Ablass ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Polizeiruf 110. Der vom Bayerischen Rundfunk produzierte Beitrag ist die 425. Polizeiruf 110-Episode und wurde am 15. März 2026 im Ersten ausgestrahlt. Die Münchner Kommissarin Cris Blohm ermittelt in ihrem fünften Fall. Ihr filmischer Widerpart in der Rolle eines Anwalts ist Gaststar Tobias Moretti.Tobias Moretti mehr als nur ein Gaststar (15. März 2026)
Handlung Im Sandfang einer Münchner Isarwehranlage wird, in einer Tasche verstaut, die Leiche einer jungen Frau angeschwemmt. Als Todesursache stellt man Erwürgen fest, findet Spuren, die auf eine Vergewaltigung deuten, und identifiziert die Tote als Opfer eines zwei Jahre zuvor eigentlich geklärten Falls. Léon Kamara, Asylbewerber aus Burkina Faso, war geständig, er habe aus Angst vor einer Abschiebung die an einer Überdosis Drogen in seiner Wohnung Verstorbene zerstückelt und im Müll entsorgt. Der Grund für seine damalige Falschaussage leuchtet den Ermittlern ein: die zu erwartende drastische Strafminderung. Warum er sich aber ohne Not freiwillig gestellt und warum ihm sein Anwalt angesichts fehlender Beweise nicht zum Widerruf geraten hatte, erschließt sich ihnen nicht. Sie befragen den zu fünf Jahren Haft Verurteilten persönlich, konfrontieren ihn mit der veränderten Beweislage, sichern ihm zu, nach deutschem Recht könne er in der gleichen Strafsache kein zweites Mal belangt werden – vergebens.
Indes wartet bereits der nächste Fall auf Blohm und Eden: Unfallflucht mit Todesfolge für den verletzten Radfahrer. Das fällt eigentlich nicht in ihr Ressort, die fehlende Bremsspur jedoch könnte auf eine vorsätzliche Tat deuten. Das Tatfahrzeug, ein als gestohlen gemeldeter Porsche-Oldtimer, wird rasch gefunden und eindeutig identifiziert. Danach befragt, warum die Anzeige erst nach dem Unfall erfolgte, erklärt die Eigentümerin, eine deutsche Diplomatin aus dem Nobelviertel Bogenhausen, sie habe das Fehlen des Wagens nicht bemerkt, da sie ihn nur noch selten nutze, wie auch ihr Mann und ihre volljährige Tochter. Im Porsche findet man Einbruchspuren und die Fingerabdrücke einer unbekannten vierten Person. Diese gehören laut Strafregister Victor Reisinger, arbeitsloser Familienvater, mehrfach vorbestraft, zuletzt wegen Autodiebstahls. Er lässt sich umstandslos festnehmen und gesteht, den Unfall verursacht zu haben, stark alkoholisiert, doch ohne Vorsatz. Für die Staatsanwältin ist der Fall damit gelöst. Auch Eden will ihn nicht weiter verfolgen.
Blohm hat noch Zweifel. Bestärkt werden sie durch den Mitschnitt einer Überwachungskamera, der, wenngleich verschwommen, zur Tatzeit eine Person am Steuer des Porsche zeigt, die der Diplomatentochter Kim Assauer mehr ähnelt als Reisinger. Beide beharren auf ihren Aussagen, doch es bleiben Ungereimtheiten. In Blohm reift allmählich der Verdacht, dass sie im Begriff sind, eine Art modernen Ablasshandel aufzudecken, der es straffällig gewordenen Reichen ermöglicht, ungeschoren davonzukommen, weil sie genügend Geld haben, um Arme dafür zu bezahlen, dass diese für sie den Kopf hinhalten. Blohm vermutet weiter, dass es, um einen solchen „Deal“ geräuschlos abzuwickeln, eines Vermittlers bedarf, der über ein Netzwerk verfügt, wie es eigentlich nur ein Anwalt haben kann. Das führt sie zu August Schellenberg, der die Assauers ebenso vertritt wie Reisinger: Er passt genau ins Profil des gesuchten Mittelsmanns, gilt er doch sowohl als „Geheimtipp der Schickeria“ wie auch als „Anwalt der Armen“.
Bei ihrer Recherche in Schellenbergs Mandantenliste springt Blohm ein weiterer Name ins Auge: Léon Kamara. Mit einem Mal kommt auch Licht in diesen Fall. Die Prüfung der einstigen Hauptverdächtigen rückt auf Anhieb einen der Schwerreichen in den Fokus: Marvin Dillmann, im zwischenmenschlichen Umgang von ihm nahestehenden Zeugen übereinstimmend als hoch manipulativ und gefährlich beschrieben. Blohm erlebt ihn, ähnlich wie die Diplomatin und den Anwalt, als freundlich im Ton und aalglatt in der Sache. Schellenberg selbst weicht auch einem Disput mit ihr nicht aus und rechtfertigt die „Deals“, die sie ihm unterstellt und die er natürlich nur hypothetisch eingesteht, als gewinnbringend für alle Seiten. Ein Aspekt, den er dabei unterschlägt, sind deren unkalkulierbare „Kollateralschäden“. Dazu kommt es hier in beiden Fällen. Sowohl Reisinger als auch Kamara werden in Folge von Selbstjustiz schwer verletzt: Reisinger durch die Frau des verunfallten Radfahrers, Kamara durch Mithäftlinge, die dem Gerücht, er sei ein Vergewaltiger und Mörder „deutscher Frauen“, blind glauben.
Bis zum offenen Ende ist Blohm unermüdlich unterwegs, inzwischen mehr werbend als ermittelnd. Wofür sie wirbt, ist Gerechtigkeit. Bei Kim Assauer dringt sie ein Stück weit durch, bei Kamara beißt sie auf Granit. Wäre das Leben gerecht, hält er ihr vor, befände sich seine Familie nicht „in Armut und Dreck“. Eden rät ihr zu Geduld: Einmal würden auch ein Dillmann und ein Schellenberg einen Fehler machen. mini|Ablasshändler. Faschingskostüm 16. Jhd. mini|Ablasshandel. Holzschnitt 16. Jhd. Titel und Thematik Matthias Dell polemisiert gegen das offene Ende des Films. Er empfindet es als „resignativ“ und vermisst im ARD-Sonntagabendkrimi zum wiederholten Mal „Sinnproduktion, ohne dass ersichtlich wäre, warum“. Rüdiger Suchsland widerspricht ihm vehement, bezeichnet Dells Erwartung, der Film möge die bestehenden Verhältnisse „zumindest für die 90 Minuten seiner Spielzeit ändern“, als „vulgärmarxistisches“ Wunschdenken und lobt Ablass dafür, „dass er die Moralisierung, die dem Fernsehkriminalfilm innewohnt, immer wieder bricht, und immer wieder zeigt, dass man alles, auch noch den größten Wert, von mindestens zwei Seiten aus betrachten kann“.
Dells Kritik ist auch in anderer Hinsicht angreifbar. In seiner Wahrnehmung haben Publikum und Polizei zum Schluss den gleichen Wissensstand. Das stimmt nicht ganz. Der Zuschauer weiß mehr; ihm werden über die beiden falschen und einen der beiden wahren Täter einige Einblicke gewährt, die die Ermittler nicht haben. Diese reichen aus, um die allgemeine Erwartung an das Genre – Kriminalfälle einer Lösung zuzuführen – auch in diesem Polizeiruf zu befriedigen. Aus Sicht des Zuschauers hat er kein offenes Ende.
Das ist auch wichtig für die Frage nach dem Hauptaugenmerk des Films. Da er gleich zwei Fälle untersucht mit jeweils einer falschen und einer richtigen Fährte, tut er gut daran, die Tätersuche nicht über Gebühr zu strapazieren, wenn noch Raum bleiben soll für die Entfaltung einer Thematik. Das gelingt dem Polizeiruf und kulminiert im ersten Vier-Augen-Gespräch zwischen der Kommissarin und dem Anwalt. Darin fällt auch das titelgebende Wort, indem Blohm explizit von einem „perversen Ablasshandel“ spricht. Die begriffliche Anlehnung an die spätmittelalterliche Praxis der katholischen Kirche, reuigen Gläubigen Sündenstrafen gegen Zahlung zu erlassen, ist schlüssig. Denn auch in seiner neuzeitlichen säkularisierten Gestalt kommt es zu einem – nunmehr verdeckten, weil strafbaren – Handel, neudeutsch „Deal“, der die Bewältigung von Schuld kommerzialisiert. Dagegen zieht Blohm, wie einst Luther, zu Felde.
Zuvor geht es ihr, mit Blick auf den Fall „Assauer/Reisinger“, noch etwas allgemein um die Bewahrung moralischer Grundwerte wie Wahrheit und Gerechtigkeit. Schellenberg entgegnet, Gerechtigkeit sei ein Konstrukt, kein Naturgesetz, und gibt seine Lesart des ihm unterstellten „Deals“ zum Besten: „Ein Unschuldiger gesteht freiwillig und bekommt dafür etwas, was ihm wichtiger ist als ein paar Jahre seiner Freiheit. Die Opfer hätten ihren Schuldigen und dem Gerechtigkeitsgefühl der Gesellschaft wäre auch Genüge getan. Alle haben, was sie wollen. Wen juckt da noch die objektive Wahrheit?“ Das sei Strafvereitelung, hält Blohm dagegen, diskriminiere die ohnehin schon Benachteiligten, denen es an Geld und Kontakten fehle, und berge erhebliche Risiken für die juristisch Verurteilten, Opfer von „Kollateralschäden“ zu werden, wie aktuell Reisinger, der nach der Attacke durch die Frau des tödlich verunglückten Radfahrers wohl im Rollstuhl lande. Schellenberg nimmt die Steilvorlage dankbar auf und kontert: „Und in so einer Situation würden Sie die arme Familie auch noch um ihr Geld bringen!?“
Endet das erste Vier-Augen-Gespräch der beiden mit einem Patt, kommt der Anwalt im zweiten gar nicht erst zum Zug. Die Entschlossenheit, mit der Blohm ihn diesmal frontal angreift, ist die Folge ihres Zweitbesuchs bei dem anderen de facto Unschuldigen, Kamara. Die Vehemenz, mit der er sich dagegen wehrt, freizukommen, hat ihr eine Vorstellung von der Höhe der Bestechungssumme verschafft, die man ihm geboten hat und die ihn für die Zeit seiner Haft zum gefeierten Wohltäter nicht nur seiner Familie, sondern seines ganzen Heimatdorfes macht. Das ist aber nicht der Grund, warum sie Schellenberg regelrecht überfällt. Ihr geht es darum, ihm drastisch vor Augen zu führen, dass der Fall „Dillmann/Kamara“ eine ganz andere Tragweite hat als die Causa „Assauer/Reisinger“, denn bei Dillmann handle es sich um einen gemeingefährlichen Mörder und Vergewaltiger, vor dem die Gesellschaft geschützt werden müsse.
Summa summarum: Der „leichtfüßig“ inszenierte Polizeiruf verhandelt „eindringlich und klug und ohne jede pädagogische Attitüde höchst relevante gesellschaftspolitische Themen“: allgemein „die stetig wachsende Schere zwischen Arm und Reich“, konkret einen neuzeitlichen verdeckten „Ablasshandel“, bei dem sich Reiche, unter Ausnutzung der Notlage von Armen, über einen Mittelsmann von Freiheitsstrafen freikaufen. Das „raffinierte“ Drehbuch von Autor und Regisseur Christian Bach erkundet dabei ein beachtliches Spektrum an Möglichkeiten: einen aktuellen Fall und einen „Cold case“, der wieder „heiß“ wird; eine Täterin, bei der „Gnade vor Recht“ moralisch vertretbar scheint, einen mutmaßlichen Täter, bei dem dies geradezu kriminell wäre, sowie zwei „Kollateralschäden“ als doppelte Warnung an mögliche Nachahmer von Reisinger und Kamara.
Hintergrund Der Film wurde vom 11. März 2025 bis zum 9. April 2025 in München gedreht.
Rezeption Kritiken
Einschaltquoten Die Erstausstrahlung von Ablass am 15. März 2026 wurde in Deutschland von 7,39 Millionen Zuschauern gesehen und erreichte einen Marktanteil von 28,4 % für Das Erste.
Weblinks
Polizeiruf 110: Ablass bei Tatort-Fans.de Pressedossier des Bayerischen Rundfunks
Einzelnachweise
Ablass Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Filmtitel 2026