mini|hochkant|Erika Mann (um 1938) mini|hochkant|Erika Mann in Los Angeles (zwischen 1925 und 1945) Erika Julia Hedwig Mann (* 9. November 1905 in München; † 27. August 1969 in Zürich) war eine deutsche Schauspielerin, Kabarettistin, Schriftstellerin und Lektorin. Sie gründete 1933 das politische Kabarett Die Pfeffermühle und arbeitete mit Vorträgen – als Schriftstellerin und Journalistin auch nach ihrer Emigration in die Vereinigten Staaten – gegen den Nationalsozialismus. Neben ihrer Tätigkeit als Nachlassverwalterin ihres Vaters Thomas sowie ihres Bruders Klaus Mann hat sie ein umfangreiches Werk aus politischen Essays, Reportagen, Reiseberichten und Kinderbüchern hinterlassen.
Leben mini|Familie Mann mit Golo als Baby vor dem Sommerhaus in Bad Tölz 1909; links unten auf der Treppe sitzen Klaus und Erika Mann.
Familie Erika Mann war die erstgeborene Tochter des Schriftstellers und späteren Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann und dessen Ehefrau Katia, geborene Pringsheim, Tochter einer deutschen Intellektuellenfamilie jüdischer Abstammung. Sie wurde nach Katia Manns früh verstorbenem Bruder Erik, Thomas Manns Schwester Julia Mann und ihrer Urgroßmutter Hedwig Dohm benannt und wie schon ihre Mutter evangelisch getauft.
mini|hochkant|links|Thomas Mann, Foto: Carl Van Vechten, 1937 Thomas Mann äußerte sich in einem Brief an seinen Bruder Heinrich Mann enttäuscht über die Geburt des ersten Kindes:
Später bekannte er jedoch in seinen Tagebuchaufzeichnungen freimütig, dass er „von den Sechsen drei, die beiden Ältesten [Erika und Klaus] und Elisabethchen, mit seltsamer Entschiedenheit bevorzuge“.Thomas Mann: Tagebücher 1918–1921. Eintrag vom 10. März 1920.
Zu Erika hatte er ein besonderes Vertrauensverhältnis, was sich später darin zeigte, dass sie auf die wichtigen Entscheidungen ihres Vaters einen unmittelbaren Einfluss ausübte.Marcel Reich-Ranicki: Thomas Mann und die Seinen. S. 184. Ihre besondere Rolle war auch den Geschwistern bewusst, so erinnert sich ihr Bruder Golo: „Die Eri muß die Suppe salzen.“Golo Mann: Meine Schwester Erika. In: Erika Mann, Briefe II. S. 241. Dieser Spruch über die Zwölfjährige aus dem Jahr 1917 wurde zu einer oft gebrauchten Redewendung der Familie Mann.
Nach Erika folgte der Bruder Klaus, mit dem sie zeitlebens eng verbunden war – sie traten „wie Zwillinge“ auf, und Klaus Mann beschrieb ihre Zusammengehörigkeit mit den Worten „unsere Solidarität war absolut und ohne Vorbehalt“.Klaus Mann: Der Wendepunkt. S. 102. Die vier jüngeren Geschwister waren Golo, Monika, Elisabeth und Michael. Die Kinder wuchsen in München auf. Ihre Familie mütterlicherseits gehörte zum einflussreichen Großbürgertum der Stadt, der Vater stammte aus der Lübecker Kaufmannsfamilie Mann und hatte 1901 bereits erfolgreich den Roman Buddenbrooks veröffentlicht.
Schulzeit und erste Theatererfahrungen
mini|Kulisse der Mann-Villa Poschi, ein Nachbau auf dem Bavaria-Filmgelände in München Die Familie Mann bezog 1914 ihre bekannte Villa in der Poschingerstraße 1 in Bogenhausen, die in der Familie Poschi genannt wurde. Von 1912 bis 1914 besuchte Erika Mann mit ihrem Bruder Klaus die private Ebermayerschule, anschließend für ein Jahr die Bogenhausener Volksschule, und von 1915 bis 1920 absolvierte sie die Höhere Mädchenschule am St. Annaplatz. Im Mai 1921 wechselte sie zum Münchner Luisengymnasium. Zusammen mit Klaus und befreundeten Nachbarskindern, zu denen auch die Töchter Bruno Walters, Gretel und Lotte, sowie Ricki Hallgarten, Sohn einer jüdischen Intellektuellenfamilie, gehörten, gründete sie 1919 eine ambitionierte Schauspieltruppe, den Laienbund Deutscher Mimiker. Noch als Schülerin am Münchner Luisengymnasium stand sie nach einem Engagement von Max Reinhardt das erste Mal auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin. Die zum Teil boshaften Streiche, die sie in der sogenannten „Herzogpark-Bande“ mit Klaus und befreundeten Nachbarskindern anstellte, veranlassten die Eltern, sie und ihren Bruder Klaus in einem Internat der Reformpädagogik, der Bergschule Hochwaldhausen im hohen Vogelsberg in Oberhessen, unterrichten zu lassen. Von April bis Juli 1922 war sie dort; anschließend kehrte Erika Mann an das Luisengymnasium zurück. 1924 bestand sie ihr Abitur, allerdings mit schlechten Noten. Dann begann sie in Berlin mit dem Schauspielstudium, das sie wegen der zahlreichen Bühnenverpflichtungen unter anderem in Hamburg, München und Berlin aber wieder abbrach.
Schauspielerin und Schriftstellerin 1925 stellte Erika Mann im ersten öffentlich inszenierten Theaterstück ihres Bruders Klaus, Anja und Esther, mit Pamela Wedekind ein lesbisches Paar dar. Das Stück unter der Regie und Mitwirkung von Gustaf Gründgens wurde in den Hamburger Kammerspielen aufgeführt. Klaus Mann war zu jener Zeit mit Pamela Wedekind verlobt und Erika Mann nicht nur in der Rolle in sie verliebt. Durch den Auftritt der sogenannten „Dichterkinder“ des berühmten Thomas Mann wurde das Stück zu einem großen Publikumserfolg, von den Kritikern inhaltlich und dramaturgisch jedoch verrissen sowie die Darstellung gleichgeschlechtlicher Liebe als Skandal gewertet.
mini|hochkant|links|Gustaf Gründgens als Hamlet, 1936 Am 24. Juli 1926 ging sie mit dem Regisseur und Schauspielkollegen Gustaf Gründgens eine Ehe ein, die am 9. Januar 1929 wieder geschieden wurde. 1927 spielte sie in Klaus Manns Stück Revue zu Vieren am Leipziger Schauspielhaus erneut unter der Regie von Gründgens und in gleicher Besetzung wie Anja und Esther und ging anschließend mit Klaus Mann und Pamela Wedekind auf Tournee. Auch Revue zu Vieren bekam schlechte Kritiken. Gründgens weigerte sich daher, wie auch Pamela Wedekind, in weiteren Vorstellungen des Stücks aufzutreten bzw. Regie zu führen. Pamela Wedekind löste 1928 die Verlobung mit Klaus Mann und heiratete im April 1930 Carl Sternheim, den Vater der gemeinsamen Freundin von Erika und Klaus Mann, Dorothea Sternheim, genannt „Mopsa“, die Bühnenbild und Kostüme von Revue zu Vieren entworfen hatte.
mini|Erika und Klaus Mann, Foto: Eduard Wasow, 1927 Am 7. Oktober 1927 brachen Erika und Klaus Mann fluchtartig von Rotterdam aus zu einer mehrmonatigen Weltreise bis Juli 1928 auf, die beide über die USA, Japan, Korea, China und die Sowjetunion rund um den Globus führte. Durch ihre internationalen Bekanntschaften und die Berühmtheit ihres Vaters lernten sie viele Prominente des US-amerikanischen Kulturbetriebs kennen, wie beispielsweise Emil Jannings, Greta Garbo und Upton Sinclair. Mit dem Namen The Literary Mann Twins präsentierten die Geschwister sich als Zwillinge, um damit weitere Aufmerksamkeit zu erregen. Ein Schwerpunkt ihrer Reise war Hollywood, doch ihre Hoffnung, dort als künftiger Filmstar oder Drehbuchautor entdeckt zu werden, erfüllte sich nicht.Erika und Klaus Mann: Rundherum. Nachwort von Uwe Naumann, S. 146. Ihren Unterhalt versuchten sie durch Vorträge zu finanzieren, doch die Erträge waren zu gering; und nach der Reise hatten sie hohe Schulden. Diese beglich ihr Vater, nachdem er 1929 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte.
Klaus Mann machte seiner Schwester den Vorschlag, sich auch schreibend zu betätigen, was Erika zunächst ablehnte. In seiner zweiten Autobiografie Der Wendepunkt gab er ihre Meinung wieder: „Es gebe schon genug Schriftsteller in der Familie, behauptete sie eigensinnig, und sie sei nun mal Actrice von Beruf.“ Aber der „Familienfluch“Klaus Mann: Der Wendepunkt, S. 262. der Schriftstellerei erfasste auch sie und fand 1929 in dem gemeinsamen Bericht über die Reise unter dem Titel Rundherum. Das Abenteuer einer Weltreise, der im S. Fischer Verlag veröffentlicht wurde, seinen Niederschlag. Nach der Reise kehrte sie nicht mehr zu ihrem Ehemann Gustaf Gründgens zurück. Wie ihr Bruder Klaus Mann entschied sie sich, ab diesem Zeitpunkt keinen festen Wohnsitz mehr zu haben, sondern sie wohnte in Hotels oder fand Unterschlupf bei ihren Eltern. Ihre Reiseerfahrungen legte sie auch in ihrem ersten Bühnenstück Hotels nieder; das 1929 entstandene Stück gilt als verschollen.
mini|Thomas Mann mit Erika, Ehefrau Katia und Klaus (v. l. n. r.), Foto: Eduard Wasow, 1929 Im Sommer 1930 unternahmen Erika und Klaus Mann eine Reise nach Nordafrika. In der Stadt Fez in Marokko hatten beide erstmals durch ihren Fremdenführer Kontakt mit dem „Zauberkräutlein Haschisch“.Klaus Mann: Der Wendepunkt. S. 331 f. Es sollte für die Geschwister zum „Horrortrip“ werden, den Klaus Mann später in seiner zweiten Autobiografie Der Wendepunkt ausführlich beschrieb.
Anfang der 1930er Jahre bekam Erika Mann nach wechselnden Engagements an verschiedenen Bühnen – 1929 spielte sie in München die Königin Elisabeth in Schillers Don Carlos – erste kleine Filmrollen in Mädchen in Uniform als Fräulein von Attems und in Peter Voß, der Millionendieb. 1931 gewann die begeisterte Autofahrerin zusammen mit ihrem Jugendfreund Ricki Hallgarten eine 10.000 Kilometer lange Rallye quer durch Europa. Sie verfasste die Komödie Plagiat unter Mitwirkung von Klaus Mann und gemeinsam mit ihm schrieb sie Das Buch von der Riviera. Was nicht im Baedeker steht. Im journalistischen Bereich debütierte Erika Mann mit kleineren Beiträgen und Glossen für das Berliner Magazin Tempo. 1932 erschien ihr erstes Kinderbuch, Stoffel fliegt übers Meer, mit Illustrationen von Ricki Hallgarten sowie ihr gemeinsam mit Hallgarten verfasstes Weihnachtsspiel Jan’s Wunderhündchen. Ein Kinderstück in sieben Bildern, das in Darmstadt uraufgeführt wurde. Hallgarten erlebte das Erscheinen des Stoffel nicht mehr; er nahm sich am 5. Mai 1932 das Leben. Erika Manns Bemühungen, den Freund von seinem Suizid abzubringen, hatten keinen Erfolg gehabt.
Ihren Lebensunterhalt verdiente Erika Mann mit ihren Film- und Theaterrollen sowie mit schriftstellerischen Werken, ungeachtet der kritischen weltpolitischen Lage aufgrund der Weltwirtschaftskrise 1929. Wenn das Geld einmal nicht reichte, erhielt sie, ebenso wie ihr Bruder Klaus, die notwendige finanzielle Unterstützung durch das Elternhaus. Doch das Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland beendete Erika Manns sorgloses, unpolitisches und abenteuerliches Leben. Erstmals zeigte sie politisches Engagement, dem sie auch in zahlreichen Zeitungsartikeln Ausdruck verlieh. Im Januar 1932 trat sie als Rezitatorin bei einer von Constanze Hallgarten – Mutter ihres Freundes Ricki – geleiteten pazifistischen Frauenversammlung auf, die durch rechte Gruppierungen gestört wurde. Durch ihren Auftritt geriet sie – wie auch ihre Familie – ins Kreuzfeuer der nationalsozialistischen Presse. Hallgarten und Mann erhoben mit Erfolg Klage wegen Beleidigung gegen zwei der Blätter, deren Schriftleiter zu jeweils 1500 Reichsmark Geldstrafe verurteilt wurden. Dies war aber nur ein Anfangserfolg, denn ihre Konfrontation mit den Nationalsozialisten sollte das Ende ihrer Laufbahn am Theater bedeuten. Zu dieser Zeit war sie bereits alkohol- und drogenabhängig, was in den folgenden Jahren regelmäßige Entzugs- und Erholungskuren nötig machte.
Kabarettistin im Schweizer Exil mini|hochkant|links|Therese Giehse, fotografiert von Annemarie Schwarzenbach, 1933