mini|Die Israelitische Waisenanstalt Frankfurt, 1932. Die linke Hausfront liegt am Röderbergweg, die rechte mit dem Blick in Richtung Kirche an der Waldschmidtstraße.
Die Israelitische Waisenanstalt Frankfurt, auch bekannt unter den Namen Israelitisches Waisenhaus Frankfurt oder Jüdisches Waisenhaus, war eine Einrichtung der jüdischen Wohlfahrtspflege in Frankfurt am Main, deren Wurzeln in die Zeit um das Jahr 1875 zurückreichen.Helga Krohn ist eine anerkannte Expertin für die Jüdische Geschichte Frankfurts, und ihre Publikationen werden vielfach zitiert. Leider sind aber ihre Angaben zur Israelitischen Waisenanstalt nur mit Vorsicht zu gebrauchen. In ihrem (lesenswerten) Beitrag „Auf einem der luftigsten und freundlichsten Punkte der Stadt“ gibt es hinsichtlich der Gründungsdaten zwischen den Seiten 131 und 141 voneinander abweichende Angaben, und das Problem wird noch komplexer, wenn man auch die Angaben in ihrem Beitrag Aus dem Israelitischen Waisenhaus in Frankfurt nach Palästina – eine dramatische Rettungsaktion zu Rate zieht. Ob die Jungenanstalt 1874 oder 1876 gegründet wurde, ist ebenso unbestimmt wie das Gründungsjahr für die Mädchenabteilung. In „Auf einem der luftigsten und freundlichsten Punkte der Stadt“ heißt es auf Seite 141, das Haus habe Waisen aus Frankfurt und aus der Umgebung im Umkreis von 10 Meilen offen gestanden. In Aus dem Israelitischen Waisenhaus wird dieser Umkreis auf 100 Kilometer festgeschrieben. (S. 14) 1903 erfolgte unter der Adresse Röderbergweg 87 (entspricht der heutigen Adresse Waldschmidtstraße 120–122Jewish Places: Israelitische Waisenanstalt Frankfurt) ein Neubau, und ab 1918 lag die Leitung der Einrichtung bei dem Ehepaar Isidor und Rosa Marx. Diesen gelang es nach den Novemberpogromen 1938 vielen der ihnen anvertrauten Kinder zur Flucht aus dem Deutschen Reich zu verhelfen. 1942 wurden die noch verbliebenen Kinder zusammen mit Rosa Marx und dem Personal deportiert und ermordet. Isidor Marx überlebte im britischen Exil und übersiedelte später in die USA.
Geschichte Die Gründungs- und Frühphase Die seit 1903 im Röderbergweg ansässige Israelitische Waisenanstalt war eine der vielen jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen in dem stark jüdisch geprägten Frankfurter Stadtteil Ostend. Seine Vorgängereinrichtungen waren: ein in Trägerschaft der Stiftung Israelitische Waisenanstalt zu Frankfurt a. M. um 1875 gegründetes Waisenhaus für Jungen„Das Israelitische Waisenhaus wurde 1874 als Stiftung einiger Juden gegründet.“ (Helga Krohn: Aus dem Israelitischen Waisenhaus in Frankfurt nach Palästina, S. 14) & „Die Einrichtung Israelitische Waisenanstalt wurde 1876 durch Privatpersonen gegründet.“ (Helga Krohn: „Auf einem der luftigsten und freundlichsten Punkte der Stadt“, S. 140), das 1879 Dank einer Spende von Adelheid von Rothschild ein Erweiterungsgebäude in der Uhlandstraße 13 beziehen konnte, und eine 1882 oder 1884 in der Seilerstraße 24 eröffnete Mädchenabteilung.Helga Krohn: „Auf einem der luftigsten und freundlichsten Punkte der Stadt“
1903 wurden im Röderbergweg 87 ein den Jungen vorbehaltener Neubau bezogen. Das Grundstück dafür war von Mathilde von Rothschild gespendet worden, die zusammen mit ihren Töchtern auch die Ausstattung finanzierte. Nach Krohn wurden 6–12-jährige Kinder aufgenommen. Ob diese Altersspanne für die beiden Einrichtungen galt, ist nicht erläutert, und diese Unbestimmtheit gilt auch für die Erziehungsgrundsätze, bei deren Beschreibung nur von den Jungen die Rede ist.
Seit 1918 leiteten Isidor und Rosa Marx die Einrichtung am Röderbergweg und hatten dort auch ihre Wohnung. „Onkel Isidor“ und „Tante Rosa“ seien von den Kindern geliebt worden und „begabte Pädagogen und eindrucksvolle Persönlichkeiten“ gewesen.Helga Krohn: Aus dem Israelitischen Waisenhaus in Frankfurt nach Palästina 1919 wurden auch die Mädchen in das Haus aufgenommen – „allerdings auf verschiedenen Stockwerken“. Im Oktober 1937 erschien im Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt ein Bericht über die Israelitische Waisenanstalt, der – ohne Bezug auf die außerhalb der Anstalt herrschende Situation – die Fortschrittlichkeit „dieser segensreichen Einrichtung“ pries:
Die Jahre 1935 bis 1939 Das Gebäude am Röderbergweg war für die Aufnahme von 75 Kindern ausgelegt. Damit geriet die Waisenanstalt Mitte der 1930er Jahre an ihre Kapazitätsgrenze. Die der Machtübergabe an die Nationalsozialisten folgenden Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung wurden auf dem Land stärker wahrgenommen als in den großen Städten. Um ihre Kinder vor Demütigungen und Anfeindungen zu schützen, baten daher immer mehr Familien aus ländlichen Regionen um die Aufnahme ihrer Kinder in die Waisenanstalt. Weitere Kinder kamen aus von den Nazis geschlossenen Waisenhäusern oder Kinderheimen hinzu. Das führte dazu, dass dort in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre bis zu 150 Kinder versorgt wurden. „Für viele Kinder wurde das Waisenhaus eine Oase, eine Insel menschlicher Wärme.“
Nach Moses Marx, dem Sohn von Isidor und Rosa gab es zu dieser Zeit bereits Überlegungen dafür, Kinder aus Deutschland herauszubringen. Er erwähnt in dem Zusammenhang die Jugend-Alija, an deren Gründung sein Vater und Josef Burg mit Hilfe jüdischer Organisationen in verschiedenen Ländern maßgeblich beteiligt gewesen seien.USHMM: Oral history interview with Moe Marx (Transkript) Beide, Isidor Marx und Josef Burger, seien schon lange vor der Pogromnacht mit Duldung der nationalsozialistischen Behörden damit befasst gewesen, außerhalb Deutschlands sichere Orte als Ziele für Kindertransporte zu finden. Das sei im Interesse der Nationalsozialisten gewesen, die daran interessiert waren, Juden auf dem einfachsten Weg aus Deutschland herauszubringen.
Von jüdischer Seite aus bestand ebenfalls ein zunehmendes Interesse daran, Kinder aus Deutschland herauszuschaffen, denn auch in Frankfurt zeigte sich immer deutlicher, dass das städtische Umfeld nur noch bedingt Schutz bot. Die Übergriffe der Nazis auf die Waisenanstalt häuften sich. Im Rahmen der sogenannten Polenaktion wurden im Oktober 1938 die polnischen Kinder abgeholt. Dem beherzten Personal gelang es, sie am Frankfurter Hauptbahnhof vor ihrer Abschiebung nach Polen zu retten. In späteren Auswanderungslisten wurden sie als „staatenlos“ geführt. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 drangen Polizei und SS-Leute in die Waisenanstalt ein, verwüsteten die Einrichtung und setzten über 100 Kinder auf die Straße. Der damals einundzwanzigjährige Moses Marx berichtete zudem von Deportationen, die er, die Lehrer aus dem Waisenhaus und viele der älteren Jungen dort erleiden mussten und die sie schließlich ins KZ Dachau führten. Zugleich brachten die Pogrome der Anstalt auch einen erneuten Ansturm von Kindern, die versorgt werden mussten. Es handelte sich überwiegend um Kinder, deren Väter verhaftet und in Konzentrationslager deportiert worden waren und die selber Opfer von Übergriffen in ihren Heimatorten waren. Und zudem wurde Isidor Marx noch am Abend des 11. November von SS- und Gestapo-Leuten aufgesucht, die ihm versicherten, er selber sei nur deshalb nicht verhaftet worden, weil er gebraucht werde, um alle heimatlosen Kinder aufzunehmen, die sie ihm ab sofort schicken würden. In dieser Situation kam es zu einer denkwürdigen Übereinkunft, die Isidor Marx 1959 so schilderte:
Helga Krohn erwähnt in diesem Zusammenhang ein Telefonat, das Isidor Marx in derselben Nacht noch mit James Armand de Rothschild führte – dem Sohn der oben schon erwähnten Adelheid von Rothschild, die den ersten Erweiterungsbau der Waisenanstalt finanziert hatte. James Armand de Rothschild leitete die Palestine Jewish Colonisation Association (PICA), und durch ihn erhielt Isidor Marx am 11. Dezember 1938 die Zusage über 35 Einwanderungszertifikate nach Palästina. Zuvor gab es aber bereits andere Zusagen.
Kindertransporte aus Frankfurt Im Jahr 2022 wurden Rosa und Isidor Marx posthum von der Organisation B’nai B’rith als jüdische Retter ausgezeichnet. Als Grund für diese Auszeichnung wurden die in vielen Quellen erwähnten 1.000 Kinder angeführtDiese Zahl lässt sich aus den oben aufgeführten Kindertransporten nicht herleiten, und sie ist auch anderweitig nicht belegt. Nachweisen lässt Sie sich nur in verschiedenen Schreiben von Isidor Marx, die dieser im Rahmen seiner Wiedergutmachungsverfahren eingereicht hat – so zum Beispiel in einem Schreiben vom 5. Mai 1952 an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden, in dem es heißt: „So reiste ich – mit Gestapo Pass – der sogar von den Konsulaten in Jerusalem- Zuerich- Paris – immer wieder verlaengert wurde- in der Welt herum- holte- ganz offiziell – immer wieder neu zugekommene Kinder von Frankfurt und konnte so mit G''ttes Hilfe Tausende von Kindern retten.“ (HHStAW 518, Nr. 6209 – Wiedergutmachungsverfahren Isidor Marx, Blatt 12), die vom Ehepaar Marx nach England, Holland, in die Schweiz und nach Palästina geschickt wurden, um sie vor dem Holocaust zu retten. Bei Isidor Marx kam hinzu, dass er die zu evakuierenden Kinder im Rahmen des Kindertransport-Programms aus Deutschland hinaus auch begleitete.B'nai B'rith International: Citation Awarded to Jewish Rescuers Isidor and Rosa Marx, 2023. Der Beitrag ist mit vier eindrucksvollen Fotos rund um die Israelitische Waisenanstalt ausgestattet. Nicht alle diese Kindertransporte sind dokumentiert, da „keine Transportlisten vor[liegen], die das ganze Ausmaß dokumentieren könnten. [..] So steht z. B. fest, dass die Society of Friends ihre entsprechenden Listen zur Sicherheit der Kinder vernichtet hat.“Till Lieberz-Groß: Kindertransporte 1938–1940, in: Angelika Rieber und Till Lieberz-Groß (Hrsg.): Rettet wenigstens die Kinder Exakte Daten über die Transporte und deren Verläufe lassen sich deshalb häufig nur aus den biografischen Aufzeichnungen der Kinder gewinnen, die an den Transporten teilnahmen oder aus mit ihnen geführten Interviews.
Die nachfolgende Übersicht umfasst nicht alle Kindertransporte ab Frankfurt, sondern überwiegend nur die, an denen Kinder aus der Israelitischen Waisenanstalt teilnahmen oder die von Isidor Marx begleitet wurden. Teilnehmende an den Kindertransporten hatten aber zuvor auch Zuflucht im Kinderhaus der Weiblichen FürsorgeFrankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e. V.: Die Geschichte des Kinderhauses in der Hans-Thoma-Straße 24 in Frankfurt-Sachsenhausen gefunden oder im Haus der Flersheim-Sichel-StiftungZur Flersheim-Sichel-Stiftung siehe Christine Lenger: Die Cedar Boys – Frankfurter Kinder in Waddesdon Manor in der Ebersheimstraße 5 in Frankfurt-Eschersheim. Im November 1938, drei Tage vor den Novemberpogromen, war Moritz Werner (1873–1939), Träger der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am MainKurzbiografie: „Werner, Moritz, Prof. Dr. phil, Oberstudienrat. Geboren 1873 Frankfurt/M. Ausgewandert November 1938 nach USA. Gestorben 1939.“ (Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden (Hrsg.): Dokumente zur Geschichte der Frankfurter Juden 1933–1945, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1963, S. 552) Laut dem Katalog der Deutschen Nationalbibliothek wurde er 1895 an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin promoviert. Für eine ausführlichere Biografie siehe: Stadt Frankfurt am Main: Stolperstein-Biographien im Westend – Werner, Moritz. im Jahre 1932 und Vorsitzender des Kuratoriums der Israelitischen Waisenanstalt, in die USA ausgewandert und wollte sich dort um Einreisebewilligungen für bedrohte Kinder kümmern. Vier Monate später musste Isidor Marx einräumen, dass in der Zwischenzeit kein einziges Kind in den USA untergebracht werden konnte. Einige wenige Kinder waren aber offenbar schon vor Werners Auswanderung in die USA gelangt, wie Marx in dem gleichen Schreiben an „alle lieben Ehemaligen (Heute ca. 120 an der Zahl)“ an Pessach 1939 festhielt.Der Brief ist abgedruckt bei Henry D. Schuster: Von Sterbfritz nach Las Vegas, S. 92 ff.