Ai (, * 1976 in Guinea, Westafrika; † 9. Januar 2026 in Inuyama, Japan) war eine Schimpansin der Unterart Westafrikanischer Schimpanse (Pan troglodytes verus), die von 1977 bis zu ihrem Tod im Primate Research Institute (KUPRI) der Universität Kyōto lebte. Ai war dort an Studien zu Wahrnehmung, Lernen und Gedächtnis von nicht-menschlichen Primaten beteiligt. Zu den bemerkenswertesten Erkenntnissen des Instituts gehörte der Nachweis, dass Ai die Ziffern und Zahlen von Null bis Neun verwenden, elf Farben identifizieren und mehr als hundert chinesische Schriftzeichen (Kanji) unterscheiden konnte.‚Genius‘ chimpanzee Ai dies in Japan at 49. Auf: The Japan Times vom 13. Januar 2026. Ai, Japanese chimpanzee who counted and painted, dies at 49. Auf: bbc.com vom 13. Januar 2026. In einer Studie wurde Ai beispielsweise auf einem Computerbildschirm das Zeichen für die Farbe Pink gezeigt, daneben waren ein pink- und ein lilafarbenes Rechteck zu sehen: Ai wählte das pinke Rechteck.

Ai bedeutet in der japanischen Sprache „Liebe“ und ist einer der beliebtesten Mädchennamen in Japan.

Leben Ai wurde am 30. November 1977 im Alter von ungefähr einem Jahr dem Primaten-Forschungszentrum KUPRI der Universität Kyōto übergeben. Zuvor hatte sie in den Wäldern von Guinea gelebt. Das Jungtier war über einen Tierhändler erworben worden, da der Import wildlebender Schimpansen damals in Japan noch legal war – das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) wurde erst vier Jahre später, 1980, von Japan ratifiziert. Bis dahin, in den 1970er-Jahren, hatte Japan mehr als hundert in freier Wildbahn geborene Schimpansen, hauptsächlich für die biomedizinische Forschung zu Hepatitis B, importiert. Ai hingegen wurde in keine biomedizinische Einrichtung gebracht, sondern kam ins Primaten-Forschungszentrum, wo sie das erste Versuchsobjekt eines Forschungsprojekts zur Kommunikation von Menschenaffen in Japan werden sollte. Ai war nach der Schimpansin Reiko zwar bereits der zweite KUPRI-Schimpanse, Reiko wurde jedoch seit 1968 vor allem zum Studium des aufrechten Gangs herangezogen. Umfangreiche Erfahrungen im Umgang mit Primaten gab es im Institut nur mit den nicht-menschenartigen Rhesusaffen und Japanmakaken.Tetsuro Matsuzawa: The Ai project: historical and ecological contexts. In: Animal Cognition. Band 6, 2003, S. 199–211, doi:10.1007/s10071-003-0199-2.

Kurz nach Ais Ankunft in Japan erreichten im Januar 1978 zwei weitere Wildfänge das Institut: Akira, ein rund 18 Monate alter Schimpansen-Junge, und Mari, ein 18 Monate altes Schimpansen-Mädchen. Im Verlauf der folgenden Jahrzehnte wuchs die Schimpansen-Population auf knapp zwei Dutzend Individuen an, die zum Zeitpunkt von Ais Tod in einer modernen, großzügig angelegten Anlage mit hohen Klettergerüsten leben. Im Jahr 2000 gebar Ai einen Sohn, Ayumu. Anfangs hingegen waren die Haltungsbedingungen der Schimpansen weit weniger artgerecht: Ai wurde beispielsweise nach medizinischen Untersuchungen und einer Quarantäne in einem 4 × 4 Meter großen, fensterlosen Kellerraum eingesperrt, der durch eine von der Decke herabhängende Glühbirne spärlich beleuchtet wurde. Ihr künftiger und langjähriger Betreuer, der Verhaltensforscher Tetsurō Matsuzawa, erinnerte sich gleichwohl 2003 an das erste Zusammentreffen mit Ai in diesem Raum wie folgt:

Nach Ankunft der beiden anderen Jungtiere zog auch Ai in eine etwas bessere Haltung um, jedem Schimpansen wurde ein Raum von 1,5 × 1,5 Meter Fläche und zwei Metern Höhe zugewiesen, an den jeweils ein Außengehege von rund 15 Quadratmetern angrenzte. 1995 wurde ein Außenkomplex für die Schimpansen, das sogenannte „Ape Research Annex“, mit einem 8 Meter hohen Turm, einem Fluss und Bäumen, angelegt. Die Kletteranlage wurde 1998 nochmals erweitert.

Ai starb Anfang Januar 2026 in Anwesenheit ihrer Pfleger im Alter von fast 50 Jahren an altersbedingtem, multiplem Organversagen.

Forschung Bereits Robert Yerkes und Wolfgang Köhler, ab den 1960er-Jahren u. a. Robert Allen Gardner und Roger Fouts, später auch David Premack sowie Sue Savage-Rumbaugh hatten die kognitiven Fähigkeiten von Schimpansen bzw. Bonobos erforscht, wodurch drei Methoden speziell zur Erforschung der sprachlichen Fähigkeiten etabliert wurden: mit Hilfe der American Sign Language (Gardner/Fouts), mit Wörtern aus Plastikchips (Premack) und anhand von computer-basierten Zeichen („Lexigrammen“, Savage-Rumbaugh). An diese Vorgänger sollte sich ab April 1978 ein japanisches Forschungsprojekt anschließen. Als Trainer wurde Tetsurō Matsuzawa ausgewählt, der damals erst seit zwei Jahren und nur als Assistant Professor am Institut tätig war. Seine Interessen am Projekt gingen aber weit über das Erforschen der Sprachfähigkeit von Schimpansen hinaus:

Erste Ergebnisse seiner Forschung veröffentlichte Matsuzawa 1985 in zwei hochrangigen Fachzeitschriften: Use of numbers by a chimpanzee und Colour naming and classification in a chimpanzee (Pan troglodytes),Tetsuro Matsuzawa: Use of numbers by a chimpanzee. In: Nature. Band 315, 1985, S. 57–59, doi:10.1038/315057a0. Tetsuro Matsuzawa: Colour naming and classification in a chimpanzee (Pan troglodytes). In: Journal of Human Evolution. Band 14, Nr. 3, 1985, S. 283–291, doi:10.1016/S0047-2484(85)80069-5. 1990 folgte eine Publikation über Formwahrnehmung und Sehschärfe bei einem Schimpansen. Tetsuro Matsuzawa: Form Perception and Visual Acuity in a Chimpanzee. In: Folia Primatologica. Band 55, Nr. 1, 1990, S. 24–32, doi:10.1159/000156494. Die Methodik für seine Studien griff die Vorgehensweise von Savage-Rumbaugh mit Hilfe computer-basierter Zeichen auf, da so eine besonders objektive Auswertung von Daten ermöglicht wurde. Ziel war es, mit Hilfe des im Institut entwickelten Kyoto University Lexigram system (KUL) den Erwerbsprozess visueller Symbole zu klären und die Schritte, die zu komplexen sprachähnlichen Fähigkeiten bei Schimpansen führen, nachzuvollziehen. Eine detaillierte Beschreibung der Trainingsmethode, in deren Verlauf Ai und die beiden anderen Schimpansen an die Benutzung einer speziellen Computer-Tastatur herangeführt wurden, erschien 1982 in einer Zeitschrift der Japan Academy.Toshio ASANO, Tetsuya KOJIMA, Tetsuro MATSUZAWA et al.: Object and Color Naming in Chimpanzees. In: Proceedings of the Japan Academy, Series B. Band 58, Nr. 5, 1982, S. 118–122, doi:10.2183/pjab.58.118. Die visuellen Symbole bestanden aus auch in Japan gebräuchlichen chinesischen Schriftzeichen (Kanji), aus 26 Großbuchstaben des Alphabets sowie aus den Ziffern 0 bis 9. Die Tastatur war in drei Felder mit je 35 Zeichen gegliedert.

Zum 40. Jahrestag des „Ai project“ wurde 2017 ein Jubiläumsgeschenk für die beteiligten Forscher in Auftrag gegeben, ein Seidenschal mit einem abstrakten Gemälde in den Farben Rot, Schwarz und Blau, dessen Original Ai auf Papier gemalt hatte. In einem Fachartikel aus Anlass des 40. Jahrestags heißt es: „Die Schimpansin Ai liebt es zu zeichnen und zu malen, und während unserer täglichen Sitzungen geben wir ihr gelegentlich die Möglichkeit dazu. Nicht nur Ai, sondern auch andere Schimpansen in der KUPRI-Gemeinschaft scheinen das Zeichnen und Malen zu lieben.“ Hierzu gehören beispielsweise auch Ayumu und Akira (Gemälde siehe Abb. 7 im Beleg).Tetsuro Matsuzawa: The 40th anniversary of the Ai Project: the commemorative gift is a silk scarf painted by Ai the chimpanzee. In: Primates. Band 58, 2017, S. 261–265, doi:10.1007/s10329-017-0604-0.

In seinem 2003 publizierten Rückblick The Ai project: historical and ecological contexts zitiert Matsuzawa Dutzende weitere Fachveröffentlichungen von zahlreichen Kollegen, die im Laufe der Jahrzehnte in diesem Projekt verfasst wurden.

Siehe auch Kanzi (Bonobo)

Literatur Tetsuro Matsuzawa: The chimpanzee mind: in search of the evolutionary roots of the human mind. In: Animal Cognition. Band 12 (Suppl 1), 2009, S. 1–9, doi:10.1007/s10071-009-0277-1. Tetsuro Matsuzawa: Symbolic representation of number in chimpanzees. In: Current Opinion in Neurobiology. Band 19, Nr. 1, 2009, S. 92–98, doi:10.1016/j.conb.2009.04.007. Tetsuro Matsuzawa: Evolution of the brain and social behavior in chimpanzees. In: Current Opinion in Neurobiology. Band 23, Nr. 3, 2013, S. 443–449, doi:10.1016/j.conb.2013.01.012. Tetsuro Matsuzawa: The 40th anniversary of the Ai Project: the commemorative gift is a silk scarf painted by Ai the chimpanzee. In: Primates. Band 58, 2017, S. 261–265, doi:10.1007/s10329-017-0604-0.

Weblinks . Im Original publiziert auf dem Webserver der Universität Kyoto. Symbolic representation and working memory in chimpanzees. Video auf YouTube. The Friends and Ai. Video-Sammlung auf YouTube. Thinking Like a Chimpanzee. Tetsuro Matsuzawa has spent 30 years studying our closest primate relative to better understand the human mind. Auf: smithsonianmag.com, September 2010.

Belege

Kategorie:Individueller Schimpanse Kategorie:Kommunikation (Biologie) Kategorie:Wissenschaftsgeschichte Kategorie:Universität Kyōto Kategorie:Primatologie