Die Brauerei in Wiesenburg war ein bedeutender Brauereibetrieb im Dorf Przysiek (deutsch Wiesenburg) westlich der Stadt Thorn (heute Toruń) in der polnischen Woiwodschaft Kujawien-Pommern. Sie gehörte zu den wichtigsten städtisch organisierten Produktionsbetrieben der Region und braute hauptsächlich Bier für die Einwohner Thorns sowie für den Export in verschiedene Regionen und Städte Preußen königlichen Anteils.
Gründung Im Jahr 1608 errichtete der Rat der Stadt Thorn in Wiesenburg einen großen Brauereibetrieb, der nicht nur für den lokalen Bedarf, sondern vornehmlich für den exportorientierten Bierhandel bestimmt war. Die Produktion war Teil eines komplexen städtischen neuzeitlichen sowie vorindustriellen Wirtschaftsstandortes, zu dem auch eine Brennerei (Gorzelnia) gehörte. Erster Pächter der Brauerei war von 1661 bis 1668 der deutsch-protestantische Stadtrat Ernst Lichtfuß, der von 1668 bis 1679 Bürgermeister von Thorn war.
Nach historischen Quellen wurde der Braubetrieb als städtische Einrichtung organisiert und an lokale Handwerker und Unternehmer verpachtet. Diese Verpachtung bedeutete keine Privat- bzw. Familienbesitz-Struktur im modernen Sinne, sondern eine betriebliche Leitung im Rahmen einer damaligen städtischen Wirtschaftspolitik.
Die Brauerei trug nachhaltig zu den Einnahmen der Stadt bei und war eine wichtige produktive Einrichtung des Thorner Vorwerks in Wiesenburg. Insbesondere im 17. Jahrhundert galt das „Wiesenburger Bier“ – damals eine bekannte Marke – als beliebtes und qualitativ hochwertiges Bier, das auch exportiert wurde und in städtischen Gaststätten ausgeschenkt wurde.
Der Ausbau und die wirtschaftliche Organisation des Hofes einschließlich Brauerei ist u. a. mit dem Engagement lokaler Führungspersönlichkeiten wie Heinrich Stroband, Ernst Lichtfuß und anderen Verwaltungspersonen des 16. und 17. Jahrhunderts verbunden, die den Standort unternehmerisch voranbrachten und ausschließlich den deutsch-protestantisch geprägten Patriziern der Stadt Thorn angehörten.
Ende der Brauerei Im Zuge der politischen Veränderungen nach den Teilungen Polens und der preußischen Verwaltung gingen städtische Betriebe zunehmend zurück. Nach der ersten polnischen Teilung verblieb Thorn bei Polen-Litauen. Das gesamte Vorwerk Wiesenburg ging hingegen an den preußischen Staat. Erst 1793 kam auch Thorn an Preußen.
Die Brennerei stellte bereits um 1803 ihre Produktion ein und nach 1815 wurde auch der Brauereibetrieb weitgehend eingestellt. 1818 umfasste das Vorwerk eine Fläche von ca. 974 Hektar und befand sich noch bis ins Jahr 1820 im Besitz der Stadt Thorn. Der ehemalige Betrieb wurde anschließend vor allem landwirtschaftlich genutzt. Im Jahr 1833 wurde das Vorwerk an Carl Jakob Krause verkauft, der es bis 1866 behielt, bis es an die Familie Neumann verkauft wurde, die es zwischen 1866 und 1939 behielt. Die Neumanns bauten das Herrenhaus aus, gründeten einen Park und im Jahr 1900 auch eine Grundschule für sowohl Deutsche als auch Polen. Nach 1945 wurde es verstaatlicht.
Teile der zugehörigen Gebäude und Anlagen blieben später als historische Industrie-Baureste erhalten und sind heute teilweise noch als Denkmalbestandteil sichtbar bzw. in andere Nutzungen übergegangen. Des Weiteren hebt die lokale Überlieferung hebt hervor, dass der Braubetrieb im 17. Jh. auch während kriegerischer Zerstörungen wieder aufgebaut wurde.
Zwischen 1815, also dem Ende der Wiesenburger Brauerei, und 1845 hatte Thorn mehrere Jahrzehnte lang keine große Brauerei mehr. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden mehrere große Brauereien bzw. Brauhäuser gegründet, von denen allerdings keines nach 1945 weiter existierte. Drei nennenswerte Brauereien dürften die Unionsbrauerei (gegründet 1845), die Brauerei Podgorz (gegründet 1861) sowie das Thorner Brauhaus (gegründet 1865) sein.
Sortiment Die Wiesenburger Brauerei produzierte als frühneuzeitlicher und vorindustrieller Brauereibetrieb den Quellen zufolge nur eine Biersorte, die zum Teil auch den heimischen Bedarf an Bier deckte, vornehmlich aber für den Export in andere von Deutschen regierte, teilautonome Stadtstaaten innerhalb Königlich-Preußens wie Danzig und Elbing bestimmt war.
Zeitgenössische Quellen bezeichnen das Przysiecker Bier (genannt Przysieckie, also Wiesenburger) dementsprechend nicht mit Stilnamen wie z. B. Bockbier, Braunbier oder Weißbier. Da im 17. Jahrhundert überwiegend obergärige Biere erzeugt wurden und die untergärige Brauweise erst später aufkam, wird angenommen, dass das exportierte Bier der Wiesenburger Brauerei ein eher dunkleres, obergäriges Bier war, das in Qualität und Stärke geeignet war, um transportiert und in anderen Städten angeboten zu werden. In seiner Rolle als exportierte Spezialität lässt sich dieser historische Bierstil am ehesten als Vorläufer der späteren Exportbiere des 19. Jahrhunderts betrachten, ohne jedoch formal ein solcher Stil gewesen zu sein.
Das Wiesenburger Bier weist so – nicht geschmacklich, sondern historisch und wirtschaftlich betrachtet – Ähnlichkeiten mit dem in Hannover gebrauten obergärigen Broyhan, oder dem, ebenfalls für den Export bestimmten, dunklen Bockbier aus der Hansestadt Einbeck aus, was sein im städtischen Brauhaus gebrautes Bockbier bis nach Bayern und Italien exportieren ließ.
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