Der Bürgerkrieg im Tschad von 1965 bis 1979 war ein langjähriger Konflikt zwischen der Regierung des Tschad und verschiedenen Rebellengruppen. Er wurzelte in politischen, ethnischen und regionalen Spannungen zwischen dem überwiegend muslimischen Norden und dem christlich-animistisch geprägten Süden des Landes nach der Unabhängigkeit von Frankreich. Über fast 14 Jahre eskalierte der Konflikt in mehreren Phasen, die von Guerillakriegsführung, militärischen Putschen und ausländischer Einmischung geprägt waren. Der Krieg endete 1979 mit dem Zusammenbruch der südlich dominierten Regierung und dem Sieg der nördlichen Rebellen. Der jahrzehntelange Konflikt forderte tausende Menschenleben und hinterließ ein vom Krieg gezeichnetes Land.

Hintergrund Nach der Unabhängigkeit des Tschad von Frankreich im August 1960 geriet das Land schnell in politische Spannungen. Die neue Regierung unter Präsident François (Ngarta) Tombalbaye, einem Angehörigen der im Süden beheimateten Volksgruppe der christlich-animistischen Sara, dominierte das politische System einseitig. Tombalbaye etablierte faktisch eine Einparteienherrschaft und unterdrückte oppositionelle Parteien, insbesondere solche mit Vertretung der muslimischen Bevölkerung im Norden. In der Kolonialzeit hatten die französischen Kolonialherren die Sara bevorzugt und diesen häufiger Schulbildung zukommen lassen, weshalb diese nun den staatlichen Verwaltungsapparat dominierten.Gewaltsame Konflikte im Tschad Gruppe Friedensentwicklung (FriEnt) Misereor Zugleich versuchte die Regierung, die nomadische Bevölkerung zur Sesshaftigkeit zu zwingen und Steuern einzutreiben. Diese ungleiche Entwicklung und die als drückend empfundenen Steuern schürten im Norden und im Zentrum des Landes erheblichen Unmut. Bereits 1963 kam es in der Hauptstadt Fort-Lamy (heute N’Djamena) zu Protesten, die von der Regierung gewaltsam aufgelöst wurden – das Militär schoss erstmals in die Menge. Kritiker wurden inhaftiert, und freie Meinungsäußerung wurde zunehmend unterbunden. Diese Repressionspolitik führte dazu, dass sich Regimegegner gezwungen sahen, andere Formen des Widerstands zu suchen.

Ablauf

Beginn des Aufstands (1965–1966) Der Aufstand gegen die Regierung brach offen im November 1965 aus. In den Provinzen im Osten und im Zentrum kam es zu Widerstand gegen Steuereintreiber, der als Auftakt des Bürgerkriegs gilt. Auslöser waren lokale Proteste gegen überhöhte Steuern und Zwangsmaßnahmen, die von Regierungstruppen zunächst blutig niedergeschlagen wurden. Dennoch flammten die Revolten immer wieder auf. Bereits wenige Monate später schlossen sich mehrere Oppositionelle im Exil zusammen: Am 22. Juni 1966 gründeten Vertreter von drei verschiedenen oppositioneller Gruppen im benachbarten Sudan die Front de Libération Nationale du Tchad (FROLINAT) als gemeinsame Rebellenorganisation. Diese Gründung markierte den Übergang von spontanen Unruhen zu einem organisierten bewaffneten Aufstand gegen die Herrschaft Tombalbayes.

Unter Führung von FROLINAT breiteten sich die Guerilla-Angriffe rasch im nördlichen Landesteil aus. Die Rebellen rekrutierten sich vor allem aus muslimischen Bevölkerungsgruppen des Nordens (u. a. Toubou und Maba), aber auch einige nicht-muslimische Gemeinschaften aus Zentral-Tschad (etwa die Mubi) schlossen sich an. Die Regierung reagierte mit Härte: Oppositionelle Aktivitäten wurden verboten, das Militär ging rücksichtslos gegen jede Form von Widerstand vor. Hunderte tatsächliche oder vermeintliche Regierungsgegner wurden verhaftet – mindestens 250 Personen ließ das Regime als „Banditen“ ins Gefängnis werfen, wo etliche starben, verschwanden oder misshandelt wurden. Schon in dieser frühen Phase kam es auf beiden Seiten zu Gewalt gegen Zivilisten; Vertreibungen und Massaker an der Zivilbevölkerung trugen dazu bei, das staatliche Gewaltmonopol in weiten Landesteilen zu untergraben.

Konflikt mit französischer Einmischung (1968–1972) mini|Französische Fallschirmjäger im Tschad (1971) Im Februar 1968 gelang der Regierung die Tötung von FROLINAT-Führer Ibrahim Abatcha. Das Regime blieb jedoch unter Druck und nach dem Ausbruch eines neuen Aufstands in der Region Aouzou bat der Präsident Im August 1968 offiziell um militärische Unterstützung aus Paris, dem wichtigsten wirtschaftlichen Unterstützer des Tschad. Daraufhin entsandte Frankreich zunächst 1.000 Soldaten in den Tschad. Im April 1969 folgte eine Aufstockung: In der sogenannten Operation „Bison“ wurden weitere 2.000 französische Truppen unter General Michel Arnaud ins Land geschickt, um die Regierungstruppen im Kampf gegen die Aufständischen zu unterstützen. Französische Fallschirmjäger und die tschadische Armee unternahmen gemeinsame Offensiven im Norden, etwa im September 1969, um Rebellenhochburgen anzugreifen. Trotz dieser massiven Unterstützung konnte die Aufstandsbewegung nicht entscheidend besiegt werden.

Die Präsenz der Franzosen beeinflusste auch die politische Entwicklung. Tombalbaye wurde im Juni 1969 in einer von Opposition ausgeschlossenen Wahl formal im Amt bestätigt. Im Dezember 1969 gewann seine Partei alle Sitze in der Nationalversammlung. Libyen versuchte unterdessen, sich als Vermittler ins Spiel zu bringen: Ende 1969 bot die libysche Regierung an, zwischen der FROLINAT und der tschadischen Regierung zu vermitteln, was Tombalbaye jedoch umgehend ablehnte. Innerhalb des Tschad kam es auch zu lokalen Befriedungsversuchen: So gab eine Rebellenfraktion der Mubi-Ethnie in Zentral- und Osttschad im Januar 1971 ihren Kampf gegen die Regierung auf und legte die Waffen nieder. Präsident Tombalbaye unternahm daraufhin einen politischen Schritt zur Entspannung und holte im Mai 1971 erstmals auch muslimische Politiker in Regierungsverantwortung, um die Vertreter des Nordens zu besänftigen.

Gleichzeitig begann Libyen die Rebellen offen zu unterstützen, nachdem Muammar al-Gaddafi 1969 in Libyen an die Macht gekommen war. Libyen gewährte der FROLINAT nicht nur Rückzugsräume, sondern erkannte die Rebellenbewegung diplomatisch an, am 17. September 1971 erklärte Tripolis offiziell seine Unterstützung für die FROLINAT als legitimen Vertreter des Tschad. Infolge des internationalen Drucks und der Abnutzung durch den Guerillakrieg zog Frankreich schließlich seine Truppen zurück: Ab 1972 erfolgte schrittweise der Abzug der französischen Kampftruppen, der am 28. August 1972 abgeschlossen war. Insgesamt verloren etwa 50 französische Soldaten während dieses Einsatzes ihr Leben. Eine kleine Zahl französischer Militärberater (etwa 600) blieb zwar bis 1975 im Land, doch die Hauptlast des Kampfes lag nun wieder bei den tschadischen Regierungstruppen.

Tombalbaye in der Krise und Putsch (1972–1975) mini|Präsident François Tombalbaye mit Militärangehörigen während einer Parade im Jahr 1970 Ohne die direkte militärische Unterstützung Frankreichs verschärften sich Tombalbayes Probleme. Wirtschaftlich wurde der Tschad Anfang der 1970er von einer verheerenden Dürre im Sahel heimgesucht, die Hunger und Not auslöste. Die ohnehin schwache Infrastruktur des Landes – es gab Mitte der 1970er nur rund 240 Kilometer asphaltierte Straßen und keine Eisenbahn – konnte die Krise kaum abfedern. Tombalbaye versuchte unterdessen, seine Macht weiter zu festigen und die Bevölkerung ideologisch zu einen. 1973 startete er eine „Authentizitätskampagne“ namens Tchaditude, in deren Zuge er sogar seinen eigenen Vornamen in Ngarta änderte. Teil dieser Kampagne war die Forderung, dass alle Beamten, Soldaten und Funktionäre aus dem Süden den traditionellen Initiationsritus Yondo der Sara durchlaufen sollten. Dieses teils brutale Ritual (mit Prügelzeremonien, Narbenritzungen, Begräbnis bei lebendigem Leibe und anderen Erniedrigungen) endeten in einigen Fällen tödlich und stieß bei vielen auf scharfe Ablehnung. Die Stimmung gegen den Präsidenten verschlechterte sich somit nicht nur im Norden, sondern nun auch in seinem eigenen Machtzentrum im Süden.

Inmitten dieser Krise kam es am 13. April 1975 zum Militärputsch: Soldaten unter Führung von General Noël Odingar, dem kommandierenden Offizier der Armee, griffen den Präsidentenpalast in N’Djamena an und töteten François Tombalbaye. Die Bevölkerung der Hauptstadt begrüßte den Sturz des autokratischen Herrschers mit Jubel auf den Straßen. Nach dem Putsch übernahm eine Junta aus Offizieren, der Oberste Militärrat (Conseil Supérieur Militaire, CSM), die Macht. Zum Vorsitzenden des CSM und neuem Staatschef wurde General Félix Malloum ernannt, ein im Süden verwurzelter Offizier, der zuvor selbst von Tombalbaye inhaftiert worden war. Die neue Militärregierung suspendierte sofort die Verfassung von 1962, verbot alle politischen Parteien und kündigte Reformen an. Malloum entließ prominente Gefangene (darunter politische Gegner Tombalbayes) und versprach wirtschaftliche und soziale Verbesserungen. Frankreich begrüßte den Regimewechsel vorsichtig. Libyen erkannte die Militärregierung kurz nach ihrem Amtsantritt im April 1975 diplomatisch an.

Obwohl der Sturz Tombalbayes zunächst Hoffnungen auf Versöhnung weckte, dauerte die Gewalt im Norden an. Die FROLINAT-Guerilla hatte sich inzwischen in mehrere Fraktionen aufgespalten, da nach dem Tod ihres ersten Generalsekretärs Ibrahim Abatcha unterschiedliche Anführer um die Kontrolle rivalisierten. Aus der FROLINAT gingen konkurrierende Rebellengruppen hervor, insbesondere die Forces Armées du Nord (FAN) unter Hissène Habré und die Forces Armées Populaires (FAP) unter Goukouni Oueddei – beide ehemalige FROLINAT-Kommandeure mit persönlichen und ideologischen Differenzen. Hinzu kamen kleinere Gruppen, was dazu führte, dass zeitweise bis zu acht verschiedene Konfliktparteien im Tschad aktiv waren. Die Zentralregierung in N’Djamena, nun unter Malloum, hatte Mühe, die Kontrolle über das Land aufrechtzuerhalten, da große Regionen faktisch von Warlords und Rebellen beherrscht wurden.

Neue Eskalation und Übergangsregierung (1976–1979) Ab 1976 verschärfte sich der Konflikt erneut. Ein aufsehenerregendes Ereignis war die sogenannte Claustre-Affäre: Im April 1974 hatten Rebellen im Norden, angeführt von Hissène Habré, die französische Archäologin Françoise Claustre sowie weitere Europäer als Geiseln genommen. Die Geiselnehmer forderten von Frankreich umfangreiches Lösegeld, darunter Waffenlieferungen, was Paris in ein diplomatisches Dilemma brachte. Bei einem Befreiungsversuch wurde ein Franzose (Major Pierre Galopin) von den Rebellen brutal hingerichtet. Erst im Februar 1977 kam Claustre nach 33 Monaten Gefangenschaft frei, nachdem Libyens Staatschef Gaddafi persönlich vermittelt hatte. Obwohl Libyen die Regierung im Tschad anerkannt hatte, übte es nämlich weiterhin großen Einfluss auf die nördlichen Rebellen aus.FRANCE: End of an Ordeal Time

Inzwischen kämpften Malloums Regierungsarmee und die verschiedenen Rebellen um territoriale Kontrolle. 1977 kam es zu schweren Gefechten; kleinere Aufstandsversuche innerhalb der Armee (etwa eine Meuterei unter Lt. Brahim Abakar Koumba im April 1977) wurden von Malloum niedergeschlagen. Im Januar 1978 vermittelte Sudans Präsident Dschafar an-Numairi einen ersten Waffenstillstand zwischen Malloums Regierung und der Fraktion von Hissène Habré (FAN). Das Abkommen von Khartum sah eine Regierung der nationalen Einheit und die Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung vor. Doch diese Übereinkunft blieb brüchig: Libyen unterlief die sudanesische Vermittlung und unterstützte stattdessen eine Offensive der FROLINAT-Hardliner unter Goukouni Oueddei im Norden. Im Februar 1978 eroberten von Libyen unterstützte Rebellen unter Führung von Oueddei die strategisch wichtige Oasenstadt Faya-Largeau.