Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche Flachsspinnereien in Trutnov und Umgebung gegründet. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Trutnov im Riesengebirge Mittelpunkt der Flachsindustrie der Österreich-Ungarischen Monarchie. Es handelte sich dabei meist um Familien-Unternehmen der in Trautenau ansässigen Familien Faltis, Haase, Kluge, Kaulich, Pfeifer, Etrich und Walzel, deren Geschichte hier beschrieben wird.
Flachsspinnerei Johann Faltis in Mladé Buky Firmengründer: Johann Augustin Faltis (* 6. April 1796 in Nieder Wölsdorf; † 18. Februar 1874 in Trautenau)Biografický slovník: Faltis Johann Augustin (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2026)Geneanet: Jan Faltis von Jamný (abgerufen am 8. Januar 2026)
Firmenstandort: Flachsspinnerei Johann Faltis (Privilegovaná přádelna lnu Johann Faltis) in Mladé Buky, Krkonošská 6, 7
Die älteste mechanische Flachsgarnspinnerei in der Habsburgermonarchie gründete Johann Augustin Faltis (1796–1874) im Jahr 1836 in Mladé Buky (Jungbuch) bei Trutnov. Der Standort wurde bis 1858 weiter ausgebaut. Danach erfolgte der Aufbau weiterer Spinnereien 1859 in Trutnov und 1864/66 zusammen mit Emil Grützner in Hainitz in der Oberlausitz sowie in Liebau in Schlesien.Industriální topografie: C. k. privilegovaná přádelna lnu Johann Faltis / ZPAJohann Augustin Faltis
Flachsspinnerei Johann Faltis in Trutnov-Střední Předměstí mini|180px|Ehem. Spinnerei Johann Faltis Erben in Trutnov, Horská Firmengründer: Johann Augustin Faltis (1796–1874) Firmenstandort: Flachsspinnerei Johann Faltis (Johann Faltis, přádelna lnu) in Trutnov-Střední Předměstí, Horská 5 und Československé armády 906 Fabrikantenvilla von Karl Johann Faltis von Jamny in Trutnov, Vítězná 106 (Faltisová vila), nach 1945 als Kindergarten und Schule sowie als Bezirks- und Stadtamt genutzt, nicht unter Denkmalschutz, 2017 abgerissenEhem. Faltis-Villa auf Mapy.cz (2013-2015) (abgerufen am 8. Januar 2026) sowie das Niederschloss von Friedrich Faltis in Teplice nad Metuj, Náměstí Aloise Jiráska 44
Arbeitersiedlung (Dělnické kolonie) in Trutnov, Rolnická- und Textilácká-Straße im Ortsteil Freiung
Die Spinnerei in Trutnov wurde 1858/59 gegründet und 1864 erweitert. Nach dem Tode von Johann Faltis 1874 war das Unternehmen als Firma Johann Faltis Erben im Besitz seiner Nachkommen: Anna Rosalie Faltis (1823–1885), verheiratet mit dem Trautenauer Bürgermeister Anton Porak (1815–1892), Emilie Johanna Faltis (1827–1852), Ernst Porák de Varna (1849–1918) (Enkel von Johann Faltis),Porák de Varna, Ernst (österreichischer Adel 1895) (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2026) Alfons Porak (1851–1910) (Enkel von Johann Faltis), Karl Johann Faltis von Jamny (1857–1922) (1897 in den Adelsstand erhoben), Richard Faltis (1858–1885), Marie Faltis (1860–1885), Franziska Sophie Viktoria Faltis (1866–1920) und Friedrich Wilhelm Faltis von Jamny (1868–1921). Die Leitung lag in den Händen von Karl Johann Faltis und Friedrich Faltis, letzterer kaufte 1888 das Niederschloss in Wekelsdorf, jetzt Seniorenheim. Im Jahr 1931 ging das Unternehmen in Konkurs, die Liquidation wurde erst 1950 endgültig abgeschlossen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Gebäude von der Firma AEG genutzt. Ab 1957 diente es als Sitz des Bezirks- und Stadtkomitees, heute Sitz verschiedener Behörden und Unternehmen.Industriální topografie: Johann Faltis, přádelna lnu Juráčková, S. 67–75
Flachsspinnerei Alois Haase in Trutnov-Poříčí und Trutnov-Střední Předměstí mini|180px| Standort der ehem. Firma Haase in Trutnov, Horská 52 mini|180px|Palais Alois Haase in Trutnov, Krakonošovo náměstí 73 Firmengründer: Alois Josef Haase (* 13. März 1812 Markausch; † 2. Mai 1878 in Trutnov)Biografický slovník: Haase Alois Josef (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2026) Firmenstandorte: Flachsspinnerei Alois Haase (Aloys Haase, přádelna lněné příze) in Trutnov-Poříčí, Náchodská 270, 530, 531 und Flachsspinnerei Alois Haase in Trutnov-Střední Předměstí, Horská 52, 1052 und 940 Villa Alois Haase – Wohnsitz der Familie Haase war das sogenannte Palais Alois Haase (Haasův palác) in Trutnov, Krakonošovo náměstí 73, errichtet 1855 im Neorenaissance-Stil, unter Denkmalschutz ÚSKP-Nr. , jetzt GrundschuleHaasův palác - Trutnov (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2026) Arbeitersiedlung der Firma in Trutnov, genannt Šestidomí (Sechshäuser), 1878 vom Baumeister Konrad Kühn errichtet und 1976 abgerissen
Der Textilunternehmer Alois Josef Haase (* 13. März 1812 Markausch; † 2. Mai 1878 in Trutnov) gründete 1846 die zweitälteste mechanische Flachsgarnspinnerei in der Habsburgermonarchie und nahm 1847 die Produktion in Parschnitz (Poříčí), jetzt Trutnov-Poříčí, Náchodská 270, 530, 531 auf.Industriální topografie: Aloys Haase, přádelna lněné příze, 1846-1847 Im Jahr 1849 übernahm Haase die 1846 stillgelegte Trautenauer Papiermühle am Stadtrand in Trutnov-Střední Předměstí, Horská 52, 1052 und 940, auf deren Gelände er 1852 eine weitere mechanische Flachsspinnerei eröffnete.Tschechische Mühlen-Datenbank: Papírenský mlýn (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2026)Requiem pro trutnovskou papírnu (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2025)
In den 1850er Jahren kamen in seinen Fabriken die ersten Dampfmaschinen zum Einsatz. Im Jahr 1873 beschäftigte er in seinen beiden Werken etwa 1.500 Arbeiter bei einer Anzahl der Spindeln von 27.000. Er war 1848 Kommandant der Stadtwache und 1850/51 Bürgermeister der Stadt. Aus der Ehe mit Hedwig Haase, geb. Wagner, gingen mehrere Kinder hervor, die das Unternehmen weiterführten. Sein Sohn Alois Karl Haase (* 14. Juli 1861 in Trutnov; † 8. März 1914 ebenda) übernahm 1885 die Geschäftsführung. Sein Enkel Alois Quido Haase (* 17. August 1893 in Trutnov; † 8. September 1974) wurde 1924 nach der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft Leiter des Unternehmens.
Nach der Verstaatlichung 1945 wurde die Spinnerei Teil der České lnářské textilní závody Trutnov (Tschechische Leinen- und Textilwerke Trutnov) und 1949 in den Textilkonzern Texlen (als Werk 09) eingegliedert, der 1991 zunächst privatisiert und 2007 endgültig aufgelöst wurde. Ende 2018 wurde das ehemalige Papierfabrikgebäude abgerissen.Industriální topografie: Aloys Haase, přádelna lněné příze, 1849-1852 Juráčková, S. 43–50Dvojka trutnovského lnářství (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2025)
Flachsspinnerei Gebrüder Walzel in Trutnov-Poříčí Firmengründer: Georg Walzel (* 28. Oktober 1815 in Wiesen; † 29. März 1870 ebenda)Biografický slovník: Walzel Jiří (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2026) und Clemens Walzel (* 9. Februar 1819 in Wiesen; † 1886 in Poříčí)Biografický slovník: Walzel Clemens (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2026) Firmen-Standorte: Gebrüder Walzel Parschnitz (Textilní továrna Bratři Walzelové) in Trutnov-Poříčí, Náchodská 4, 5, 6 und ab 1899 in Trutnov-Poříčí, Petříkovická 248 Fabrikantenvilla Walzel, errichtet 1914 nach Entwurf von Franz Lohner in Trutnov-Poříčí, Šikmá 300, errichtet 1914 nach Plänen von Franz Lohner Arbeitersiedlung der Firma in Trutnov-Poříčí, Vrbová 157 und an der Polská-Straße (Nr. 279, 451, 452, 454, 455), errichtet 1893–1895.
Die Gebrüder Walzel gründeten 1845 ein Spinnerei-Unternehmen und errichteten 1850/51 in Parschnitz eine Flachs- und Wergspinnerei. Der Antrieb erfolgte zunächst durch Wasserkraft, später ergänzt durch zwei Dampfmaschinen. Im Jahr 1864 wurde auf der anderen Straßenseite eine neue Spinnerei (Nr. 5) erbaut. Das Verwaltungsgebäude wurde 1912 nach den Plänen von Franz Lohner fertiggestellt.
Nach dem Tod von Clemens Walzel von Wiesentreu 1886 war der Neffe Maximilian Otto Walzel von Wiesentreu (* 3. Januar 1855 in Wiesen; † 19. Juli 1933 in Parschnitz)Archa Krkonos: Walzel-Wiesentreu Maximilian (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2026) der Haupterbe des Unternehmens. Er erweiterte die ursprüngliche Spinnerei zu einem kompletten Leinenunternehmen, das neben Garn auch Fertigprodukte herstellte. Maximilian Walzel wohnte mit seiner Ehefrau Wenzeslawa in der Textilfabrik in Poříčí Nr. 1. Nachkommen und Erben waren deren Kinder: Peter Walzel von Wiesentreu (* 1882), Klemens Walzel von Wiesentreu (* 1887) und Marie Wannemacher, geb. Walzel von Wiesentreu (* 1888). Ab 1933 leitete deren Ehemann Rudolf Wannemacher das Unternehmen. In der Zwischenkriegszeit wurden weitere Fabrikgebäude (Nr. 140) und ein Verbindungsbau zum Haus Nr. 5 fertiggestellt, größtenteils nach Entwürfen von Franz Lohner und Alfred Jäger. Das Unternehmen der Familie Walzel war seit 1928 eine Kommanditgesellschaft. Ab 1945 stand das Unternehmen unter staatlicher Verwaltung und wurde in das Unternehmen České lnářské textilní závody (Tschechische Leinen- und Textilwerke Trutnov) eingegliedert, später Texlen (Werk 06). In den sanierten Spinnereigebäuden befindet sich jetzt wieder eine Flachs- und Chemiefaserspinnerei.Industriální topografie: Textilní továrna Bratři WalzelovéJuráčková, S. 51–58
Flachsspinnerei Kaulich & Pfeifer in Radvanice v Čechách Firmengründer: Wenzel Kaulich (* 30. Dezember 1790 in Unterwernersdorf; † 24. Juli 1869 in Oberwernersdorf) und Franz Pfeifer Firmenstandort: Mechanische Flachsspinnerei Kaulich & Pfeifer in Radvanice (Radowenz) bei Trautenau Die mechanische Flachsspinnerei Kaulich & Pfeifer wurde 1862 in Radvanice (Radowenz) bei Trautenau gegründet. Eine böhmisch katholische Kapelle im Norden Schwedens und textiltechnologischer Knowhow Transfer von Böhmen nach Schweden (abgerufen am 3. Mai 2026) Sie gehörte zu den frühen mechanisierten Flachsspinnereien der Region und nutzte Dampfkraft zur Verarbeitung von Flachs.
Die Firma wurde 1865 als „offene Gesellschaft“ in das Handelsregister eingetragen. Die Flachsspinnerei wurde 1876 durch Brand zerstört und nicht wieder aufgebaut. Der Sohn Josef Kaulich (* 25. November 1849, † 10. Feber 1929) wurde später technischer Direktor in der Flachsspinnerei von J. A. Kluge in Trautenau.
Flachsspinnerei Kluge & Etrich in Trutnov-Horní Staré Město mini|180px|Ehem. Firma Etrich & Söhne in Trutnov, Tovární 10, jetzt Pepperl & Fuchs Firmengründer: Franz Kluge (* 28. Mai 1821 in Hermannseifen; † 3. Januar 1888 in Trutnov)Biografický slovník: Kluge Franz Serafim 1821–1888 (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2026) und Josef Etrich (* 27. Oktober 1803 Freiheit an der Aupa; † 4. Februar 1878 in Trutnov)Biografický slovník: Etrich Josef 1803–1878 (tschech.) (abgerufen am 8. Januar 2026) Firmenstandort: Flachsspinnerei Kluge & Etrich (Kluge & Etrich, přádelna lnu) in Trutnov-Horní Staré Město, Tovární 10
Franz Serafim Kluge (1821–1888) absolvierte nach seiner Lehre zunächst ein Praktikum in Ancona (Italien). Nach seiner Rückkehr 1841 lebte er wieder in Hermannseifen (heute Rudník). Im Jahr 1841 heiratete er Johanna Kluge, geb. Etrich (1817–1871), eine Schwester von Josef Etrich, und gründete im Jahr 1850 mit seinem Schwager Josef Etrich die Firma Kluge & Etrich. 1851/52 wurde eine neue Spinnerei errichtet, die zehn Jahre später in erweiterter Form bereits über 10.000 Spindeln betrieb. Der Antrieb erfolgte durch eine Jonval-Turbine und zwei Dampfmaschinen. Über 600 Mitarbeiter verarbeiteten hier Leinen und Werggarn. Die Fabrik wurde von Josef Etrich zusammen mit seinem Sohn Johann Etrich (1832–1912) geleitet. Der jüngste Sohn Ignaz Etrich (1839–1927) kehrte von einer Studienreise nach Leeds (England) zurück und wurde Teilhaber des Unternehmens. Von 1862 bis 1865 errichtete er eine neue Spinnerei, die nach der Aufspaltung des Unternehmens 1865 in den Besitz von Franz Kluge (1821–1883) überging. Nach der Verstaatlichung wurde das Unternehmen Teil der České lnářské textilní závody Trutnov (Tschechische Leinen- und Textilwerke Trutnov), später Texlen (Werk 11). Die Produktion wurde hier in den 1990er Jahren eingestellt, jetzt gehört es zum Unternehmen Pepperl & Fuchs.Industriální topografie: Kluge & Etrich, přádelna lnu
Flachsspinnerei Josef Etrich & Söhne in Trutnov-Horní Staré Město mini|180px|Grabstätte des Firmengründers Josef Etrich und seiner Frau Elisabeth Etrich in Trutnov