mini|Gedenktafel am Standort der zerstörten Unterlindau-Synagoge
Die Synagoge Unterlindau (Unterlindau 23) war eine Synagoge in Frankfurt am Main, die heute im Straßenbild baulich nicht mehr erkennbar ist. Sie wurde 1893 im Westend für die orthodoxe jüdische Gemeinde erbaut.
Rolle im jüdischen Leben der Stadt Frankfurt Eingeweiht wurde die Synagoge Unterlindau am 3. September 1893 durch Rabbiner Markus Horovitz (1844–1910). Anfänglich fanden 180 Männer und 90 Frauen in der Synagoge Platz. Die eigentliche Synagoge befand sich im Hinterhof. In weiteren Gebäuden war eine jüdische Religionsschule eingerichtet. In den 1920er Jahren nutzten verschiedene Institutionen die übrigen Gebäude des Komplexes. Unter anderem befand sich hier eine Geschäftsstelle des Keren Hayesod, die Geschäftsstelle der Zionistischen Vereinigung, studentische Einrichtungen wie die jüdische Studentenverbindung Saxonia, der jüdische studentische Ruderverein, der Jüdische Nationalfonds und der National-jüdische Jugendausschuss.
Die jüdische Gemeinde wuchs in den folgenden Jahrzehnten so stark, dass der Bau erweitert werden musste. Im Jahr 1925 lebten in Frankfurt am Main 29.385 Menschen, die in der Israelitischen Gemeinde und in der Israelitischen Religionsgesellschaft registriert waren. Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 468.000 Menschen entsprach dies einem Anteil von 6,3 %. Im Januar 1926 wurde das vergrößerte Haus eingeweiht und bot nun Raum für 600 Personen. Der Synagoge Unterlindau besonders verbunden war der Weinhändler Naftali Fromm (1869–1933), der Vater des Psychoanalytikers Erich Fromm. Dieser hatte in der Unterlindau-Synagoge seine Bar Mitzwa gefeiert.
Ab 1935, nach dem Inkrafttreten der „Nürnberger Gesetze“ zogen jüdische Familien und Einzelpersonen in großer Zahl in die Großstädte, weil sie hier auf besseren Schutz, Arbeit, Ausbildung für ihre Kinder oder Hilfe bei der Auswanderung hofften. Vermutlich um den Zuzug nach Frankfurt zu begrenzen, kürzte das städtische Fürsorgeamt mittellos zuziehenden Jüdinnen und Juden die Fürsorge um 30 Prozent – bislang konnte diese Praxis in keiner anderen deutschen Stadt nachgewiesen werden. Bis zum Auswanderungsverbot und dem Beginn der Massendeportationen 1941 waren etwa 11.000 Jüdinnen und Juden nach Frankfurt zugezogen, ca. 15.000 ins Ausland geflohen, 7.000 in andere Städte weggezogen. Das traditionsreiche Frankfurter Judentum vor 1933 hatte sich grundlegend verändert. In den Gebäuden Unterlindau 21–23 waren das Hechaluz und das Jüdische Palästinaamt tätig, die Sprachkurse, juristische und wirtschaftliche Beratung zur Alija anboten, der Auswanderung von Juden nach Palästina.
Novemberpogrom, Enteignung und Zerstörung Während der Novemberpogrome am 9. und 10. November 1938 wurden das Mobiliar verwüstet und die Fenster eingeschlagen. Im Unterschied zu anderen Frankfurter Synagogen fand in der Unterlindau-Synagoge keine Brandstiftung statt. Rabbiner Jakob Horovitz wurde verhaftet und im KZ Buchenwald festgehalten. Er starb 1939 an den Folgen der erlittenen Misshandlungen. Die Synagoge wurde notdürftig instand gesetzt und diente noch bis in den Sommer 1942 dem Gottesdienst.
Auf der Basis zweier so genannter „Judenverträge“ vom 3. April 1939 und 30. November 1942 musste die Jüdische Gemeinde Frankfurts der Stadt Frankfurt ihren Besitz für 1.819.395 Reichsmark weit unter Wert zwangsweise abgeben. Allein mit dem ersten Vertrag verlor die Gemeinde Liegenschaften auf einer Fläche von 93.206 Quadratmetern. Im November 1942 wurde auch das Grundstück der Unterlindau-Synagoge verkauft. Am 21. Oktober 1943 wurde in der Synagoge und den Wohnhäusern sowie im jüdischen Altenheim in der nahen Wöhlerstraße 6 ein Lager für osteuropäische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingerichtet. In den Luftangriffen auf Frankfurt wurde das Anwesen fast bis auf die Grundmauern zerstört.
Erinnerung 1955 wurden die Überreste des Gebäudes beseitigt und das Grundstück neu bebaut. Am 3. November 1988 wurde vor dem modernen Gebäude eine Gedenktafel angebracht mit dem Text:
Hier in der Unterlindau befand sich seit 1893 eine Synagoge der Israelitischen Gemeinde. Die Synagoge wurde in der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 verwüstet. In dieser Synagoge wirkte der Rabbiner Dr. Jakob Horovitz (1873-1939).
2025 recherchierten Frankfurter Jugendliche im Rahmen eines Konfirmandenprojekts der Evangelisch reformierten Gemeinde Frankfurt die Geschichte der bis dahin weniger bekannten Synagoge. Sie „spiegel[e] exemplarisch die Entwicklung jüdischen Lebens im Westteil der Stadt Frankfurt“.
Einzelnachweise
Frankfurt Westend Frankfurt am Main Kategorie:Synagoge in Frankfurt am Main Kategorie:Erbaut 1893 Frankfurt am Main Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Frankfurt am Main