mini|Spätgotische evangelische Dorfkirche St. Laurentius in Erbstetten mini|Freibad Bädle in Erbstetten Erbstetten (mundartlich Erbschdede)Reichardt, S. 97. ist ein Pfarrdorf und seit 1971 ein Ortsteil der Gemeinde Burgstetten im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis. Erbstetten gehört zur Region Stuttgart (bis 1992 Region Mittlerer Neckar) und zur Randzone der europäischen Metropolregion Stuttgart.

Geographische Lage Erbstetten liegt zwischen dem Maubach im Osten und dem Söllbach im Westen.

Umliegende Ortschaften sind Mittelschöntal, Oberschöntal, Neuschöntal, Germannsweiler, Maubach, Waldrems, der Stiftsgrundhof, Nellmersbach, Weiler zum Stein-Heidenhof, der Kirschenhardthof und Burgstall an der Murr (im Uhrzeigersinn).

Gliederung der Altgemeinde Zur Altgemeinde Erbstetten gehört das Dorf Erbstetten, der Weiler Kirschenhardthof, die Einzelsiedlungen Auf der Höhe, Bahnwärterhaus, Birkenwald, Neugreut und Wolfsgrube.

Geschichte

Antike Während der Römerzeit gehörte das heutige Gemeindegebiet zum Dekumatland (agri decumates) in der römischen Provinz Obergermanien (Germania superior). In Erbstetten gründeten gallisch-römische Siedler Gutshöfe (villae rusticae), die nach dem Limesfall wieder aufgegeben wurden. Nach einer alten Sage soll im Kalten Brunnenwald eine Stadt gestanden sein. Dort fand man in früheren Zeiten Fragmente von Backsteinen und Dachziegeln.Beschreibung des Oberamts Marbach, S. 181. Nach Karl Eduard Paulus könnten die Fragmente Überreste einer römische Niederlassung gewesen sein. Weiterhin wurde in Erbstetten ein römischer Gedenkstein gefunden und beim Bau der Dorfkirche in diese eingemauert. Der Gedenkstein ist jedoch nicht mehr auffindbar.Beschreibung des Oberamts Marbach, S. 110.

Nach dem Limesfall zogen sich die Römer auf die Donau und den Rhein zurück und überließen das Dekumatland den Alemannen. Aus dieser Zeit haben sich keine Nachrichten erhalten, da die Alemannen keine Aufzeichnungen hinterließen.

Frühes Mittelalter Im Zuge der Kriege zwischen den Alemannen und den Franken wurde das heutige Erbstetten von Letzteren erobert und ihrem Reich zugeschlagen. Im frühen Mittelalter gehörte Erbstetten dem fränkischen Murrgau an. Wahrscheinlich wurde das Dorf im Jahre 794 als Stetin im Lorscher Codex erstmals erwähnt. Für eine Identifizierung Erbstettens mit Stetin spricht, dass der Ort in der Urkunde neben Pleidelsheim genannt wird. Der Ortsname Stetin bedeutet schlicht bei den Hofstätten. Zu dieser Zeit hatte das Kloster Lorsch Grundbesitz in Erbstetten.

Mittelalter Im Mittelalter gehörte Erbstetten zur Herrschaft Wolfsölden der hochadeligen Hessonen und teilte im Wesentlichen deren Schicksal. In Erbstetten hatten auch die Augustiner-Chorherren vom Stift Backnang Besitz. Papst Innozenz IV. bestätigte den Augustinern im Jahre 1245 Besitz und Privilegien in verschiedenen Orten, darunter auch in Eguerstetten. Das Schriftstück ist nicht als Original erhalten, sondern nur als Kopialurkunde aus dem 15. Jahrhundert. Nach dem Historiker Lutz Reichardt beruht die ungewöhnliche Schreibweise Eguerstetten auf einem Schreibfehler des Kopisten, der statt Egnenstetten fälschlich Eguerstetten geschrieben hat.Reichardt, S. 98. Zusammen mit der Burg Wolfsölden kam Erbstetten an die Grafen von Calw, dann 1277 an das Bistum Würzburg, von diesem 1281 König Rudolf von Habsburg und dann an dessen unehelichen Sohn Graf Albrecht von Löwenstein-Schenkenberg. 1310 fielen große Teile der Herrschaft an das Haus Württemberg. 1322 fielen auch die restlichen Gebiete an die Württemberger. Seitdem wird Erbstetten zu Altwürttemberg gezählt. 1453 trat das Backnanger Stift seine Gülten und Zehnten im Ort an Graf Ulrich von Württemberg ab.

Neuzeit 1535 führte Herzog Ulrich in Württemberg die Reformation ein und beauftragte Ambrosius Blarer von Girsberg und Erhard Schnepf mit der Durchführung. Seitdem ist Erbstetten wie ganz Altwürttemberg evangelisch-lutherisch geprägt. Während des Dreißigjährigen Kriegs (1618 bis 1648) und dem Pfälzischen Erbfolgekrieg hatte Erbstetten unter Durchzügen, Plünderungen und Einquartierungen zu leiden.

Im 19. Jahrhundert war Erbstetten ein typisch schwäbisches Bauerndorf. Man lebte von Ackerbau und Viehzucht. Geflügel und Ferkel (meist Schwäbisch-hällische Landschweine) wurde aufgezogen und verkauft. Rinder wurden über Zwischenhändler bis nach Frankreich abgesetzt. An der Murr wurde Fischerei betrieben, man fing Barben und Forellen. Zeitweise wurde auch Tabak angepflanzt.

Der Weinbau war im 19. Jahrhundert schon ganz unbedeutend und wurde von dem Obstbau verdrängt. Man pflanzte überwiegend Mostobstsorten an, etwa Luikenäpfel, Kleine Fleiner, Knausbirnen und Bratbirnen. Das Obst wurde vor Ort verarbeitet.

Die 1879 eröffnete Bahnstrecke Backnang-Ludwigsburg (Kleine Murrbahn) hatte auf die Entwicklung Erbstettens nur einen geringen Einfluss, da das Dorf im Gegensatz zu Burgstall keinen Bahnhof erhielt.

In den 1880er Jahren wurde der Kirschenhardthof eingemeindet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Erbstetten durch Zuzug zahlreicher Heimatvertriebener stark gewachsen. In den 1950er Jahren entstanden neue Wohnsiedlungen im Gewann Laubert, Brühl und Pfaudert. In den 1960er Jahren wurden die Faltenäcker aufgesiedelt. In den 1970er Jahren folgten die Bräunlesäcker und die Kirchenäcker.

Im Zuge der Gemeindereform zu Beginn der 1970er Jahre wurde die Gemeinde Erbstetten aufgelöst und mit Burgstall an der Murr vereinigt. Die Fusion war nicht unumstritten. Viele Bürger Erbstettens forderten einen Zusammenschluss mit Backnang. Bei einer Bürgerbefragung votierten 306 Einwohner für den Zusammenschluss mit Burgstall und 296 Wahlberechtigte dagegen. Somit kam die Gemeindefusion mit hauchdünner Mehrheit doch zustande.

Religion Die spätgotische evangelische Dorfkirche St. Laurentius wurde 1287 erstmals erwähnt. Das Kirchenpatronat lag zunächst bei den Grafen von Calw und im 13. Jahrhundert den der älteren Grafen von Löwenstein, eine Nebenlinie derer von Calw.Beschreibung des Oberamts Marbach, S. 182. Über die Grafen kam die Kirche an das Kloster Lichtenstern. 1474 wurde die Chorturmkirche umgebaut. Der Chor hat ein Netzrippengewölbe, die Nordkapelle (erbaut 1568) hat ein Kreuzrippengewölbe. 1607 und 1621 wurde die Kirche nach Norden und Westen vergrößert. 1864, 1936 und 1956 wurde die Kirche renoviert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen auch wieder Katholiken in größerer Anzahl nach Erbstetten, die eine eigene Kirche in Burgstall bauten (St. Josef).

Politik links|mini|163x163px|Ehemaliges Wappen

Wappen Die Altgemeinde Erbstetten führte ein Gemeindewappen.

Die Blasonierung des ehemaligen Gemeindewappens lautet: In blauem Wappenschild ein mit goldenen Wimpern versehenes Auge mit blauer Iris.

Wappenbegründung: Das Auge der Vorsehung weist auf die Herrschaft Wolfsölden hin, zu der Erbstetten im Mittelalter gehörte.

Mit der Auflösung der Gemeinde im Zuge der Gebietsreform 1971 ist das Wappen erloschen. Es kann jedoch weiterhin von ortsansässigen Vereinen und Privatpersonen zur Traditionspflege benutzt werden, etwa als Abzeichen, Autoaufkleber oder als Wimpel.

Ortsneckname Die Einwohner von Erbstetten wurden früher in den umliegenden Ortschaften scherzhaft Gansger (Gänseriche) genannt.Kennzeichen WN, S. 198.

Persönlichkeiten

Söhne und Töchter der Altgemeinde Erbstetten

Christoph Friedrich Schott (1720–1775), Bibliothekar und Hochschullehrer (Universität Tübingen) Siegfried Krauter (* 1941), Mathematikdidaktiker und Hochschullehrer (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg)

Mit Erbstetten verbundene Persönlichkeiten

Christoph Hoffmann (1815–1885), evangelischer Theologe, Politiker und Stifter der Tempelgesellschaft vom Kirschenhardthof Lorenz Fischer (1934–2024), ehemaliger Fußballspieler (VfB Stuttgart, TSG Backnang)

Literatur

Karl Eduard Paulus: Beschreibung des Oberamts Marbach. Verlag H. Lindemann, Stuttgart 1866. Horst Lässing (Hrsg.): Der Rems-Murr-Kreis. Konrad-Theiss-Verlag, Aalen 1980, ISBN 3-8062-0243-5. Waldemar Lutz, Erich Scheible (Hrsg.): Kennzeichen WN. Heimatkunde für den Rems-Murr-Kreis. Verlag Waldemar Lutz Lörrach und Ernst Klett Schulbuchverlag, Stuttgart und Lörrach 1990, ISBN 3-12-258290-2, S. 204. Lutz Reichardt: Ortsnamenbuch des Rems-Murr-Kreises. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1993, ISBN 3-17011967-2.

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Ort im Rems-Murr-Kreis Kategorie:Ersterwähnung 794 Kategorie:Gemeindeauflösung 1971 Kategorie:Ehemaliger Weinbauort in Deutschland Kategorie:Ehemalige Gemeinde (Rems-Murr-Kreis) Kategorie:Geographie (Burgstetten)