Grimms Wörter (mit dem Untertitel Eine Liebeserklärung) ist ein 2010 erschienenes Prosawerk von Günter Grass. Darin würdigt er mit künstlerischen Mitteln die Lebensleistung und das Werk von Jacob und Wilhelm Grimm und setzt sie ins Verhältnis zum eigenen Schaffen und öffentlichen Auftreten. Bei Grimms Wörter handelt es sich um den abschließenden Band seiner Trilogie der Erinnerungen (nach Teil 1: Beim Häuten der Zwiebel und Teil 2: Die Box).

Gestaltungsmerkmale Seine Autobiographie in Variationen zu erzählen, war ein Vorsatz, den Grass bereits 2003 geäußert hatte.Grass hatte sich bereits 2003 dem Spiegel gegenüber entsprechend geäußert: „Ich habe ein ziemliches Misstrauen gegenüber Autobiografien. Wenn ich eine Möglichkeit sähe, mich gewissermaßen in Variationen zu erzählen – das wäre vielleicht reizvoll. Aber eigentlich mag ich Autobiografisches in der verschlüsselten Form der Fiktion lieber.“ (Zitiert nach Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 420) Die Liebeserklärung an die Grimm-Brüder, an ihre Erforschung und Dokumentation deutscher Sprachkultur verfasst er in mehreren miteinander verbundenen Erzählsträngen. Zum einen geht es um die Darstellung des Lebens und Schaffens der Gebrüder Grimm. Daneben wird die langwierige, teils chaotisch anmutende Entstehung, Fortsetzung und Vollendung des von ihnen begonnenen Deutschen Wörterbuchs vermittelt.

Zudem geben bestimmte Aspekte des Verhaltens der Brüder im öffentlichen Raum wie auch im Privatleben Grass Anknüpfungsgelegenheiten für Vergleiche und Gegenüberstellungen mit eigenem Leben und Schaffen. Mitunter sucht er unmittelbare Nähe zu ihnen herzustellen, indem er etwa gemeinsame Spaziergänge mit ihnen imaginiert. Zeithorizonte und die jeweils zugehörigen Zeitgenossen werden dergestalt vielfältig zusammengeführt. Gegliedert ist das Werk in neun Kapitel, denen jeweils ein Buchstabe des Alphabets zugeordnet ist: Die ersten sechs von A bis F spiegeln die Arbeitsleistung der Grimm-Brüder bei der Entstehung des Deutschen Wörterbuchs; drei weitere kommen hinzu, einschließlich des Z. Die Vorsatzseiten eines jeden Kapitels sind mit „farbenfrohen Buchstaben-Vignetten“Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung. 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 354. ausgestattet.

Dem Buch als Anhang beigegeben sind die vier ersten Spalten vom ersten Band des Deutschen Wörterbuchs sowie der Wortlaut der von Jacob und Wilhelm Grimm mitunterzeichneten Protestnote der Göttinger Sieben.

Kapitelinhalte

A – Im Asyl Zu Beginn des ersten Kapitels heißt es: „Von A wie Anfang bis Z wie Zettelkram. Wörter von altersher, die abgetan sind oder abseits im Angstrad laufen, und andere, die vorlaut noch immer bei Atem sind: ausgewiesen, abgeschoben nach anderswo hin. Ach, Alter Adam!“ (S. 9) Daran schließt Grass erste biographische Hinweise und wertschätzende Bemerkungen zum gemeinsamen Schaffen der Grimm-Brüder an. „Der ältere der Brüder, Jacob, kümmerte sich mehr ums Herkommen der Wörter und ging ihrem grammatischen Regelwerk nach. Wo Wilhelm dem schönen Klang zuliebe ab und an schummelte, blieb er wortgetreu. Sie ergänzten und grenzten sich ab.“ (S. 12) Dem Eingehen auf das Protestanliegen der Göttinger Sieben folgt die Darstellung ihrer Abschiebung aus dem Königreich Hannover ins kurhessische Exil nach Kassel.

Dort erreichte die Brüder das Angebot der Verleger Karl August Reimer und Salomon Hirzel, ein neues großes Wörterbuch der deutschen Sprache zu erarbeiten. Das nimmt Grass zum Anlass, unter dem Buchstaben A ausführlich auf weitere Spielarten und Konnotationen des Begriffs Arbeit und auf weitere Wortanfänge mit A bis hin zu Azur einzugehen.

B – Briefwechsel Es ist Bettina von Arnim, auf deren brieflichen Zuspruch nebst Eingaben an übergeordnete Stellen zugunsten der Grimm-Brüder Grass unter anderem in diesem Kapitel näher eingeht. Bis zu dem sich hinziehenden Vertragsabschluss der Verleger mit den Grimms konnten diese für ihren Lebensunterhalt von Spenden zehren, die vielerorts für sie gesammelt wurden, sogar im fernen Königsberg. Unerwünscht aber waren ihnen Mittel aus liberal-demokratischen Quellen, da ihre in Göttingen bewiesene Verfassungstreue auf konservativem Beharren beruhte.

Unter den diversen Bedeutungen, die mit dem Begriff Brief einhergehen, greift Grass auch den offenen Brief auf, von denen er einige selbst in ihm politisch wichtigen Angelegenheiten versendet hat, so an Anna Seghers, Kenzaburō Ōe, Kurt Georg Kiesinger oder Pavel Kohout. Einen Briefwechsel mit Bettina von Arnim gestaltet er zeitübergreifend: „Ein Briefcouvert, Bettina, / von Deinem Blaubeermund besiegelt, / gibt offen Botschaft mir, / wie blindlings unsere Briefe sich gekreuzt, / verloren blieben, dennoch neu erblühten / und sich erbarmten meiner Pein. / Ach such mich brieffrisch wieder heim /…“ (S. 65)

Auch des Buckels und bekannter Buckliger nimmt sich Grass unter dem Buchstaben B an. Zudem gedenkt er der eigenen politischen Leitbildfiguren August Bebel, Eduard Bernstein und Willy Brandt, die sein ausdauerndes Wahlkampfengagement für die SPD maßgeblich begründeten.

C – Die Cäsur Die Eingangspassagen des Kapitels sind den zahlreichen Buchstabenumwandlungen vom C zum K gewidmet. Gleich einem Comic und doch auch wie ein Crimi lese sich, „ab wann im Tauschhandel der Buchstaben etwas Halbrundes sich eckig zu spreizen beginnt, wie aus Cloake eine Kloake, aus Nicolaus ein Claus und später ein Klaus wird“. (S. 86) Jacob Grimm habe wegen „der vielen Wörter aus französischer Erblast“ vor allem das C nur lückenhaft erfasst. (S. 106) Das Chaos fehle, ebenso der Clown im Circus und Calvins Lehre. Jacob habe sich geweigert, das Chamäleon ins Wörterbuch aufzunehmen, „wenngleich dieses Tier genauso lustvoll wie der dritte Buchstabe zum Farbwechsel und Konvertieren neigt.“ (S. 98) Mit Blick auf die eigene Vita bemerkt Grass, der Katechismus habe seine jungen Jahre bestimmt, „der wie alles Katholische dem K anhing. Dessen Lehrsätze sowie das Sündenregister des Beichtspiegels paukte mir ein Vicar ein, dem es schweißtreibende Mühe bereitete, cölibatär zu leben, weshalb er uns Kinder, Knaben wie Mädchen, die ihm allesamt lieb waren, gerne befingerte. Danach verschwand er scheu lächelnd in einer Kammer neben der Sakristei, die ihm als Clausur oder Klausur diente.“ (S. 85 f.)

Eine neuerliche Wendung im Leben der Brüder Grimm ergab sich als Folge des Thronwechsels 1840 in Preußen von Friedrich Wilhelm III. zu Friedrich Wilhelm IV. Mehrseitige Fürsprachen bereiteten ihrer Berufung nach Berlin im Namen des Königs durch den neuen Kulturminister Friedrich Eichhorn den Weg, wo sie nunmehr mit dauerhafter finanzieller Unterstützung ihr Wörterbuchprojekt fortsetzten. Eine Wohnung fanden sie in der Lennéstraße am Großen Tiergarten, der sich ihnen fortan für Spaziergänge anbot. Grass, nunmehr aufs C bedacht, betrachtet ihr Wörterkunde-Arbeitsfeld aus heutiger Zeit: „Beim Wörtersuchen halfen weder Chips, / noch konnten die Brüder durch Raum und Zeit chatten. / Kein Computer öffnete ihnen den Weg ins Cyberspace.“ (S. 107)

In puncto Cäsur gelangt Grass zu zeitübergreifenden biographischen Parallelerscheinungen. Bei den Grimm-Brüdern bewirkte Hoffmann von Fallersleben als Gast bei Wilhelms 58. Geburtstag den gemeinten Einschnitt, als er von Studenten beim Absingen von Liedern gefeiert wurde, die der Zensurbehörde als Provokation zugetragen wurden, worauf Sanktionen und Fallerslebens Ausweisung aus Berlin folgten. Jacob und Wilhelm distanzierten sich im Nachgang von ihrem Gast – auf Kosten ihres Ansehens in der Öffentlichkeit. Als vergleichbare Cäsur im eigenen Leben behandelt Grass die Entlassungsaffäre um den Dramaturgen Heinar Kipphardt, den Grass wegen Abschusslisten gegen zeitgenössische Politiker in einem geplanten, dann aber zurückgezogenen Programmheft scharf angegriffen hatte. Bei einer von Grass besuchten Theatervorstellung der Schaubühne am Halleschen Ufer solidarisierte sich das Ensemble mit Kipphardt und forderte Grass vor Beginn der Vorstellung auf, das Theater zu verlassen. Als der sich mit der lautstark vorgetragenen Begründung, dass es ähnliche Aufforderungen in Berliner Theatern bereits 1933 gegeben habe, zu gehen weigerte, fand die Peer-Gynt-Aufführung unter Peter Stein schließlich doch im Beisein der Eheleute Grass statt.

D – Däumeling und Daumesdick Während Wilhelm Grimm bei den anderen ersten Buchstaben des Alphabets seinem Bruder Jacob lediglich assistiert hatte, zeichnete er für das D hauptverantwortlich, er, der sich vorzugsweise der Märchensammlung widmete. Drama, Demokratie und Dasein thematisiert er unter anderem ausführlicher. Zum Däumling gesellt er den von ihm erfundenen dreijährigen Dreikäsehoch Oskar aus Die Blechtrommel. „Weißt du noch, Oskar, wie dauerhaft dir Däumling den Weg gewiesen, dich widerständig gemacht, durch Dick und Dünn geschickt hat? Sag danke, Oskar, sag danke!“ (S. 144)

Auch von im Alltag dominierenden Daumen ist die Rede, vom seit Neros Zeiten sich senkenden Daumen, vom goldenen und guten Gärtnern nachgesagten grünen Daumen. Grass legt dar, dass Jacob Grimm die Frankfurter Nationalversammlung als Abgeordneter in der Paulskirche seinerzeit zwar geschmückt habe, dass seine Anträge jedoch niedergestimmt wurden, darunter dieser: „das deutsche volk ist ein volk von freien, und deutscher boden duldet keine knechtschaft. fremde unfreie, die auf ihm weilen macht er frei.“Grass folgt bei wörtlichen Zitaten generell der von Jacob Grimm praktizierten Kleinschreibung. (S. 159)

Eigene Paulskirchenerfahrungen, merkt Grass an, habe er nur für einen Vormittag im Oktober 1997 vorzuweisen, als er die Laudatio auf Yaşar Kemal bei dessen Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels hielt. Auf eisige Mienen in den ersten Reihen habe er geblickt, als er zuletzt deutsche Waffenlieferungen an die Türkei anprangerte und mit den Worten schloss: „Ich schäme mich meines zum bloßen Wirtschaftsstandort verkommenen Landes, dessen Regierung todbringenden Handel zuläßt und zudem verfolgten Kurden das Recht auf Asyl verweigert.“ (S. 163)

E – Der Engel, die Ehe, das Ende

Im Gegensatz zu Jacob Grimm, der das E für gering erachtet habe, erwärmt sich Grass für dessen schönen Klang, den er der Elritze, dem sich Ergehen unter Eschen und Eichen wie dem Entenessen und dem Bernstein-Einschluss abgewinnt. Missmutig gestimmt in Bezug auf das E stellt er sich dagegen Jacob vor, als der im Anschluss an einerlei, einerseits und einzig von den ermüdenden Debatten zur Einheit in der Paulskirchenversammlung eingeholt worden sei. Daran knüpft Grass die eigene Perspektive auf das Jahr 1990, als das zweigeteilte Deutschland eilfertig auf eine seither nur auf dem Papier stehende Einheit eingeschworen worden sei, „geködert mit dem Versprechen, es werde das Geld eins zu eins gewechselt, weshalb aus Einöden blühende Landschaften werden würden.“ In Wirklichkeit sei es „zu einer Einheit ohne Einigung“ gekommen. (S. 180)

In Ehefragen lagen die Dinge bei den Grimm-Brüdern eindeutig: Wenn überhaupt einer, „dann hatte Wilhelm das Zeug zum Ehegemahl. Er, der Erwählte, willigte ein.“ (S. 188) Betreffs der eigenen zwei Ehen bekennt Grass, auch zu zweit sein Eigenleben geführt zu haben – am Ende gleichwohl ein erprobter Ehemensch. (S. 191) Was Wilhelm Grimm anging, gelangte dieser jüngere der Brüder ans Ende seines Lebens, noch bevor er mit dem Buchstaben D zu Ende gekommen war, und hinterließ Jacob dieses Erbe zur Vollendung.

F – Bis die Frucht fiel