mini|Jerónimo Xavier, neben dem Mogulherrscher Akbar thronend, überzeugt bei einer Religionsdiskussion die „Mahometaner“. Niederländischer Kupferstich von 1667. Jerónimo Xavier (geboren 1549 in Beire; gestorben am 27. Juni 1617 in Goa), ein Großneffe von Francisco Xavier, war ein spanischer jesuitischer Missionar, der zwanzig Jahre am Hof der Mogulherrscher Akbar und Dschahāngīr wirkte. Dort ging er nicht nur missionarischen Tätigkeiten nach, sondern setzte sich auch für die Interessen Portugals ein. Er hat zahlreiche christlich religiöse Schriften in persischer Sprache hinterlassen. Zu seinen bekanntesten Werken zählt das Mirʾāt al-quds (Spiegel der Heiligkeit), das am Mogulhof mehrfach illustriert wurde.
Jugend und Studium Jerónimo Xavier kam 1549 als Jerónimo de Ezpeleta y Goñi in dem herrschaftlichen Anwesen der Familie in Beire in Navarra zur Welt. Sein Vater war ein Neffe des jesuitischen Missionars Francisco de Xavier. Über seine Jugend ist lediglich bekannt, dass er mit 19 Jahren an der Universität Alcalá den akademischen Grad eines Bakkalaureus der Philosophie erlangte und am 7. Mai 1568 der Societas Jesu beitrat.Arnulf Camps: Jerome Xavier S.J. and the Muslims of the Mogul Empire. Controversial Works and Missionary Activity. Schöneck-Beckenried 1957 (Neue Zeitschrift für Missionswissenschaft, Supplementa VI) Im Zuge dessen nahm er den Namen seines Großonkels Xavier an.
Sein nachfolgender Werdegang entspricht weitgehend der typischen Jesuitenausbildung seiner Zeit, in der viel Wert auf eine gute akademische Schulung gelegt wurde. Zunächst absolvierte er ein zweijähriges Noviziat in Toledo und vor allem in Alcalá de Henares, im 16. Jahrhundert das wichtigste Jesuitenkolleg in Spanien und direkt verbunden mit der Universität Alcalá. Diese Probezeit schloss er mit sogenannten einfachen Gelübden (Armut, Keuschheit, Gehorsam)Markus Friedrich: Die Jesuiten. Aufstieg, Niedergang, Neubeginn. Piper, München 2016, ISBN 978-3-492-05539-0. ab und studierte anschließend ein weiteres Jahr Philosophie und vier Jahre Theologie. 1575 erhielt er die Priesterweihe und war danach einige Jahre als Lehrer für Grundlagenfächer im NovizenkonventFotos davon bei Old Jesuit Convent von Villarejo de Fuentes tätig. Im Januar 1580 ging er nach Évora, um dort Portugiesisch zu lernen.Hugues Didier: Jerome Xavier. In: Christian Muslim Relations Online II, (Leiden 2018) doi:10.1163/2451-9537_cmrii_COM_27433. 1581 schiffte er sich nach Indien ein und verließ Lissabon am 8. April zusammen mit 14 Gefährten. Sie erreichten Goa am 24. September desselben Jahres.Henri Hosten: Eulogy of Father Xavier, S.J., a Missionary in Mogor, in: Journal and Proceedings of the Asiatic Society of Bengal, (Calcutta) New Series 23, 1927 (gedruckt 1929) S. 109–130
Erste Jahre in Indien In Goa, die Hauptstadt von Portugiesisch-Indien, übernahm Xavier das Amt eines Novizenmeisters, musste aber schon nach einem Jahr aus gesundheitlichen Gründen von seinen Pflichten entbunden werden. Am 15. Januar 1584 wurde er zur feierlichen Profess der vier Gelübde zugelassen, bei der er sich ausdrücklich zum Gehorsam gegenüber dem Papst verpflichtete. Dieses letzte Gelübde stand keineswegs jedem Ordensbruder offen, sondern sollte nur diejenigen auszeichnen, die für eine Führungsschicht in Frage kamen. Als "vollprofessierter" Jesuit wurde Pater Jerónimo nun zunächst Rektor der Jesuitenschule in Bassein. Das Klima setzte ihm jedoch sehr zu und er war erneut gezwungen, seinen Einsatz krankheitshalber zu beenden. In der Hoffnung auf verträglichere Wetterbedingungen wurde er 1586 nach Cochin versetzt, wo er die Leitung des Jesuitenkollegs übernahm. Dort bemühte er sich besonders, die Thomaschristen, einen Zweig der Assyrischen Kirche des Ostens, für die katholische Kirche zu gewinnen. Pedro Moura Carvalho: Mir’āt al-quds (Mirror of Holiness): a Life of Christ for Empror Akbar. A Commentary on Father Jerome Xavierʾs Text and the Miniatures of Cleveland Museum of Art, Acc. No. 2005.145. Mit einer Übersetzung von Wheeler M. Thackston. Brill, Leiden und Boston 2012. (Studies and Sources in Islamic Art and Archiecture. Supplements to Muqarnas.) Im Jahr 1592 kehrte Pater Jerónimo wieder nach Goa zurück.
Beschreibungen durch Zeitgenossen mini|hochkant|Manohar: Jesuitischer Missionar, Salīm-Album, 1595-1600 Aus seinen Briefen wird deutlich, dass Jerónimo Xavier höchste moralische Ansprüche an sich selbst hatte. Seine Qualitäten fielen den Zeitgenossen durchaus auf. So lobte ihn 1587 Pater Tristão da Costa, Konsultor des Provinzials von Cochin, in den höchsten Tönen:
Zwei Jahre später schrieb der Superior in Travancore, er sei „tugendhaft, den Regeln zugetan, besonnen, gebildet und bei Jesuiten wie Außenstehenden beliebt“. Pater Jerónimo setzte sich mit aller Kraft für die Gesellschaft Jesu ein und bemühte sich, die Arbeit seines Ordens zu optimieren. Das führte aber auch dazu, dass er in seinen Briefen an den Generaloberen, zu seiner Zeit Claudio Acquaviva, fortwährend seine Unzufriedenheit über die verschiedensten Dinge zum Ausdruck brachte, die seinen Anforderungen nicht genügten. Dazu gehörten nicht zuletzt einige seiner Mitbrüder. Beispielsweise missbilligte er, dass manche ihre angeblich schlechte Gesundheit als Ausrede nutzten, um Wochen und Monate in der Krankenstation des Kollegiums St. Paul in Goa zu verbringen. Er beklagte den Mangel an Eifer unter den Neubekehrten und konstatierte, dass es in Indien einigen schwerfalle, das Gelübde der Keuschheit einzuhalten, weshalb er für die Entlassung ungeeigneter Ordensmänner plädierte.
Xaviers Auftreten brachte ihm nicht nur Sympathien ein. Als er 1592 zum Superior des Ordenshauses von Goa ernannt wurde, lehnten daher einige Jesuiten diese Wahl ab. Der Protest wurde noch größer, als er 1593 für das Amt des Provinzials nominiert wurde. Aus diesem Jahr sind Briefe von Xaviers Mitbrüdern erhalten, die eine lange Liste an Beschwerden über seine Verhaltensweise enthalten. Beispielsweise werden seine cholerischen Ausbrüche und sein Wunsch, von anderen mit besonderer Hochachtung behandelt zu werden, beanstandet. Insbesondere warf man ihm vor, seine Tätigkeit als Beichtvater frommer Frauen ungebührlich ausgedehnt zu haben. João Vicente Melo: Jesuit and English Experiences at the Mughal Court, c. 1580–1615. Palgrave Macmillan, Springer Nature, Cham 2022. doi:10.1007/978-3-030-96588-4 Als ein weiterer Grund für Vorbehalte ihm gegenüber wird sein Patriotismus genannt, der mit einer Bevorzugung seiner spanischen Landsleute einhergegangen sein soll. Möglicherweise war aber auch Xaviers Bevorzugung seiner spanischen Muttersprache ein Auslöser für seine Ablehnung unter den portugiesischen Brüdern.Hugues Didier: Was Fuente de Vida a Spanish Draft of Āyina-yi ḥaqq-namā? Many Open Questions. In: Mission Studies, Band 42, 2025, S. 372–386. Die Mehrheit der Jesuiten in Indien bestand aus Portugiesen, die nicht weniger vaterlandsliebend als Pater Jeróme waren und keinen Spanier in der machtvollen Position des Provinzials dulden wollten. Obwohl Portugiesen und Spanier damals von demselben König, Philipp II., regiert wurden, blieb die Rivalität zwischen ihnen bestehen und wird in zeitgenössischen Briefen oft erwähnt.
Um die Nominierung zum Provinzial zu verhindern, eröffnete sich für die Mitbrüder schließlich noch eine weitere Möglichkeit: Akbar hatte um die neuerliche Entsendung von Patres gebeten, und die Gemeinschaft wählte Xavier mit nur einer Gegenstimme zum Leiter der dritten Mission an den Mogulhof. Der Provinzial von Goa, Francisco Cabral, hielt die Wahl jedoch für einen Fehler. In einem Brief an Acquaviva aus dem Jahr 1594 weist er darauf hin, dass man „unzufrieden mit ihm in Kochi und später in Goa“ war.
Die erste und zweite Mission an den Mogulhof mini|hochkant|Jesuiten der ersten Mission bei einer abendlichen Madschlis Auf Wunsch Akbars waren schon früher jesuitische Patres an den Mogulhof entsandt worden: Die erste Mission unter der Leitung von Pater Rodolfo Acquaviva dauerte von Februar 1580 bis Februar 1583, die zweite, unter der Führung von Pater Duarte Leitão, traf Anfang 1591 in der neuen Hauptstadt Lahore ein. Beide Missionen waren in der Hoffnung aufgebrochen, zunächst den Padischah und danach die gesamte Bevölkerung für den Katholizismus zu gewinnen. Doch trotz der Freundlichkeit und vielversprechenden Andeutungen Akbars mussten die Jesuiten am Ende feststellen, dass sich sein Interesse am Christentum in Grenzen hielt und keinerlei Konversionserfolge zu erwarten waren.
Die Abreise der zweiten Mission noch im Jahr ihrer Ankunft erfolgte nicht nur, weil es keine Aussicht auf eine Bekehrung gab, sondern auch, weil die Patres den Zorn der Bevölkerung fürchteten. Der Mogulkaiser hatte nämlich in den 1580er Jahren eine neue religiöse Legitimation für seine Herrschaft entwickeln lassen, die vom Islam unabhängig sein und den multireligiösen Gegebenheiten des Reiches besser entsprechen sollte. Diese Abkehr vom Islam führte bei der muslimischen Bevölkerung von Lahore jedoch zu Unzufriedenheit, für die sie die christlichen Patres am Mogulhof verantwortlich machten. Angesichts der Feindseligkeit, die man ihnen entgegenbrachte, fürchteten die Jesuiten schließlich, Opfer tätlicher Angriffe zu werden, und verließen Lahore, ohne auf Weisung aus Goa zu warten.Arnulf Camps: An unpublished letter of Father Christoval de Vega S.J.: Its importance for the history of the second mission to the Mughal Court and for the knowledge of the religion of the Emperor Akbar, in: Studia Orientalia Band 1, Kairo 1956, S. 185–186. Dort war man von ihrer Eigenmächtigkeit wenig erfreut, glaubte man doch, Akbar habe kurz vor einer Konversion zum Christentum gestanden.Sir Edward Maclagan: The Jesuits and the Great Mogul. Burns Oates & Washbourne, London 1932. Digitalisat
Akbars Motive für seine Kontakte zu den Jesuiten Akbar war auch nach der religiösen Neuorientierung des Reiches von 1582 am Christentum interessiert. Er schätzte die Anwesenheit der Patres, die, wohlinformiert durch den Briefverkehr mit ihren Ordensbrüdern, Nachrichten aus aller Welt lieferten. Zugleich waren die Missionare selbst exotische Fremde, die von weit her kamen und damit für alle sichtbar vom Weltruhm des Mogulhofes kündeten.Heike Franke: Akbar und Ǧahāngīr. Untersuchungen zur politischen und religiösen Legitimation in Text und Bild (= Bonner Islamstudien. Band 12). EB-Verlag, Schenefeld 2005, ISBN 3-936912-34-3. S. 100–101.
Es gab aber auch handfeste politische Gründe für den Kontakt mit den europäischen Missionaren: Die Präsenz der Portugiesen im Indischen Ozean stellte für das Mogulreich eine erhebliche Behinderung und finanzielle Belastung dar, von denen sowohl der Fernhandel als auch die Mekkapilger betroffen waren. Wer eine sichere Überfahrt zur arabischen Halbinsel oder nach Afrika wünschte, musste sich nach Diu begeben und die portugiesischen Behörden dort – freilich nicht kostenlos – um sicheres Geleit bitten. Schiffe, die ohne einen Passierschein, ein cartaz, unterwegs waren, wurden, wenn sie den Portugiesen in die Hände fielen, gekapert und wie Kriegsbeute behandelt. Um diesen für die Moguln höchst unbefriedigenden Zustand zu beenden, ließ Akbar Daman und Diu 1582 mehrfach angreifen. Es gelang aber nicht, die Hafenstädte aus dem Griff der Portugiesen zu befreien, so dass der Mogulkaiser es offenbar für das Beste hielt, den Weg der Diplomatie zu beschreiten. Er wünschte deshalb eine erneute Entsendung von Patres, die den Kontakt zu den portugiesischen Behörden in Goa sicherstellten.The Commentary of Father Monserrate, S.J. on his Journey to the Court of Akbar. Aus dem Lateinischen ins Englische übersetzt von J. S. Hoyland. Anmerkungen von S.N. Banerjee. Oxford University Press, London, Bombay, Calcutta u. a. 1922, S. 166–167.
Die Entsendung der dritten Mission unter der Leitung von Jerónimo Xavier