Semele ist eine Oper in drei Akten von John Eccles (Musik) mit einem Libretto von William Congreve nach den Metamorphosen des Ovid. Sie wurde um 1706 fertiggestellt, aber erst am 4. oder 6. Juni 1964 im Holywell Music Room in Oxford konzertant uraufgeführt.
Handlung
„Argument“
Erster Akt
Böotien; Tempel der Juno mit einer goldenen Statue derselben in der Nähe des flammenden Altars
Szene 1. Die Statue der Juno verneigt sich, und die Priester verkünden, dass Juno ihre Opfergaben angenommen habe („Lucky omens bless our rites“). Die von König Cadmus arrangierte Hochzeit seiner Tochter Semele mit Athamas kann daher stattfinden. Semele ist erschüttert, da sie nicht Athamas, sondern den Gott Jupiter liebt. Zudem fürchtet sie dessen Rache, falls sie Athamas tatsächlich heiraten sollte. Andernfalls würde sie jedoch den Zorn ihres Vaters auf sich ziehen. Athamas interpretiert ihr Erröten als erwachende Liebe zu ihm („See, she blushing turns her Eye“). Semeles Schwester Ino, die Athamas insgeheim liebt, verliert die Hoffnung auf ihr eigenes Glück. Bevor sie sich den anderen erklären kann, sind Donnerschläge zu hören. Es blitzt und regnet. Gleichzeitig verlischt die Altarflamme. Die Priester erkennen, dass Jupiter die Hochzeit ablehnt. Als sie das Feuer noch einmal anzünden, nickt Junos Statue, doch die Flamme wird erneut gelöscht. Schließlich versinkt der Altar mit einem lauten Donnerschlag in die Erde. Die Priester brechen die Zeremonie ab. Cadmus führt Semele hinaus, und die Hochzeitsgäste fliehen. Nur Athamas und Ino bleiben zurück.
Szene 2. Während Athamas seiner vergeblichen Hoffnung nachtrauert („Turn, hopeless lover, turn thy eyes“), bemerkt er die ebenfalls todunglückliche Ino. Er glaubt, Mitgefühl über sein Unglück sei der Grund für ihre Tränen. Als er sie darauf anspricht, gesteht sie ihm ihre lange verheimlichte Liebe (Duett: „You’ve undone me“).
Szene 3. Cadmus kehrt mit der Nachricht zurück, dass Semele von einem riesigen Adler mit purpurnen Schwingen und einem goldenen Schnabel in die Lüfte entführt wurde.
Szene 4. Die Priester beruhigen Cadmus: Bei dem Adler habe es sich um Jupiter selbst gehandelt („Cease your mourning“). Dies sei ein Grund zur Freude, denn Semele werde nun ewigen Frieden und ewige Liebe genießen.
Zweiter Akt
Eine freundliche Landschaft vor wunderschönen Bergen mit Wäldern und Wasserfällen
Szene 1. Juno und ihre Dienerin Iris steigen vom Himmel herab – Juno in einer von Pfauen gezogenen Kutsche, Iris auf einem Regenbogen. Juno hatte Iris damit beauftragt, den Aufenthaltsort ihres Mannes und seiner Geliebten herauszufinden. Iris berichtet, dass Vulcanus auf Jupiters Befehl einen Palast auf einem für Menschen unerreichbaren Berggipfel an der Grenze Böotiens errichtet habe. Dort werde Semele von Liebesgöttern und Grazien umsorgt („There from mortal cares retiring“). Juno kann diese Beschreibung nicht länger ertragen. Sie möchte Semele umgehend vernichten. Da die Palasttore jedoch von zwei Drachen bewacht werden, ist ein gewaltsamer Eintritt unmöglich. Juno beschließt, die Hilfe des Schlafgottes Somnus in Anspruch zu nehmen, um die Wächter in Schlaf zu versetzen.
Ein Gemach in Semeles Palast
Szene 2. Liebesgötter und Zephyre bewachen tanzend Semeles Schlaf (Cupid: „See, after the toils of an amorous fight“).
Szene 3. Begleitet von zwei Liebesgöttern erscheint Jupiter und umarmt Semele (Cupid: „Sleep forsaking“). Die beiden besingen glücklich ihre gegenseitige Liebe (Jupiter: „Lay your doubts and fears aside“ – Semele: „If chearful hopes“). Nach einer Weile erinnert sich Semele an ihre Sterblichkeit und die daraus resultierende Vergänglichkeit ihres Glücks („With my frailty don’t upbraid me“). Um sie von ihren Ängsten abzulenken, beauftragt Jupiter zwei Zephyre, ihre Schwester Ino herbeizufliegen („Thy needless fears remove“).
Offenes Land
Szene 4. Hirten und Schäferinnen unterhalten Semele und Ino mit einem Ballett.
Dritter Akt
Die Höhle des Schlafs
Szene 1. Mit einiger Mühe gelingt es Juno und Iris, den Schlafgott Somnus zu wecken (Somnus: „Leave me, loathsome light“). Er soll seinem Diener Morpheus befehlen, Jupiter mit einem Traum von Semele abzulenken. Außerdem bittet Juno ihn, ihr seinen Zauberstab zu leihen, mit dem sie die Drachen besänftigen kann. Gleichzeitig soll er Ino in Schlaf versetzen, damit sie selbst deren Gestalt annehmen kann. Als Belohnung für seine Hilfe verspricht sie Somnus die Grazie Pasithea zur Gemahlin (Juno: „Away let us haste“).
Semeles Gemach
Szene 2. Trotz ihres gegenwärtigen Liebesglücks fühlt Semele sich unerfüllt („I love and am lov’d, yet more I desire“).
Szene 3. In Gestalt Inos trifft Juno ein. Sie will Semele dazu bringen, Jupiter darum zu bitten, sie unsterblich zu machen. In einem Spiegel zeigt sie ihr, wie sie als Göttin aussehen würde („Behold in this Mirrour“). Semele ist so begeistert davon, dass sie ihren Blick kaum vom Spiegel abwenden kann („My self I shall adore“). Juno behauptet, dass sie, um dieses Ziel zu erreichen, Jupiter in seiner göttlichen Gestalt sehen müsse. Bis er ihr das gewährt, soll sie ihm alle Liebesdienste verweigern. Semele schenkt ihr Glauben („Thus let my thanks be paid“).
Szene 4. Als Jupiter eintrifft und seine Geliebte umarmen möchte („Come to my arms, my lovely fair“), zieht sich Semele von ihm zurück („Tho’ ’tis easie to please ye“) und weist ihn auf ihre unerfüllten Wünsche hin („I ever am granting“). Als Jupiter ihr schwört, jeden Wunsch zu erfüllen, verlangt sie, dass er sich ihr als Gott zeige („Then cast off this human shape“) und lässt sich auch von seiner Warnung nicht davon abbringen (Jupiter: „Ah! take heed what you press“ – Semele: „I’ll be pleas’d with no less“). Sie zieht sich zurück.
Szene 5. Jupiter ist entsetzt über diesen Wunsch, der unweigerlich Semeles Vernichtung zur Folge haben wird („’Tis past, ’tis past recall, she must a victim fall“).
Szene 6. Juno triumphiert, während sie in ihrer Kutsche zum Himmel aufsteigt („Above measure is the pleasure“).
Szene 7. In einer schwarzen Wolke nähert sich Jupiter der unter einem Baldachin ruhenden Semele. Es blitzt und donnert. Zu spät bereut Semele ihren Stolz. Sie stirbt beim Anblick Jupiters. Unter Blitz und Donner verschwindet der gesamte Palast.
Angenehme Landschaft vor dem Citheron-Gebirge
Szene 8. Auf die Erde zurückgekehrt erzählt Ino Cadmus und Athamas von dem Geschehen, das Hermes ihr in einer Vision gezeigt hat. Außerdem hat sie erfahren, dass Jupiter ihre Hochzeit mit Athamas angeordnet habe. Damit sind alle einverstanden.
Szene 9. Eine helle Wolke sinkt auf dem Berg Citheron herab. Ihr entsteigt Apollo, der Gott der Prophezeiungen. Er verkündet, dass aus Semeles Asche ein Phönix erstehen werde: Die Geburt ihres Sohnes Bacchus werde die Herrschaft des Tyrannen Love beenden („Apollo comes to relieve your care“). Ein Tanz von Satyrn beschließt die Oper.
Gestaltung
Die überlieferte Partitur sieht lediglich Streicher und Basso continuo vor, obwohl in den Londoner Theaterorchestern zur Entstehungszeit üblicherweise auch Holzbläser spielten.
Das Libretto ist hochwertig. Die Handlung wird in Arien und Arietten vorangetrieben. An wichtigen Handlungspunkten gibt es instrumentale Zwischenspiele. Die Musik steht überwiegend in der Tradition des ungefähr 10 Jahre älteren Henry Purcell. Eccles integrierte aber auch Elemente der gerade in London eingeführten italienischen Oper. Die den dritten Akt einleitende Pizzicato-Sinfonia der „Höhle des Schlafs“ und der darauffolgende Gesang des Somnus sind erkennbar von der Musik des Cold Genius in Purcells King Arthur inspiriert. Auch die Sinfonia unmittelbar vor Semeles Tod erinnert stark an Purcell. Jupiters warnende Antwort auf Semeles Wunsch, sich ihr in seiner wahren Gestalt zu zeigen („Ah! take heed what you press“, III:4) ist auf einer pulsierenden absteigenden Basslinie aufgebaut. Ihr folgt ein Rondo-ähnlicher rezitativischer Monolog mit einem gereimten Refrain, der offenbar von der französischen Tragédie lyrique angeregt ist.
Die Arien haben vielfältige Formen. Bei einigen handelt es sich um vollständige da-capo-Arien nach italienischem Vorbild. Andere haben eine Strophenform mit Orchester-Ritornellen und zwei kontrastierenden Teilen. Andere sind ohne wiederholte Abschnitte durchkomponiert. Das thematische Material der Arien orientiert sich näher am Text als das der zeitgenössischen italienischen Arien. Typisch italienisch ist die häufige Verwendung von unisono spielenden Streichern und Bässen. Viele Gesangspassagen werden ausschließlich von einer Solovioline mit Generalbass begleitet.
Für die Rezitative erfand Eccles einen eigenen Stil, auf den im Vorwort der Librettoausgabe explizit hingewiesen wurde. Sie sind weniger formelhaft als die üblichen Secco-Rezitative und kombinieren den italienischen Parlando-Stil mit der ausdrucksvolleren Deklamatorik Henry Purcells.
Werkgeschichte
Das Libretto dieser Oper stammt von dem englischen Dramatiker William Congreve. Es basiert auf einer Episode aus den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid. Congreve verfasste es 1705/1706 gegen Ende seiner Zusammenarbeit mit John Vanbrugh, dem Architekten und ersten Manager des Queen’s Theatre am Haymarket. Es war vermutlich ursprünglich für dessen Eröffnung im Frühjahr 1705 gedacht. Congreves Freund John Eccles stellte seine Vertonung wahrscheinlich im November oder Dezember 1706 fertig. Zu diesem Zeitpunkt hatte allerdings das von Christopher Rich geleitete Theatre Royal bereits ein Monopol für die Aufführung von Opern erhalten. Congreve und Eccles vereinbarten daher mit Rich eine dortige Produktion in der Spielzeit 1706/1707. Daran hielt sich Rich jedoch nicht. Er zeigte stattdessen ein von Johann Christoph Pepusch zusammengestelltes italienisches Pasticcio namens Thomyris. Die ersten italienischen Opern hatte Rich hatte bereits kurz vor der Eröffnung des Queen’s Theatre in London eingeführt. Englischsprachige Opern konnten sich in der Folgezeit nur schwer dagegen durchsetzen.
Congreve veröffentlichte das Libretto 1710. Ein nahezu vollständiges autografes Manuskript der Partitur befindet sich in der Bibliothek des Londoner Royal College of Music (MS 183). Untersuchungen von Richard Platt und Estelle Murphy zufolge handelt es sich um Eccles’ Autograf. Die fehlenden Stellen betreffen den Anfang, das Ende und den dritten Akt. Drei Arien der Oper wurden Anfang des 18. Jahrhunderts separat ohne Nennung des Komponisten veröffentlicht.
Georg Friedrich Händel vertonte 1744 eine Bearbeitung des Librettos in Form eines weltlichen Oratoriums mit zusätzlichen Chören (→ Semele (Händel)). Es war im Gegensatz zu Eccles Oper nicht für eine Bühnenaufführung vorgesehen.
Eccles Oper erlebte erst am 4. Juni 1964 ihre konzertante Uraufführung im Holywell Music Room in Oxford unter der Leitung von Stoddard Lincoln (nach anderen Quellen am 6. Juni 1964 unter John Byrt).Oxford Concert Programmes: Box 7 (1963–65), abgerufen am 11. Januar 2026. Die erste szenische Aufführung war am 22. April 1972 in St John’s, Smith Square. Es handelte sich um eine Produktion der Londoner Opera da Camera unter der Leitung von Steuart Bedford. Die aus diesem Anlass erstellte Ausgabe von Richard Platt erschien 2000 in der Reihe Musica Britannica.
Weitere nachweisbare Produktionen waren:
9.–13. Januar 1993: Merkin Concert Hall im Abraham Goodman House, New York – Produktion des Mannes College of Music; Dirigent: Dongsok Shin, Regie: Paul C. Echols. 3. September 2015: Musikzentrum TivoliVredenburg in Utrecht – konzertant beim Festival Oude Muziek; La Risonanza, Dirigent: Fabio Bonizzoni. 26. November 2019: Trinity College, Cambridge – Produktion der Cambridge Handel Opera Company, der Academy of Ancient Music und von Cambridge Early Music; Dirigent: Julian Perkins. 18. November 2023: Dallas – Produktion der American Baroque Opera. April 2024: Town Hall, Leederville, Australien – Produktion der HIP Company; Dirigent: Shaun Lee-Chen, Regie: Caitlin Cassidy.
Aufnahmen