Das Brörup-Interstadial war eine Wärmephase der Weichsel-Kaltzeit – genauer die erste große Erwärmung zu Beginn des Unterweichsels (Weichsel-Frühglazial II oder WF II – bzw. auch WE II). Es bildet das OIS 5c (bzw. MIS 5c) um 90.000 bis 104.000 Jahre vor heute.

Etymologie Das Brörup-Interstadial ist nach der dänischen Kleinstadt Brørup benannt. Vor 1558 hieß Brørup noch Brodhrop und vor 1525 Bryddorp. Bryddorp leitet sich seinerseits von den altnordischen Substantiven bryti (Gutsverwalter) und torp (Anwesen, Hof) ab. Bryddorp bedeutet somit „Hof des Gutsverwalters“.

Die Wortschöpfung Interstadial setzt sich zusammen aus dem lateinischen Adjektiv inter mit der Bedeutung „zwischen, dazwischen“ und dem sächlichen Substantiv Stadial, abgeleitet vom Altgriechischen στᾰ́σῐς (stắsĭs) „Stand, Lage, Position, Stasis, Stillstand“. Sie bezeichnet somit die Zeit zwischen zwei Eishöchstständen.

Definition und Erstbeschreibung Das Brörup-Interstadial stellt das erste große Unterweichsel-Interstadial dar.

Die Erstbeschreibung des Interstadials erfolgte im Jahr 1957 durch S. T. Andersen. Der Begriff „Brörup-Interstadial“ erschien jedoch erstmals im Jahr 1960 bei S. T. Andersen und Kollegen.

Einführung Das Unterweichsel wird durch zwei lange und relativ warme Interstadiale gekennzeichnet – das Brörup- und das Odderade-Interstadial. Diese beiden Interstadiale lassen sich mit Sicherheit über große Teile Europas verfolgen und auch korrelieren. Das bereits zuvor in den Niederlanden beschriebene Amersfoort-Interstadial wird jetzt in das Brörup-Interstadial integriert und bildet sein Liegendes. Beide Interstadiale waren in Nordwest-, Mittel- und Südeuropa bewaldet. Im Norden waren Koniferenwälder vorherrschend, welche jedoch nach Süden in Laubwälder übergingen. Der Klimagradient war definitiv steiler, was wahrscheinlich mit der Südwärtsverlagerung des Golfstroms zusammenhing. In Bohrkernen der Tiefsee gehen die beiden Interstadiale mit den Isotopenstadien 5c und respektive 5a konform.

Der Begriff „Interstadial“ kennzeichnet eine deutliche relative Klimaverbesserung. Der klimatische und vegetationsgeschichtliche Inhalt eines bestimmten Interstadials kann je nach geographischer Breite sehr unterschiedlich sein und etwa im Brörup-Interstadial von Süden nach Norden von Eichenmischwäldern über boreale Nadelwälder bis zur Waldlosigkeit reichen.

Typlokalität Die Typlokalität des Brörup-Interstadials ist das Profil BP 1 (STA) am Brørup Hotel in Mitteljütland in Dänemark – genauer in dem das Hotel umgebenden Sumpfgebiet. Sie war bereits im Jahr 1928 von K. Jessen und V. Milthers entdeckt worden.

Verbreitung In Nordwestdeutschland ist das Brörup-Interstadial an zahlreichen Stellen angetroffen worden, in optimaler Form als bis zu über 1 Meter mächtiger Torf. Besonders vollständig ist das Interstadial in Odderade,Oerel, Osterwanna und Rederstall sowie in Mitteldeutschland in Gröbern und in der Niederlausitz in Kittlitz. Im Profil Königsaue im östlichen Harzvorland korreliert es mit der Stufe I a2.

Darüber hinaus ist das Brörup-Interstadial in Süddeutschland sowie in anderen europäischen Ländern verbreitet. In Frankreich entspricht es dem Saint Germain I (beispielsweise in La Grande Pile am Südwestrand der Vogesen), in dem die wärmeliebenden Arten bereits eine große Rolle spielen.

Stratigraphie Das Brörup-Interstadial (WF II) des Weichsel-Frühglazials folgt auf das Herning-Stadial (WF I) und wird seinerseits vom Rederstall-Stadial (WF III) abgelöst.

Karl-Ernst Behre (1989) unterteilt das Brörup-Interstadial intern in 4 Stufen (vom Hangenden zum Liegenden): WF II b – Kiefernperiode – 1373 bis 1335 Zentimeter WF II a3 – Birkenperiode – 1426 bis 1373 Zentimeter WF II a2 – Birkenperiode – 1438 bis 1426 Zentimeter WF II a1 – Birkenperiode – 1457 bis 1438 Zentimeter Die unterste Stufe WF II a1 wird oft auch als eigenes Interstadial angesehen – das Amersfoort-Interstadial.

Im Referenzprofil Oerel OE 61 erstreckt sich das Brörup-Interstadial von Zentimeter 1457 bis Zentimeter 1335 unter Referenzniveau (Erdoberfläche), umfasst somit an Mächtigkeit 1,22 Meter.

Zum Vergleich: das Eemium beginnt in Oerel bei 1895 Zentimeter (Mächtigkeit 2,61 Meter) und das Herning-Stadial bei 1634 Zentimeter (Mächtigkeit 1,77 Meter). Die drei Birkenperioden erstrecken sich von 1457 bis 1373 Zentimeter und sind insgesamt 0,84 Meter mächtig. Die abschließende Kiefernperiode reicht von 1373 bis 1335 Zentimeter und wird nur 0,38 Meter mächtig. Das Amersfoort-Interstadial zu Beginn ist mit 19 Zentimeter nur sehr dünn und die zweite Birkenperiode mit 12 Zentimeter noch dünner.

Das anschließende Rederstall-Stadial setzt bei 1335 Zentimeter ein und hält bis 677 Zentimeter durch – es wird somit immerhin 6,58 Meter mächtig.

Feingliederung Ein scharfer Wechsel erfolgt bei Zentimeter 1455 mit dem Steilanstieg der baumförmigen Birken. Diese starke Klimaänderung, die zur Bewaldung führte, wird daher als Untergrenze des Brörup-Interstadials, WF II, genommen. Unterteilt wird das Brörup-Interstadial in die Grundeinheiten Birkenzeit, WF IIa, und Kiefernzeit, WF IIb. Durch die Bewaldung sank der Grundwasserstand, und bei Zentimeter 1432 wird die limnische Mudde nun von Torf abgelöst. Innerhalb der Birkenzeit erfolgte ein wahrscheinlich klimatisch bedingter Rückschlag der Vegetation (WF IIa2), durch den die Birkenzeit dreigeteilt wird. Dieser Rückschlag ist auch im benachbarten Pollendiagramm von Osterwanna zwischen den Proben 32 und 45 erkennbar. Wie bereits ausgeführt, entspricht WF IIa1 dem Amersfoort-Interstadial, und ab WF IIa3 beginnt das Brörup-Interstadial im Sinne von Zagwijn (1961).

Ab Zentimeter 1415 nehmen im Abschnitt WF II a3 die Nichtbaumpollen recht stark zu. Dies dürfte aber nicht auf klimatische Ursachen zurückzuführen sein, denn in diesem Zeitraum erfolgt gleichzeitig die Einwanderung neuer Baumarten, wie Fichte (Picea) und Lärche (Larix), und auch thermophile Laubhölzer, vor allem Eiche (Quercus) und Hasel (Corylus), haben durchlaufende Pollenkurven. Das Klima ist demnach zumindest stabil geblieben. Die Ausbreitung von Picea (und Larix) erfolgt auch in den Brörup-Diagrammen von Amersfoort, Rederstall und Osterwanna immer erst deutlich nach dem Florenumschwung. In der Regel hat Larix einen Vorsprung, in Oerel breiten sich dagegen beide Arten etwa gleichzeitig aus.

Das regelmäßige Auftreten der thermophilen Laubholzarten kann im Torf nicht auf Einschwemmung beruhen, sondern die Pollenkörner müssen fernverweht sein. Ganz ähnliche Nachweise liegen aus dem benachbarten Osterwanna und den schleswig-holsteinischen Brörupvorkommen vor, zum Teil aus reinen Hochmoortorfen. Wenn in den Pollenspektren dieses dicht bewaldeten Interstadials oftmals eine Summe von über 1 % thermophiler Arten auftritt, so können deren Bestände aber nicht allzu weit entfernt gewesen sein.

Den Abschluss des Brörup-Interstadials bildet die Kiefernzeit, WF IIb ab Zentimeter 1373. Sie ist im Profil OE 61 nicht vollständig, der oberste Teil fehlt hier. In der benachbarten Bohrung OE 46 wurde jedoch ein vollständiges Brörup-Interstadial erfasst und deshalb zur Ergänzung untersucht. Dort umfasst der Abschnitt IIb etwa 1 Meter, nach oben hin gehen Larix und Picea wieder zurück, während die Heidekrautgewächse (Ericales – vor allem Besenheide) über 30 % des Gesamtpollens erreichen.

Bei 1370 Zentimeter treten Esche (Fraxinus) und als Sporenpflanzen Adlerfarne (Pteridium) hinzu, bei 1345 Zentimeter Buche (Fagus) und bei 1335 Zentimeter schließlich auch noch Ahorn (Acer), der bereits bei 1385 Zentimeter ein erstes Auftreten hatte.

Auch das Pollendiagramm des unteren Brörup-Interstadials bei Willi Selle und Heinrich Schneekloth (1965) ist nahezu vollständig und erfasst außerdem fast die ganze Kiefernzeit.

Paläoenvironment mini|hochkant=1.6|Hänge-Birke (Betula pendula) mini|hochkant=1.6|Wald-Kiefer (Pinus sylvestris) in Hessen

Nach den Pollenanalysen ist das Brörup-Interstadial in Dänemark und Norddeutschland durch boreale Mischwälder gekennzeichnet, in denen zunächst für längere Zeit Baumbirken, danach für etwa ebenso lange Zeit Waldkiefern vorherrschen. Wichtig sind auch erhebliche Anteile an Fichten und Lärchen sowie geringere von Erlen. Wärmeliebende Bäume fehlen.

Durch den Vergleich mit postglazialen Pollendiagrammen aus Nordeuropa konnte abgeschätzt werden, dass die thermophilen Holzarten ihre nördlichen Arealgrenzen während des Brörup-Interstadials etwa 4 bis 6 Breitengrade südlich von Osterwanna (und damit auch von Oerel) hatten, also etwa zwischen Main-Linie und dem Nordrand der Alpen. Angenommen wird dabei ein etwa dem heutigen gleicher Nord-Süd-Klimagradient. Die 1975 erschienene Bearbeitung von La Grande Pile durch G. Woillard bestätigte das vollständig. Die (gelegentlich angezweifelte) Synchronisierung des nordmitteleuropäischen Brörup-Interstadials mit dem St. Germain I-Interstadial südwestlich der Vogesen entspricht damit auch der damaligen, nach Süden verschobenen, Zonierung der Wälder. Das 1. Interstadial am Samerberg ist jetzt ebenfalls mit dem Brörup-Interstadial gleichzusetzen.

Für das Alpenvorland zeigten E. Grüger (1979) und M. Welten (1981, 1982) Entsprechendes, wenn man die dortige Höhenlage berücksichtigt. Ein Vorkommen der Eichenmischwaldarten sowie von Hainbuche (Carpinus) oder Hasel (Corylus) in Nordwestdeutschland und Dänemark ist auszuschließen. Die Klimagrenzen im Brörup-Interstadial müssen sehr lange stabil gewesen sein, aber das Klima in Norddeutschland hat thermophile Laubhölzer nicht zugelassen, denn bei der langen Dauer des Interstadials wäre für deren Einwanderung Zeit genug vorhanden gewesen.

Paläoklima mini|hochkant=1.6|Gegenblättriger Steinbrech (Saxifraga oppositifolia) mini|hochkant=1.6|Gletscher-Tragant (Astragalus frigidus)

Im Anschluss an das kalte Herning-Stadial war das Brörup-Interstadial gemäßigt kontinental. Die Sommertemperaturen in den Niederlanden lagen bei 14 °C und waren nur 4 °C niedriger als im thermischen Maximum des Eemiums. Ausgedehnte Koniferenwälder hatten sich etabliert. Selbst wenn die Winter mit bis zu − 13 °C recht kalt blieben – zu erkennen an gelegentlichen Inseln von Besenheide (Calluna vulgaris) und dem Auftreten von zähen Lärchenpopulationen (Larix sp.) – so hatte sich die Niederschlagsmenge in Nordwesteuropa zwar erhöht, jedoch erreichten manche Sommertage dennoch bis zu 26 °C – erkennbar an Gegenblättriger Steinbrech (Saxifraga oppositifolia) und Gletscher-Tragant (Astragalus frigidus).

Temperaturabschätzungen anhand der MCR-Methode (Englisch mutual climatic range oder abgekürzt MCR) an stenothermen Käfern (Coleoptera mit eingeschränktem Temperaturbereich) konnten nur zwischen 1390 und 1333 Zentimeter durchgeführt werden, d. h. im oberen Brörup-Interstadial. Die rekonstruierten Mittelwerte der Temperaturen indizieren recht kontinentale klimatische Verhältnisse mit Sommerdurchschnittstemperaturen von rund 14 °C und Winterdurchschnittstemperaturen von − 10 °C. Die kalibrierten durchschnittlichen Sommerwerte schwanken hierbei zwischen 11 und 16,5 °C, die Winterwerte zwischen − 14,5 und − 7,5 °C. Diese Ergebnisse stimmen sehr gut mit quantitativen Abschätzungen von La Grande Pile, Gröbern und Groß Todtshorn überein.

Im Ijssel-Becken gesellten sich Tannen (Abies) am Übergang vom Herning-Stadial zum Brörup-Interstadial zu den Koniferenwäldern. Viele Laubbaumtaxa bestanden zwar weiterhin fort, dennoch dehnten sich jetzt Kräuter weiter aus und diversifizierten sich – weitaus stärker als in vorangegangenen Zeitabschnitten. Die Kräuter erreichten immerhin 30 Taxa – darunter Wegerichgewächse (Plantaginaceae), Knöterichgewächse (Polygonaceae), Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae), Rosengewächse (Rosaceae), Dorniger Moosfarn (Selaginella selaginoides) und Keulen-Bärlapp (Lycopodium clavatum).