mini|Udo Ulfkotte (2007) Udo Konstantin Ulfkotte (* 20. Januar 1960 in Lippstadt; † 13. Januar 2017) war ein deutscher Journalist und Publizist. Von 1986 bis 2003 war er politischer Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Ab Ende der 1990er Jahre schrieb er mehrere Bestseller und vertrat zunehmend rechtspopulistische, islamfeindliche sowie verschwörungstheoretische Positionen. Zuletzt publizierte er ausnahmslos beim Kopp Verlag.
Leben Ulfkotte wurde 1960 als Sohn von Theo und Gertrud Ulfkotte, geb. Hartweg, im westfälischen Lippstadt geboren und wuchs in Dorsten und Warburg auf. Nach dem Abitur 1978 am Gymnasium Marianum in Warburg studierte er nach eigenen Angaben an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Rechtswissenschaft und Politikwissenschaft,ulfkotte.de: Udo Ulfkotte nach Angaben des Kopp Verlages „Kriminologie, Islamkunde und Politik“.Kopp online: Im Februar 1987 wurde er an der Universität Freiburg mit einer von Dieter Oberndörfer betreuten Dissertation über Kontinuität und Wandel amerikanischer und sowjetischer Politik in Nah- und Mittelost 1967 bis 1980 zum Dr. phil. promoviert.Sebastian Liebold: Dieter Oberndörfer (geboren 1929). In: Eckhard Jesse, Sebastian Liebold (Hrsg.): Deutsche Politikwissenschaftler – Werk und Wirkung. Von Abendroth bis Zellentin. Nomos, Baden-Baden 2014, ISBN 978-3-8329-7647-7, S. 569–582, hier S. 575.
Im Oktober 1986 wurde er Mitglied der politischen Redaktion der FAZ, bei der er bis 2003 dem Ressort Außenpolitik angehörte und sich besonders mit Afrika, den arabischen Staaten und den Vereinten Nationen befasste.Ingeborg Lukas: Sie redigieren und schreiben. FAZ, Frankfurt am Main 2000, S. 119, 134. Nach eigenen Angaben, die allerdings von Jan Fleischhauer angezweifelt wurden, lebte er zwischen 1986 und 1998 überwiegend in islamischen Ländern (u. a. Irak, Iran, Afghanistan, Saudi-Arabien, Oman, Vereinigte Arabische Emirate, Ägypten und Jordanien) und bereiste über sechzig Staaten.Website von Udo Ulfkotte. Diese Aufenthalte hätten sein Islambild mitgeprägt.Georg Anastasiadis, Werner Menner: „Ein Tsunami der Islamisierung“ (Interview). merkur-online.de, 30. Juli 2007. Zuletzt soll er sich laut Michael Schmidt-Salomon als „wiedergeborener Christ“ verstanden haben.Vgl. Michael Schmidt-Salomon: Die Grenzen der Toleranz: Warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen (= Piper. 31031). Piper, München u. a. 2016, ISBN 978-3-492-31031-4, S. 19.
Bereits während seines Studiums war er Mitarbeiter der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und gehörte von 1999 bis 2003 dem Planungsstab der Stiftung an.Jan-Philipp Hein: Autor Ulfkotte plant anti-islamische Partei. Spiegel Online, 16. März 2007. Er galt als Spezialist für Sicherheitsmanagement und Wirtschaftsspionage. Ulfkotte war von 1999 bis 2007 Lehrbeauftragter für Sicherheitsmanagement im Fachbereich Betriebswirtschaft an der Leuphana Universität Lüneburg und unterrichtete Konkurrenzbeobachtung in den USA. Von Juni 2005 bis Juni 2006 war er Chefkorrespondent des Personality-Magazins Park Avenue des Hamburger Verlags Gruner + Jahr. Seine Artikel erschienen unter anderen in den Zeitschriften Capital, Cicero, Junge Freiheit und über die Nachrichtenagentur ddp. Ulfkotte war in mehreren Talkshows und im Presseclub zu Gast.
2004 durchsuchte die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main die Privat- und Büroräume des Journalisten wegen des „Verdachts auf Anstiftung zum Verrat von Dienstgeheimnissen“ ( StGB). Ulfkotte soll über Staatsschutzverfahren Bescheid gewusst haben, bevor diese öffentlich bekannt wurden. Der Autor dementierte Bestechungsvorwürfe und bezeichnete die Verdächtigung als politisch motiviert. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) äußerte sich zurückhaltend zu der Maßnahme: „Wenn es darum gehen sollte, in Zeiten weit verbreiteter Angst vor Terror einen Journalisten mundtot zu machen, müsste dagegen massiv protestiert werden“ (DJV-Pressesprecher Hendrik Zörner).Jan Rübel: Staatsanwaltschaft durchsucht Privat- und Büroräume von Autor Udo Ulfkotte. In: Die Welt, Jg. 59, 1. April 2004, Nr. 78, S. 4. Das Verfahren wurde 2005 eingestellt.
Ulfkotte verfasste Bücher über Nachrichtendienste und Islamismus. Ab 2008 erschienen seine Bücher beim Kopp Verlag, der für sein esoterisches, verschwörungstheoretisches und rechtspopulistisches Angebot bekannt ist.Ulrike Heß-Meining: Right-Wing Esotericism in Europe. In: Uwe Backes, Patrick Moreau (Hrsg.): The Extreme Right in Europe. Current Trends and Perspectives. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, ISBN 978-3-525-36922-7, S. 383–408, hier S. 402 f. Dort war er auch regelmäßiger Autor des Internetportals Kopp-Online und Chefredakteur des Wochenmagazins Kopp-Exklusiv. Wegen seiner provokant rechtsgerichteten Thesen galt er als eine der Schlüsselfiguren zwischen der Neuen Rechten und Kopp.Anna Hunger: Gut vernetzt – Der Kopp-Verlag und die schillernde rechte Publizistenszene. In: Stephan Braun, Alexander Geisler, Martin Gerster (Hrsg.): Strategien der extremen Rechten: Hintergründe – Analysen – Antworten. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, Springer, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-01983-9, S. 431.
Ulfkotte, bereits seit mehreren Jahren gesundheitlich angeschlagen, starb am 13. Januar 2017 im Alter von 56 Jahren an einem Herzinfarkt.Umstrittener Publizist Udo Ulfkotte ist tot, Spiegel Online, 14. Januar 2017.
Verhältnis zum Islam Der Krieg in unseren Städten Ulfkottes im März 2003 im Eichborn Verlag veröffentlichtes Buch Der Krieg in unseren Städten führte zu mehreren Klagen und Prozessen.Christoph Butterwegge: Migrationsberichterstattung, Medienpädagogik und politische Bildung. In: Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges (Hrsg.): Massenmedien, Migration und Integration. Herausforderungen für Journalismus und politische Bildung (= Interkulturelle Studien 17). VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-531-35047-9, S. 187–237, hier S. 201. Es wurde vor dem Hintergrund eines Antrags der Islamischen Föderation Berlin (IFB) auf einstweilige Verfügung beim Landgericht Berlin noch im selben Jahr vom Markt genommen.Stefan Weidner: Terrorismus: Wie man Bürgerkriegsängste schürt. In: Die Zeit Nr. 21 vom 15. Mai 2003.Eberhard Seidel: Im Namen Gottes. In: die tageszeitung, 20. Mai 2003, S. 12. In dem Rechtsstreit ging es um die im Buch erhobene Behauptung, die Islamische Föderation sei ein Landesverband der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Nach Angaben von Eberhard Seidel, der in der taz eine mangelnde Unterstützung von Ulfkotte durch die Medien beklagte, rollte nachfolgend eine „Prozesslawine“ auf den Verlag zu, weil verschiedene islamische Vereine, Organisationen, Unternehmen und Privatpersonen ebenfalls gegen das Buch klagten. 2004 erschien eine aktualisierte und überarbeitete Neuauflage des Buches im S. Fischer Verlag.
Der Islamwissenschaftler Henner Kirchner warf Ulfkotte Islamophobie sowie mangelnde Seriosität vor. In Anspielung auf die antisemitische Hetzschrift Protokolle der Weisen von Zion verwendete Kirchner mit Bezug auf Ulfkottes Buch Der Krieg in unseren Städten die Wendung „Die Protokolle der Weisen von Mekka“. Ulfkottes Ansichten seien „ein islamophobes Äquivalent zu dem antisemitischen Hetzstück“. Ulfkotte verklagte Kirchner wegen des Vorwurfs der Volksverhetzung sowie mehrere das Buch kritisierende Blogs. Kirchner wurde auf seine Klage hin vom Landgericht Berlin zur Zahlung eines Schmerzensgeldes von 5000 Euro verurteilt.Wolfgang Benz: Die Feinde aus dem Morgenland. Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet (= Beck’sche Reihe. 6073). 2. Auflage, Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-66260-7, S. 71 ff.
Stefan Weidner kritisierte in der Zeit an Ulfkottes Buch insbesondere dessen „zum großen Teil fragwürdig[e], wenn nicht absurd[e]“ Schlüsse. In der Neuen Zürcher Zeitung hieß es bei Heribert Seifert: „Ein falsches Buch über ein richtiges und wichtiges Thema verschenkt die Chance zur notwendigen Aufklärung.“Heribert Seifert: Schleichende Auszehrung der Neugier: Deutsche Medien und der radikale Islamismus. In: Neue Zürcher Zeitung, 16. Mai 2003, S. 71.
Die Politik- und Islamwissenschaftlerin Julia Gerlach bezeichnete Ulfkottes Herangehensweise, die den wissenschaftlichen Diskurs nicht fördere, als „hysterisch“ und „präjudizierend“.Julia Gerlach: Die Vereinsverbotspraxis der streitbaren Demokratie. Verbieten oder Nicht-Verbieten? (= Extremismus und Demokratie. Band 22). Nomos, Baden-Baden 2012, ISBN 978-3-8329-7456-5, S. 43 f. (Geringfügig ergänzte Fassung der Dissertation an der Technischen Universität Chemnitz 2011, 570 Seiten, unter dem Titel: Verbieten oder Nicht-Verbieten?) Mehrere Rezensenten widmeten sich im Jahrbuch Extremismus und Demokratie Ulfkottes Buch. Hans-Gerd Jaschke hält darin den „Gebrauchswert dieser Studie [für] gering“. Sie habe ausschließlich „illustrativen Charakter“. Die Quellenarbeit sei „nebulös und nicht nachprüfbar“. Peter Schütt bezeichnete Ulfkotte als „Undercoveragenten“, der Verschwörungstheorien Vorschub leiste. Der Journalist Ulfkotte werfe damit sein „Berufsethos über Bord“. Das Buch sei ein „intolerantes und feindseliges Machwerk, das systematisch Vorurteile schürt und fast durchgängig mit antiislamischen Klischees operiert“. Rudolf Wassermann sieht das Verdienst des Buches dagegen darin, „Methodik und Ausmaß der Bedrohung aufgezeigt zu haben“.Hans-Gerd Jaschke, Peter Schütt, Rudolf Wassermann: „Kontrovers besprochen“. Unterwandern radikale Islamisten Deutschland? In: Uwe Backes, Eckhard Jesse (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus und Demokratie. 16. Jg., 2004, ISBN 3-8329-0996-6, S. 278–285, hier S. 280, 282, 285.
Für die Publizistin Claudia Dantschke, die in den Texten zur Inneren Sicherheit des Bundesministeriums des Innern zum Thema „Islamismus“ veröffentlichte, leistet Ulfkotte mit dem Buch einem „Rassismus gegen Muslime Vorschub“. Unglaubwürdig sei der Versuch, sich als „Verteidiger der Pressefreiheit“ zu vermarkten, vor allem wenn er „in der Jungen Freiheit, dem Organ der Neuen Rechten, islamistische Einschüchterungskampagnen gegen Kritiker und das rechtswidrige Agieren einzelner Islamisten“ instrumentalisiere. Dantschke sieht in diesem Zusammenhang „ausländerfeindliche Stimmungsmache“.Claudia Dantschke: Freiheit geistig-politischer Auseinandersetzung – islamistischer Druck auf zivilgesellschaftliche Akteure. In: Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Islamismus. Texte zur Inneren Sicherheit. Berlin 2004, S. 118–152, hier S. 120 f. Der Islamwissenschaftler und Terrorismusforscher Guido Steinberg hält das Buch für „weitgehend unbrauchbar“Guido Steinberg: Der Islamismus im Niedergang? 20 Anmerkungen zu den Thesen Gilles Kepels, Olivier Roys und zur europäischen Islamismusforschung. In: Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Islamismus. Texte zur Inneren Sicherheit. Berlin 2004, S. 20–47, hier S. 41. und der Politikwissenschaftler und Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber nennt es einen „pauschalisierenden, unbelegten und verschwörungsideologischen“ Beitrag.Armin Pfahl-Traughber: Ideologien des islamistischen, linken und rechten Extremismus in Deutschland – Eine vergleichende Betrachtung. In: Uwe Backes, Eckhard Jesse (Hrsg.): Gefährdungen der Freiheit. Extremistische Ideologien im Vergleich (= Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung. Band 29). Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-36905-0, S. 205–221, hier 208.
Heiliger Krieg in Europa