mini|Die Brunngasse in Wien um 1900, rechts das Ramharter’sche Speisehaus; Aquarell auf Papier von Gustav Korompay (1833–1907) Das Ramharter’sche Speisehaus war eine frühe vegetarische Gaststätte in Wien, die 1879 von Karl (1836–1912) und Magdalena Ramharter (1837–1913) eröffnet wurde. Es fungierte als Sitz des von Franz Kubiczek 1876 gegründeten Vegetarier-ClubsSusanne Breuss: Konkurrierende Esskulturen des 19. und 20. Jahrhunderts. Fleischhunger und Sodawasserlaune. In: Im Wirtshaus. Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit, hrsg. v. Ulrike Spring u. a., Wien 2007, S. 170–79, hier: S. 174. Zu Kubiczeks Club vgl. insbes. Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. Der Vegetarianer-Club 1876–1881, 22. November 2016, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026. und gilt als erste vegetarische Gaststätte Österreichs.Susanne Breuss: Konkurrierende Esskulturen des 19. und 20. Jahrhunderts. Fleischhunger und Sodawasserlaune. In: Im Wirtshaus. Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit, hrsg. v. Ulrike Spring u. a., Wien 2007, S. 170–79, hier: S. 174; Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. 140 Jahre vegetarische Gastronomie, 9. November 2017, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026.
Im Frühjahr 1877 führte das Bäckerehepaar Ramharter, das sich im 8. Bezirk mit seinem Grahambrot innerhalb der Wiener LebensreformbewegungZur Lebensreformbewegung vgl. Reinhard Farkas: Geschichte der Lebensreform in der Steiermark. In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark Jahrgang 91–92 (2000/01), S. 541–70. bereits einen Namen gemacht hatte, in seinem Geschäft einen vegetarischen Mittagstisch ein – ein zeitlich begrenztes, von Privatpersonen in Wohnungen oder Verkaufsräumen angebotenes Mittagsangebot ohne feste Speisekarte, mit täglich wechselnden Menüs.Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. 140 Jahre vegetarische Gastronomie, 9. November 2017, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026; Stefan Rindlisbacher: Lebensreform in der Schweiz (1850–1950). Vegetarisch essen, nackt baden und im Grünen wohnen, Berlin 2022, S. 175.
Der Erfolg dieses Angebots führte im Oktober 1879 zur Eröffnung eines dauerhaften Restaurants in der Wallnerstraße 7, später Nr. 4, in der Wiener Innenstadt. Die als Kellerlokal geführte Gaststätte bestand vermutlich bis zum Tod Karl Ramharters 1912 – bemerkenswert lange, da vegetarische Speiselokale um die Jahrhundertwende selten länger als zehn Jahre überdauerten. 1905 wurde Karl Ramharter der Titel eines „Wiener Bürger“ verliehen; nach dem dreißigjährigen Jubiläum 1907 suchte das Ehepaar aus gesundheitlichen Gründen vergeblich einen Nachfolger. Mit Karl Ramharters Tod erübrigte sich die Nachfolgerfrage ohnehin, da das Gebäude, in dem das Ehepaar über drei Jahrzehnte hinweg die Wiener Bevölkerung fleischlos bewirtet hatte, abgebrochen wurde.Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. 140 Jahre vegetarische Gastronomie, 9. November 2017, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026. Über das kulinarische Angebot sind nur wenige Einzelheiten überliefert; genannt werden Kohlsuppe mit Grießnockerln, Spinat mit Reis und Grahamschmarrn, dazu Milch und Wasser – alkoholische Getränke fehlten den Prinzipien der Lebensreformbewegung entsprechend gänzlich.Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. 140 Jahre vegetarische Gastronomie, 9. November 2017, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026. In der internationalen Vegetarier-Szene wurde das Lokal trotz grundsätzlicher Vorbehalte gegenüber vegetarischen Speisehäusern im deutschsprachigen Raum überwiegend positiv beurteilt: Gelobt wurden die Qualität der Speisen, die niedrigen Preise und die Räumlichkeiten ebenso wie die an der Wiener Mehlspeisetradition orientierte Küche und die großzügigen Portionen.Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. 140 Jahre vegetarische Gastronomie, 9. November 2017, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026.
Entgegen gelegentlicher AnnahmenSo von Susanne Breuss: Konkurrierende Esskulturen des 19. und 20. Jahrhunderts. Fleischhunger und Sodawasserlaune. In: Im Wirtshaus. Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit, hrsg. v. Ulrike Spring u. a., Wien 2007, S. 170–79, hier: S. 174. war das Ramharter’sche Speisehaus zwar die erste vegetarische Gaststätte Österreichs, nicht jedoch des gesamten deutschsprachigen Raums: Bereits 1875 hatte Lida Bernecker, Mitarbeiterin des Leipziger Vegetariervereins, ein vegetarisches Pensionat mit Lokal eröffnet.Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. 140 Jahre vegetarische Gastronomie, 9. November 2017, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026; Stefan Rindlisbacher: Lebensreform in der Schweiz (1850–1950). Vegetarisch essen, nackt baden und im Grünen wohnen, Berlin 2022, S. 175. Wie vergleichbare Einrichtungen andernorts war auch das Ramharter’sche Speisehaus eng mit der örtlichen organisierten Vegetarier- und Lebensreformbewegung verflochten:Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. 140 Jahre vegetarische Gastronomie, 9. November 2017, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026; Stefan Rindlisbacher: Lebensreform in der Schweiz (1850–1950). Vegetarisch essen, nackt baden und im Grünen wohnen, Berlin 2022, S. 175. Es diente nicht nur als Sitz des Wiener Vegetarier-Clubs von 1876, sondern war am 3. November 1881 auch Ort der Gründungsversammlung des Vereins für naturgemäße Lebensweise,Susanne Breuss: Konkurrierende Esskulturen des 19. und 20. Jahrhunderts. Fleischhunger und Sodawasserlaune. In: Im Wirtshaus. Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit, hrsg. v. Ulrike Spring u. a., Wien 2007, S. 170–79, hier: S. 174; Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. 140 Jahre vegetarische Gastronomie, 9. November 2017, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026. dessen Bücherei zeitweise ebenfalls dort untergebracht war,Wien, Verein für naturgemäße Lebensweise (Vegetarismus). In: Vegetarische Rundschau, Bd. 8 (1888), S. 216f. und blieb in den folgenden Jahrzehnten regelmäßiger Schauplatz von Vereinsversammlungen, Festen und Vorträgen zu vegetarischen, medizinischen und weltanschaulichen Themen.Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. 140 Jahre vegetarische Gastronomie, 9. November 2017, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026.
Zugleich bildete es um 1879/80 einen sozialen Kristallisationspunkt für einen Kreis junger Intellektueller und Kulturschaffender – darunter Heinrich und Adolf Braun, Theodor Hertzka, Gustav Mahler, Emanuel Sax, Hugo Wolf, Siegfried Lipiner, Friedrich Eckstein und Victor Adler –, die sich zu gemeinsamen Mahlzeiten trafen und politische, literarische sowie gesellschaftliche Zukunftsentwürfe diskutierten. Während Adler den Vegetarismus zwar als Zukunftsperspektive bejahte, dessen Verbreitung unter Arbeitern jedoch skeptisch einschätzte, sammelten sich um Eckstein Anhänger eines ganzheitlichen Vegetarismus, die auch die Arbeiterschaft für ihre utopistischen Vorstellungen zu gewinnen suchten.Astrid Schweighofer: Religiöse Sucher in der Moderne, Berlin u. a. 2015, S. 313f.; auch Karl Baier: Das okkulte Wien. In: Die Geburt der Moderne aus dem Geist der Religion? Religion, Weltanschauung und Moderne in Wien um 1900, hrsg. v. Rudolf Leeb/Astrid Schweighofer, Göttingen 2020, S. 239–282, hier: S. 244, 245f.
Bereits in den 1880er Jahren entstand mit dem Lokal Thalysia – zunächst in der Kolingasse im 9. Bezirk, später in der Oppolzergasse im 1. Bezirk – ein weiteres, dauerhaft bestehendes vegetarisches Restaurant; bis in die Zwischenkriegszeit folgte eine größere Zahl weiterer vegetarischer Gaststätten.Susanne Breuss: Konkurrierende Esskulturen des 19. und 20. Jahrhunderts. Fleischhunger und Sodawasserlaune. In: Im Wirtshaus. Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit, hrsg. v. Ulrike Spring u. a., Wien 2007, S. 170–79, hier: S. 174f.; Birgit Pack: Vegetarisch in Wien um 1900. 140 Jahre vegetarische Gastronomie, 9. November 2017, auf hypothese.org. Zugriff am 13. Januar 2026.
Anmerkungen
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