mini|300px|Israelitisches Krankenhaus Mainz um 1910 Das Israelitische Krankenhaus Mainz wurde am 15. November 1904 von der Jüdischen Gemeinde in Mainz gegründet. Es diente den Jüdinnen und Juden von Mainz und dem Umland als modern ausgestattetes Krankenhaus mitsamt angegliedertem Pfründnerhaus (Altersheim). Bis 1933 florierten Krankenhaus und Altersheim, und die Anlage wurde mehrfach umgebaut und erweitert. Ab 1933 behinderten die Nationalsozialisten den Betrieb und die medizinisch-pflegerische Arbeit des Israelitischen Krankenhauses immer mehr und lösten es im September 1942 auf. Alle bis dahin noch tätigen jüdischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die circa 100, fast ausschließlich älteren und gebrechlichen Patienten wurden mit dem zweiten Deportationstransport geschlossen in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Vorgeschichte Angeblich gab es bis in die 1840er Jahre ein Jüdisches Hospital,Zeitschrift „Der Israelit“ vom 8. Dezember 1869: Über die Notwendigkeit der Einrichtung eines jüdischen Hospitals in Mainz. Alemannia Judica. das nicht mehr zeitgemäß gewesen und deshalb vom damaligen Vorstand aufgelöst worden sei. Danach erfolgte die medizinische Betreuung der Jüdischen Gemeinde in Mainz durch verschiedene Ärzte unterschiedlicher Religion. War ein Krankenhausaufenthalt notwendig, kamen Jüdinnen und Juden in Mainz in das katholische Rochus-Hospital, das von den Barmherzigen Schwestern geleitet wurde. Deshalb kam ab den frühen 1860er Jahren der Ruf nach einem eigenen Krankenhaus auf, das den Belangen der jüdischen Religion, beispielsweise bei Ernährungsvorgaben oder religiösen Riten, besser gerecht wird. Die bei der jüdischen Bevölkerung nicht unproblematische Aufspaltung in eine liberale und eine orthodoxe Gemeinde im Jahr 1849 und die seitdem bestehenden Unstimmigkeiten sowie der „deutsche Bruderkrieg“ und seine wirtschaftlichen Auswirkungen auf die bis dahin spendenwilligen jüdischen Geschäftsleute ließen allerdings eine Verwirklichung scheitern.

Möglicherweise führte auch eine immer weiter zunehmende Liberalisierung eines (oft wohlhabenderen) Teils der Jüdischen Gemeinde dazu, dass das Interesse an einem eigenen Jüdischen Krankenhaus und die Spendenbereitschaft in den darauffolgenden Jahrzehnten abnahm. In der orthodox ausgerichteten jüdischen Presse (Der Israelit, begründet 1860 von dem orthodoxen Mainzer Rabbiner Markus Lehmann) gab man den „Assimilierten“, also den liberalen und auf gesellschaftliche Integration bedachten Jüdinnen und Juden, die Schuld. Diese ließen sich lieber in den städtisch oder privat geführten Kliniken modern und zeitgemäß versorgen, da diese ja auch „rituelle Pflege“ anböten. Deshalb bestünde kein Bedarf an einem Jüdischen Hospital, so der Israelit in einem Beitrag 1904.Zeitschrift Der Israelit vom 17. November 1904: Eröffnung des neuen jüdischen Kranken- und Pfründnerhauses (1904).

Gründung Doch mit Anfang des 20. Jahrhunderts setzten sich auch liberale jüdische Persönlichkeiten der Mainzer Gemeinde verstärkt für ein jüdisches Krankenhaus ein. Die auf 170.000 Mark geschätzten Kosten verhinderten jedoch einen schnellen Bau. Erst eine Großspende der Daniel Elias Levinger-Stiftung (Daniel Elias Levinger war ein wohlhabender jüdischer Geschäftsmann aus Mainz, der bereits 1897 starb) animierte weitere Spender und Spenderinnen, darunter auch Clara de Hirsch oder Emanuel Leser, einen in Mainz geborenen jüdischen Nationalökonomen an der Universität Heidelberg sowie Mitglieder der bekannten Mainzer orthodoxen Familie Emil Simon. Diese und weitere größere Spendenbeträge von Gemeindemitgliedern schufen die finanzielle Grundlage für die Verwirklichung des Krankenhauses. Aus der Daniel Elias Levinger-Stiftung ging bereits 1901 der Israelitische Hospitalverein Mainz hervor.Anton Maria Keim, Verein für Sozialgeschichte Mainz e.V. (Hrsg.): Als die letzten Hoffnungen verbrannten. 9./10. November 1938. Mainzer Juden zwischen Integration und Vernichtung. S. 19. Dank seiner Initiative kam es zur Vollendung des Projekts; zudem war der Israelitische Hospitalverein Mainz ab 1904 Träger des Israelitischen Krankenhauses.

Nach längerer Vorbereitung konnte das Israelitische Krankenhaus am 15. November 1904 gegründet werden. Der Vorsitzende des Hospitalvereins, Eduard Simon (Besitzer der gleichnamigen Privatbank in Mainz), lud zu dem Festakt zahlreiche Gäste: Für die Landesregierung in Darmstadt kamen aus dem Großherzoglichen Ministerium in Darmstadt, Abteilung für Medizinalwesen, der Geheime Regierungsrat Reidhardt und Medizinalrat Hauser. Auch der Kreisarzt Medizinalrat Balser aus Mainz war anwesend. Ebenfalls in offizieller Funktion waren der Geheime Rat Provinzialdirektor Freiherr von Gagern, die Regierungsräte Heinrich und Merk und der Kreisamtmann Gaßner bei der Eröffnung. Die Stadt Mainz war durch den Oberbürgermeister Gaßner und den Bürgermeister Schmidt vertreten. Die Rabbiner beider jüdischer Gemeinden, Jonas Marcus Bondi (Orthodoxe Jüdische Gemeinde) und Siegmund Salfeld (Liberale Jüdische Gemeinde), waren eingeladen, ebenso die Vorsitzenden der beiden Gemeinden und Vertreter verschiedener jüdischer Wohlfahrtseinrichtungen. Von der Ärzteschaft kamen unter anderem die Chefärzte des Rochus- und Vinzenzhospitals, die Medizinalräte Reisinger und Bierling.

Im Anschluss an Eröffnungsreden und Festlichkeiten wurde das Krankenhaus abends im Rahmen der „Chinuch ha-bajis“ (Einweihung des Hauses) in traditioneller Weise mit gemeinsamem Toralernen und einer „Szudas Mitzwa“ (festliche Mahlzeit) eingeweiht.

Bau und Ausstattung Für das Krankenhaus und das Altersheim wurde in der Gonsenheimer Hohl Nr. 11/13 (auch Gonsenheimer Straße, heute Fritz-Kohl-Straße) am Rand der Mainzer Neustadt ein großes Grundstück zur Verfügung gestellt. Das umfangreiche Gelände grenzte direkt an den alten jüdischen Friedhof, den Judensand, an. Um der Doppelfunktion gerecht zu werden, wurden zwei Gebäude errichtet. Die Planung übernahm der Architekt Carl Martin Wirth, die Bauausführung der Bauunternehmer Oskar Hauswald, beide schon für viele Bauprojekte in Mainz verantwortlich. An der inneren Ausstattung beteiligten sich zahlreiche damalige jüdische Unternehmen und Betriebe: der Möbelhändler Martin Jourdan, Fischer Nachfolger und Grünfeld, der Installationsbetrieb Zulauf & Co (Gasbeleuchtung); die Elektrizitätsgesellschaft Henry Hirsch übernahm die Verlegung der elektrischen Leitung, die Anstreicher- und Malerarbeiten führte der Tünchermeister Moses Löb Asnes aus.

Das Krankenhausgebäude umfasste anfangs 20 Betten, konnte aber bei Bedarf auf 40 Betten aufgestockt werden. Dazu kamen 15 Betten im Altersheim, die für die Aufnahme einzelner Personen oder Ehepaare vorgesehen waren. Die Räume des Krankenhauses waren alle mit einer Kalt- und Warmwasserleitung, Gasanschluss und elektrischem Licht sowie Linoleumbelag ausgestattet. Badezimmer und Toiletten entsprachen dem Stand der damaligen Hygiene und Technik. Der große Operationssaal wurde durch zwei große Oberlichte erhellt, und Desinfektionsapparate und Spülvorrichtungen waren auf den neuesten Stand der Medizintechnik. Pflegeschwestern und Dienstpersonal hatten ihre eigenen Räume. Das Sprechzimmer des Leitenden Arztes wies verschiedene moderne „elektrische Einrichtungen zu Heilzwecken“ auf und war direkt mit der Apotheke verbunden. Wohnräume wiesen zur Straßenseite, alle Krankenzimmer lagen zur parkartigen Grünanlage hinter den Gebäuden. Die Zimmer des Altersheims waren jeweils mit einer elektrischen Signalanlage versehen, um in Notfällen schnelle Hilfe zu bekommen. Eine Großküche im Krankenhausgebäude stellte Essen nach den jüdischen Speisegesetzen für die Patienten her, sowohl in den Krankenzimmern wie auch für die Bewohner im Altersheim. In dem weitläufigen Gartengelände befand sich, von Pflanzungen verdeckt, ein Schuppen mit Desinfektionsraum, Waschküche und einer Totenkammer. Man legte von Anfang an Wert darauf, dass ein Abtransport von Toten über das hintere Ende des Grundstücks geschah, das an die Wallstraße angrenzte und von den Gebäuden aus nicht sichtbar war.

Bis 1914 konnte das Gelände durch den Ankauf eines benachbarten Gartens noch vergrößert werden. Mit den Feiern zum 10-jährigen Bestehen der Anlage machte man sich auch bereit, verwundete Soldaten des nur wenige Wochen vorher ausgebrochenen Ersten Weltkriegs zu behandeln, und stockte die Bettenzahl auf 40 Betten auf. 1928 wurde ein weiteres größeres Gebäude hinzugefügt. Es enthielt 16 Räume, darunter einen Schwesternspeisesaal, Ärzteberatungszimmer, Büro- und Empfangsräume, weitere Krankenzimmer, einen Baderaum sowie einen Dachgarten. Der Dachgarten bot einen ungestörten Ausblick auf den Taunus und wurde, wie es in den 1920er Jahren zeitgemäß war, für Sonnen- und Luftbäder verwendet.

Organisation Träger des Israelitischen Krankenhauses war der Israelitische Hospitalverein Mainz. Der Verwaltungsrat setzte sich 1914 unter anderem aus den folgenden Personen zusammen: Vorsitzender war als leitender Arzt des Krankenhauses der Sanitätsrat B. Neudörfer. Clara Heß war in ihrer Funktion als Oberin Mitglied. Dazu kamen Eduard Simon (Stadtverordneter und Bankdirektor), die Rabbiner Jonas Marcus Bondi und Siegmund Salfeld sowie weitere Vertreter der jüdischen Gemeinde.

Das Israelitische Krankenhaus und der Nationalsozialismus Das Israelitische Krankenhaus als Belegkrankenhaus stand von Anfang an für Patienten aller Glaubensrichtungen und Konfessionen offen. Auch konnten die Patienten (hier gab es eine Erste und Zweite Klasse) ihre Ärzte für Behandlungen und Operationen frei wählen, so dass das Krankenhaus auch anderen Mainzer Ärzten offenstand. Lediglich das Altersheim diente nur älteren Jüdinnen und Juden als Alterssitz. In den ersten zehn Jahren wurden über 3000 Patientinnen und Patienten aller Glaubensrichtungen behandelt; bis 1928 hatte sich die Anzahl an Aufnahmegesuchen drastisch erhöht und eine Vergrößerung der Anlage notwendig gemacht. Die Klinik und ihre stets modernisierte Einrichtung genossen einen hervorragenden Ruf in der Stadt.

Mit dem Jahr 1933 und der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland änderte sich das schlagartig. Der Betrieb der Klinik wurde immer wieder durch Vorschriften und Auflagen behindert. Als 1938 das gesamte chirurgische Gerät an das Kreisgesundheitsamt abgegeben werden mussteFranz Dumont: Helfen und Heilen - Medizin und Fürsorge in Mittelalter und Neuzeit. S. 801. In: Franz Dumont, Ferdinand Scherf, Friedrich Schütz (Hrsg.): Mainz – Die Geschichte der Stadt. 2. Auflage. Philipp von Zabern, Mainz 1999, ISBN 3-8053-2000-0., kam der medizinische Betrieb zum Erliegen. Die Räumlichkeiten standen nun fast ausschließlich für ältere Jüdinnen und Juden als Notwohnsitz zur Verfügung. Vor allem nach den Novemberpogromen 1938 war das Israelitische Krankenhaus deutlich überbelegt. In der nachfolgenden Zeit strömten immer mehr jüdische Flüchtlinge aus dem rheinhessischen Umland in die vermeintlich sicherere Stadt und suchten eine Unterkunft im Israelitischen Krankenhaus, das so viele Flüchtlinge wie möglich aufnahm.

Im September 1942 wurde aber auch dieses Refugium meist älterer und kranker jüdischer Menschen von dem nationalsozialistischen Terror heimgesucht. Alle noch verbliebenen jüdischen Mitglieder der Ärzteschaft und des Pflegepersonals und die zu dieser Zeit noch dort wohnenden Jüdinnen und Juden wurden im Rahmen der zweiten großen Deportation in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Die ebenfalls dort arbeitenden nichtjüdischen Pflegekräfte und Mitarbeiter wurden nicht deportiert, aber teilweise misshandelt. In die nun leerstehenden Gebäude zogen ausgebombte Mainzer Bürgerinnen und Bürger ein.

Nach dem Krieg