Der Codex Turin J.II.9 ist eine Musikhandschrift des 15. Jahrhunderts, die sich unter der Signatur J.II.9 in der Biblioteca Nacionale Universitaria von Turin befindet. Der Codex ist nach wie vor die einzig vollständige, substantielle Dokumentation aus dieser Zeit und bietet einen tiefgehenden Einblick in die Musik, die das zyprische Königshaus in seinem täglichen Leben genoss. Die Zusammenstellung zeugt von einem gut entwickelten Musikstil, der in der Ars subtilior verwurzelt ist, aber dennoch verschiedene Abweichungen und Manierismen aufweist, die einzigartig für den Hof von Nikosia sind. Das macht sie zu einer wichtigen Ergänzung der westlichen Musik dieser Zeit.Evis Sammoutis, Peter Sheppard Skaerved, Timothy Hsu: The Legacy of the “Cyprus Codex” (MS. Torino J. II. 9): Creating New Technologies and Compositions through a Collaborative Process, in: Circuit: musiques contemporaines, 28 (2018), S. 69–82, hier S. 70. Der Codex Turin J.II.9 enthält allein im zweiten Teil 334 Motetten und weltliche polyphone Werke, von denen die meisten in keiner anderen Quelle auftauchen.
Geschichte Zypern ist die drittgrößte Insel im Mittelmeer und der östlichste Punkt Europas. Sie verbindet den Westen mit dem Nahen Osten, Afrika und Asien. So war sie seit der Antike ein wichtiger Knotenpunkt für Kulturen und Machtverhältnisse. Ab dem Jahr 330 n. Chr. gehörte die Insel zum Byzantinischen Reich. Nach dem Aufstieg des Islams im 7. Jahrhundert folgte eine bis zum Beginn des 10. Jahrhunderts andauernde Phase wechselnder Herrschaft in Koexistenz byzantinischer und arabischer Interessen. König Richard Löwenherz von England kaufte während des Dritten Kreuzzugs (1189–1192) die Insel und so begann eine Phase fränkischer Herrschaft. Nach dem Kreuzzug verkaufte Richard Zypern an den Templerorden, der sie wiederum an den französischen Adligen Guy de Lusignan veräußerte. Während der Lusignan-Dynastie verwandelte sich Zypern in ein westeuropäisches Königreich. Viele französische Adlige und Ritter kamen auf die Insel und gründeten ihre eigenen Gemeinschaften. Zudem wurde Zypern zu einem Zentrum für Handel und Gewerbe und verband Europa mit dem Nahen Osten.Richard H. Hoppin: The Cypriot-French Repertory of the Manuscript Torino, Biblioteca Nazionale, J.II.9, in: Musica Disciplina, 11(1957), S. 79–125.
Von 1398 bis 1432 herrschte König Janus I. de Lusignan über Zypern. Im Jahr 1411 heiratete er Charlotte von Bourbon. Mit ihr kamen u. a. auch zwei Musiker der Kathedrale von Cambrai, Jean Hanelle und Gilet Velut, nach Nikosia. Von beiden ist im Jahr 1410 belegt, dass sie petit vicaire an der Kathedrale von Cambrai waren. Im Auftrag des Königs sollten sie eine Handschrift mit der auf Zypern gebräuchlichen Musik zusammenstellen. Die Handschrift enthält auf f. 1r eine Miniatur von St. Hylarion und auf f. 1v-13 eine entsprechende Messe. Da Papst Johannes XXIII. am 13. November 1413 dem König Janus von Zypern gestattete, eine Messe zu Ehren von St. Hylarion zu komponieren, ist 1413 das früheste Datum für die Entstehung der Handschrift.Richard H. Hoppin: The Cypriot-French Repertory of the Manuscript Torino, Biblioteca Nazionale, J.II.9, Vol. I, American Institute of Musicology, Rom 1968, S. 1. Vermutlich wurde fast alle Musik vor 1420 niedergeschrieben.Richard H. Hoppin: The Cypriot-French Repertory of the Manuscript Torino, Biblioteca Nazionale, J.II.9, in: Musica Disciplina, 11(1957), S. 79–125, hier S. 93. Die Handschrift diente später als Brautgabe für die Tochter von Janus und Charlotte, die als Anne von Zypern oder Anne de Lusignan (1418–1462) bekannt ist. So kam die Handschrift anlässlich der Hochzeit von Anne mit Louis, Grafen von Genf, im Jahr 1434 nach Savoyen. Insofern könnten einige Teile zwischen 1420 und ca. 1433 niedergeschrieben worden sein. Von Jean Hanelle ist belegt, dass er sich am 16. August 1434 am Hof der Savoyer in Thonon am Südufer des Genfer Sees aufhielt.Karl Kügle: Glorious sounds for a Holy Warrior: New light on codex Turin J.II.9, in: Journal of the American Musicological Society, 65(2012), S. 637–690, hier S. 669. Karl Kügle argumentiert allerdings, dass die Handschrift in Turin um 1433/34 oder kurz danach in Brescia entstanden sei,Karl Kügle: The Repertory of Manuscript Torino, Bibliotecca Nazionale J.II.9, in: Günther, Finscher (Hrsg.): The Cypriot-French Repertory of the Manuscript Torino J.II.9 ..., American Institute of Musicology & Hänssler-Verlag, Neuhausen-Stuttgart 1995, S. 151–181, hier S. 175–178. oder vom Hof in Zypern in Auftrag gegeben oder angekauft worden sein könnte.Karl Kügle: Glorious sounds for a Holy Warrior: New light on codex Turin J.II.9, in: Journal of the American Musicological Society, 65(2012), S. 637–690, hier S. 646–648. Der Codex ist 1498 in einer Inventarliste der Bücher von Schloss Chambéry aufgeführt und 1749 im Katalog der Biblioteca Universitaria, der Nachfolgerin der fürstlichen Bibliothek der Savoyer. W. Beauvois vermutet,Michael W. Beauvois: Gilet Velut and the Codex Turin J.II.9, in: Music and Letters 106 (2025), S. 173–202, hier S. 190–193. auch wenn es keine Unterlagen hierzu gibt, dass am Hof in Zypern ein Kollektiv von Musikern und Poeten für die Erstellung des Codexes verantwortlich war. Gilet Velut könnte der Direktor oder einer der Leiter des Kollektivs und Jean Hanelle Mitglied dieses Kollektivs gewesen sein. Jean Hanelle muss über gute Fähigkeiten in der Kalligraphie verfügt haben, da er im Jahr 1428 zur scribenderia der Kathedrale in Nicosia gehörte.Karl Kügle: Glorious sounds for a Holy Warrior: New light on codex Turin J.II.9, in: Journal of the American Musicological Society, 65(2012), S. 637–690, hier S. 678. Von ihm ist bekannt, dass er sich mindestens bis 1436 auf Zypern aufhielt, während es für Gilet Velut keine entsprechenden Hinweise gibt.Michael W. Beauvois: Gilet Velut and the Codex Turin J.II.9, in: Music and Letters 106 (2025), S. 173–202, hier S. 173. Daniel Leech-Wilkinson schließt aus einer Analyse der Kompositionen, dass Gilet Velut den Großteil der Gesänge komponiert hat,Daniel Leech-Wilkinson: The Cyprus Songs, in: Günther, Finscher (Hrsg.): The Cypriot-French Repertory of the Manuscript Torino J.II.9, S. 395–431, hier S. 407–9. und zwar indem er seine eigene Komposition Jusqu'au jour d'uy als Muster für die Gesänge (vor allem die Balladen) verwendete, was ihm erlaubte, die Arbeit in kurzer Zeit fertigzustellen.Michael W. Beauvois: Gilet Velut and the Codex Turin J.II.9, in: Music and Letters 106 (2025), S. 173–202, hier S. 183.
Beschreibung Technische Beschreibung Der Codex umfasst 159 Blätter aus Pergament. Beim Brand der Turiner Bibliothek im Jahr 1904 wurden die Ränder der Handschrift versengt, doch die meisten Noten und Miniaturen blieben unversehrt. Doch sind leider auf vielen Seiten Notenschrift und/oder Text nur schwer lesbar. Aufgrund der starken Hitze hat auch die Farbe vieler Initialen und vor allem der roten Noten auf die gegenüberliegende Seite abgefärbt.Richard H. Hoppin: The Cypriot-French Repertory of the Manuscript Torino, Biblioteca Nazionale, J.II.9, Vol I, American Institute of Musicology, Rom 1968, S. I. Die beschädigten Blätter im ursprünglichen Format von 390 × 283 mm wurden mit schwerem Papier auf das Format von 380 × 300 mm ergänzt. Die Notenschrift nimmt einen Raum von 293 × 215 mm ein. Technisch setzt sich die Handschrift fast ausschließlich aus Quinternionen, d. h. Lagen von 10 Blättern (Folios) zusammen.Jean Widaman, Andrew Wathey, Daniel Leech-Wilkinson: The Structure and Copying of Torino J.II.9, in: Günther, Finscher (Hrsg.): The Cypriot-French Repertory of the Manuscript Torino J.II.9 ..., American Institute of Musicology & Hänssler-Verlag, Neuhausen-Stuttgart 1995, S. 95–140, hier S. 109–114. Die Handschrift, die ursprünglich ohne Einband in einer Kartonschachtel aufbewahrt wurde, erhielt nach der Restaurierung einen Einband aus braunem Leder über Holzdeckeln mit Metallschließen. Am oberen Rand der Recto-Seiten befindet sich eine moderne gestempelte Foliierung, am unteren Rand eine zweite, inkomplette Folienzählung, generell um eine Nummer höher.
Inhalt mini|hochkant=0.5|1. Teil, Folio 27r mit BrandspurenFolios f. 1r-28r enthalten einstimmige liturgische Gesänge: verschiedene Messen und Gesänge der Tagzeiten, darunter eine vollständige Messe zu Ehren St. Hylarions (f. 1r-13v) sowie eine Tagzeitenliturgie zu Ehren der heiligen Anna (f. 14r-19r). Danach folgen 3 vollständige Ordinariumszyklen und dreimal nur Kyrie, Sanctus und Agnus Dei. Diese Gesänge sind in Quadratnotation mit bis zu 8 Fünfliniensystemen pro Seite aufgezeichnet. Insgesamt 25 der 56 Seiten enthalten auch reine Textteile. Daneben fällt auf, dass die Notenlinien mehrfach nicht bis zum Rand durchgezogen wurden, wenn der Gesang früher endete.Richard H. Hoppin: Cypriot Plainchant of the Manuscript Torino, Biblioteca Nazionale J.II.9, American Institute of Musicology, Rom 1968, Abbildungen. Der polyphone Hauptteil ab f. 29 ist in schwarzer und schwarz-roter Mensuralnotation auf roten Linien mit 12 roten Fünfliniensystemen pro Seite geschrieben. Auf f. 29r-f.57r finden sich polyphone Ordinariumssätze (7 Gloria-Credo-Paare, 3 Glorias), auf f. 59r-97r Motetten (33 in lateinischer, gefolgt von 8 in französischer Sprache), auf f. 98r-139v insgesamt 102 französische Balladen, auf f. 139v-141v ein Ordinariumszyklus ohne Agnus Dei (später hinzugefügt), und auf f. 143r-158v 21 Virelais und 43 Rondeaux. Die Folios 28v, 57v-58v, 97v, 142r/v, 159r/v sind leer. Fast das gesamte Repertoire des Codex ist einzigartig. Allerdings enthält ein Brevier für den Gebrauch in Odense, das 1467 in Lübeck gedruckt wurde, ebenfalls eine Messe für St. Anna, deren Text erstaunlicherweise weitgehend mit dem Text des Codexes in Turin übereinstimmt.Richard H. Hoppin: Cypriot Plainchant of the Manuscript Torino, Biblioteca Nazionale J.II.9, American Institute of Musicology, Rom 1968, S. 20–26. Je nach Zählung kommt man auf 218 Gesänge ohne die Messliturgien,University of Illinois Musicology Archives for Renaissance Manuscript Studies: Census-Catalogue of Manuscript Sources of Polyphonic Music 1400–1550, Vol. III, American Institute of Musicology / Hänssler-Verlag, Neuhausen-Stuttgart 1982, S. 554 f. 228 Gesänge, oder 334 Gesänge allein im polyphonen Teil.Sibil*La Ensemble: Medieval history of Cyprus and the Franco-Cypriot Codex Die polyphonen Gesänge hat Richard Hoppin in moderne Notenschrift transkribiert.Richard H. Hoppin: The Cypriot-French Repertory of the Manuscript Torino, Biblioteca Nazionale, J.II.9, Vol. I-IV, American Institute of Musicology, Rom 1960–1963. Die Handschrift enthält auf f. 1r eine Miniatur des St. Hylarion. In den Rand der Miniatur sind vier Wappen eingefügt. Diese könnten Wappen der Avogadro-Familie in BresciaKarl Kügle: Glorious sounds for a Holy Warrior: New light on codex Turin J.II.9, in: Journal of the American Musicological Society, 65(2012), S. 637–690, hier S. 649. oder der Bagarotti-Familie aus Bologna sein. Ansonsten ist die Handschrift mit Randbordüren sowie blauen und roten Initialen auf goldenen Rechtecken mit purpurnem oder goldenem Filigree verziert. Dies ist das Werk eines oder höchstens zweier Künstler, die mit dem Stil des frühen 14. Jahrhunderts in der Region Lombardei – Venetien – Emilia-Romagna vertraut waren.Karl Kügle: Some Notes on the Structure of the Manuscript, in: Kommentar zum Faksimile, S. 25–63.
Stil der Musik Die Notenschrift stammt vermutlich von nur zwei Schreibern. Jedenfalls gibt es nur zwei Arten von Custoden, wobei die Custoden von Schreiber 1 überwiegend im vorderen Teil der Handschrift auftauchen. Möglicherweise könnten die Noten auch nur von einem einzigen Schreiber stammen.Jean Widaman, Andrew Wathey, Daniel Leech-Wilkinson: The Structure and Copying of Torino J.II.9, in: Günther, Finscher (Hrsg.): The Cypriot-French Repertory of the Manuscript Torino J.II.9 ..., American Institute of Musicology & Hänssler-Verlag, Neuhausen-Stuttgart 1995, S. 95–140, hier S. 105 f.