Französisch-Algerien bezeichnet den Zeitraum der französischen Kolonialherrschaft über das heutige Algerien von der Eroberung 1830 bis zur Unabhängigkeit 1962. In dieser Zeit wurde Algerien zunächst als Kolonie verwaltet, ab 1848 jedoch in das französische Staatsgebiet integriert und in Départements gegliedert. Im Unterschied zu den Protektoraten Marokko und Tunesien galt Französisch-Algerien als Siedlungskolonie (colonie de peuplement) und als integraler Bestandteil Frankreichs. Die französische Kolonialherrschaft in Algerien endete 1962 nach dem Algerienkrieg mit der Unabhängigkeit der Republik Algerien.
Geschichte Eroberung und frühe Kolonialzeit (1830–1848) mini|Französische Bombardierung Algiers (1830) Frankreichs Invasion Algeriens begann im Juni 1830 als Vergeltungsaktion gegen den lokalen Herrscher (Dey) von Algier, u. a. nach der sogenannten Fliegenwedel-Affäre von 1827. Am 5. Juli 1830 kapitulierte die Stadt Algier vor französischen Truppen und der Dey floh aus dem Land. Damit endete faktisch die über drei Jahrhunderte währende osmanische Oberhoheit in Algerien. In den Folgejahren dehnten die Franzosen die Besetzung auf weitere Küstenstädte und das Hinterland aus. Die einheimische Bevölkerung leistete von Beginn an starken Widerstand, angeführt etwa vom Emir Abd el-Kader im Westen. Die Eroberung war von extremer Gewalt geprägt: Französische Kommandeure wie Thomas Bugeaud setzten auf eine Politik der Verbrannten Erde (Zerstörung von Dörfern, Feldern und Lebensgrundlagen) und verübten Massaker wie die berüchtigten Enfumades (Erstickung ganzer Flüchtlingsgruppen in Höhlen). Französische Quellen jener Zeit rechtfertigten solche Strafexpeditionen offen, sie stießen aber auch vereinzelt in Frankreich auf Kritik. Historiker schätzen, dass während der Eroberungsphase von 1830 bis 1875 zwischen 500.000 und 1.000.000 Algerier, etwa ein Drittel der Vorkriegsbevölkerung, ums Leben kamen. Mehrere Stämme, die Widerstand leisteten, wurden nahezu völlig ausgerottet. Die meisten Toten waren Zivilisten, die infolge von Krieg, Hunger und Krankheiten starben.
Frankreich annektierte 1834 die eroberten Gebiete offiziell als Kolonie und benannte sie ab 1839 Algérie. Trotz der brutalen „Befriedung“ (pacification) flammten immer wieder Aufstände auf. Bis 1847 konnte Abd el Kaders Widerstand im Westen und Zentrum Algeriens niedergeschlagen werden, doch in der Kabylei und im Sahara-Raum dauerte die militärische Unterwerfung bis in die 1850er Jahre und teils darüber hinaus an. Im Jahr 1848 erklärte die Zweite Französische Republik Algerien offiziell zum Bestandteil Frankreichs und teilte das Land in die drei nördlichen Départements Algier, Oran und Constantine ein. Zu diesem Zeitpunkt beschränkte sich die französische Herrschaft allerdings auf die Küstenregionen und einige Städte im Binnenland. Große Teile des Landesinneren standen noch unter Militärverwaltung oder waren umkämpft. 1848 markierte auch das Ende der frühen Eroberungsphase: Die meisten größeren Städte waren unter französischer Kontrolle, und Frankreich begann, Siedler ins Land zu bringen. Bereits in den 1830er und 1840er Jahren hatten sich die ersten europäischen Siedler – Franzosen, aber auch Italiener, Spanier, Malteser u. a. – in Algerien niedergelassen. Frankreich förderte diese Kolonisation, um eine dauerhafte Präsenz zu sichern, u. a. indem ehemaligen Soldaten, verarmten Bauern und politisch Unerwünschten Land in Algerien versprochen wurde. Der Landraub durch Kolonisten erreichte enorme Ausmaße: Schätzungsweise 40 % des fruchtbaren Bodens wurden den Algeriern entzogen und europäischen Siedlern übertragen, was zu Hungersnöten unter den Algeriern führte.
Herrschaft der Siedler und Widerstand (1848–1900) mini|Schlacht um Constantine (1837) Mit der Eingliederung als Départements und dem Ende der Revolution von 1848 geriet Algerien immer mehr unter die Kontrolle der in der Minderheit befindlichen französischen Siedler (später als Pieds-noirs bezeichnet). Zunächst behielt das Militär in vielen Gebieten noch die Verwaltungshoheit. Kaiser Napoleon III. verfolgte in den 1860er Jahren zeitweise die Idee eines „royaume arabe“ (arabischen Königreichs) in Algerien, eine begrenzte Autonomie für die einheimische Bevölkerung, doch in der Praxis blieb diese Politik wirkungslos. Zugleich erlitten die Algerier in dieser Zeit schwere Not: 1867–1868 kam es zu einer großen Hungersnot, der etwa 500.000 Menschen zum Opfer fielen. Epidemien und fortgesetzte Enteignungen verschärften das Elend. Viele Stämme wurden gezwungen, ihr Land zu verlassen, ihr traditionelles Wirtschafts- und Sozialgefüge zerbrach.
In den Jahren 1870/71 fand ein Wendepunkt in der Kolonialpolitik statt. Nach dem Sturz Napoleons III. 1870 erhoben sich die französischen Siedler in Algerien gegen die koloniale Zentralverwaltung in Paris. Sie forderten mehr autonome Rechte für sich selbst und wehrten sich insbesondere gegen Napoleons Ansätze, die Lage der einheimischen Muslime zu verbessern. Der Aufstand der Siedler fiel zeitlich zusammen mit einem großen anti-französischen Aufstand der einheimischen Bevölkerung 1871 (geführt u. a. von Mohammed El Mokrani) während des Deutsch-Französischen Kriegs, der jedoch von französischem Militär blutig niedergeschlagen wurde. Die Ereignisse von 1870/71 stärkten endgültig die Macht der Siedler in Algerien: Die neue Dritte Republik ersetzte die Militärverwaltung durch eine zivile Kolonialverwaltung, in der lokale französische Siedlerpolitiker großen Einfluss hatten. Immer mehr algerische Gemeinden wurden europäischen Bürgermeistern unterstellt, während die Rolle einheimischer Eliten weiter beschnitten wurde.
Ebenfalls 1870 erließ Paris das Décret Crémieux, durch das alle jüdischen Einwohner Algeriens zu französischen Staatsbürgern erklärt wurden. Diese Bevorzugung der jüdischen Minderheit gegenüber der muslimischen Mehrheit führte um die Jahrhundertwende zu antisemitischen Protesten unter den europäischen Siedlern. Muslimische Algerier blieben weiterhin rechtlich diskriminiert. Zwar konnten sie theoretisch seit dem Sénatus-consulte von 1865 die französische Staatsbürgerschaft beantragen, faktisch mussten sie dafür aber auf ihre religiös begründeten zivilrechtlichen Gewohnheitsrechte (islamisches Recht) verzichten. Nur wenige tausend Muslime nahmen dieses Angebot in der gesamten Kolonialzeit an. Die große Masse der Algerier blieb französische Untertanen ohne Bürgerrechte. Sozial und politisch dominierten die Europäer. Die einheimischen Algerier – nach wie vor die Bevölkerungsmehrheit – waren weitgehend auf untergeordnete Rollen in Landwirtschaft, Handwerk und Diensten beschränkt, oft als Landpächter oder Lohnarbeiter auf ehemals eigenem Land.
Im Jahr 1881 führte Frankreich den berüchtigten Code de l’indigénat (Eingeborenenkodex) ein. Dieses Sonderrecht legte ein System kollektiver Bestrafungen und strikter Kontrolle für die muslimische Bevölkerung fest. Algerier konnten nun für geringste Vergehen oder allein aufgrund von Zugehörigkeit zu einer „unruhigen“ Gemeinschaft mit Geldstrafen, Haft, Zwangsarbeit oder Internierung bestraft werden. Ihre Bewegungsfreiheit wurde stark eingeschränkt, und sie durften ihren Wohnort ohne Genehmigung nicht verlassen. Der Code de l’indigénat legalisierte damit die bereits zuvor praktizierte diskriminierende Behandlung der Muslime und blieb – trotz wachsender Kritik – bis 1946 in Kraft. Parallel dazu förderte die Kolonialverwaltung weiter die Einwanderung von Europäern. 1886 wurde verfügt, dass in Algerien geborene Kinder europäischer Abstammung automatisch die französische Staatsbürgerschaft erhalten. Damit wollte man die heterogene Siedlerbevölkerung (die aus Franzosen ebenso wie aus Spaniern, Italienern usw. bestand) einheitlich an Frankreich binden.
Französische Herrschaft im frühen 20. Jahrhundert (1900–1945) mini|Mokrani-Revolte von 1871/72 mini|Kaffeehaus in Algier (1899) Um die Jahrhundertwende war die Eroberung Algeriens militärisch fast abgeschlossen, 1902 wurden die Tuareg-Föderation Kel Ahaggar bei Tamanrasset besiegt. Auch die Sahara und Oasen im Süden wurden nun vom französischen Militär kontrolliert. Algerien galt als „Musterkolonie“ und wichtigstes Auswanderungsgebiet für Franzosen außerhalb Europas. Die Kolonialverwaltung modernisierte Teile des Landes (Hafenanlagen, Städte, Infrastruktur) und etablierte eine kapitalistische Exportwirtschaft (z. B. Weizen, Wein). Allerdings profitierten davon fast ausschließlich die Europäer; die algerische Mehrheitsbevölkerung blieb politisch rechtlos und sozioökonomisch benachteiligt. So wurde z. B. die allgemeine Schulpflicht, die in Frankreich seit 1880 galt, in Algerien nie konsequent umgesetzt – 1914 besuchten nur 5 % der muslimischen Kinder eine Schule, 1954 waren es etwa 10 %. Die französische Trennung von Kirche und Staat (Laizität) wurde auf den Islam in Algerien nicht übertragen: Religiöse Stiftungen der Muslime wurden von der Kolonialregierung verwaltet, Moscheen teils enteignet oder zu Kirchen umgewandelt (z. B. wurde die Ketchaoua-Moschee in Algier 1845 zur Kathedrale gemacht). Gleichzeitig wurde den Algeriern 1912 die Wehrpflicht auferlegt, ohne dass ihnen im Gegenzug staatsbürgerliche Rechte gewährt wurden.
Frankreichs Kriege im 20. Jahrhundert bezogen damit auch Algerien ein. Im Ersten Weltkrieg dienten rund 173.000 muslimische Algerier als Soldaten oder Arbeiter für Frankreich, von denen etwa 25.000 fielen. Trotz dieser Opfer blieben Reformversprechen aus. Lediglich 1919 gab es minimale Zugeständnisse: Einigen zehntausend besonders „verdienten“ oder westlich gebildeten Muslimen wurde ein begrenztes Wahlrecht in lokalen Gremien eingeräumt. Eine breite Gleichstellung erfolgte nicht – im Gegenteil blockierte der einflussreiche „Kolonisten-Block“ (große Siedler und ihre Lobby) in Paris jede Ausweitung der indigenen Rechte konsequent.
In der Zwischenkriegszeit formierte sich eine vielfältige algerische Nationalbewegung. Angesehene muslimische Persönlichkeiten – etwa Emir Khaled (Enkel Abd el Kaders) und Ferhat Abbas – forderten in den 1920ern zunächst loyal eine gleichberechtigte Eingliederung der Algerier als französische Bürger, jedoch ohne Erfolg. Radikalere Strömungen entstanden: Messali Hadj gründete 1926 die Étoile Nord-Africaine, die erstmals offen die Unabhängigkeit propagierte. Religiöse Reformisten wie die Association des Oulémas (um Abdelhamid Ben Badis) betonten die arabisch-islamische Identität Algeriens. Trotz gelegentlicher Reformankündigungen – etwa dem Blum-Viollette-Plan 1936, der 20.000 Muslimen das Bürgerrecht geben sollte – blieb die koloniale Staatsbürgerschaftsordnung unverändert. Die Siedler in Algerien torpedierten jede „Assimilation“ der Einheimischen, teils durch Druck auf die Regierung in Paris, teils durch Wahlfälschungen und lokale Einschüchterung. So wurde der Blum-Viollette-Plan nie umgesetzt, und die französischen Behörden verboten gleichzeitig nationalistische Organisationen (die Parti du Peuple Algérien von Messali Hadj wurde 1937 nach wenigen Monaten verboten, ebenso wie kommunistische und andere unabhängige Gruppierungen).