mini|Isaac B. Singer (ca. 1980) Die Gefilde des Himmels. Eine Geschichte vom Baalschem Tow (Originaltitel: Reaches of Heaven. A Story of the Baal Shem Tov) ist der Titel eines 1980 publizierten Romans von Isaac B. Singer. Darin erzählt der Autor seine Version der Lebensgeschichte des Rabbi Israel ben Elieser, der als legendärer Begründer der chassidischen Bewegung im Judentum gilt. Singer schreibt in seinem Vorwort, es handele sich in seinem „kurze[n] Buch […] um nichts anderes als die Impressionen oder Phantasiebilder des Autors von Rabbi Israels Art zu denken, seinen Gefühlen, seinen spirituellen Triumphen und Enttäuschungen“.Isaak B. Singer: Die Gefilde des Himmels. Eine Geschichte vom Baalschem Tow. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1984, S. 5. Die deutsche Übersetzung von Hannelore Neves erschien 1982.
Inhalt
Kindheit Aufgewachsen als Waisenkind, lernt Israel ben Elieser in Okop an der Grenze von Wolhynien in der jüdischen Grundschule (Cheder) hebräisch lesen und schreiben und hört von alten Frauen und Männern die Geschichten von wundertätigen Kabbalisten und Legenden, in denen Dämonen – Satan, Lilit, die Heiden u. a. – gegen die guten Mächte – z. B. Gott, die Engel und gläubige Juden – kämpfen und die Menschen zu verführen suchen (Kap. 1). Er beginnt heimlich, kabbalistische Schriften und den Talmud zu lesen, obwohl dies erst erwachsenen Männern erlaubt ist (Kap. 2). Er fühlt die Natur bis in die kleinsten Dinge als göttlich belebt und erklärt sich den Widerspruch zwischen der ewigen Vollkommenheit Gottes und der Macht des Teufels nach der Vorstellung der Kabbala, nach der das Licht, der reinste Geist, in den höchsten Sphären, in der kein Zweifel oder Irrtum aufkommen kann, stufenweise herab zum Schatten der Materie wird: Auf der niedrigsten Ebene, der Welt, ist der Teufel fast so mächtig wie Gott, der jedoch den Menschen die Gabe des freien Willens, „der Freiheit, zwischen Gut und Böse zu wählen“, geschenkt hat. Hinter allem sei die Vielfalt Gottes verborgen: „Dummheit ist nur verkrüppelte Weisheit“. Israel glaubt, wenn er Gutes tut und nach den Geboten lebt, kann er die „gesamte Schöpfungskette“ stärken, tut er dies nicht, „gefährdet er Gottes göttlichen Plan.“Isaak B. Singer: Die Gefildes des Himmels. Eine Geschichte vom Baalschem Tow. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1984, S. 16, 17, 18.
Tora- und Talmudstudium Die Begabung und der Fleiß des Jungen werden von den Lehrern erkannt und Israel kann als Jüngling ein von der jüdischen Gemeinde finanziertes Tora- und Talmudstudium (Jeschiwa). In einen Gewissenskonflikt gerät er, als er sich in Ittele, die 15-jährige Tochter des verarmten ehemaligen Gastwirts Reb Schlomo Tereschpoler verliebt und sexuelle Phantasien hat, die er als von einem bösen Geist gesandt befürchtet und für einen Jeschiwa-Studenten als unzüchtig empfindet (Kap. 3). Als er von Heiratsvermittlern das mit einer Mitgift von 600 Gulden und Geschenken verbundene Angebot eines der wohlhabenden Gemeindeältesten, die seine Ausbildung finanzieren, erhält, sich mit seiner Tochter zu verloben, weiß er, dass er dies nicht ablehnen kann und dass dies offenbar vorbestimmt ist. Trotzdem bittet er Gott um die Verlobung mit Ittele und sieht es als gutes Zeichen an, als ihn der Landjude Haskell aus dem Dorf Grabica als Lehrer für seine Söhne einstellt. So kann er zum ersten Mal in seinem Leben sich selbst unterhalten und dem Druck der Gemeindeältesten ausweichen.
Lehrer Im Haus des wohltätigen Haskell und seiner Frau Dwosche erhalten Kranke und wandernde Bettler ein Nachtlager und Proviant (Kap. 4). Israel kümmert sich um die Armen und hört sich ihre Erzählungen an: von den auf ihren Wegen lauernden Gefahren, Hexen, die sich in Werwölfe oder Vampire verwandeln, von den geheimen Anhängern des falschen Messias Sabbatei Zwi, von Ritualschlächtern, die unreines Fleisch in die Speisen mischen, von vom Satan beeinflusste Juden, die zum Katholizismus übergetreten sind oder sich nicht mehr an der Tora, sondern an Schriften der Aufklärung orientieren und sich wie die Christen kleiden, während andere aus Angst vor der Hölle (Gehenna) ihr Leben asketisch als Büßer verbringen. Israel beobachtet, dass viele Rabbis in ihren Kommentaren ein haarspalterisches „Spiel des Intellekts“ treiben und die Bedürfnisse der einfachen Juden vernachlässigen, und findet, „dass der wahre Dienst an Gott Freude und Erhebung bringen sollte, nicht Niedergeschlagenheit und Angst.“Isaak B. Singer: Die Gefildes des Himmels. Eine Geschichte vom Baalschem Tow. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1984, S. 33. Durch sein geduldiges Zuhören und seine Ermunterungen ist Israel bei den Menschen beliebt und er fühlt sich, durch einen Traum beeinflusst, als Führer auserwählt. Er hat jedoch Angst vor dämonischer Beeinflussung seines Traums, wie bei Sabbatei Zwi geschehen.
Heirat Nach ungefähr zwei Jahren Aufenthalt bei der Familie Haskell erhält Israel von Reb Schlomo die Nachricht, der Grundherr habe ihm wieder den Gasthof verpachtet, und er bittet ihn zurückzukommen. Er könne bei ihm als sein Schwiegersohn in Ruhe seine Tora-Studien fortsetzen. Israels Wünsche sind somit in Erfüllung gegangen (Kap. 4). Er heiratet Ittele und sie bekommen eine Tochter Hodel (Kap. 5). Doch die wirtschaftliche Situation ändert sich: zwei Jahre mit Missernten und Seuchen folgen aufeinander, Reb Schlomos Konkurrent verleumdet ihn, Geld unterschlagen zu haben, der Gutsherr kündigt den Pachtvertrag und Schlomo wird ohne Prozess ins Gefängnis gesteckt. Ittele ist zum zweiten Mal schwanger und Israel muss nun selbst wieder Geld verdienen, findet jedoch in der Notzeit keine Lehrerstelle und entschließt sich, als Prediger auf Wanderschaft zu gehen.
Wanderprediger Auf seinen Wanderungen von Dorf zu Dorf erlebt Israel das schwere Leben der Menschen: die an Krankheiten sterbenden Kinder, die Armut, die Ausgrenzung durch andere Ethnien und Religionen und die Verleumdungen, Juden würden christliche Kinder schlachten. Israel hört sich die Klagen und die Beichten der Menschen an und versucht ihnen, im Unterschied zu den dem Volk mit göttlichen Strafen und der Gehenna drohenden Rabbinern, in einer einfachen jiddische Sprache, Mut zu machen, trotz der Leiden Freude am Leben zu empfinden: Die ganze Natur sei göttlich durchwirkt und auch das Böse sei ein Teil der Schöpfung. Den Listen des Satans könne der Einzelne am besten in der Gemeinschaft mit einem Lehrer, der den Weg zeigt, widerstehen. Auch singt er, im Unterschied zu den Rabbis, seine Gebete gefühlvoll. So verbreitet sich sein Ruf, ein charismatischer Führer zu sein, und Legenden seiner Wunderheilungen verbreiten sich. Aber er hat auf viele Fragen keine Antwort, z. B., warum der Mensch das größte Geschenk Gottes, die freie Wahl, nicht genießen kann und oft das Falsche wählt.
Baalschem Tow Bei einem Besuch seines Freundes und Schwagers Abraham Gerschon, Rabbi von Kitewa, wird er in der Stadt wie ein berühmter Mann empfangen und Zaddik genannt. Er erzählt dem Freund von seinen Träumen, zum Führer berufen zu sein, und dieser sieht darin eine Offenbarung des Himmels und rät ihm in einer größeren Stadt, als Okop es ist, zu lehren. So zieht er mit Itelle und ihren beiden Kindern, Hodel und Elieser, nach Miedzyborz, wo es Jeschiwas, Studierhäuser und Herbergen gibt. Viele seiner Anhänger aus Wolhynien und Podolien folgen ihm und seine Anhängerschaft wächst (Kap. 6). Er hat Traumvisionen von Begegnungen mit Engeln in höheren Sphären, von Reisen durch die Welt und nach Jerusalem (Kap. 7). Er erhofft sich, die Wiederkehr des Messias vorzubereiten. Obwohl er diese Träume geheim hält, verbreiten sich in seiner Umgebung immer mehr Sagen von seiner Kraft, die Gedanken der Menschen lesen zu können, von Prophezeiungen, die sich erfüllt haben, und von Wunderheilungen. Seine Schüler nennen ihn Baalschem Tow,Meister des guten Namens. Das Adjektiv tov bezeichnet den Namen Gottes. notieren sich seine Tischreden und verbreiten sie.
Richtungskämpfe Mit der Ausbreitung seiner Lehre stößt sein Chassidismus auch auf Ablehnung, v. a. bei zwei unterschiedlichen Richtungen: einerseits bei den Misnagdim, meist talmudisch geschulte Theologen, die der neuen Bewegung zu viel Mystik, religiöse Ekstase in Musik- und Tanzorgien und zu wenig Gelehrsamkeit vorwerfen, andererseits bei der säkular geprägten Maskilim-Bewegung, den Aufklärern, die den Chassidismus als rückständig ablehnen. Zu diesen Richtungskämpfen innerhalb der osteuropäischen jüdischen Theologie kommen Konflikte in seiner Familie (Kap. 8). Seine Tochter Hodel kritisiert die Ausgrenzung der Frauen aus dem männlich dominierten Gottesdienst. Sie drängt sich in die Reihen der tanzenden Männer, begründet ihren Anspruch mit dem Hinweis auf Prophetinnen und belegt dies mit Zitaten aus dem Alten Testament. Während ihre Mutter in Sorge um das Ansehen ihrer Familie ist, findet Hodel beim Vater Verständnis und setzt bei ihm auch ihren Willen durch, Jechiel Michael zu heiraten, einen jungen Mann, der aus Deutschland gekommen ist, um beim Baalschen zu studieren. Er spricht nicht Jiddisch, sondern eine Art jüdisches Deutsch und liest die Gemara wörtlich und ohne jede Kasuistik mit ihren Spitzfindigkeiten, weshalb einige Chassidim ihn heimlich einen Häretiker nennen (Kap 9). Israel befragt vor seiner Zustimmung zur Heirat den Himmel, erhält die Erlaubnis und erfährt, dass Hodels Enkel Nachman sein wahrer Erbe und Nachfolger werden und seine Gedanken verbreiten würde.
Ausblick Gegen Ende seines Lebens muss Israel erleben, dass Rabbis und Gelehrte den Chassidismus übernehmen, dass reiche Männer größeren Einfluss auf die Gemeinden gewinnen und die Armen an den Rand drängen, dass sich Cliquen bilden und um die Besetzung der Rabbi-Stellen streiten. Dazu kommen die Auseinandersetzungen mit der katholischen Bevölkerung, mit den Gutsherren, mit Philosophen der Vernunft.
Israel ist manchmal der „dringlichen Welt und ihrer Fallen“ müde (Kap. 9). Er hat nicht mehr die Kraft, um „alle die anderen Bedrohungen, die wie eine schwarze Wolke über der Welt“ hängen, zu ertragen. Er wäre manchmal am liebsten fortgegangen, „hinaus zu einem Leben der Entbehrung – als Holzfäller oder Wasserträger“,Isaak B. Singer: Die Gefilde des Himmels. Eine Geschichte vom Baalschem Tow. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1984, S. 103. aber er tröstet sich mit der Hoffnung, dass all diese Querelen „Geburtswehen“ sind, „die dem Kommen des Messias voran[gehen], […] dass »mit den Fußspuren des Messias die Vermessenheit steigen und der Mangel seinen Höhepunkt erreichen wird […] die Kinder werden ihren Eltern Schande bereiten, und die Eltern sich vor ihren Kindern erheben, denn der Sohn entehrt den Vater, und die Tochter steht auf gegen die eigene Mutter, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter; eines Mannes Feinde sind die Männer seines eigenen Hauses«“.Isaak B. Singer: Die Gefildes des Himmels. Eine Geschichte vom Baalschem Tow. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1984, S. 104, 105. Sein einziger Trost ist „die Freiheit des Willens“. Der Mensch hat „die Kraft, zwischen Gut und Böse zu wählen […] zwischen der Unzucht […] und der Freude aus der Erkenntnis heraus, dass sich am Ende alles zum Guten wenden muss, weil Gott ganz Gnade ist, und aus der Gnade nichts Böses erwachsen kann.“Isaak B. Singer: Die Gefilde des Himmels. Eine Geschichte vom Baalschem Tow. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1984, S. 106.
Rezeption und Interpretation