mini|Analoge Armbanduhr, Design aus den 1970er Jahren mini|hochkant|Armbanduhr von 1950

Eine Armbanduhr ist ein zu den Kleinuhren gehörendes Zeitmessgerät (Uhr), das mit Hilfe eines Armbands (Uhrenarmband), eines Armreifes, einer Spange oder eines Kettchens um das Handgelenk oder den Unterarm getragen wird. Die technisch im 19. Jahrhundert realisierte Armbanduhr etablierte sich im 20. Jahrhundert. Früher unterschied man (häufiger als heute) die Damenarmbanduhr von der Herrenarmbanduhr.

Geschichte Vorläufer der Armbanduhr Tragbare Uhren wurden nachweislich bereits ab dem frühen 15. Jahrhundert zunächst in Form von Taschenuhren gebaut, unter anderen von Peter Henlein (1485–1542). Sie wurden durch die Erfindung der Zugfeder möglich, die den AntriebHans Jendritzki: Vom Zugfeder-Antrieb. In: Schriften der Freunde Alter Uhren. Heft 21, Ulm 1982, S. 71–80. und die Unruh (noch mit Drehpendel) als Ersatz für das hängende Pendel als taktgebendes Element erlaubte; dadurch konnten die Uhren auf handliche Größe schrumpfen.

Bereits 1571 soll die englische Königin Elisabeth I. von ihrem Oberstallmeister und Günstling, dem Grafen von Leicester, eine kleine, an einem Armband oder eher Armreif (englisch „armlet“) – vermutlich in Form einer Berlocke – befestigte Uhr geschenkt bekommen haben.

Da es in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bereits kleine Uhren am Fingerring und im Degenknauf gegeben hatte, wurde vermutet, dass es auch schon Armbanduhren gegeben haben könnte.

Auch der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal (1623–1662) soll seine Taschenuhr am Handgelenk getragen haben.

Christiaan Huygens (1629–1695) erhielt ein französisches Patent für die Verwendung einer Spiralfeder mit einer Unruh, die er nach einem Vorschlag von Jean de Hautefeuille entwickelt hatte. Diese Kombination von Unruh und Spiralfeder wurde das zentrale Regulierorgan jeder mechanischen Armbanduhr.

In einem Almanach du Dauphin aus dem Jahr 1772 wurde ein Pariser Uhrmacher in der Rue de Buci aufgeführt, der angeblich Ring- und Armbanduhren anbot.

Für die Zeit um 1790 wurden in einem Rechnungsbuch der Genfer Uhrmacherwerkstatt Jaquet-Droz & Leschot offenbar weitere Uhren „qui est fixée sur un bracelet“ (die an einem Armband befestigt sind) genannt.Helmut Kahlert, Richard Mühe, Gisbert L. Brunner, Christian Pfeiffer-Belli: Armbanduhren: 100 Jahre Entwicklungsgeschichte. 1996.

Entwicklung der Armbanduhr im 19. Jahrhundert Der Pariser Hofjuwelier Étienne Nitot fertigte 1806 zwei mit Perlen besetzte Armbänder, davon eins zusätzlich mit mechanischem Kalender, das andere mit einer kleinen Uhr. Letzteres war also eine echte Armbanduhr. (Die Armbänder wurden ein Hochzeitsgeschenk der Kaiserin Joséphine de Beauharnais an ihre Schwiegertochter Auguste Amalia.) Abraham Louis Breguet baute seine erste Armbanduhr für Caroline Murat im Jahr 1810. Bei den frühen Armbanduhren (zunächst auch als „Uhrarmbänder“, französisch bracelet-montre statt montre-bracelet bezeichnet) befindet sich die 12 oft noch in Richtung der Finger, bevor sich die ab etwa 1850 nachweisbare, leichter ablesbare Variante mit einer in Armrichtung parallel zum Armband verlaufenden Zifferblattachse von der 6 zur 12 durchsetzte. Bis ins 20. Jahrhundert herrschte jedoch die Taschenuhr vor. Armbanduhren wurden vor allem von Frauen getragen.

Weitere Miniaturisierungen der Uhrwerke ließen die Uhren auf Armbandgröße schrumpfen, und 1880 etwa hatte sich die Armbanduhr, zunächst als (um 1860 noch mit einem Schlüsselaufzug des Zylinderwerks versehener) Schmuck-Armbanduhr, als neue Uhrengattung etabliert. Um 1890 wurde es für einige Zeit Mode, die armbanduhrgroßen Damentaschenuhren an Ketten oder Bändern als Schmuckuhr am Handgelenk zu tragen. Diese Mode galt zunächst als „weibisch“ – Herren benutzten zunächst weiterhin die Taschenuhr an der Uhrkette. Die Uhr an der Kette erwies sich für manche Verwendungen jedoch als unhandlich, zum Beispiel bei kinderbetreuenden Müttern und Erzieherinnen oder bei auf übereinstimmende Zeitmessung angewiesenen Soldaten, die ihre Hände für andere Tätigkeiten frei halten wollen. Girard-Perregaux soll neben anderen Schweizer Herstellern gemäß Jaquet und Chapuis ab etwa 1880 eine Serie von Armbanduhren für die deutsche Kriegsmarine produziert haben.Girard-Perregaux auf vintagewatchstraps.com

Impulse zu ihrer Weiterentwicklung erhielten die Armbanduhren-Hersteller durch die von Adrien Philippe entwickelte Zeigerstellung von der Aufzugskrone her Im Jahre 1842 hatte er die erste Remontoiruhr mit Kronenaufzug statt Aufziehschlüssel erfunden.

mini|Werbeanzeige für eine Armbanduhr für Radfahrer mit der Krone bei 12 Uhr, 1893 Weitere Entwicklung der mechanischen Armbanduhr im 20. Jahrhundert mini|Karl von Österreich mit seiner Familie mit Armbanduhr an seiner linken Hand (1916) Zu Beginn des 20. Jahrhunderts benutzten Frauen Uhren nicht mehr nur als Schmuckuhr, sondern zunehmend beruflich. Die Zahl der weiblichen Angestellten war zwischen 1882 und 1907 von 93.000 auf 452.000 angestiegen, und vor allem für berufstätige Frauen im kaufmännischen Bereich (als Bürokräfte), Post- und Schuldienst sowie als Angestellte im medizinischen Bereich wurden Armbanduhren gebräuchliche Arbeitsmittel. Auch von Sporttreibenden und sich über Kopfsteinpflaster bewegenden Fahrradfahrern wurde, wenn sie es sich finanziell leisten konnten, zunehmend die Armbanduhr benutzt.

Erste militärische Nutzungsmöglichkeiten als Teil der Feldausrüstung im Krieg bot der Zweite Burenkrieg (1899–1902), in dem britische Armeeangehörige zum Beispiel Uhren von Omega verwendeten, und zur Zeit des Ersten Weltkriegs (1914–1918), bei dem Armbanduhren mit stabilem Gehäuse mit Glasschutz (etwa als SchutzgitterJ. Hein: Eine Schweizer Armbanduhr mit abstellbarem Weckwerk und Schutzgitter über dem Glas aus der Zeit zwischen 1914 und 1918. In: Uhren und Schmuck. Berlin (Ost), Heft 1, 1984, S. 22–24. bei einem Modell von Cyma, Le Chaux-de-Fonds, aus dem Jahr 1915 oder als Savonnette, d. h. einem aufklappbaren Deckel, bei einer ebenfalls 1915 erhältlich gewesenen Armbanduhr) und Leuchtziffern für die Soldaten zum Einsatz kamen, hatte sich die Armbanduhr dann weltweit auch im zivilen Bereich durchgesetzt. Für die US-Armee entwickelte Cartier eine Armbanduhr mit dem Namen „Tank“ (engl. für Panzer). Nachdem die Offiziere im Ersten Weltkrieg festgestellt hatten, dass sich ihre Taschenuhren im Winter und allgemein unter Kampfbedingungen als unpraktisch erwiesen, setzte sich die Armbanduhr beim Militär und schließlich in der zivilen Gesellschaft schnell weiter durch und war bei Kriegsende zum Standard geworden. Auch Piloten, die in ihren damals spärlich mit Bordinstrumenten ausgestatteten Flugzeugen auf eine schnelle und präzise Zeitmessung angewiesen waren, benutzten bald Armbanduhren. Der brasilianische Flugpionier Alberto Santos Dumont ließ sich von dem befreundeten Pariser Uhrmacher Louis Cartier 1904 eine Uhr für Flieger bauen, die am Armband getragen wurde. In Zusammenarbeit mit Charles Lindbergh war ab 1932 eine von Longines entwickelte Stundenwinkel-Armbanduhr für Flieger erhältlich.

Als kennzeichnend für die Übergangszeit von Taschenuhr zur Armbanduhr nennt Kahlert kleine Uhren, die – wie Modelle aus den Jahren 1910 (Avia, La Chaux-de-Fonds) und 1912 (Péry Watch) – sowohl als Taschenuhr als auch als Teil der Armbanduhr genutzt werden können. Auch ließen Kunden ihre Taschenuhren vom Uhrmacher nachträglich zu Armbanduhren umarbeiten.

Im Jahr 1913 gab es bereits Armbanduhren, die über ein mehrere Tage laufendes Werk verfügten, etwa das umfunktionierte Taschenuhr-Modell „Hebdomas“ mit acht Tagen Gangreserve. Zu dieser Zeit inserierten verschiedene Schweizer Uhrenhersteller wie Omega großformatig unter anderem in deutschen Fachzeitschriften.

Dass Armbanduhren auch Chronometer sein können, wurde durch ein 1914 durch das Observatorium im englischen Kew ausgestelltes Ganzzeugnis für eine Armbanduhr der Firma Rolex gezeigt.

Die Taschenuhr verlor laut Kahlert jedoch erst nach 1930 ihre Bedeutung, als die Armbanduhr nach einer ab etwa 1910 einsetzenden „Experimentierphase“ ein eigenständiger, leistungsfähiger Uhrentyp geworden war und von Schweizer HerstellernVgl. etwa E. Jaquet, A. Chapuis: Technique and History of the Swiss Watch. London/New York 1970. mehr Armbanduhren als Taschenuhren verkauft wurden. Diese Trendwende zeichnete sich jedoch bereits um 1925 ab – noch bevor im Oktober 1927 der Ärmelkanal von Mercedes Gleitze mit einer wasserdichten Rolex Oyster (1926) am Arm fast vollständig durchschwommen wurde. In Deutschland setzte sich die Armbanduhr etwas zeitverzögert durch, was sich etwa daran zeigte, dass im Leitfaden der Uhrmacherlehre von Hermann Sievert in der 13., durchgesehenen, Auflage von 1931 diese noch gar nicht erwähnt wurde. Im Jahr 1934 ließ Helmut Junghans, dessen (größte deutsche) Uhrenfabrik Junghans 1930 ein selbstentwickeltes Ankerwerk für Herren-Armbanduhren auf den Markt brachte, täglich 1500 Taschenuhren und 2000 Armbanduhren fabrizieren. Die vor der bei Armbanduhren üblichen Schweizer Ankerhemmung benutzte Zylinderhemmung wurde auch 1937 und vereinzelt später noch verwendet. Die ab 1798 entwickelten Stiftankerhemmungen wurden bis ins letzte Drittel des 20. Jahrhunderts vor allem für billige Uhren verwendet.

Ab etwa 1930 entstanden die ersten gut wirksamen Stoßsicherungen für die Armbanduhr, wie sie insbesondere für Sportuhren nachgefragt wurden. Beim System Incabloc etwa sind Unruhsteine in einer konischen Führungsfläche gelagert. Seit 1938 konnte das System in alle Kaliber eingebaut werden. Ab etwa 1955 hat sich die Stoßsicherung erst für besonders hochwertige Armbanduhren durchgesetzt. „Doppelte Sicherheit“ versprach ab etwa 1965 das Armbanduhrmodell Certina DS, bei dem zwischen Gehäuse und Werk ein weicher Gummiring liegt.

Das erste in Deutschland verlegte Armbanduhren-Fachbuch schrieb 1925 Bruno Hillmann.Bruno Hillmann: Die Armbanduhr – ihr Wesen und ihre Behandlung bei der Reparatur. Verlag der Deutschen Uhrmacher-Zeitung, Berlin 1925. Im Jahr 1937 erschien das verbreitete von Hans Jendritzki verfasste Lehrbuch.Hans Jendritzki: Die Reparatur der Armbanduhr. 1937.

Seit den 1930er-Jahren wurde an der Konstruktion von Armbanduhren gearbeitet, die vor die Gangleistung (ab 100 Oersted) beeinflussenden Magnetfeldern geschützt waren. Dabei wurde zum einen mit dem Ersatz stählerner Bauteile, zum andern mit abschirmenden Gehäusen experimentiert. Im Jahr 1956 war dann das Modell „Ingenieur“ von IWC (Schaffhausen), das gegen magnetische Felder bis 1000 Oersted abgeschirmt ist, auf dem Markt.

Während ältere Armbanduhren noch mit einer bimetallischen Kompensationsunruh, die mit der Verwendung der von Charles Édouard Guillaume entwickelten Stahllegierung eine verbesserte Kompensation erhalten hatte, ausgestattet waren, sind seit den 1930er Jahren Armbanduhren mit selbstkompensierender Spiralfeder und einmetallischer Unruh üblich geworden. Seit 1960 fanden zunehmend ringförmige große Unruhen ohne Schrauben Verwendung. Als deren Vorläufer gilt die bei Patek Philippe um 1955 verwendete Unruh Gyromax.