Unserdeutsch (Autoglossonyme: Kaputene Doitsh,Lindenfelser, passim. Kapute Deutsch; englisch: ) ist eine sterbende Kreolsprache im Südwestpazifik, die heute hauptsächlich in Australien und zu einem geringen Teil in Papua-Neuguinea gesprochen wird. Sie ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Umfeld einer katholischen Internatsschule in der einstigen deutschen Südseekolonie Deutsch-Neuguinea entstanden. Nach heutigem Kenntnisstand ist Unserdeutsch die einzige Kreolsprache der Welt, deren Wortschatz auf dem Deutschen basiert. Ihre grammatische und lautliche Struktur ist jedoch deutlich stärker vom örtlichen Tok Pisin (Melanesisches Pidgin-Englisch) beeinflusst, das heute einen offiziellen Status in Papua-Neuguinea hat.

Im Jahr 2020 wird Unserdeutsch nur noch von weniger als 100 älteren Menschen als Erstsprache gesprochen. Sprecherzahl und Sprachgebrauch sind seit den 1960er Jahren anhaltend rückläufig, Unserdeutsch gilt somit als kritisch gefährdet.

Sprachentstehung und Sprachgeschichte Die Geschichte von Unserdeutsch beginnt um das Jahr 1900 an der katholischen Missionsstation der Herz-Jesu-Missionare (MSC) in Vunapope (heute Stadtteil von Kokopo, damals Herbertshöhe), in der Nähe von Rabaul (damals Simpsonhafen), auf der Insel Neubritannien (damals Neupommern), der größten Insel des Bismarck-Archipels.

In den 1880er Jahren haben sich deutsche Herz-Jesu-Missionare in Vunapope niedergelassen und 1897 ein Waisenhaus und eine Internatsschule für die zahlreichen Kinder gegründet, die im weiteren Umfeld der Mission aus interethnischen Beziehungen zwischen europäischen oder asiatischen Männern und einheimischen Frauen geboren wurden. Die Kinder wurden gesammelt und in der Missionsstation nach europäischen Wertevorstellungen und im katholischen Glauben aufgezogen und unterrichtet. Sie wuchsen in der Mission in geografischer und sozialer Isolation mit dem Bewusstsein und der Erfahrung auf, weder zur weißen Kolonialbevölkerung zu gehören noch indigene Schwarze zu sein. Somit standen sie aufgrund ihrer Hautfarbe zwischen den Fronten der damaligen kolonialen Rassengesellschaft, was zur entscheidenden außersprachlichen Voraussetzung für die Genese von Unserdeutsch wurde.

Die Kinder wurden in der Missionsschule in Hochdeutsch unterrichtet und durften auch im Alltag nur Hochdeutsch sprechen. Die Verwendung von Tok Pisin, das von den meisten Kindern bei Eintritt in die Mission als Erstsprache gesprochen wurde, war als Sprache der „Kanaken“ strikt verboten. Im Zuge des erzwungenen Erwerbs des Hochdeutschen etablierten die Kinder eine pidginisierte, d. h. vereinfachte und restrukturierte Form des Deutschen für die Kommunikation unter sich, deren Vokabular einerseits weitgehend dem Deutschen entnommen wurde, deren grammatische und lautliche Struktur aber andererseits stark an Tok Pisin angelehnt war. Die aufwachsenden Missionskinder verblieben auch nach Austritt aus der Schule an der Mission. Auf den Schulaustritt folgend war für die jungen Männer eine Handwerkerschule und für die Frauen eine Hauswirtschaftsschule vorgesehen. Bei Volljährigkeit wurden sie anschließend von den Missionaren untereinander (zwangs-)verheiratet, erhielten zur Niederlassung meist ein Grundstück auf dem Missionsgelände und wurden in verschiedenen Einrichtungen der Mission etwa als Landwirt, Baumeister, Verwaltungsangestellte etc. beschäftigt. Dank der Endogamie konnte sich die unter ihnen gesprochene, pidginisierte Varietät des Deutschen in den neu gegründeten gemischtrassigen Haushalten als familiäre Alltagssprache etablieren und dort dann auch zur Erstsprache der nächsten gemischtrassigen Generation werden. Unserdeutsch wird somit in der Zwischenkriegszeit bereits ein recht fortgeschrittenes Stadium des funktionalen Ausbaus, der strukturellen Konventionalisierung und auch die Stufe der Nativisierung erreicht haben und kann somit ab dieser Zeit als kreolisiert gelten.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 verlor das Deutsche Reich seine Südseekolonien und australische Truppen besetzten das damalige Neupommern. Die Missionare durften als einzige Deutsche auf der Insel bleiben. Mit ihnen blieb auch die deutsche Sprache zumindest im informellen Alltag und eine Weile auch noch als Schulfach an der Mission präsent, selbst wenn Englisch als neue offizielle Unterrichtssprache festgelegt wurde. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Niederlage des Deutschen Reichs wurde die deutsche Sprache 1945 endgültig aus der Missionsschule verbannt. Unserdeutsch und zum Teil auch Hochdeutsch fanden ab jetzt nur noch im privaten und im Arbeitsumfeld an der Mission Verwendung.

Die sich bereits ab den 1960er Jahren abzeichnende Unabhängigkeit Papua-Neuguineas wurde schließlich 1975 erreicht. Viele Angehörige der Vunapope gemischtrassigen Gemeinschaft waren nun durch die „indigenisierungs Politik“, die staatlich gezielte Förderung der indigenen Bevölkerung, erneuter Diskriminierung ausgesetzt und selbst bei einer Beschäftigung in einer Missionseinrichtung drohte ihnen die Entlassung. Bis auf wenige Ausnahmen emigrierten alle nach Australien, nicht zuletzt auch in der Hoffnung auf bessere Zukunftschancen für ihre Kinder. Die Sprachgemeinschaft zerstreute sich hier in den urbanen Ballungszentren entlang der australischen Ostküste. In der Diaspora ist Unserdeutsch zu einer kommunikativ wertlosen Sprache geworden. Als familiäre Alltagssprache wurde es – auch infolge der immer häufigeren Mischehen unter den Gruppenmitgliedern – vom Englischen abgelöst und an die nächsten Generationen nicht mehr weitergegeben. Die Sprachgemeinschaft begann zu schrumpfen und veraltete immer mehr. Heute (Stand: 2017) leben höchstens noch etwa 100 Unserdeutsch-Sprecher in Australien und etwa 10 in Papua-Neuguinea. Selbst die jüngsten unter ihnen sind inzwischen über 60, die allermeisten deutlich über 70 Jahre alt. Angesichts dieser Umstände gilt Unserdeutsch heute als kritisch gefährdet und wird, wenn die Trends der vergangenen Jahrzehnte weiterhin anhalten, innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahrzehnte ausgestorben sein.

Allgemeine strukturelle Charakteristika Kreolsprachen entstehen typischerweise als Folge von kolonialem Sprachzwang und anhaltendem, regelmäßigem Kontakt zwischen den Sprachgemeinschaften der Kolonisatoren und der Kolonisierten. Ihre Grammatik ist in der Regel stark vom Einfluss der am Sprachkontakt beteiligten Sprachen der Kolonisierten geprägt, die ihrerseits das Substrat des Kreols darstellen. Der Wortschatz wird überwiegend aus der dominanten europäischen Sprache entnommen, die das Superstrat bildet. Im Fall von Unserdeutsch ist das dominante Substrat das von den meisten Missionskindern der ersten Generation als Erstsprache gesprochene Tok Pisin, während die Superstratsprache das Deutsche ist, das von den Missionaren in Vunapope gesprochen und unterrichtet wurde.

Da Unserdeutsch seine Wurzeln im (frühen) Zweitspracherwerb des Deutschen hat, zeigt es strukturelle Ähnlichkeiten mit anderen Formen von deutschen L2-Varietäten; sowohl mit deutschbasierten Pidgins wie etwa Küchendeutsch in Namibia als auch mit deutschen Lernervarietäten, wie sie etwa im Zusammenhang mit dem sogenannten „Gastarbeiterdeutsch“ diskutiert und beschrieben worden sind. Im Gegensatz zu letzteren ist aber die im Vergleich zum Deutschen feststellbare relative strukturelle Einfachheit und die Restrukturierung von Unserdeutsch nicht mit dem unvollständigen Spracherwerb zu erklären. Die gemischtrassigen Kinder der ersten (und z. T. auch der zweiten) Generation hatten ja an der Mission einen uneingeschränkten Zugang zum Deutschen, das sie, wie schriftliche und mündliche Überlieferungszeugnisse zeigen, infolge des Erwerbszwangs sowohl schriftlich als auch mündlich tatsächlich erworben haben. Strukturelle Abweichungen vom Deutschen scheinen vielmehr als das Ergebnis von bewusstem sprachlichem Widerstand, gleich dem Wesen eines jugendsprachlichen Soziolekts, konstruiert und konventionalisiert worden zu sein, als eine Art symbolische Distanzierung vom Deutsch der Missionare. Vom Hochdeutschen abweichende Strukturen wurden also – als identitätsstiftender Akt – zur Schaffung einer distinktiven Gruppenidentität offensichtlich bewusst bevorzugt, und (a) mittels spontaner Simplifizierungen deutscher Strukturmerkmale, (b) durch strukturelle Einflüsse aus Tok Pisin sowie (c) durch autochthone sprachliche Innovationen hergestellt.

Im Gegensatz zu Lernervarietäten und auch zu Küchendeutsch ist die sprachliche Struktur von Unserdeutsch – trotz seiner selbstverständlich vorhandenen internen Variabilität – weitgehend stabil und relativ ausgebaut. Die relativ schnelle und weitgehende Konventionalisierung seiner sprachlichen Struktur wurde begünstigt vor allem durch das geschlossene und dichte soziale Netzwerk der Gemeinschaft, die recht schnell einsetzende alltagssprachliche Verwendung der Sprache und ihre identitätsmarkierende Funktion.

Unserdeutsch ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie erstaunlich schnell kontaktinduzierter Sprachwandel vor sich gehen kann: Zwischen dem Beginn des erzwungenen Deutscherwerbs in der Internatsschule und der Genese eines relativ stabilen, ausgebauten und als Erstsprache erlernten Kreols liegt nicht mehr als eine einzige Generation.

Dank der Hochdeutschkompetenz der ersten Generation und der bis weit in die Nachkriegszeit reichende Präsenz der deutschen Missionare in Vunapope existierte Unserdeutsch über mehrere Jahrzehnte hinweg neben bzw. im Schatten des deutlich prestigevolleren deutschen Gebrauchsstandards der weißen Missionare. Je nach Beruf, Intensität des Kontakts zu den Missionaren und Prestigeorientierung haben einzelne Familien ihren Sprachgebrauch in unterschiedlichem Maße an der deutschen Leitvarietät der Missionare ausgerichtet, auch um sich dadurch in der Prestigehierarchie innerhalb der eigenen Gemeinschaft zu positionieren. Die Folge war die Entstehung einer Art Kreolkontinuum zwischen basilektalem Unserdeutsch mit größter struktureller Distanz zum Hochdeutschen und maximaler Nähe zu Tok Pisin, und meso- bzw. akrolektalen Varietäten mit größerer Nähe zum Hochdeutschen, dadurch größerer struktureller Elaboriertheit und geringerem Grad von Restrukturierung.

Sprachstruktur Unserdeutsch weist neben kreoltypischen soziohistorischen bzw. Kontextmerkmalen wie das relativ junge Alter der Sprache oder die für die Sprachentstehung entscheidende asymmetrische Machtkonstellation auch in seiner Sprachstruktur verschiedene kreoltypische Züge auf. Diese zeigen sich vor allem im geringeren Grad an struktureller Komplexität im Vergleich zur Lexifikatorsprache, dabei vor allem auch in der Tendenz zum isolierenden Sprachbau, und generell im tiefgreifenden Substrateinfluss von Tok Pisin in Lautung und Grammatik.

Lexik Unserdeutsch verfügt im Vergleich zu seiner Lexifikatorsprache über ein deutlich kleineres Lexikon sowohl bei Inhalts- wie auch bei Funktionswörtern. Dies erklärt sich nicht zuletzt auch damit, dass Unserdeutsch seit jeher ausschließlich in der informellen Mündlichkeit verwendet wurde, und anderen Registern und Funktionen nie gerecht werden musste. Der weit überwiegende Teil des Vokabulars stammt aus dem Deutschen, ergänzt mit Übernahmen sowohl aus dem Tok Pisin als auch dem australischen Englisch. Nicht-deutsche Lexik in UnserdeutschAus dem Tok Pisinkakaruk (‘Huhn, Hahn’), kaukau (‘Süßkartoffel’), kanda (‘Bambusstock’), wokabaut (‘gehen, spazieren’), hambak (‘unartig, frech’), hausboi/hausmeri (‘männlicher/weibliche Hausangestellte/r’), wantok (‘Landsmann/Freund’), orait (‘gut, okay’)Aus dem Englischenshtore (‘Laden/Geschäft’), business (‘Geschäft’), office (‘Büro’), government (‘Regierung’), whether (‘ob’), o(r) (‘oder’) Vor allem bei den Verben kommen häufiger hybride Wortformen in Unserdeutsch vor. In erster Linie solche mit englischem Stamm und Affixen aus dem Deutschen und/oder aus dem Tok Pisin. Beispiele hybride WortformenDu hat ge-mention ire muter.