mini|Infotafel auf dem Auerberg mit Bezeichnung „Damasia“ für die dortige römische SiedlungDer Satz auf der Infotafel »Seine [Strabons] Kennzeichnung dieses Ortes im Gebiet der Likatier, der Lechanwohner, „gleich einer Akropolis, einer Burg, aufragend“ lässt sich sinnvoll nur auf den Auerberg beziehen« ist (neben der ungenauen Übersetzung des Strabon-Zitats) wie hier im Artikel dargelegt unbelegt und als spekulativ (wenn nicht sogar als falsch) anzusehen. Damasia () ist ein von dem antiken griechischen Geschichtsschreiber und Geographen Strabon verwendeter Name für einen Ort in der römischen Provinz Raetia. Der Name findet sich in keiner weiteren antiken Quelle. Der Ort ist trotz zahlreicher Theorien bis heute nicht lokalisiert. In Folge solcher Theorien findet sich der Name in Sagensammlungen um Dießen am Ammersee und er wird im Umkreis von Bernbeuren für kulturelle und touristische Objekte und auch direkt als Bezeichnung der römischen Ansiedlung auf dem Auerberg verwendet.
Nennung in Strabons Geographika Strabon beschreibt in seinen Geographika in einem knappen (nur neun Sätze langen) Abschnitt die Völker der Provinz Raetia und erwähnt Damasia hierin als „gleichsam“ eine „Höhenburg“ (im griechischen Original „Akropolis“), die zum Stamm der Likatier gehöre: „καὶ οἱ Ἐστίωνες δὲ τῶν Οὐινδολικῶν εἰσι καὶ Βριγάντιοι· καὶ πόλεις αὐτῶν Βριγάντιον καὶ Καμβοδοῦνον καὶ ἡ τῶν Λικαττίων ὥσπερ ἀκρόπολις Δαμασία.“ „Auch die Estionen und Brigantier gehören zu den Vindolikern (= Vindeliker); ihre Städte sind Brigantium, Cambodunum und Damasia, das gleichsam die Burg der Licattier bildet.“Strabon, Geographika 4,6,8 (p. 206). Deutsche Übersetzung: Stefan Radt (Hrsg.): Strabons Geographika. Band 1: Prolegomena. Buch I–IV: Text und Übersetzung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-25950-6, Seite 543.
Dies ist das einzige Vorkommen des Namens „Damasia“ in Strabons Werk (und auch in antiken Quellen überhaupt).Karlheinz Dietz: Zur vorrömischen Bevölkerung nach den Schriftquellen. In: Claus-Michael Hüssen, Walter Irlinger, Werner Zanier (Hrsg.): Spätlatènezeit und frühe römische Kaiserzeit zwischen Alpenrand und Donau. Akten des Kolloquiums in Ingolstadt am 11. und 12. Oktober 2001 (= Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte. Band 8). Rudolf Habelt, Bonn 2004, ISBN 3-7749-3297-2, Seiten 1–23, hier Seite 12. Dabei ist zu einzelnen Wortbedeutungen im griechischen Originaltext anzumerken: ἀκρόπολις akrópolis (hier mit „Burg“ übersetzt) bedeutet „Oberstadt, Burg, der höher gelegene, befestigte Teil der Stadt“.Wilhelm Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Band 1. 3. Auflage. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1914, Seite 84. ὥσπερ (hier mit „gleichsam“ übersetzt) kann darauf hinweisen, dass das folgende Wort (ἀκρόπολις, hier „Burg“) metaphorisch gemeint ist.Liddell-Scott, Ausgabe 1996, Seite 2040: „ὥσπερ: … II. to limit or modify an assertion or apologize for a metaphor, as it were, so to speak, …“Damit wird beispielsweise gegen den Auerberg argumentiert in: Friedrich Ohlenschlager, Römische Ueberreste in Bayern, Heft 3, München 1910, Seite 198: „Gegen den Auerberg spricht der Wortlaut Strabos ὥσπερ ἀκρόπολις g l e i c h s a m eine Hochstadt, da der Auerberg nicht gleichsam, sondern wirklich eine Hochstadt oder Hochburg ist, das vergleichende ὥσπερ daher für den Auerberg unangebracht erscheint …“ Franz Ludwig Baumann etwa folgerte daraus, dass es sich bei Damasía nicht zwingend um eine vollwertige Stadt wie Brigantium und Cambodunum gehandelt haben muss, sondern Damasía auch eine „Quasi-Akropolis“, also „Quasi-Oberstadt“ gewesen sein könnte: „Diese Redeweise ist entschieden nicht zufällig; Strabo weiß vielmehr, daß Damasia nicht wie Cambodunum und Brigantium eine wirkliche Stadt, sondern nur eine Quasi-Hochburg sei, d. h. er bezeichnet Damasia damit, wie ich meine, deutlich als eine dieser nur im Falle der Not bewohnten und besetzten keltischen Bergvesten.“Franz Ludwig Baumann: Geschichte des Allgäus. Erster Band, Kempten 1883, Seite 28.
Strabon arbeitete an den Geographika wohl bis 23 n. Chr. (dem letzten von ihm beschriebenen datierbaren Ereignis, dem Tod von Juba II.). Es wird jedoch angenommen, dass er weite Teile seiner Textpassagen weit vorher verfasst hatte und nachträgliche Korrekturen nicht für jedes Detail eingearbeitet hatte.Stefan Radt: Prolegomena. In: Stefan Radt (Hrsg.): Strabons Geographika. Band 1: Prolegomena. Buch I–IV: Text und Übersetzung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-25950-6, Seite XV. So ist beispielsweise aus der Gründung des römischen Augsburgs (Augusta Vindelicum) vor diesem Datum nicht abzuleiten, dass er den Namen „Damasia“ in jedem Fall korrigiert hätte, wenn Damasia tatsächlich am Ort von Augsburg gelegen hätte (und wenn die römische Gründung dann auch tatsächlich sofort neubenannt wäre), oder dass er die 12/13 n. Chr. erfolgte Gründung der Römersiedlung auf dem Auerberg hätte vermerken müssen. Hinzu kommt, dass Strabon keine wissenschaftlich präzise geographische Beschreibung des Alpenraumes und des Römischen Reiches insgesamt schaffen wollte, sondern sein Werk stark von der Propaganda des Kaisers Augustus und Gemeinplätzen (Topoi) der griechischen Gelehrtenwelt geprägt war.Karlheinz Dietz: Zur vorrömischen Bevölkerung nach den Schriftquellen. In: Claus-Michael Hüssen, Walter Irlinger, Werner Zanier (Hrsg.): Spätlatènezeit und frühe römische Kaiserzeit zwischen Alpenrand und Donau. Akten des Kolloquiums in Ingolstadt am 11. und 12. Oktober 2001 (= Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte. Band 8). Rudolf Habelt, Bonn 2004, ISBN 3-7749-3297-2, Seiten 1–23, hier Seiten 1–4
Lokalisierungsversuche Die Likatier werden häufig mit den damaligen Bewohnern des Lechgebietes identifiziert, da der (allerdings so erst bei Claudius Ptolemäus um 150 n. Chr. nachweisbareClaudius Ptolemäus, Geographike Hyphegesis 2,12,1 und 2,12,4.) Flussname als der griechische Name des Lechs gilt. Allerdings lässt sich durch historische oder archäologische Quellen das likatische Siedlungsgebiet nicht sicher bestimmen, zumal es in der Zeit um Christi Geburt immer wieder zu kleinen „Völkerwanderungen“ und Umsiedlungen kam, die sich aber nicht in der schriftlichen Überlieferung niedergeschlagen haben.C. Sebastian Sommer: Hat der Auerberg sein Geheimnis gelüftet? Überlegungen zur Funktion des Auerbergs in (der Provinz) Raetien. In: Günter Ulbert: Der Auerberg IV. Die Kleinfunde mit Ausnahme der Gefäßkeramik sowie die Grabungen von 2001 und 2008 (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte. Band 63). C. H. Beck, München 2015, ISBN 978-3-406-10764-1, Seiten 487–526, hier Seite 504.
Verortungen wurden für solche Orte im Lechgebiet postuliert, die eine Burg oder befestigte Ortsanlage in Höhenlage aufweisen („Akropolis“), oder auch Höhenkantenlagen am Lech (unter der Annahme, dass „Akropolis“ bei Strabon einfach bedeuten könne, dass der Siedlungsort nicht direkt am Fluss, sondern erhöht liegt).
Mit Stand 2022 drängt sich für keine keltische Fundstelle aus Strabons Zeit eine solche Deutung als „Akropolis“ auf. Somit können alle Lokalisierungsversuche als spekulativ angesehen werden.
Dießen am Ammersee Seit dem 16. JahrhundertBeispiel: Willibald Pirckheimer: Germaniae ex variis scriptoribus perbrevis explicatio, Band 9, Nürnberg 1530, fol. A 4r, online in der Google-Buchsuche bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde Damasia als Dießen am Ammersee verortet und auch als dessen lateinischer Ortsname verwendet,Beispiele: Johannes Aventinus: Io. Aventini Annalivm Boiorvm Libri VII, 1580, Seite 459, online in der Google-Buchsuche;Johann Heinrich von Falckenstein: Vollständige alte, mittlere und neue Historie des ersten und ehemals in Teutschland größten Herzogthums und respective Königreichs Bayern, Zewyter Theil, Augsburg 1763, Seite 205, online in der Google-Buchsuche möglicherweise „einem schwachhallenden Gleichklang“ der Namen zuliebe.Hugo Arnold: Der Auerberg im Allgäu. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg. Neunter Jahrgang, Augsburg 1882, Seite 339, online in der Google-Buchsuche Dies führte zu entsprechenden Erwähnungen in den Chroniken der Dießener Augustiner-Chorherren, deren Stiftsgebäude auf einer nach Osten abfallenden Anhöhe oberhalb des Marktes Dießen liegt. Diese Verortung wurde noch im 19. Jahrhundert diskutiert, aber bereits am Ende des 18. Jahrhunderts angezweifeltLorenz Westenrieder (Hrsg.): Beyträge zur vaterländischen Historie, Geographie, Staatistik, und Landwirthschaft, samt einer Uebersicht der Schönen Litteratur. München 1792, Seite 36, online in der Google-Buchsuche und letztendlich am Beginn des 20. Jahrhunderts als nicht haltbar angesehen.Josef Anton Hugo: Chronik des Marktes und der Pfarrei Diessen, Dießen am Ammersee 1901, Seite 9, Fundstelle in der Google-Buchsuche
Hohenems Mitte des 19. Jahrhunderts vermuteten einige Autoren Hohenems als Ort von Damasia, wobei die Likatier am Oberlauf des Lechs in Vorarlberg verortet wurden.Johann Gottfried Gruber (Hrsg.): Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste, Erste Section A–G, 22. Theil, Leipzig 1832, Seite 112, online in der Google-Buchsuche Diese Verortung findet sich beispielsweise in der Strabon-Übersetzung von Albert Forbiger von 1856 in einer Fußnote zu Damasia.Albert Forbiger: Strabo’s Erdbeschreibung übersetzt und durch Anmerkungen erläutert. Zweites Bändchen: Buch 3.–5. Stuttgart 1857, Seite 119, online in Google-Buchsuche
Augsburg Augsburg (Augusta Vindelicum) als Verortung von Damasia wurde schon 1619 postuliert,Joseph Ernst von Koch-Sternfeld: Das Christenthum und seine Ausbreitung, Regensburg 1855, Seite 110, online in der Google-Buchsuche im 19. Jahrhundert wiederholt als Verortung von Damasia genanntBeispielsweise: In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande, 1857, Seite 176, online auf Google Books; Franz Streber: Über die sogenannten Regenbogen-Schüsselchen Königlich Bayerische Akademie der Wissenschaften, München 1860, Seite 65, online auf Google Books. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Stand der Forschung angesehen.Albert Hausenstein: Frühgeschichtliches vom Ammersee. In: Deutsche Alpenzeitung, 20. Jahrgang 1925, Nr. 12, Seiten 561–565, hier Seite 563 Augsburg liegt teilweise über 30 Meter über dem Lechwasserspiegel, sodass es als Höhenburg im Sinne Strabons gelten könne, im Vergleich mit der 49 Meter über die nähere Umgebung heraufragenden Akropolis von Athen.Friedrich Ohlenschlager, Römische Ueberreste in Bayern, Heft 3, München 1910, Seite 199
Gegen Augsburg wird eingewendet, dass man ähnlich wie bei Brigantium/Bregenz oder Cambodunum/Kempten eine Fortführung des bei Strabon genannten Namens Damasia hätte erwarten können.Hugo Arnold: Der Auerberg im Allgäu. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg. Neunter Jahrgang, Augsburg 1882, Seite 348 Ein Gegeneinwand dazu ist die Vermutung, dass die Erhebung des Ortes zur „colonia“ eine Neubenennung veranlasst haben könnte. Ergänzend wurde angeführt, dass die Siedlung Damasia nicht genau auf dem Areal des späteren Augsburg gelegen haben könnte und die Verschiebung des Siedlungsareals für die Verdrängung des alten Ortsnamens gesorgt haben könnte.
Auerberg mini|Befestigungsanlagen auf dem Auerberg, nach Franz Ludwig Baumann 1883Franz Ludwig Baumann, Geschichte des Allgäus. Erster Band. Kempten 1883, Seite 27/28 und davor eingeordnete Kartenzeichnung, online in der Google-Buchsuche