mini|Gebäude der Nationalversammlung Die Parlamentswahl in Bulgarien 2026 war eine auf den 19. April 2026 vorgezogene Wahl zur Nationalversammlung (Narodno Sabranie). Sie folgte auf den Rücktritt der Regierung unter Ministerpräsident Rossen Scheljaskow im Dezember 2025 und das anschließende Scheitern dreier Regierungsbildungsversuche im Januar 2026. Es handelte sich um die achte Parlamentswahl innerhalb von fünf Jahren.
Stärkste Kraft wurde das linksnationalistische Bündnis Progressives Bulgarien des Ex-Präsidenten Rumen Radew.
Ausgangslage und politische Krise Bulgarien befindet sich seit den Massenprotesten gegen Korruption im Jahr 2020 in einer chronischen Phase politischer Instabilität. Ein fragmentiertes Parteiensystem sowie tiefe Gräben zwischen den etablierten Kräften GERB, DPS und den pro-europäischen Reformkräften PP-DB verhinderten über Jahre hinweg die Bildung stabiler parlamentarischer Mehrheiten.
Sturz der Regierung Scheljaskow Der unmittelbare Auslöser der Neuwahlen war der Rücktritt des Kabinetts von Rossen Scheljaskow am 11. Dezember 2025. Vorausgegangen waren wochenlange landesweite Proteste gegen den Haushaltsentwurf für 2026. Geplante Erhöhungen der Sozialversicherungsbeiträge und Steuern zur Deckung von Haushaltsdefiziten stießen auf massiven Widerstand. Zudem warfen die Demonstranten der Regierung vor, eine mangelnde Abkehr von oligarchischen Strukturen vorzunehmen, die insbesondere mit den Parteiführern Bojko Borissow (GERB) und Deljan Peewski (DPS) assoziiert wurden.
Scheitern der Regierungsbildung Nach dem Rücktritt erteilte Präsident Rumen Radew gemäß der Verfassung drei Mandate zur Regierungsbildung:
Das erste Mandat an die stärkste Kraft (GERB) wurde zurückgegeben. Das zweite Mandat (PP-DB) scheiterte an mangelnder Unterstützung durch andere Fraktionen. Am 16. Januar 2026 lehnte die Allianz für Rechte und Freiheiten (APS) das dritte und letzte Mandat ab.
Infolgedessen kündigte Präsident Radew am 16. Januar 2026 die Einsetzung einer Übergangsregierung und die Ausschreibung von Neuwahlen an. Radew selber verkündete am 19. Januar in einer Rede an die Nation, dass er am folgenden Tag seinen Rücktritt als Präsident vor dem Verfassungsgericht einreichen werde. Daraufhin wurde Ilijana Jotowa Präsidentin. Es wurde damit gerechnet, dass er mit einer eigenen Partei oder Bewegung an den Wahlen teilnehmen werde.
Am 19. Februar 2026 wurde mit der Regierung Gjurow eine Übergangsregierung ernannt.
Vorwürfe des Stimmenkaufs In einer von der soziologischen Agentur Mjara im Vorfeld der Wahl durchgeführten Umfrage gaben 5,6 % der Befragten an, dass sie einverstanden wären, gegen Bezahlung oder anderweitige äußere Motivation wählen zu gehen. Weitere 7,4 % der 1002 Befragten antworteten mit „Weiß ich nicht/Keine Angabe“. 87 % sprachen sich dagegen aus.
Verglichen mit der letzten Wahl 2024 stieg die Anzahl der Anzeigen wegen Stimmenkaufs von 418 auf ca. 2100 (Stand 17. April 2026), insgesamt wurden vom Innenministerium 1 Million Euro an Bargeld bei diversen Aktionen der Polizei gegen Bestechung konfisziert. Über 370 Personen wurden dabei festgenommen. Bestechungsversuche erfolgten dabei oft auch im öffentlichen Raum. Beispiel dafür ist unter anderem der Fall eines inzwischen festgenommenem Bürgermeisters eines Dorfes, der Gelder an einen Ladeninhaber überwies, der wiederum Kunden durch kostenlose Produkte zum Wählen einer bestimmten Partei bewegen sollte. Zudem beteiligten sich auch Wahlkandidaten an Stimmenkäufen: in den meisten Fällen wurden dabei Namenslisten, Identifikationsnummern und Geldbündel gefunden. Insgesamt 50 Kandidaten seien in weiteren Fällen ermittelt worden; durch die Immunität der Personen konnten sie nicht von der Polizei verhaftet werden. Ministerpräsident Andrej Gjurow warnte die Menschen im Land vor Stimmkauf mit gefälschten Eurobanknoten.
Der Innenminister Emil Detschew gab gegenüber der Deutschen Welle an, dass er nach Schließen der Wahllokale bekanntgeben werde, für welche Parteien wie viele Stimmen versucht wurden zu kaufen.
Organisation Wahlsystem/-recht Stimmberechtigt sind alle volljährigen bulgarischen Staatsbürger im In- und Ausland, wobei die Volljährigkeit mit der Vollendung des 18. Lebensjahres erreicht wird.
Die 240 Abgeordneten der Nationalversammlung werden in einer Verhältniswahl gewählt. Dafür ist Bulgarien in 31 Mehrpersonenwahlkreise mit einer Größe von 4 bis 16 Sitzen eingeteilt, die großteils den 28 Oblasten des Landes entsprechen. Ausnahmen sind die Hauptstadt Sofia, die in drei Wahlbezirke aufgeteilt ist, und die Stadt Plowdiw, die einen eigenen Wahlkreis bildet.
Für den Einzug in die Nationalversammlung muss eine Partei die Vier-Prozent-Hürde überspringen (Sperrklausel), wobei die Sitze nach dem Hare/Niemeyer-Verfahren vergeben werden.
Stimmabgabe Die Stimmabgabe ist ausschließlich im Wahllokal möglich; eine Briefwahl gibt es nicht. Es war die sechste Wahl seit der Einführung der Stimmabgabe mittels Wahlmaschinen, wobei die analoge Möglichkeit per Wahlzettel bestehen bleibt (so sind auch nicht überall Wahlmaschinen vorhanden). 9300 Wahlkabinen sollten mit Wahlgeräten ausgestattet sein.
Eine neue (umstrittene) Regelung verbot das Eröffnen von mehr als 20 Wahllokalen in Ländern außerhalb der EU, was hauptsächlich zur Reduzierung ihrer Anzahl in der Türkei (2024: 166), Großbritannien (2024: 118) und den Vereinigten Staaten (2024: 55) führte.
Teilnehmende Parteien Es nahmen neben diversen Kleinstparteien die Parteien zur Wahl des Parlaments im Oktober 2024 teil, zudem trat der ehemalige Präsident Radew mit seinem linksnationalistischen Parteienbündnis Progressives Bulgarien an. + Parteien im bulgarischen Parlament nach der Parlamentswahl Oktober 2024 Abk. Partei Politische Ausrichtung Parteivorsitz Ergebnis Okt. 2024 Vor der Wahl Stimmen (%) Sitze GERB Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens Konservatismus Wirtschaftsliberalismus Bojko Borissow 26,4 % PP-DB Wir setzen den Wandel fort – Demokratisches Bulgarien Liberalismus Anti-Korruption Assen WassilewBoschidar Boschanow 14,2 % W Wiedergeburt Nationalismus Rechtsextremismus Kostadin Kostadinow 13,4 % DPS Bewegung für Rechte und Freiheiten Liberalismus Deljan Peewski Dschewdet Tschakarow 11,5 % BSP Bulgarische Sozialistische Partei Sozialdemokratie Linkspopulismus Krum Sarkow 7,6 % APS Allianz für Rechte und Freiheiten Liberalismus Hayri Sadakov 7,5 % ITN Es gibt ein solches Volk Konservatismus Anti-Korruption Slawi Trifonow 6,8 % METsch Moral, Edinstwo, Tschest Nationalismus Rechtspopulismus Radostin Wassilew 4,6 % Welitschie Rechtspopulismus pro-russisch Albena Pekowa 4,0 % Parteilos –
Umfragen Umfragen 2026 Institut Datum Befragte Sonst.Trend16.04.2026100433,2 %19,1 %11,2 %7,1 %10,2 %4,0 %1,6 %2,1 %3,7 %1,7 %3,1 %Gallup16.04.202680331,6 %21,0 %10,7 %6,8 %10,5 %4,0 %1,0 %3,0 %2,8 %2,0 %6,6 %Alpha Research15.04.2026100334,2 %19,5 %11,6 %5,8 %9,4 %4,0 %1,3 %1,7 %2,8 %2,9 %6,8 %MarketLinks14.04.2026100338,0 %19,8 %13,1 %5,6 %7,5 %3,0 %–– %3,1 %3,4 %6,5 %CAM14.04.2026101132,1 %19,4 %12,0 %7,0 %11,2 %4,2 %0,9 %0,9 %2,8 %2,0 %3,2 %Mjara13.04.2026100234,6 %18,5 %11,4 %7,4 %9,1 %4,0 %1,9 %1,4 %3,5 %2,2 %6,0 %Sova Harris06.04.202680033,6 %19,0 %11,2 %7,8 %9,7 %4,5 %2,3 %–3,1 %2,0 %9,9 %Gallup30.03.202682028,4 %23,4 %10,9 %6,5 %10,7 %3,0 %0,9 %2,9 %2,8 %1,9 %8,6 %Alpha Research26.03.2026100030,8 %21,2 %11,1 %6,9 %9,8 %3,9 %1,2 %1,4 %3,0 %2,7 %8,0 %MarketLinks15.03.2026100627,4 %24,2 %15,6 %6,4 %9,4 %3,9 %1,7 %0,3 %3,6 %3,5 %4,0 %Sova Harris12.03.2026100030,9 %19,3 %12,2 %6,7 %7,1 %4,4 %1,8 %2,2 %3,8 %2,5 %9,1 %Alpha Research02.03.2026100032,6 %19,7 %12,6 %6,4 %9,6 %3,6 %1,6 %1,2 %3,5 %1,8 %7,4 %Gallup28.02.202680029,8 %19,6 %11 %6 %10,9 %2,9 %1 %2,8 %3,3 %2,3 %4,8 %CAM24.02.2026101033,7 %18,9 %13,2 %8,1 %10,3 %3,6 %0,5 %2 %3,5 %1,2 %5,8 %Ankündigung19.02.2026Die Regierung Gjurow wird vereidigt.Trend 15.02.2026 81232,7 % 20,4 % 10,9 % 7,8 % 10,5 % 3,8 % 1,7 % 2,5 % 3,6 % 1,6 % 4,5 %Mjara 15.02.2026 812 33,3 % 18,9 % 12,7 % 6,8 % 10,7 % 3,7 % 1,9 % 2,1 % 3,9 % 2,3 % 3,7 %MarketLinks 13.02.2026 1019 25,6 % 15,4 % 12,5 % 4,5 % 10,5 % 2,3 % 0,4 % 1,5 % 2,5 % 1,7 % 3,1 %Ankündigung 23.01.2026 Der Rücktritt von Präsident Radew wird vom Verfassungsgericht angenommen. Ankündigung 19.01.2026Präsident Rumen Radew verkündet seinen Rücktritt. Wahl Oktober 2024 27.10.2024 2,434,761 — 26,4 % 14,2 % 13,4 % 11,5 % 7,6 % 7,5 % 6,8 % 4,6 % 4,0 % 4,1 %
Umfragen 2025 Institut DatumBefragte Sonst.MarketLinks 29.12.2025 1008 24,1 % 18,9 % 12,4 % 12,2 % 7,3 % 4,3 % 3,2 % 7,1 % 3,6 % 6,7 %Alpha Research 12.12.2025 1009 24,7 % 20,5 % 13,4 % 10,8 % 5,7 % 1,9 % 4,4 % 4,8 % 2,4 % 11,4 % Ankündigung 11.12.2025 Die Regierung Scheljaskow tritt zurück.MarketLinks07.12.20251009 24,1 % 20,9 % 13,2 % 12,9 % 6,7 % 1,7 % 3,1 % 7,5 % 3,7 % 6,2 %Gallup 12.10.2025 904 28,3 %14,4 % 13,8 % 18,1 % 7,9 % 1,2 % 6,0 % 5,9 % 4,4 % 3,2 %Trend20.09.20251004 28,4 %14,3 %14,9 %14,5 %7,7 %2,7 %6,1 %7,0 %4,4 %6,9 %Mjara12.09.2025802 28,7 %14,8 %14,6 %14,5 %7,1 %2,8 %5,7 %7,0 %4,8 %6,2 %Gallup23.07.2025800 27,5 %13,5 %14,1 %18,6 %8,4 %1,5 %5,6 %6,5 %4,4 %6,1 % Wahl Oktober 2024 27.10.20242,434,76126,4 % 14,2 % 13,4 % 11,5 % 7,6 % 7,5 % 6,8 % 4,6 % 4,0 % 4,1 %
Ergebnis mini|Sitzverteilung nach Wahlkreisen Progressives Bulgarien gewann die Wahl eindeutig und erreichte die absolute Mehrheit, was seit 1997 keiner anderen Partei mehr gelang. Progressives Bulgarien zog dabei Stimmen von allen anderen Parteien ab und mobilisierte auch eine bedeutende Anzahl an Nichtwählern, von denen zwei Drittel PB wählten. Laut Alpha Research wanderte um die Hälfte der Wähler von BSP und Wiedergeburt zu PB, zudem unterstützten 22 % der bei den letzten Wahlen GERB-Wählenden nun PB, bei PP-DB sieht die Situation mit 23 % ähnlich aus. Auch bei der DPS wechselten 17 % der Wähler zu PB. Gleichzeitig zeigt dies eine Schwierigkeit auf, denn unterschiedliche Erwartungen müssten nun von einer Alleinregierung bedacht werden. Bis auf die Oblast Kardschali, in welcher die DPS ihre Position noch behaupten konnte, gewann PB in allen anderen Wahlkreisen und führte auch in Sofia. Für GERB war es das schwächste Ergebnis der Parteigeschichte; die BSP konnte ihren Niedergang nicht aufhalten und flog nach Jahrzehnten aus dem Parlament hinaus.
Nach der Wahl Nachdem erste Exit Polls einen Sieg mit 38,7 % der Stimmen für PB prognostizierten und noch von einem Verbleib der BSP im Parlament ausgingen, stieg der Stimmenanteil für PB im Verlauf der Auszählung und die Anzahl der erwarteten Mandate überschritt 121, sodass Fragen nach etwaigen Koalitionen verstummten. Für die notwendigen Änderungen im Justizsystem, bei denen eine Zweidrittelmehrheit notwendig ist, sprach Radew am Wahlabend die Hoffnung aus, dass dabei PP-DB mit ihm an einen Strang ziehen werden. Weiterhin sagte er, dass ein starkes Bulgarien innerhalb eines starken Europas Pragmatismus bräuchte. Er lobte daneben das Innenministerium beim Kampf gegen den Stimmenkauf.
Erst am Dienstag meldete sich Bojko Borissow und gab in einer Stellungnahme bekannt, dass GERB in der Opposition weiterarbeiten werde. Für den Verlust an Wählerstimmen machte er neben der früheren Zusammenarbeit mit PP-DB auch die „Freundschaft“ mit der DPS und Deljan Peewski aus. Er wolle keine Kompromisse und Koalitionen mehr eingehen.