Esther Hunziker (* 1969 in Menziken) ist eine Schweizer Künstlerin, Mediengestalterin, Verlegerin und Dozentin für digitale Medien. Sie lebt und arbeitet in Basel. Sie arbeitet medienübergreifend mit Video, Fotografie, Animation, Installationen und KI-generierten Werken.

Werdegang Esther Hunziker lernte Damenschneiderei und studierte Modedesign sowie Videokunst an der Fachklasse für audiovisuelle Gestaltung SFG der HGK Basel (heute Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW). Sie gründete ein Modelabel namens erfolg, arbeitete als Screendesignerin und experimentierte in Auseinandersetzung mit den jeweils neuen Medien. Sie ist seit 1996 freischaffend als Künstlerin, Mediengestalterin und Dozentin am Institut Kunst FHNW Basel tätig.Mélanie Honegger: Touristin auf diesem Planeten – Esther Hunziker im Kunsthaus Baselland. In: St. Galler Tagblatt. 25. Januar 2018.

Künstlerische Praxis Esther Hunziker entwickelt seit den 1990er Jahren eine intermediale Praxis, die mit Videokunst, Fotografie, Netzkunst, Animationen und später KI-generierten Systemen essayistische Montagen herstellt. Sie beschäftigt sich mit Fragen der Wahrnehmung, Identität und der Beziehung zwischen Mensch und Technologie. Früh nutzte sie analoge Videoschnitte und interaktive Netzerzählungen, um Realität und Fiktion zu dekonstruieren. Ab den 2000ern vertiefte sie in Werken wie Beckett1.suit (2006) und Frequency (2008) mit Loops und fragmentierten Erzählstrukturen, die Wahrnehmung und Identität in digitalen Räumen befragen. Beckett1.suit (2006), eine limitierte CD-ROM-Edition (23 Exemplare), enthält eine Sampling-Schriftart, die aus Samuel Becketts Warten auf Godot entnommene Wörter und Sätze pro Tastenschlag generiert – eine digitale Cut-up-Technik, die literarische Fragmente algorithmisch rekombiniert.

Seit den 2010ern überblendet sie populäre Medien mit privaten Erinnerungen, um emotionale und algorithmische Projektionen zu kontrastieren – etwa in der Mehrkanal-Installation Streamers (2018). In jüngsten Arbeiten wie der KI-generierten Audio- und Videoinstallation Foldings (2026) lassen sich Textilien zu körperlosen Spuren falten. Eine langjährige Auseinandersetzung mit Sichtbarkeit, Körperlosigkeit und posthumaner Choreografie lädt in ihren Arbeiten zur Reflexion über die Verschränkung von Mensch und Technik ein.Claudia Spinelli: Esther Hunziker: Die Starrheit der Maschine ins Wanken bringen. In: Kunstbulletin. 3/2026.

Hunzikers Kollaborationen, unter anderem mit Felix Zbinden sowie seit 2021 im Rahmen von electrfd.net, verbinden technische Innovation mit literarischer und medialer Dekonstruktion. Projekte wie Embodiments 1–176 (2023/24) ersetzen Porträtgesichter durch KI-generierte Skulpturen, um das Unkontrollierbare im Algorithmischen sichtbar zu machen. Durchgängig transformieren diese Werke das Web von einem Medium zu einem narrativen Organismus.

Das Basler Modelabel erfolg Anfang der 1990er-Jahre gründete Esther Hunziker gemeinsam mit Sandrine Voegelin das Basler Modelabel erfolg. Das Projekt ging aus Hunzikers Diplomarbeit hervor, die sich gegen die Produktion neuer Mode richtete und stattdessen klassische weisse Unterwäsche bedruckte. Das Label entstand aus einer bewussten Gegenposition zum schnellen Modetrend und setzte von Beginn an auf schlichte, langlebige Basics – Shirts und Strick aus Naturfasern, in der Schweiz produziert, mit klaren Schnitten und hoher Materialqualität. Hunziker war während der ersten Jahre am Aufbau des Labels beteiligt und schied nach rund drei Jahren aus, um sich fortan ihrer künstlerischen Tätigkeit zu widmen.

Webprojekte und Kollaborationen Seit den frühen 2000er Jahren entwickelt Esther Hunziker interaktive Webprojekte, die Nonlinearität und digitale Erzählformen erkunden, oft in Kollaboration mit Felix Zbinden. Nord (2003) schafft als HTML/JavaScript-basierte Site einen labyrinthartigen Navigationsraum, in dem Nutzer zwischen Fragmenten aus Text, Bild und Sound navigieren – ein frühes Beispiel für hypertextuelle Montage. The alphabet ltd.™ (2005) erweitert dies zu einer interaktiven Typografie, die Buchstaben als anklickbare Portale zu audiovisuellen Sequenzen öffnet und kommerzielle Online-Ästhetik parodiert. Spätere Arbeiten wie Earth (A Space Odyssey/Oddity) (2016) basieren auf Bildfehlern und digitalen Artefakten aus Google Earth. Das Material wird zu einer audiovisuellen Montage verarbeitet, die als visuelle Sequenz einer Weltraumfahrt bzw. einer kosmischen Perspektive erscheint und sich mit der Darstellung virtueller Räume und digital erzeugter Landschaften beschäftigt.

Verlag electrfd.net Esther Hunziker gründete Ende 2021 den Verlag electrfd.net («electrified books»), den ersten Verlag weltweit, der sich ausschliesslich auf nicht druckbare, multimediale Künstlerbücher im EPUB3-Format spezialisiert. Der Verlag realisiert in enger Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern innovative Experimente im digitalen Publizieren, die audiovisuelle Möglichkeiten wie Animationen, interaktive Elemente, Video und Audio ausloten, unabhängig von Tech-Plattformen wie Amazon oder Apps.

Die Bücher erscheinen als kostenlose Downloads sowie limitierte Editionen und zirkulieren frei; erste Titel umfassen unter anderem Meet thy Spirits von Birgit Kempker (interaktives eBook aus hunderten Skizzenbüchern), Vogue von Esther Hunziker selbst (39 audiovisuelle Collagen zu Modebildern und Identität), Shape Studies von Dirk Koy, Tutorial of the Monadic Age von Ingo Niermann sowie World of Solutions (mit Eduardo Navarro, Esther Hunziker und Sara Sjölin). electrfd.net entstand aus Hunzikers langjähriger Auseinandersetzung mit Netzkunst seit 2000 und Frustration über eingeschränkte Online-Formate wie Autoplay-Restriktionen; der Verlag wurde 2023 auf der BuchBasel und der I Never Read (ArtBasel-Messe) vorgestellt.

Preise und Auszeichnungen 1996: Kunstkredit Basel-Stadt, Werkbeitrag 1997: Pro Helvetia, Atelierstipendium Bratislava 1999: iaab Atelierstipendium Helsinki 2004: Viper Swiss Award; Literatur.digital 1. Preis; Kunstkredit Basel-Stadt 2005: iaab Atelierstipendium Edinburgh 2011: iaab Atelierstipendium Berlin 2016: Basler Medienkunstpreis 2018: Aargauer Kuratorium Werkbeitrag 2024: Pax Art Award Established Price; Basler Medienkunstpreis

Ausstellungen Einzelausstellungen 1996: Esther Hunziker, CCCentrum Bratislava 2011: Online 3, Projektraum Enter, Kunstmuseum Thun 2013: LOOP – On Real-Time Webcam Images, Collective View (online) 2018: Hi There, Kunsthaus Baselland, Muttenz/Basel.Esther Hunziker – Hi There. In: Kunstbulletin. 3/2018 (PDF; 1,6 MB). 2020: Hard Body Soft Core IRL, The Body Archive, Zürich 2025: Swiss Media Art – Pax Art Awards 2024, HEK Basel 2026: Afterglow, Zimmermannhaus, Brugg

Gruppenausstellungen 1998: Eidgenössischer Wettbewerb für freie Kunst, Messe Basel 2004: Kunstkredit Basel, Kunsthaus Baselland 2006: Auswahl 05, Aargauer Kunsthaus Aarau 2006: FILE – Electronic Language International Festival, São Paulo 2008: Shift – Electronic Arts Festival, Basel 2011: connect – Kunst zwischen Medien und Wirklichkeit, Shedhalle Zürich 2011: Together in Electric Dreams. Absent Presence, Beton7, Athen 2011: Regionale 12, Kunstverein Freiburg 2013: Being Specific!, Regionale 14, Kunsthaus Baselland 2014: Rausch – Festival für digitale Kunst, Europäische Kunstakademie Trier 2015: Short Cuts, CentrePasquArt, Biel 2016: Digitale Abstraktionen, HEK Basel 2016: The Future of Visions. Don’t Expect Anything, EMAF – European Media Art Festival, Kunsthalle Osnabrück 2017: Demo Day, Kunstraum LLC, New York 2018: КАСИ КЛИМПЕЛЬ и ЭСТЕР ХУНЦИКЕР, Gallery Futuro, Nizhny Novgorod 2018: Auswahl 18, Aargauer Kunsthaus Aarau 2019: Free Panorama, Shenzhen New Media Art Festival, Shenzhen 2020: Real Feelings: Emotion and Technology, HEK Basel 2022: Inside, Media Facade, Novartis Pavillon Basel 2023: Unscharfe Realitäten, HEK Basel 2023: Glitch, Pinakothek der Moderne, München 2023: Unscharfe Realitäten, HEK Basel 2024: Unleashed, Tinguely Museum Basel 2025: Timeline Shift / Re:humanism Art Prize, Fondazione Pastificio Cerere, Rom 2025: PSYCHOPOMP!, Roger Ballen Centre for Photography, Johannesburg 2026: ONE ONE, Ausstellungsraum Klingental, Basel (mit Martina Böttiger, Rosanna Monteleone, Marion Ritzmann) 2026: Uncanny Garden, SALTS, Birsfelden

Videografie 1994: COPY 1995: Wild Beating Of An Innocent Heart 1996: Frames 1997: LW 2006: Beckett1.suit (CD-ROM) 2008: Frequency 2010: Chongqing 2012: EHB 5866 2016: Earth 2017: Reverb (Videoinstallation) 2018: Streamers (Videoinstallation) 2020: Projection (Videoinstallation) 2022: Inside 2023/24: VOGUE 2025/26: Screen Tests 2026: Foldings (Audio- und Videoinstallation)

Sammlungen Schweizerische Post Kunstsammlung FRAC Alsace HEK (Haus der Elektronischen Künste), Basel Sammlung Ricola Kunstkredit Basel-Landschaft dotMOV.bl DA Collection Rhizome ArtBase Museum für Kommunikation, Bern

Publikationen 2007: Hyperfictions / Internetliteratur, GRIN Verlag 2011: connect – Kunst zwischen Medien und Wirklichkeit, Shedhalle Zürich 2020: Real Feelings. Emotion and Technology, HEK Basel

Publikationen des Verlags 2006: Beckett1.suit, CD-ROM 2010: DUMP, Artist Book 2018: Hi There, Mark Pezinger Books 2022: Meet thy Spirits, electrfd.net 2023: VOGUE, electrfd.net 2022: Meet thy Spirits, Christoph Merian Verlag. 2023: VOGUE (eBook).

Weblinks Website von Esther Hunziker HEK-Sammlung Verlag Text zum Medienkunstpreis 2019, Kanton Basel-Stadt (PDF; 55 kB)

Einzelnachweise

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