Das Fußballländerspiel Sowjetunion gegen Bundesrepublik Deutschland fand am 21. August 1955 in Moskau statt und endete 3:2 für die Gastgeber. Es war ein bedeutendes sportpolitisches Ereignis in beiden Ländern in der Zeit des Kalten Krieges.
Vorgeschichte
Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war das Verhältnis zwischen der Sowjetunion und der jungen Bundesrepublik Deutschland sehr angespannt. Es gab keine diplomatischen Beziehungen, es saßen immer noch über 10.000 deutsche Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern und eine Wiedervereinigung beider deutscher Staaten war nicht absehbar. Bundeskanzler Adenauer suchte die Anbindung an die westlichen Staaten und grenzte sich in seiner Polemik scharf gegen die Sowjetunion ab. Am 8. Juni 1955 wurde die Bundesrepublik in die NATO aufgenommen und am 14. Juni wurde der Warschauer Vertrag als entgegengesetztes Militärbündnis gegründet, dem auch die DDR angehörte.
Die westdeutsche Nationalmannschaft war 1954 überraschend Fußballweltmeister geworden. Die sowjetische Nationalmannschaft war im selben Jahr erst wieder neu gebildet worden, nachdem sie 1952 nach einer schmählichen Niederlage gegen das abtrünnige Jugoslawien durch den Diktator Stalin aufgelöst worden war.
In der Sowjetunion war die Erinnerung an die Schrecken des Überfalls der deutschen Wehrmacht und das millionenfache Leid vor wenigen Jahren noch sehr lebendig.
Vorbereitungen Einladung In der Sowjetunion war der Plan entstanden, vor der geplanten Reise von Konrad Adenauer nach Moskau ein symbolträchtiges deutsch-russisches Massenereignis stattfinden zu lassen.Werner Kilian, Adenauers Reise nach Moskau. Freiburg, 2005, S. 94 Es wurde eine Menge Geld und Mühen in die politische Umrahmung dieses Länderspiels gesteckt, weil man bemüht war, eine „aufgeschlossene Stimmung für den Kanzlerbesuch zu schaffen.“ Etwa am 20. Mai 1955 erhielt der Deutsche Fußballbund (DFB) eine überraschende Einladung zu einem Länderspiel durch den Sowjetischen Fußballverband für den 24. Juli, worüber die West-Berliner Zeitung Der Tag am 22. Mai erstmals berichtete.Diplomatieprobe auf dem Rasen, in Frankfurter Rundschau vom 22. August 2025 (Text), mit einigen Details, Angaben nach Thomas Grimm (Hrsg.), Der Kracher von Moskau, 2015 Der Termin war für die deutschen Fußballer ungünstig, da er in deren Sommerpause lag. Daher wurde ein späterer Termin für den 21. August vorgeschlagen, dem der DFB dann zustimmte.
Bundeskanzler Konrad Adenauer reagierte darauf sehr verärgert, da er vorher nicht konsultiert worden war und forderte eine Absage des Spiels. DFB-Präsident Peco Bauwens verteidigte seine Zusage aber und erklärte, den deutschen Kriegsgefangenen wäre mit einer Absage nicht geholfen.Diplomatieprobe auf dem Rasen, in Frankfurter Rundschau vom 22. August 2025 (Text) In der westdeutschen Öffentlichkeit gab es viel Ablehnung gegen dieses Spiel, da man einen propagandistischen Nutzen für die Sowjetunion befürchtete. Der DFB-Präsident wurde vor dem Spiel von Bundesinnenminister Heinrich von Brentano instruiert, keine unbedachten Äußerungen wie bei vorhergehenden Länderspielen zu machen. Arthur Heinrich:, Der Deutsche Fußballbund. Eine politische Geschichte. PapyRossa. Köln 2000. ISBN 3-89438-194-9. S. 212; auch Thomas Grimm, 2015
Vorbereitung
Bundestrainer Sepp Herberger nahm die Spielvorbereitung sehr ernst und lud seine Nationalspieler Mitte Juli für ein Trainingslager nach Grünwald bei München ein, darunter sieben Weltmeister von Bern. Darüber und über die Freizeitaktivitäten der Spieler wurde in den nächsten Tagen ausführlich in Presse und Fernsehen berichtet.Der Kracher von Moskau, Dokumentarfilm, 2015, von Thomas Grimm, mit historischen Filmausschnitten Sepp Herberger erstellte auch Profile über jeden sowjetischen Spieler und machte seine Mannschaft damit vertraut.
In der DDR wurde durch den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) und das Reisebüro im Auftrag der SED die Verteilung von 1500 Karten für Interessierte in Ost- und Westdeutschland organisiert. Dazu wurden Einladungen an westdeutsche Gewerkschafter und weitere Linke sowie an interessierte Sportjournalisten versandt. Die SPD riet ihren Mitgliedern von einer Teilnahme ab. In DDR-Zeitungen wurde ebenfalls für eine Teilnahme geworben, diese wurden dann meist als Auszeichnung an junge Fußballer und gesellschaftlich bewährte Persönlichkeiten vergeben. Der Preis betrug etwa 1000 DM (DDR), was damals eine hohe Summe war, der FDGB stellte deshalb etwa 370.000 DM als Unterstützung zur Verfügung.Thomas Grimm (Hrsg.), Der Kracher von Moskau, Bonn, 2015, mit Details
Am 16. August fuhren etwa 900 westdeutsche und 600 ostdeutsche Fußballinteressierte mit vier Sonderzügen vom Ostbahnhof in Ost-Berlin. Dabei hatte man in sorgfältiger Regie die Schlafwagenabteile so belegt, dass jeweils ein westdeutscher Journalist mit einem aus der DDR zusammentreffen sollte, z. B. der Sportreporter Rudi Michel vom Südwestfunk mit Karl-Eduard von Schnitzler vom späteren „Schwarzen Kanal.“Werner Kilian:, Adenauers Reise nach Moskau. S. 95 In jedem Wagen gab es einen DDR-Funktionär, der die Reise überwachte. Am 19. August kam der Zug nach 60 Stunden Fahrt in Moskau an, wo die Besucher von Gästebetreuern sehr freundlich empfangen wurden. Sie wurden im vornehmen Hotel Moskwa untergebracht und konnten mit Reisebussen durch die Stadt fahren und Sehenswürdigkeiten ansehen.
Das letzte Training der bundesdeutschen Mannschaft fand am 19. August in Berlin-Wannsee statt. Danach flog sie vom DDR-Flughafen Berlin-Schönefeld nach Moskau. Dort wurde sie sehr herzlich empfangen und im luxuriösesten Hotel der Stadt Sowetskaja untergebracht, als einzige Gäste in dieser Zeit. Sie konnten sich in der Stadt frei bewegen, besuchten unter anderem das größte Warenhaus der Welt GUM und hatten viele freundliche Begegnungen mit Passanten auf der Straße.
Besonders in der Sowjetunion und in der DDR gab es eine große Aufmerksamkeit für das Spiel in den Medien und in der Bevölkerung. Aus Moskau wurde berichtet: „Setzt man sich in ein Taxi, so hört man vom Fahrer schon, bevor er den Anlasser anmacht, einen ganzen Schwall von Vorschlägen, wen man aufstellen müsste, und wie die westdeutsche Mannschaft am besten zu schlagen sei.“Neues Deutschland vom 20. August 1955, S. 6, aus Moskau, auch Berichte in den folgenden Tagen Es wurden Liveübertragungen angeboten, in der Bundesrepublik die Rundfunkübertragung durch den NDR, für das Fernsehen kommentierte Herbert Zimmermann, der auch beim WM-Finale in Bern 1954 dabei gewesen war. Der DDR-feindliche Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) in West-Berlin lehnte dagegen eine Übertragung als instinktlos ab.
Spiel Rahmenbedingungen Das Spiel fand im Dynamo-Stadion vor offiziell 54.000, tatsächlich aber 70.000 bis 80.000 Zuschauern statt. Darunter war auch DDR-Präsident Wilhelm Pieck, nach dessen Eintreffen die DFB-Funktionäre erst einmal ihre Nachbar-Ehrenloge für einige Zeit demonstrativ verließen. Es war ein heiß-schwüler Tag mit Temperaturen über 35 Grad, vor dem Spiel gab es einige Regenschauer, die für eine vorübergehende Abkühlung sorgten. Im Stadion waren große Porträts von Lenin und Stalin und ein langes propagandistisches Spruchband angebracht.
Nach dem Einlaufen erhielten die Spieler beider Mannschaften Blumensträuße, die sie dann in das Publikum warfen. Beim Erklingen der deutschen Nationalhymne erhoben sich die meisten Zuschauer von den Sitzen, einige DDR-Funktionäre blieben aber demonstrativ sitzen. Für viele Spieler gehörte dieser Moment zu den bewegendsten des Spieles, ebenso für viele Kriegsgefangene, die die Übertragung über den Lagerfunk mitverfolgen konnten.Deutsche Fußball-Nationalelf reist nach Moskau Deutschlandfunk Kultur, vom 21. August 2015 Danach wurde die sowjetische Hymne gespielt.
Spielverlauf Das Spiel wurde durch den englischen Schiedsrichter William Ling geleitet. Es wurde von beiden Mannschaften auf hohem Niveau und mit großer Fairness geführt.
Die sowjetische Mannschaft ging in der 16. Minute durch Nikolai Parschin in Führung, den Ausgleich erzielte Fritz Walter in der 29. Minute.Deutsche Fußball-Nationalelf reist nach Moskau Deutschlandfunk Kultur, vom 21. August 2015, mit Zitaten aus TV-Reportage von Herbert Zimmermann In der zweiten Halbzeit erzielte Hans Schäfer in der 53. Minute den deutschen Führungstreffer. In der 70. Minute schaffte Anatoli Maslenkin den Ausgleichstreffer und in der 74. Minute Anatoli Iljin den Siegtreffer zum 3:2 für die Gastgeber. Diese waren zu dieser Zeit die überlegene Mannschaft, die auch konditionell in der Schlussphase besser mit dem heißen Wetter zurechtkam.Deutsche Fußball-Nationalelf reist nach Moskau Deutschlandfunk Kultur, vim 21, August 2015, nach den Erinnerungen von Fritz Herkenrath Der deutsche Torwart Herkenrath verhinderte mit mehreren Paraden im Spielverlauf einen größeren Rückstand seiner Mannschaft.
Spielübersicht
Nach dem Spiel Nach dem Abpfiff war die Freude bei den sowjetischen Spielern und Zuschauern über den Sieg über den Weltmeister groß. Der deutsche Trainer Sepp Herberger tröstete seine Spieler in der Kabine, ihr Spiel sei besser gewesen als beim WM-Finale in Bern.Fritz Herkenrath, Erinnerungen, zitiert in Die deutsche Fußball-Nationalelf reist nach Moskau Deutschlandradio Kultur, vom 21. August 2021 Diese wurden auch während ihrer Rückfahrt in Bussen von vielen Menschen freundlich begrüßt. Am Abend erhielt bei einem Empfang jeder deutsche Spieler von einem sowjetischen Kollegen eine Schmuckkassette als Geschenk und am Büffet viele alkoholische Getränke.Diplomatieprobe auf dem Rasen, in Frankfurter Rundschau vom 22. August 2015 (Text) Zum Abflug erschienen der sowjetische Kapitän Igor Netto und der Trainer zu einer herzlichen Verabschiedung.
Bundeskanzler Adenauer reiste am 8. September zu einem Staatsbesuch nach Moskau und erreichte dort die Freilassung aller verbliebenen deutschen Kriegsgefangenen und die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen. Das vorherige Fußballspiel hatte zumindest atmosphärisch zu einer Entspannung zwischen beiden Ländern beigetragen. Am 15. September 1956 gab es ein Rückspiel in Hannover, das die sowjetische Mannschaft mit 2:1 wieder gewann, sie war in diesem Jahr auch Olympiasieger geworden.
Rezeption Der Torwart Fritz Herkenrath erklärte später, dieses Fußballspiel sei das bedeutendste in ihrem Leben gewesen.Der Kracher von Moskau, Dokumentarfilm, 2015, mit dieser Aussage, auch in den Erinnerungsbüchern weiterer Spieler Auch Fritz Walter, Horst Eckel und weitere Spieler erwähnten die Erlebnisse um dieses Spiel in ihren Lebenserinnerungen. Der bekannte russische Dichter Jewgeni Jewtuschenko schrieb darüber ein Gedicht.
Im Buch von Werner Kilian „Adenauers Reise nach Moskau“ (2005) wird unter der Überschrift „Das Vorspiel auf dem Fußballrasen“, ein kleiner Abschnitt dem Thema des Länderspiels gewidmet. Es sei im politischen Teil der Zeitungen und bei den Politikern in Bonn erstaunlicherweise kaum zur Kenntnis genommen worden. Der Filmemacher Thomas Grimm erstellte 2015 eine Dokumentation mit historischen Filmaufnahmen, Zeitzeugenberichten und weiteren Hintergrundinformationen, sowie einen umfangreichen Sammelband.
Literatur
Thomas Grimm (Hrsg.): Der Kracher von Moskau. Fußball zwischen Sport und Politik. Das Fußballspiel Sowjetunion gegen die Bundesrepublik Deutschland am 21. August 1955. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015. 255 Seiten Dittmar Dahlmann: Fußball ist nur Fußball. Das Fußballländerspiel Sowjetunion gegen Bundesrepublik Deutschland am 21. August 1955 im Moskauer Dinamo-Stadion. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. 2010. S. 402–418 Werner Kilian: Adenauers Reise nach Moskau. Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.). Herder. Freiburg im Breisgau 2005. ISBN 3-451-22995-1. S. 94–97.
Weblinks Der Kracher von Moskau bpd Länderspiel Sowjetunion – Deutschland NDR-Radioübertragung
Länderspiel UdSSR – BRD 1955 Datencenter, mit statistischen Angaben zu den Spiel