mini|Römische Ruinen, die Thermen
Iomnium ist der antike Name der heutigen Stadt Tigzirt an der algerischen Mittelmeerküste.Jean-Pierre Laporte: La grande basilique de Tigzirt. In: Bulletin de la Société nationale des Antiquaires de France, 1994(1), 1996, S. 249–270. DOI:10.3406/bsnaf.1996.9943. Tigzirt liegt in der Kabylei in Algerien, etwa 120 km östlich von Algier und rund 30 km nördlich von Tizi Ouzou.
Die Ruinen von Iomnium befinden sich unmittelbar am Meer auf einer Landzunge gegenüber einer kleinen Insel. In der Forschung wird diskutiert, ob diese Insellage bereits in vorrömischer Zeit für eine frühe Niederlassung genutzt worden sein könnte; gesichert ist vor allem die römische und spätantike Bebauung des Ortes.
Lage und Toponymie Iomnium wird in der Regel mit dem heutigen Tigzirt identifiziert. Der moderne Ortsname wird häufig mit der Nähe zu einem kleinen vorgelagerten Inselchen in Verbindung gebracht und teils mit einem phönizisch-punischen Hintergrund diskutiert.
Als wahrscheinlich gilt, dass Iomnium in der Mauretania Caesariensis als einer von mehreren phönizischen oder punischen Küstenplätzen entstanden sein könnte; als Indiz wird unter anderem der Anfangsbuchstabe I im Namen (ʾj = „Insel“ im Punischen) angeführt.Werner Huß: „Iomnium“. In: Brill’s New Pauly (Online-Ausgabe). Abgerufen am 23. März 2024. DOI:10.1163/1574-9347_bnp_e12223000. Der Name Iomnium wird als Latinisierung eines punischen Namens gedeutet, der möglicherweise die Elemente ʾy (𐤀𐤉) und ʾmn (𐤀𐤌𐤍) kombinierte („starke Insel“ bzw. sinngemäß eine befestigte Insellage); in der Literatur werden auch alternative etymologische Deutungen genannt.Wilfred G. E. Watson: Loanwords in Phoenician and Punic. In: Ritual, Religion, and Reason, Ugarit-Verlag, Münster 2013, S. 328, 397 ff.; E. Lipiński: „Sites ‘phénico-puniques’ de la cote algérienne“. In: REPPAL 7/8, 1992–1993, S. 305, 315–317; P. Siggers: Vestiges toponymiques de la présence phénico-punique en Sardaigne, S. 25–35.
Antike Quellen und Identifizierung Auf der Küstenroute von Rusguniae nach Saldae (Bougie, Bejaia) nennen antike Itinerare mehrere Stationen. Das Itinerarium Antonini führt u. a. Cissi, Rusueuirru, Iomnium und Rusasis auf; die Tabula Peutingeriana nennt Cissi, Rusuccuru, Iomnium, Rusippisir und Rusazu. Die Zuordnung dieser Namen zu modernen Orten (u. a. Dellys, Tigzirt, Taksebt, Azeffoun) wurde in der Forschung wiederholt diskutiert und führte teils zu widersprüchlichen Vorschlägen.Clément Pallu de Lessert: Lettre à M. Héron de Villefosse, sur la position de Rusuccurium. In: Comptes rendus des séances de l’Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, 30. Jahrgang, Nr. 2, 1886, S. 270–276. Eine Zusammenfassung älterer Diskussionen findet sich bei Stéphane Gsell.Stéphane Gsell: Atlas archéologique de l’Algérie. Alger: Jourdan, 1911, Blatt 6, Nr. 87.
Als Ursache für Identifikationsprobleme wird insbesondere eine fehlerhafte Distanzangabe der Tabula Peutingeriana genannt: Dort wird Iomnium in größerem Abstand westlich von Rusippisir verortet, als es die tatsächliche Entfernung nahelegt.Jérôme Carcopino: „Mélanges d’épigraphie algérienne – III Tigzirt-Taksebt“. In: Revue africaine, Nr. 292, Alger: Adolphe Jourdan, 1914, S. 348.Edward Lipiński: Itineraria Phoenicia. (Orientalia Lovaniensia Analecta 127 / Studia Phoenicia XVIII). Leuven: Peeters, 2004. ISBN 978-90-429-1344-8.
In der Literatur wird außerdem erörtert, ob Iomnium (und nicht Iol) mit dem in der Überlieferung des Pseudo-Skylax genannten „Ioulíou“ (Ἰουλίου) in Verbindung zu bringen sei; dabei wird teils ein Abschreibfehler in der Texttradition angenommen.
Geschichte Phönizisch-punische Ursprünge und maritimes Netz Iomnium wird als Teil eines punischen Küstennetzes an der Seeroute zwischen Phönizien und der Straße von Gibraltar diskutiert. Nach Lipiński gehörte der Ort zum karthagischen Machtbereich und fungierte als Hafen für Rusippisir (heute Taksebt) in geringer Entfernung östlich.Edward Lipiński: Itineraria Phoenicia. Leuven: Peeters, 2004, S. 397 (online bei Google Books). Serge Lancel beschreibt die Küstenplätze dieses Systems als relativ regelmäßig verteilte Anlaufstellen entlang der algerischen Küste.Serge Lancel: Algérie. In: Véronique Krings (Hrsg.): La civilisation phénicienne et punique. Manuel de recherche (= Handbuch der Orientalistik. Abteilung 1, Band 20). E. J. Brill, Leiden/New York/Köln 1995, ISBN 90-04-10068-7, S. 786–795, hier S. 790–791. Für die römische Zeit wird Iomnium als Knotenpunkt für Küstenschifffahrt und regionale Konnektivität angeführt.David L. Stone: „Africa in the Roman Empire: Connectivity, the Economy, and Artificial Port Structures“. In: American Journal of Archaeology 118(4), 2014, S. 573. DOI:10.3764/aja.118.4.0565.
Römische Zeit Nach den Punischen Kriegen geriet der Ort unter römischen Einfluss. In der römischen Provinzialordnung wird Iomnium als Civitas geführt. Archäologische Befunde belegen eine städtische Infrastruktur, darunter Hinweise auf einen Hafen mittlerer Größe sowie monumentale Bauten (u. a. Forum- und Tempelbereich, öffentliche Gebäude, Straßenanlagen und Thermen); außerdem sind Mosaikfunde, Inschriften und Skulpturen überliefert.
Spätantike Für das Jahr 411 ist Iomnium als Bischofssitz belegt.Acta concilii Carthaginiensis anno 411 habiti, cognitio 1, § 207.
Ruinen und Archäologie Die große Basilika Die große Basilika von Iomnium wird in der älteren Forschung als mögliche Kathedralkirche angesprochen, da ein Bau dieser Größe in einem Bischofssitz plausibel sei.Paul Gavault: Étude sur les ruines romaines de Tigzirt. Paris: E. Leroux, 1897, S. 6. Sie liegt zwischen der byzantinischen und der römischen Befestigung, jedoch näher an der römischen Mauer. Gavault weist darauf hin, dass auch andere Kirchen der Stadt in ähnlicher Randlage nahe den Mauern gelegen hätten; dies wird als in nordafrikanischen Städten nicht ungewöhnlich beschrieben.Gavault 1897, S. 6. Als Vergleich wird u. a. Tipasa genannt.Stéphane Gsell: „Mélanges de l’École de Rome“ XIV, 1894, S. 359.
mini|Grundriss der Basilika von Tigzirt (nach Gavault, 1897) mini|Schnitt der Basilika von Tigzirt (nach Gavault, 1897)
Nach der Beschreibung Gavaults öffnete sich das Portal zur Stadtseite hin auf eine Straße oder einen Platz. Der Bau bildet ein Rechteck von etwa 38 m Länge und 21 m Breite mit einer halbkreisförmigen, leicht vorspringenden Apsis; an der linken Seite schließt ein weiterer Baukörper an. Die Längsachse ist ost-westlich ausgerichtet. Zur Mauertechnik werden Kleinquadermauerwerk und regelmäßige Quaderketten genannt; in Teilbereichen (u. a. an der Südwand) wird eine abweichende Ausführung beschrieben, die Gavault als Hinweis auf eine spätere Umbauphase deutet.Gavault 1897, S. 8.
Das Innere war durch doppelte Säulenstellungen zwischen Mittel- und Seitenschiffen gegliedert; Gavault ordnet dies einem in Afrika seltener belegten Typus zu und vermerkt zugleich Reparaturen und Ersetzungen (u. a. Pfeiler statt Säulen) in einzelnen Zonen.Vgl. zur Typologie: Corroyer, Architecture romane, Abb. 58. Bautechnische Details (dreiteiliger Zugang, Verschlüsse, Schrankenanlagen, erhöhte Apsiszone und Nebenräume) werden in der älteren Aufnahme ausführlich beschrieben.Gavault 1897, S. 9–18.
mini|Plan der Ruinen von Tigzirt (nach Gavault, 1897)
Weitere Basiliken Gavault erwähnt die Reste eines weiteren basilikaartigen Gebäudes im südlichen Stadtgebiet an der römischen Mauer, dessen Fundamente teilweise unter einer Straße gelegen hätten; überliefert ist ein Rechteck von etwa 25 m × 13 m mit dreischiffiger Gliederung und Apsis.Gavault 1897, S. 97.
Eine weitere Basilika wird als „Kryptabasilika“ beschrieben, mit einem Untergeschoss aus tonnengewölbten Räumen und einem darüberliegenden, verfüllten Obergeschoss; der Befundzustand wird als beeinträchtigt geschildert.Gavault 1897, S. 98.
Die Basilika der Nekropole auf einem Hügel gegenüber der großen Basilika wurde in älteren Berichten zunächst anders gedeutet; spätere Arbeiten ordnen sie als funerären Kirchenbau ein. Der Grundriss wird als dreischiffiges Rechteck mit Apsis beschrieben; einzelne dekorierte Bauteile (z. B. Arkadenzwickel mit Rosetten- und Sternmotiven) sind überliefert.Gavault 1897, S. 103.
Verschiedene Gebäude Mehrere weitere Bauten werden im Ruinenplan (u. a. A–F) geführt und in der Aufnahme Gavaults beschrieben. Dazu zählen ein größerer Bau neben dem Tempel (A), in dem eine Inschrift mit Bezug auf Rûsuccuru und Iomnium gefunden worden sei, sowie weitere monumentale Gebäudereste (B–D) und Säulenfunde im Bereich der byzantinischen Mauer (E).Gavault 1897, S. 91–96. Für Gebäude F wird eine basilikaartige Halle mit Pfeilerreihen sowie ein Brunnenbefund genannt; außerdem werden Spolien und Umbauten als Hinweise auf Wiederverwendung älterer Bauteile erwähnt.Gavault 1897, S. 96.
Befestigungen Zwei Befestigungslinien sind erhalten: eine äußere römische Mauer, die eine deutlich größere Fläche umfasst (geschätzt 10–12 ha), sowie eine kleinere, als byzantinisch angesprochene Umwehrung.Gavault 1897, S. 105. Für die römische Mauer wird Kleinquadermauerwerk mit hydraulischem Mörtel beschrieben; Türme und ein stärker gesichertes Tor werden erwähnt. Vergleichend wird auf andere nordafrikanische Befestigungen verwiesen (u. a. Tipasa).Vgl. zur Mauer von Tipasa: Gsell, Mélanges de l’École de Rome XIV, 1894, S. 324–329.
Die byzantinische Mauer besteht aus großen Quadern ohne sichtbaren Mörtel und ist in Teilen besonders gut erhalten; ihre Anlage mit Versprüngen und schmalen Durchgängen wird als funktional beschrieben. Einzelne christliche Dekorelemente (z. B. Rosetten, Monogramme) werden als Hinweise auf eine spätere Nutzungsphase angeführt.Gavault 1897, S. 110.Bourlier; Pallu de Lessert: In: Revue de l’Afrique française IV, 1886, S. 145; sowie Comptes rendus de l’Académie des inscriptions, 1886, S. 270.
Insel Das kleine Eiland vor der Halbinsel, das dem modernen Ortsnamen zugrunde liegt, soll nach älteren Berichten durch eine gemauerte Verbindung zur Küste erschlossen gewesen sein, die durch Erosion verloren ging; der Zugang ist wegen des flachen Kanals stellenweise weiterhin möglich.Gavault 1897, S. 110. In älterer Literatur wird betont, dass der eigentliche Hafen nicht auf der Insel, sondern weiter östlich im Bereich von Taksebt zu suchen sei.Gavault; Bourlier: In: Revue africaine XXXVII, S. 134.
Nekropolen Gavault beschreibt in den Fels gehauene Gräber an der Straße von Dellys und weist auf formale Ähnlichkeiten hin, die in der älteren Literatur mit anthropoiden Bestattungstypen verglichen wurden; eine sichere Datierung wird dabei als schwierig dargestellt.Gavault 1897, S. 111.Perrot; Chipiez: Histoire de l’art dans l’antiquité III, S. 178.
Ferner wird in älteren Berichten ein bei Bauarbeiten entdecktes Steingrab im südlichen Stadtgebiet beschrieben (Länge ca. 1,88 m), das mit Platten abgedeckt war, von denen eine die Buchstaben „M F L“ trug. Der Befund wird als ungewöhnlich vermerkt; weitergehende Deutungen bleiben in der Literatur unsicher.
Epigraphik Die lateinischen Inschriften von Tigzirt sind teils in Fels eingehauen. Gsell veröffentlichte 1899 eine längere Felsinschrift, die Maßnahmen zur Sicherung von Weidewegen bzw. Herden erwähnt.Stéphane Gsell: In: Bulletin archéologique du Comité (Bull. Arch. du Com.), 1899, S. CLXXXI. Weitere Inschriften (u. a. „AVGSR“, als mögliche Abkürzung gedeutet) wurden im Zusammenhang mit Besitz- und Grenzverhältnissen diskutiert; daraus wurden Rückschlüsse auf Wirtschafts- und Sozialstruktur (u. a. kaiserliche und private Güter) gezogen.Carcopino 1914, S. 344.