mini|Stefan Zweig (ca. 1912) mini|Porträt Marie-Antoinettes, von Jean-Baptiste-André Gautier-Dagoty, um 1775 (Musée Antoine-Lécuyer, Saint-Quentin)
Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters ist eine von Stefan Zweig verfasste Biografie der Königin von Frankreich Marie-Antoinette, die 1932 erstmals im Insel Verlag erschien.
Hintergrund Zweig hatte sich in seinem Werk bereits mehrfach mit der Französischen Revolution beschäftigt, darunter in der Biografie Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen mit Joseph Fouché und in der Erzählung Die Hochzeit von Lyon mit der Terrorherrschaft. Die Marie-Antoinette-Biografie entstand zu Beginn der 1930er Jahre. Während der extensiven Recherche – in seiner Autobiografie Die Welt von Gestern behauptet er, „jede einzelne Rechnung [...], alle zeitgenössischen Zeitungen und Pamphlete [...], alle Prozeßakten“ überprüft zu haben – wurde er unter Anderen von Erwin Rieger unterstützt. Diese Arbeit findet sich jedoch nur zum Teil in der Schlussfassung wieder; etwa die Hälfte des ersten Entwurfs war von Zweig gestrichen worden.Daniela Strigl: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch, S. 398–405, hier: S. 398
Editionsgeschichte Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters erschien mit einer Startauflage von 20. Tsd. Exemplaren im Oktober 1932 auf dem deutschen Buchmarkt. Es handelte sich um das letzte Buch Zweigs, das beim Insel Verlag als Erstausgabe erschien. 1932 folgten noch zwei weitere Auflagen (40.Die sprachliche Durchsicht dieser Auflage sollte aufgrund einer Arbeitsüberlastung des Verlages außer Haus, an den Kippenberg vom Sprachverein empfohlenen, allerdings völkischen Germanisten Walther Linden vergeben werden, was dann zu einer Kampagne gegen Stefan Zweig in der Berliner Börsen-Zeitung und in der Zeitschrift Die neue Literatur Anfang 1933 benutzt wurde (vgl. Anton Kippenberg – Stefan Zweig. Briefwechsel 1905–1937, S. 707 ff.). und 50. Tsd.), bevor 1934 abschließend eine gekürzte Ausgabe (55. Tsd.) erschien, denn schon unmittelbar nach der Machtergreifung wurden die Werke Zweigs von den neuen nationalsozialistischen Machthabern zunächst für unerwünscht und ab 1936 verboten. Da Zweig jüdischer Herkunft war, fielen seine Werke auch der Bücherverbrennung im Mai 1933 zum Opfer.Daniela Strigl: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch, S. 398–405, hier: S. 398–399 Nachdem sich Stefan Zweig aufgrund der politischen Verhältnisse in Deutschland Ende 1934 mit seinen Büchern, ausgenommen seinen Bänden in der Insel-Bücherei und einigen abzuverkaufenden Restbeständen früherer Auflagen (u. a. Joseph Fouché), endgültig vom Leipziger Insel Verlag trennen mussteDie formelle Kündigung des Verlagsverhältnisses erfolgte durch Stefan Zweig dann am 29. Februar 1936 (Vgl. Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarischer Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942), S. 260)., erschien das Buch am 15. November 1935 (Impressum: 1936) im Herbert Reichner VerlagSusanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarischer Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). S. 258, der seinen Hauptsitz in Wien hatte.Für die bei ihm veröffentlichten Werke Stefan Zweigs legte der Verlag 1937 noch einen umfangreichen Prospekt auf, der bis zum Titel Magellan reicht und ein Portrait des Autors auf dem Umschlag trägt (Digitalisat des Prospekts im Archiv der Israelischen Nationalbibliothek). Nach dessen Emigration in die USA wurde es 1939 von der Verlagsgruppe Bermann-Fischer, Allert de Lange und Querido in der Reihe der Forum-Bücher erneut aufgelegt.
Bermann-Fischer verlegte das Werk 1948 nochmals in Amsterdam; danach erschien es als Lizenzausgabe 1949 beim Suhrkamp Verlag auch wieder in Deutschland. Es folgten viele weitere Auflagen und Lizenzausgaben (u. a. Büchergilde Gutenberg), ab 1980 auch als Fischer-Taschenbuch, bis in die Gegenwart.
Inhalt Zweig lässt seine Biografie mit der Verlobung der noch jugendlichen Marie Antoinette mit Louis-Auguste beginnen, dem späteren König Ludwig XVI. Es handelte sich um einen diplomatischen Coup, der den Frieden zwischen den lange verfeindeten Habsburgern und Bourbonen sichern sollte. Zweig meint, dass Marie-Antoinettes Erziehung trotz der Mahnungen ihrer Mutter und trotz ihrer natürlichen Auffassungsgabe wenig erfolgreich war. Sie hatte zu wenig Interesse an klassischer Bildung. Ihre Hoflehrer habe sie so entzücken können, dass sie das Lernen vermeiden konnte. In dieser Zeit zeichnet Zweig einen starken Antagonismus zwischen ihr und der Madame Dubarry nach, einer Mätresse Ludwig XV.Daniela Strigl: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch, S. 398–405, hier: S. 399
Die eigentliche Hochzeit zwischen Marie-Antoinette und Louis-Auguste fand 1770 statt; vier Jahre später bestieg das Paar nach dem Tod Ludwig XV. den Thron. Die Vernunftehe konnte zunächst wegen der Impotenz Ludwigs nicht vollzogen werden; Zweig vermutet dahinter eine Phimose. Erst ein Besuch Joseph II., des Bruders Marie-Antoinettes, konnte den König 1777 zur nötigen Operation bewegen. Davor sei Marie-Antoinette zur sexuellen Befriedigung auch homosexuelle Beziehungen eingegangen.Terry Castle: Marie Antoinette Obsession In: Representations, Band 38 (1992), S. 1–38, hier: S. 15 Später pflegte sie eine innige Liebesbeziehung mit dem schwedischen Adeligen Hans Axel von Fersen. Den Aufstieg auf den Königsthron nutzte sie, um ihre vom Rokoko geprägte Vorstellung von Luxus im Schloss Trianon auszuleben. Die Ermahnungen ihres zurückhaltenden Ehemanns ob ihres verschwenderischen Lebensstils ignorierte sie. Gekoppelt mit ihren unglücklichen politischen Manövern und den Schmähungen ihrer Gegner, die sich im Zuge der Halsbandaffäre nur vermehrten, führte dies dazu, dass sie zum Sündenbock für die aus Kontrolle geratenen Staatsverschuldung wurde.Daniela Strigl: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch, S. 398–405, hier: S. 399–400
Mit dem Einsetzen der Französischen Revolution wuchs die Königin über sich hinaus und beteiligte sich mehr und mehr am Staatsgeschäft. Dabei übernahm sie teils eine aktivere Rolle als ihr zögerlicher Ehemann, mit dem sie von Zweig kontrastiert wird. Ihre Versuche, sich und ihre Familie etwa durch eine Allianz mit dem Revolutionär Mirabeau oder durch die Flucht nach Varennes zu retten, scheiterten jedoch. Die Monarchie wurde nach dem Tuileriensturm abgeschafft; an ihre Stelle trat die Erste Französische Republik. Auch nach der Hinrichtung ihres Mannes und dem Entzug ihres Sohnes behielt Marie-Antoinette allerdings ihre Würde. Am 16. Oktober wurde sie ebenfalls zum Tode verurteilt und per Guillotine geköpft. Besonders der Vorwurf der Unzucht mit ihrem Sohn verletzte sie in ihren Gefühlen als Mutter. Fersen, der bis zum Schluss um ihre Rettung bemüht war und dem das letzte Kapitel gewidmet ist, wird 1810 von einem wütenden Mob ermordet.Daniela Strigl: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch, S. 398–405, hier: S. 400–401
Rezeption und Forschung Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters gehört bis heute zu den beliebtesten Werken Zweigs. Besonders in Frankreich nahmen auch Historiker das Werk des Laien Zweig wohlwollend als einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsschreibung der Französischen Revolution auf. Der britische Historiker George Peabody Gooch bezeichnete das Werk Zweigs in einer Rede vor der Historical Association als das „farbenreichste Porträt“ Marie-Antoinettes.George Peabody Gooch: Marie Antoinette In: History, Band 34 (1949), S. 221–234, hier: S. 221 Sigmund Freud, dessen Theorie der Psychoanalyse eine wichtige Inspirationsquelle für Zweig war, lobte den Schriftsteller für seine psychologischen Analysen der historischen Akteure und die Art und Weise, wie er das Verhältnis zwischen Individualschicksal und Weltgeschehen herausstellte. Auch der im Vergleich zu Zweigs anderen Werken wenig überschwängliche Schreibstil wurde von ihm positiv hervorgehoben. Gegen Zweig wandten sich Kritiker wie Siegfried Kracauer, Leo Löwenthal und Georg Lukács, die ihm einen überholten Humanismus vorwarfen. Er habe dem Leser durch seine Überbetonung der Gefühlswelt reinen Eskapismus geboten, der auf Kosten einer echten Auseinandersetzung mit der revolutionären Geschichte gekommen sei. In der nationalsozialistischen Presse wurde das Buch verrissen. So äußerte Richard Schaukal sich in der Neuen Literatur hämisch, dass erst Walther Linden den Text ins Deutsche übertragen habe. In der jüngeren Forschung wurden unter anderem von der Historikerin Annie Duprat die Mängel Zweigs als Historiker hervorgehoben, zum Beispiel in der unvollständigen Quellenkritik.Daniela Strigl: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch, S. 398–405, hier: S. 399, 401–403
Zweig stellt mit seiner Marie-Antoinette-Biografie das Leben einer – in seinen Augen – gewöhnlichen Frau in außergewöhnlichen Zeiten dar. Diese verhelfen ihr dazu, charakterlich zu reifen und sich voll zu entfalten, so dass sie auch nach ihrem Scheitern ihre Würde bewahren kann. Dass Zweig hier eine Besiegte als die Hauptfigur gewählt hat, ist für sein Werk üblich. Dabei handelt es sich auch um den Versuch der Rehabilitation einer der am häufigsten verleumdeten Figuren der Französischen Geschichte. Für seine Zeit bemerkenswert ist der offene Umgang mit der weiblichen Sexualität Marie-Antoinettes in ihren Beziehungen zu ihrem Mann und zu Fersen.Daniela Strigl: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch, S. 398–405, hier: S. 401–404
Die Biografie diente als Grundlage des 1938 erschienenen Films Marie-Antoinette, der von Zweig selbst jedoch als qualitativ minderwertig abgelehnt wurde.Daniela Strigl: Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters In: Arturo Larcati, Klemens Renoldner und Martina Wörgötter (Hrsg.): Stefan-Zweig-Handbuch, S. 398–405, hier: S. 404 Das Bildnis eines mittleren Charakters diente auch der Mangaka Riyoko Ikeda als eine Vorlage. Ihr Manga Die Rosen von Versailles gilt heute als einer der wichtigsten Vertreter des Shoujos.
Ausgaben (Auswahl) Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters. Insel Verlag, Leipzig MCMXXXII . Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters. Herbert Reichner Verlag, Wien–Leipzig–Zürich 1935. Marie Antoinette. Bermann-Fischer, Stockholm; Allert de Lange und Querido, beide Amsterdam – 1939 (Reihe: Forum-Bücher; Lizenzausgabe des Herbert Reichner Verlags)Digitalisat der Ausgabe bei der DNB (). Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters. Bermann-Fischer, Amsterdam 1948 Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1949 (Lizenzausgabe des Bermann-Fischer Verlags)
Literatur Susanne Buchinger: Stefan Zweig – Schriftsteller und literarischer Agent. Die Beziehungen zu seinen deutschsprachigen Verlegern (1901–1942). Buchhändlervereinigung, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-7657-2132-8 Anton Kippenberg, Stefan Zweig: Briefwechsel 1905–1937. Insel Verlag, Berlin 2022, ISBN 978-3-458-17551-3 Heinz Sarkowski: Der Insel Verlag. Eine Bibliographie 1899–1969. Insel, Frankfurt am Main 1970 (2. Auflage, Frankfurt am Main und Leipzig 1999, ISBN 3-458-15611-9).