miniatur|Ministerpräsident Bulganin und Bundeskanzler Adenauer am 14. September 1955 Konrad Adenauers Moskau-Reise fand vom 8. bis 14. September 1955 statt. Sie führte zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland und zur Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus sowjetischen Lagern. Sie war die erste wichtige außenpolitische Handlung der Bundesregierung seit der formalen Unabhängigkeit und der erste Besuch eines westdeutschen Staats- oder Regierungschefs in Moskau.

Vorgeschichte Nach dem Tod von Josef Stalin 1953 begann die neue sowjetische Führung unter der Leitung von KPdSU-Generalsekretär Nikita Chruschtschow und Ministerpräsident Nikolai Bulganin mit einer außenpolitischen Entspannungspolitik. 1954 reiste Chruschtschow nach China und im April 1955 nach Jugoslawien, um sich mit den dortigen sozialistischen Führungen auszusöhnen. Im April 1955 wurde das Moskauer Memorandum über die Wiederherstellung der Souveränität Österreichs und den Abzug aller sowjetischen und westlichen Truppen von dort vereinbart. Kurz darauf wurde dann die Bundesrepublik Deutschland am 8. Juni in die NATO aufgenommen, und am 14. Juni erfolgte die Gründung des Militärbündnisses des Warschauer Pakts, dem auch die DDR angehörte, was zur Intensivierung des Kalten Krieges führte.

Die Sowjetunion hatte seit 1952 mehrere Angebote über Verhandlungen zur Wiedervereinigung Deutschlands unter der Bedingung von dessen politischer Neutralität (Stalin-Noten) gemacht, die Bundeskanzler Adenauer aber stets als „Propagandaaktivitäten“ ablehnte, da er die Einbindung in das westliche Bündnissystem für unerlässlich hielt.APuZ, 1986, Abschnitt IX, mit Anm. 79, Adenauer schrieb in seinen Memoiren, er habe auch bei der Moskau-Reise Maß gehalten zu den sowjetischen Vorschlägen zur deutschen Wiedervereinigung Ende Januar 1955 beschloss der Oberste Sowjet der UdSSR die Beendigung des Kriegszustandes mit Deutschland und die Aufhebung aller juristischen Einschränkungen gegen dessen Staatsbürger als Bürger eines feindlichen Staates. In dieser Zeit wurden auch weitere Kriegsgefangene entlassen und im April die Freilassung der verbliebenen angekündigt, so öffentlich vom freigelassenen Feldmarschall Ferdinand Schörner, dem letzten Heereschef.APuZ, 1986, Abschnitt III, mit Anm. 22

Am 7. Juni erhielt Bundeskanzler Konrad Adenauer überraschenderweise eine Einladung zu einem Staatsbesuch nach Moskau, um die noch ungeklärten Fragen bezüglich der Situation in Deutschland zu besprechen.APuZ, 1986, Abschnitt IV, mit Anm. 25; auch Felix Kellerhoff, Als Adenauer in die Wodkaschlacht ausrückte, in Welt vom 30. August 2025, mit einigen Einzelheiten der Hintergründe und der Reise Am 30. Juni erfolgte eine offizielle deutsche Zusage, allerdings mit Einschränkungen. Danach begannen auf beiden Seiten die Vorbereitungen. Die deutsche Regierung ließ einen vermeintlich abhörsicheren Sonderzug nach Moskau zusammenstellen, in dem die Delegation in Moskau tagen können sollte. Am 23. August fand das erste Fußballländerspiel zwischen beiden Ländern in Moskau statt, das die Gastgeber gegen den amtierenden Weltmeister mit 3:2 gewannen.

Vor ihrer Abreise äußerten sich Bundeskanzler Adenauer und Außenminister von Brentano zu den Zielen ihrer Reise:

Delegationen Deutsche Delegation Zur deutschen Delegation gehörten insgesamt 140 Personen, darunter Ministerialbeamte, Referenten, Dolmetscher, Sekretärinnen, Sicherheitspersonal, Nachrichtendienstmitarbeiter, Post- und Bahnmitarbeiter, Flugbegleiterinnen, ein Arzt und ein Koch.Gesamtdelegation Konrad Adenauer (PDF; 6,6 MB), vollständige historische Liste

Konrad Adenauer (CDU), Bundeskanzler und Delegationsleiter Heinrich von Brentano (CDU), Außenminister Hans Globke (CDU), Staatssekretär Walter Hallstein (CDU), Staatssekretär Kurt Georg Kiesinger (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages Carlo Schmid (SPD), stellvertretender Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages und Oppositionsführer Karl Arnold (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundesrates

Sowjetische Delegation Zur sowjetischen Delegation gehörten Nikolai Bulganin, Ministerpräsident und Delegationsleiter Nikita Chruschtschow, Generalsekretär der KPdSU Wjatscheslaw Molotow, Außenminister

Journalistische Begleiter Marion Gräfin Dönhoff Klaus Mehnert Gerd Ruge

Verlauf 8. September Am Mittwoch, dem 8. September 1955, traf die deutsche Delegation mit einem Flugzeug der Lufthansa gegen 17 Uhr Ortszeit auf dem Flughafen Moskau-Wnukowo ein. Sie wurde von Ministerpräsident Bulganin und weiteren sowjetischen Vertretern mit allen militärischen Ehren empfangen. Dieses wurde auch im sowjetischen Rundfunk übertragen und konnte so von deutschen Kriegsgefangenen mitverfolgt werden, die dabei auch die deutsche Nationalhymne hörten.Heimkehr aus dem Osten, Dokumentarfilm, SWR 2005, mit Zeitzeugenberichten Die deutsche Delegation fuhr mit eigenen repräsentativen Fahrzeugen nach Moskau in das Hotel Sowjetskaja, das von vielen sowjetischen und deutschen Sicherheitsmitarbeitern streng kontrolliert wurde.

9. bis 12. September Am Morgen des 9. September servierten die Gastgeber ein ausgiebiges Frühstück, unter anderem mit Wodka und weiteren alkoholischen Getränken.Adenauers Moskau-Reise 1955 Konrad Adenauer, zum 9. September, mit vielen Einzelheiten auch zu den folgenden Tagen Gegen 12 Uhr begannen die offiziellen Verhandlungen, zunächst mit Erklärungen der beiden Delegationsleiter.

Am 10. September wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Dabei kam es zu heftigen emotionalen Auseinandersetzungen, nachdem Ministerpräsident Bulganin die Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht in der Sowjetunion ausführlich beschrieben hatte und Bundeskanzler Adenauer diese zwar alle bestätigte, aber auch auf „viele schreckliche Dinge“ hinwies, die sowjetische Soldaten in Deutschland verübt hatten. Der Dolmetscher übersetzte das mit einem schärferen russischen Wort für „Gräueltaten“, worauf Parteichef Chruschtschow sehr erregt und lautstark auf die vielen Verbrechen verwies, die diese Soldaten vorher in ihrer Heimat hätten mit ansehen müssen.Heimkehr aus dem Osten, SWR, mit Aussagen von einem Dolmetscher, der an dem Gespräch teilnahm

Die Verhandlungen kamen in den nächsten Tagen zu keinem Ergebnis, da die sowjetische Führung auf der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen als Voraussetzung für alle weiteren Verhandlungen bestand und die deutsche Delegation ihrerseits auf der Freilassung aller verbliebenen Kriegsgefangenen.APuZ, 1986, Abschnitt VIII Am 10. September besuchten beide Delegationen eine Aufführung des Balletts Romeo und Julia von Sergej Prokofjew im Bolschoi-Theater. Nach dem Ende der Darbietung ergriff Adenauer bewegt die Hände seines Nachbarn Bulganin in der Ehrenloge, berührt von den Oberhäuptern der verfeindeten Familien in dem Stück, die sich über den Leichen ihrer getöteten Kinder die Hände reichten.

Am 11. September ließ der Kanzler über das Hoteltelefon ein Flugzeug in Köln-Bonn für einen angeblichen früheren Rückflug bestellen, in der Annahme, dass das Gespräch von sowjetischer Seite abgehört würde und er damit Druck auf den weiteren Verhandlungsverlauf ausüben könnte. Am Sonntag, dem 12. September, besuchten Konrad Adenauer und weitere deutsche Delegationsmitglieder eine Messe in der katholischen St.-Louis-Kirche. Danach trafen sich die führenden Vertreter beider Seiten in einer kleineren Villa zu einem weiteren Austausch, der zwar entspannter verlief, aber auch zu keinen Ergebnissen führte.

13. bis 14. September Am Abend des 13. September gab es einen Empfang im repräsentativen Georgs-Palais. Dabei kam es bei einem persönlichen Gespräch zwischen Bulganin und Adenauer endlich zu einer Einigung. Der sowjetische Ministerpräsident versprach, alle verbliebenen deutschen Gefangenen freizulassen, wenn vorher die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern vereinbart worden sei. Der Bundeskanzler forderte dafür eine schriftliche Zusage, die Bulganin aber verweigerte, er gebe sein Ehrenwort, das müsse ausreichen.

Am Vormittag des 14. September kam es im deutschen Konferenzwagen zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen Adenauer einerseits und von Brentano sowie Globke und Hallstein andererseits, die betonten, man könne sich auf das sowjetische Ehrenwort nicht verlassen. Sie forderten daher die Vertagung der Verhandlungen in Arbeitsgruppen, so man es in Vorbereitung der Reise vorgesehen hatte.Heimkehr aus dem Osten, Dokumentarfilm 2005, mit Aussagen von mitgereisten Journalisten und Delegationsmitgliedern Der Bundeskanzler bestand auf der Vereinbarung, weil er die Gefangenen bald freibekommen wollte. Danach wurde ein Abkommen über die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern feierlich unterzeichnet, das auch die Verbesserung von Wirtschaftsbeziehungen und des Kulturaustauschs vorsah.

Wirkungen miniatur|Die Mutter eines Kriegsgefangenen küsst Adenauers Hand

Am Nachmittag des 14. September traf die deutsche Delegation auf dem Flughafen Köln-Bonn ein und wurde von mehreren tausend Menschen begeistert begrüßt. Die Mutter eines Gefangenen küsste Bundeskanzler Adenauer vor laufenden Kameras die Hand, was von vielen als ein Zeichen der großen Anteilnahme in der Bevölkerung verstanden wurde. Adenauer erklärte in einer Rede, dass es ihm gelungen sei, die Zusage der sowjetischen Führung für die Freilassung aller deutschen Gefangenen zu erhalten. Diese wurden dann von Oktober 1955 bis Januar 1956 zurückgeführt, einige in die DDR, die meisten in die Bundesrepublik. Nur wenige NS-Straftäter wie KZ-Aufseher und SS-Mitglieder wurden danach in der Bundesrepublik noch einmal vor Gericht gestellt. Neben den kriegsgefangenen Wehrmachtssoldaten betraf die Freilassung auch z. B. wegen Spionage oder Taten in der NS-Zeit verurteilte Zivilisten, die in Osteuropa oder der SBZ verhaftet worden waren. Nach sowjetischen Angaben waren es noch 9626.

1957 wurde Konrad Adenauer mit absoluter Mehrheit zum Bundeskanzler wiedergewählt, was viele Experten auch als ein Ergebnis seiner Reise ansahen. Bei einer Umfrage zu seinem größten Erfolg erklärte eine Mehrzahl der Befragten, dies sei die Rückholung der Kriegsgefangenen gewesen (obwohl sie die sowjetische Führung bereits im Frühjahr 1955 angekündigt hatte). Willy Brandt besuchte 1970 als nächster Bundeskanzler die Sowjetunion und Helmut Kohl 1988.

Literatur Helmut Altrichter (Hrsg.): Adenauers Moskaubesuch, Bouvier, Bonn 2007 Werner Kilian: Adenauers Reise nach Moskau. Herder, Freiburg 2005 Rolf-Dietrich Keil: Mit Adenauer in Moskau. Bouvier, Bonn 1997 Adenauers Moskaureise 1955. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ). Nr. 12, vom 26. Mai 1986 (Text), sehr ausführlich

Sven Felix Kellerhoff: Als Adenauer in die Wodkaschlacht ausrückte. In: Welt vom 30. August 2025 (Text), mit Einzelheiten

Weblinks Adenauers Moskau-Reise Konrad Adenauer, mit vielen Details der Reise Adenauer in Moskau Getty Images, mit einigen Fotos

Einzelnachweise

Adenauer Kategorie:Deutsch-sowjetische Beziehungen Kategorie:Geschichte Moskaus Kategorie:Geschichte (Sowjetunion) Moskau-Reise Kategorie:Politische Veranstaltung 1955