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Als Großwohnsiedlung oder Großsiedlung werden Stadtteile oder große Wohnquartiere in Städten bezeichnet, die zumeist Geschosswohnungsbauten aufweisen und in ihrer Größe relativ kurzfristig entstanden sind. Dadurch unterscheiden sich Großsiedlungen von Stadtteilen, die durch kontinuierliche Erweiterung gewachsen sind. Es gibt keine allgemein verbindliche Definition über Größe und Art einer Großwohnsiedlung.

Vom deutschen BundesbauministeriumBundesminister für Bauwesen, Raumordnung und Städtebau (Hrsg.): Der Wohnungsbestand in Großwohnsiedlungen in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn/Bad Godesberg 1986, S. 10 ff. wurde der Begriff in den 1980er Jahren für die Bundesrepublik Deutschland wie folgt definiert nach 1945 erbaut funktional eigenständige Siedlungseinheit dichte, hochgeschossige, relativ homogene Bebauung mindestens 1000 Wohneinheiten überwiegend sozialer Wohnungsbau

Diese besondere Definition mit „nach 1945“ und „überwiegend sozialer Wohnungsbau“ trifft jedoch nicht für alle bestehenden Großwohnsiedlungen zu und kennzeichnet nicht die derzeitige Entwicklung. Das Bundesbauministerium definierte 1993 auf seine Förderpraxis bezogen, wonach Großwohnsiedlungen mindestens 2500 Wohneinheiten (WE) aufweisen müssten. Diese Anzahl ist im Jahr 1995 im Einvernehmen mit allen Bundesländern auf 2000 WE reduziert worden.

Geschichte

Vorstädte Seit dem Entstehen vieler Städte im 12. Jahrhundert änderte sich bis etwa 1800 relativ wenig an dem Verhältnis von Stadt und Land. Im 19. Jahrhundert traten, gekennzeichnet durch starkes Bevölkerungswachstum, Landflucht, Industrialisierung und einen erhöhten Wohnflächenbedarf, neue Entwicklungen auf. Teile des Bürgertums zogen aus der Stadt in Vororte oder ins Umland (→ Suburbanisierung). Ein Motiv dafür waren die Lebensverhältnisse in den Stadtzentren.

Vielerorts wurden Straßenbahnen gebaut, die Vororte und Stadtzentren miteinander verbanden (z. B. in Berlin, Hannover, Köln und Frankfurt am Main).

Etwa ab dem Jahr 1900 verbesserte das Automobil die Mobilität derer, die ein Auto hatten (→ Geschichte des Automobils). Es entstanden neue Vorstädte, teils als Großwohnsiedlungen der Gründerzeit, in der Nähe der Fabriken wie Berlin-Wedding oder Berlin-Kreuzberg mit Mietskasernen (siehe: Gründerzeitviertel) oder als bürgerliche Vororte im Grünen (siehe: Villenkolonie und Gartenstadt).

Gartenstadt Die Gartenstadt-Vision bestimmte durch die Kaiserzeit, die Weimarer Republik, die Zeit des Nationalsozialismus und die Wiederaufbaujahre bis in die 1970er Jahre das Denken der Stadtplaner unterschiedlich. Wie viele der ersten Gartenstädte entstand ab 1907 zum Beispiel in Essen der Stadtteil Margarethenhöhe als Werkssiedlung. In der Hochzeit der Bewegung in den 1920er Jahren planten ihre Vordenker wie Bruno Taut Bollerey, Fehl, Hartmann, 1990, S. 33. Diese Visionen von Gärtenstädten vermischten sich mit der damals aufkommenden Schlichtheit des Bauhaus-Stils. Während der Zeit des Nationalsozialismus musste sich die Gartenstadtbewegung den politischen Gegebenheiten unterwerfen – Hoffman, 2004

Nachkriegszeit Deutschland Nach dem Zweiten Weltkrieg war es in den Jahren von 1950 bis 1970 erforderlich, möglichst viel Wohnraum in kurzer Zeit zu schaffen.

Gründe dafür waren die vielen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Wohnungen, die Bevölkerungszunahme durch die Vertriebenen und Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, aus der Tschechoslowakei (Sudetendeutsche) und aus anderen Ländern in die Bundesrepublik Deutschland, das Bevölkerungswachstum auf Grund der Geburtenrate, die Landflucht in die Städte, der steigende Wohnflächenbedarf pro Kopf.

So hieß es 1957 im Zweiten Wohnungsbaugesetz der Bundesrepublik Deutschland (II. WoBauG) u. a.: dass ein sei.

Aufgrund der wenigen Wiederherstellung vieler im Krieg zerstörter Häuser gab es beständig zu wenig Wohnraum. Die Planung von Großwohnsiedlungen in der Bundesrepublik Deutschland wie in der DDR war erforderlich, um die drückende Wohnungsnot zu lindern.

Die Kriegszerstörungen wurden von Stadtplanern als Chance gesehen, städtebauliche Missstände zu beseitigen. Viele der gescholtenen Mietskasernen waren zerstört und konnten nun den Ideen von großzügigen Anlagen, Straßen und Wohnhäusern weichen. Nach all den schlechten Erfahrungen, die man mit der traditionellen Städtebauweise gemacht hatte, setzte man Hoffnungen auf Gartenstadt-Konzepte. Eine Idee der Planung war die Charta von Athen mit der funktionalen Aufteilung von Wohn- und Gewerbegebieten in den Städten, aber auch raumwirtschaftlichen Theorien zum Beispiel von Walter Christaller. Mit Ernst May wurde 1954 ein Architekt, der sich für den Plattenbau engagiert hatte, zum Leiter der Planungsabteilung der Neuen Heimat bestellt.

Die Großwohnsiedlungen der 1960er, 1970er und teilweise der 1980er Jahre entstanden im Westen zumeist in traditioneller Bauweise. Im Osten entstand ein großer Teil der Siedlungen seit Ende der 1960er Jahre und vor allem in den 1970er und 1980er Jahren als rationell gefertigte Plattenbauten im Zuge des Wohnungsbauprogramms der DDR, als in den alten Bundesländern nur noch vereinzelt neue Großsiedlungen gebaut wurden.Rietdorf/Liebmann, 1998, S. 178. In Westdeutschland traten als Bauherren meist die großen gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften wie die Neue Heimat auf, die Fördermittel aus Bund- und Länderprogrammen des sozialen Wohnungsbaus erhielten. In Ostdeutschland wurde der Wohnungsbau durch die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften und die Wohnungsgenossenschaften realisiert. Die Großwohnsiedlungen entwickelten sich – West wie Ost – dort, wo die einzigen Siedlungsmöglichkeiten in dieser Zeit bestanden: in den Randgebieten der bereits vorhandenen Siedlungskerne oder in den Achsen-Zwischenräumen „auf der grünen Wiese“, jedoch innerhalb der administrativen Stadtgrenzen.

Der Anteil der Wohnungen in Großwohnsiedlungen am Gesamtwohnungsbestand der Bundesrepublik Deutschland beläuft sich auf 7 %, wobei der Anteil sehr unterschiedlich ist und zwar in Westdeutschland bei nur 3 %, in Ostdeutschland jedoch 22 % und in einzelnen Städten wie Rostock bei 70 %, Magdeburg bei 40 % und Schwedt/Oder bei sogar 85 %.

Westdeutschland Von Mitte der 1950er bis Mitte der 1970er Jahre entwickelten sich in der Bundesrepublik Deutschland die Großwohnsiedlungen. Sie sind fast nur in den großen Ballungsgebieten zu finden. In den Großwohnsiedlungen wohnte zunächst vorwiegend die Mittelschicht, meist junge Familien. In den gründerzeitlichen, unsanierten Altbauwohnungen der Innenstädte hingegen lebten viele sozio-ökonomisch schwächere Bewohner, Ausländer, Ältere oder Arbeitslose, aber auch Althausbesitzer aus der Mittelschicht.

Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die materiellen Voraussetzungen, die erfüllbaren Ansprüche und Zielsetzungen der Wohnungspolitik in der Bundesrepublik verändert. In Westdeutschland wurden seit den 1970er Jahren zunehmend Wohnungen in Einfamilien- oder Reihenhaussiedlungen gebaut. Dieser Wohnungsbau wurde auf Grund preiswerter Baulandangebote in den damals noch ländlichen Gemeinden um die Großstädte befriedigt. Eine so genannte „Stadtflucht“ führte oftmals zur Verminderung der Einwohnerzahlen der Großstädte und zu reichen und großen Randgemeinden. Der Stellenwert von Großwohnsiedlungen veränderte sich. Die Großwohnsiedlungen wurden in dieser Zeit allmählich zum Symbol für einen inhumanen Städtebau; entsprechend dem Buchtitel von Alexander Mitscherlich wurde beklagt: die Unwirtlichkeit unserer Städte.Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1965. Gibbins 1988, BMBau 1990 Eine aufwendige Nachbesserungsinitiative von Bund, Ländern, Gemeinden und Wohnungsgesellschaften hat zu einem Wiederanstieg der Wohnungsnachfrage und zu einer Beruhigung der Situation geführt.

Während um 1970 noch jeder Einwohner im Durchschnitt um 22 m² Wohnfläche bewohnte, stieg dieser Wert bis 1991 auf 36 m², um 2007 lag er über 40 m².

Ostdeutschland In der DDR wurden seit den früheren 1950er Jahren auf der Grundlage eines zentralistischen Wirtschaftssystems territorialplanerisch neue Zielvorstellungen ausgehend von der „Standortverteilung der Produktivkräfte“ umgesetzt. Diese sollten „historisch überkommene regionale“ Disparitäten überwinden. Sie bestanden zwischen industriell geprägten südlichen Landesteilen und dem traditionell agrarisch geprägten Norden und Osten. Der industriell gefertigte Wohnungsbau wurde so mit neuen Wohnkomplexen und -gebieten „auf der grünen Wiese“ mit der Errichtung neuer Großbetriebe oder der Ansiedlung von Einrichtungen der Landesverteidigung verbunden.

Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte in der DDR langsam. Die Schaffung von Wohnraum in kürzester Zeit durch die Industrialisierung des Bauens war ab Mitte der 1950er Jahre mit Beschluss der Baukonferenz von 1955 oberstes Ziel. Die innerstädtischen Altbaugebiete wurden dadurch vernachlässigt. Die qualitativen Ansprüche sollten zugunsten der Überwindung der Wohnungsnot reduziert werden. Die Einführung der Großwohnsiedlung in der DDR war im Gegensatz zur BRD in erster Linie ein politisch motivierter Schritt. Die Wohnungspolitik in der DDR war verbunden mit der gesellschaftlichen Zielsetzung „Schaffung gleicher Lebensbedingungen“. Die Einführung einer sozialistischen Lebensweise sollte sich in der Art des Wohnens widerspiegeln. Das Ideal war somit die Kleinfamilie mit berufstätigen Eltern und zwei Kindern in einer sozialistischen Stadt. Mit der Großsiedlung konnten mehrere Aspekte gleichzeitig verwirklicht werden. Der Bedarf nach vielen Wohnungen wurde auf Kosten der Qualität in Angriff genommen. Die neuen Ideale der sozialen Gleichheit und die Konzepte der gegliederten und aufgelockerten Stadt wurden realisiert und eine soziale Segregation vermieden. Großwohnsiedlungen und größere Siedlungen wurden durch die industrielle Plattenbauweise errichtet.

Von 1960 bis 1990 wurden 2,2 Millionen Wohnungen gebaut. Anfänglich waren die Bautypen in Blockbauweise noch stärker differenziert (Typ: 8 kN, 11 kN). Spätere Bautypen erfolgten in „Streifenbauweise“ und in „Platte“ mit den Modellbauten 35 kN-Typ, 50 kN-Typ, Typen P und QP. Ab 1971 wurde mit der Wohnungsbauserie WBS 70 eine variablere Typenlösung geschaffen, die aber landesweit und weniger differenziert als Platte umgesetzt wurde. Die typische WBS-70-Wohnung war auf die sozialistische Kleinfamilie ausgerichtet und hatte drei Räume, damit hatte eine Wohnung im Mittel 60 m² Wohnfläche. Im Jahr 1990 betrug die durchschnittliche Wohnfläche pro Person in den neuen Ländern rund 25 m², nach der Wende erhöhte sich diese Zahl auf 34 m² Wohnfläche je Bewohner im Jahr 2000.

Europa In England oder Frankreich entstanden nach dem Krieg oftmals eigenständige Städte (New Towns oder Villes Nouvelles) mit bis zu 200.000 Einwohnern, z. B. Milton Keynes.

Anzahl und Standorte Deutschland

mini|hochkant=1.5|Die Gropiusstadt in Berlin

Zu der Anzahl der Großwohnsiedlungen in Ostdeutschland mit mehr als 2500 Wohneinheiten (WE) gibt es differierende Angaben. Danach gab es 1991 gemäß IRSInstitut für Regionalentwicklung und Strukturplanung –IRS; Karl-Dieter Keim: Städtebauliche Weiterentwicklung der Neubaugebiete in den neuen Bundesländern, präzisierte Standortsübersicht. 1993. in den neuen Ländern 147 Großwohnsiedlungen mit 1.001.085 WE. Das Bundesbauministerium (BMBau) hat 1998 diese Zahl auf 169 Großwohnsiedlungen mit 1.118.745 WE nach oben korrigiert. Es gab weitere 440 (IRS) und 517 (BMBau) größere Neubauwohnsiedlungen mit 500 bis 2.500 WE pro Siedlung mit insgesamt 487.679 WE bzw. 578.099 WE. Nach Müller/RietdorfMüller/Rietdorf, 2000, S. 57. befinden sich 95 der 240 Siedlungen mit über 2500 WE in den alten Bundesländern und 144 in den neuen.