte der Zentralregierung wollte die Kinder in die UdSSR und nach Belgien schicken, scheitert aber am Widerstand des CAEE und der französischen Behörden. Ihr weiteres Schicksal ist ungewiss. Bei Keren heißt es, dass von den 1.639 Passagieren der Ploubazlanec 1.155 „offiziell nach Norwegen geschickt wurden“ – in ein Aufnahmeland, das bislang in kaum einer anderen Quelle genannt wurde.In verschiedenen Quellen finden sich Hinweise darauf, dass es auch Kindertransporte nach Norwegen gegeben habe, aber Belege dafür fehlen. Bei Aitor Yraola ist zu lesen, dass es ein Norwegischen Komitees zur Hilfe für Spanien gab, das 1937 das Projekt verfolgte, zusammen mit dem norwegische Rote Kreuz 500 spanische Kinder aus Valencia nach Norwegen zu bringen. Der Plan sei aber gescheitert, da die franquistische Regierung von Burgos diese Evakuierungspläne abgelehnt habe, da sie sie als „politische Propaganda zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung“ betrachtet habe. (Aitor Yraola: Noruega y la Guerra Civil Española, 1936-1939: Noruega en el período anterior a la Guerra Civil, in: Iberoamericana (1977–2000), 18. Jahrg., No. 3/4 (55/56) (1994), S. 85). Dass keine Kinder nach Norwegen und Schweden evakuiert wurden bestätigt auch der Beretning fra Komiteen for spanske Børns Ophold i Danmark, S. 9 ff. Das Schicksal der übrigen etwa 500 Kinder bleibt bei Keren offenDer Zeitpunkt der Abreise der Kinder nach Dänemark überschneidet sich mit den Transportdaten für den großen Kindertransport in die Sowjetunion am 23./24. September 1937, was nahelegt, dass die nicht für Dänemark bestimmten Kinder an dieser Fahrt in die UdSSR teilnahmen., und Ceballos Herrero berichtet nur über die für Dänemark ausgewählten Kinder.

Ihre Reise führte sie per Zug von Paris nach Dünkirchen und von dort auf dem Schiff AP BernstorffZur AP Bernstorff siehe: AP Bernstorff & A Steamship is launched at Helsinore Shipyard auf der Webseite von Det Danske Filminstitut. nach Esbjerg und schließlich nach Kopenhagen, wo am 22. September 1937 14 Mädchen und 56 Jungen eintrafen. Am 29. September folgten weitere 52 Kinder. Die Reise der Kinder im Alter zwischen 5 und 15 Jahren ist in dem (Stumm-)Film Spanske børn undervejs til Danmark dokumentiert.

Das Jahr in Dänemark Dänemark war Mitglied im Komitee für Nichteinmischung in die Angelegenheiten Spaniens, aber Dank des in der dänischen Arbeiterbewegung verankerten Matteotti-Komitees und weiterer Gruppierungen gab es eine große zivilgesellschaftliche Bereitschaft zur Unterstützung der vom Spanischen Bürgerkrieg bedrohten Menschen. Vor diesem Hintergrund mündete im Juli 1937 die Bitte des spanischen Geschäftsträgers um Hilfe für spanische Kinder in Dänemark umgehend in die Gründung des Komitees für den Aufenthalt spanischer Kinder in Dänemark (Komiteen for spanske Børns Ophold i Danmark). Der Justizminister stimmte der vorübergehenden Unterbringung einer kleinen Gruppe spanischer Kinder zu, und das Komitee war für die Beschaffung von Mitteln für den Unterhalt der Kinder verantwortlich.

Die Kinder, über deren freundlichen Empfang durch die dänische Bevölkerung übereinstimmend berichtet wird, kamen zunächst in einer Schule in OrdrupOrdrup ist heute Teil der Gemeinde Gentofte. In der dänischsprachigen Wikipedia existiert aber auch ein Artikel über :da:Ordrup. Die spanische Kinderkolonie wird in keinem der Artikel erwähnt. unter, wo sie eine Kinderkolonie bildeten. Bestandteil des dänischen Unterstützungskonzepts war es aber, dass, wie schon erwähnt, Privatpersonen oder Vereinigung Patenschaften für eins oder mehrere Kinder übernehmen konnten. Auf diese Weise entstanden häufig enge Beziehungen zu dänischen Familien. Dennoch gab es in der Kolonie Eingewöhnungsschwierigkeiten, die im Komitee-Bericht auf Erlebnisse zurückgeführt wurden, die die Kinder durchgemacht hatten.Beretning fra Komiteen for spanske Børns Ophold i Danmark: De Spanske Børns Ophold i Danmark og Frankrig Gravierender aber waren „Streitigkeiten in Bezug auf die Erziehung, da es nicht einfach gewesen war, spanischsprachige Dänen mit den richtigen pädagogischen Voraussetzungen zu finden“. In dieser Situation war eine Fehlentscheidung getroffen worden, die darin bestand, den aus Argentinien stammenden und mit einer Dänin verheirateten Juan Carlos Zabala mit der Leitung der Schule zu beauftragen. Weder Hansen noch das Komitee in seinem Bericht nennen diesen Namen – im Gegensatz zu Ceballos Herrero, die ihn nach den Erinnerungen ehemaliger Schülerinnen und Schüler als einen harten und grausamen Menschen beschreibt, der die Kinder oft und ohne Grund geschlagen und bestraft habe. Wie Ceballos Herrero erhebt allerdings auch Santiago Córdoba Wolf noch schwerere Vorwürfe gegen Zabala und stützt sich dabei auf die Korrespondenz zwischen Jesús Revaque Garea, dem aus dem französischen Exil nach Dänemark entsandten Nachfolger von Zabala als SchulleiterWann genau Revaque Garea die Leitung der Kolonie übernahm, ist ungewiss. Córdoba Wolf nennt den 1. September 1937, doch da befanden sich die Kinder noch in Frankreich, und in einer Biografie über Zabala heißt es, er habe am 17. Oktober die Leitung übernommen (Rubén Aguilera, Eduardo Biscayart, Luis Vinker: ZABALA, EL CAMPEÓN EXCEPCIONAL, S. 168–169), also erst einen Monat nach der Ankunft der Kinder und ihrer spanischen Betreuer, zu denen aber Revaque Garea noch nicht gehörte., und Regina Lago García de ComasZu Regina Lago García de Comas (1898–1966) siehe die Artikel in der spanischsprachigen Wikipedia (:es:Regina Lago García) und auf heroinas.net: Regina Lago García pedagoga, psicóloga y científica española., der republikanischen Beauftragten für evakuierte Kinder im Ausland.

Mit Zabala beschäftigte sich ein Gericht in Kopenhagen, erhob aber keine Anklage, der Druck der republikanischen Lehrer und des Komitees führten aber zu seiner Ausweisung aus Dänemark. In seinen Memoiren und späteren Interviews bestritt er jegliche politische Verbindungen. Er führte seine Ausreise auf sein abgelaufenes Visums zurück und stellte sich als Opfer einer politischen Verschwörung dar.Santiago Córdoba Wolf: Infancia en disputaZu den Vorwürfen gegen Zabala siehe auch: Rubén Aguilera, Eduardo Biscayart, Luis Vinker: ZABALA, EL CAMPEÓN EXCEPCIONAL, ediciones al arco, 2022, S. 168–169

Nach Córdoba Wolf war Zabala von dem dänischen Komitee bereits vor der Ankunft der Kinder und ihrer Betreuer mit der Leitung beauftragt worden. Zu den anfänglichen Betreuern, alles Spanischlehrerinnen und Spanischlehrer, gehörten Filomena Ruiz Rebollo, Cionin Ruiz Rebollo, Luis Cubel und später noch Alexandro Solana Ferrer und seine Frau. Nur noch zwei von ihnen, Alexandro Sonala Ferrer und Luis Cubel, sind auch auf einem Foto aus dem Jahr 1938 zu sehen, dazu die Spanier Jesus Revaque Garera und Juana Soler Beses sowie vier dänische Mitarbeitende.Henry Hogh: Onkel Luis Cubel Ceballos Herrero erwähnt acht Dänen, die Revaque Garera zur Seite gestanden hätten, „darunter Krag-Müller, ein erfahrener internationaler Fußballspieler, der für den Turn- und Sportunterricht zuständig war“. Bei diesem „Krag-Müller“ handelte es sich allerdings um den Psychologen und Pädagogen Carl Christian Kragh-Müller, auf dessen Fußballerkarriere es in den Biografien über ihn keine Hinweise gibt – sehr wohl aber auf seine Mitarbeit bei der Betreuung der spanischen Kinder.In der dänischsprachigen Wikipedia existiert ein Artikel über ihn: :da:C.C. Kragh-Müller; und ebenso im Dansk biografisk leksikon: C.C. Kragh-Müller