mini|Ole Anton Qvam (1834–1904) Ole Anton Qvam (* 5. August 1834 in Bolsøy, heute Molde (Møre og Romsdal); † 8. Juli 1904 auf Gjævran in Egge, heute Steinkjer (Trøndelag)) war ein norwegischer Politiker, Rechtsanwalt und Beamter. In den Auseinandersetzungen um die Verfassung und die Union mit Schweden während der Jahre 1870 bis 1905 war Qvam der führende Vertreter des radikalen Flügels der liberalen Venstre-Partei. Seine bedeutendsten Leistungen waren die Reform des Strafprozessrechts und die Einführung der Geschworenengerichte im Jahr 1887. Er war zwanzig Jahre lang Parlamentsmitglied und mehrmals Parlamentspräsident, Parteivorsitzender und Justizminister. Am Ende seines Lebens bekleidete er 1902–1903 die Ehrenstellung eines „Norwegischen Ministerpräsidenten in Stockholm“.
Ole Anton Qvams Ehefrau, Fredrikke Marie Qvam, war eine der einflussreichsten norwegischen Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit, Gründerin und langjährige Präsidentin der Fürsorgeorganisation Norske Kvinners Sanitetsforening.
Leben und Werk Eltern und Ausbildung Ole Anton Qvam war das zweitjüngste von sieben Kindern des Landwirts Ole Larsen Qvam (1782–1844) und der Johanne Pedersdatter Ryen (1797–1850). Der Vater entstammt einer alteingesessenen Familie in Sogn und wurde auf dem Hof Kvam in Hafslo geboren. 1812 zog er nach Bolsøy auf den Hof Meeg (auch Mek oder Mekvik genannt). Er war für Romsdal Parlamentsabgeordneter und wurde in den Parlamentsprotokollen „nach damaligem Brauch“ unter dem Namen Ole Anton Meeg geführt. Um seinen Familiennamen auch für den offiziellen Gebrauch verwenden zu können, änderte er 1837 den Namen des Hofs Meeg in Kvam.
Die Mutter Johanne Pedersdatter Ryen stammt aus einer in Nord-Østerdalen und Nordmøre weit verzweigten Bauernfamilie.
Ole Anton Qvam verlor im Alter von zehn Jahren seinen Vater und mit sechzehn Jahren seine Mutter. In Folge wurde er von seinem älteren Bruder Peter Qvam (1822–1907), der in Kristiania eine Privatschule leitete, finanziell unterstützt. 1847–1851 besuchte er die Molde middelskole og latingymnasium und war dort Mitschüler von Bjørnstjerne Bjørnson. Am 22. September 1850 wurde er konfirmiert. Nach privater Vorbereitung legte er 1853 das examen artium (Abitur) mit Laud (gut) ab.
Lehrer und Student mini|Ole Anton Qvam (Foto von Wilhelm Cappelen, 1867) In den folgenden Jahren verdiente Ole Anton Qvam seinen Lebensunterhalt als Lehrer. Er war zunächst zwei Jahre lang Hauslehrer bei Sorenskriver Isaachsen in Setesdal, danach 1855–1856 Lehrer an Holths Lateinschule in Kristiania, 1856–1857 Vertretungslehrer an der Mittelschule in Arendal und zuletzt 1857–1859 Hauslehrer bei David Andreas Gram auf dem Gut Helge-Rein-By in Stod (heute Steinkjer) in Nord-Trøndelag.
In seiner Freizeit lernte Qvam Fremdsprachen, was ihm in seiner späteren Karriere zugutekommen sollte. Er teilte auch das Bestreben, aus den ländlichen Dialekten die neue norwegische Schriftsprache Landsmål zu entwickeln. Bei den Treffen der Sprachreformer lernte er Aasmund Olavsson Vinje, Ivar Aasen, Ernst Sars, Hans Ross und andere kennen. „Kleine literarische Skizzen und ein Reisebericht von einer Wanderung im Sommer 1861 zeigen, wie sehr er sich für diese Zielsetzung engagierte.“
Bereits in diesen Jahren pflegte er seine künstlerischen Interessen. Ende der 1850er Jahre besuchte er in der Hauptstadt die Malerschule von Johan Fredrik Eckersberg. Er spielte Kornett, aber noch lieber Klavier. Als er 1857 nach Stod kam, gründete er dort sowohl ein Orchester als auch einen Chor. Die bleibendsten Erinnerungen an Qvams musikalisches Talent sind die von ihm komponierten Klavierlieder, die Texte von Bjørnson, Aasen, Vinje und Arne Garborg vertonen.
Die Lehrtätigkeit war ihm mehr als nur Brotberuf: „Es scheint, als hätte Qvam gewisse Schwierigkeiten gehabt, sich zwischen einem Jurastudium und einem Philologiestudium zu entscheiden.“ Schließlich entschied er sich für Jura (das Anden examen hatte er bereits 1856 abgelegt), und nach nur eineinhalb Jahren intensiven Studiums schloss er im Juni 1862 sein Studium durch die Staatsprüfung (embedsexamen) mit Laud als cand. jur ab.
Anwalt und Bräutigam Als Hauslehrer auf dem Gut By in Stod lernte Ole Anton Qvam 1857 die damals vierzehnjährige Tochter der Gutsbesitzerfamilie Frederikke Marie kennen und lieben. Nach seinen eigenen Worten erlebte er damit „das Glück, in die liebenswerteste und edelste Familie einzutreten, die unsere unvollkommene Zivilisation kannte, diejenige zu treffen, die meine Liebste auf Leben und Tod werden sollte, untrennbar mit all meinen Gedanken, Gefühlen und Handlungen verbunden“. (zitiert bei).
Der Vater, David Andreas Gram (1812–1858), hatte in jungen Jahren Henrik Wergeland kennengelernt und war wie Ole Qvam der sprachlichen und kulturellen Ausbildung der norwegischen Nation verpflichtet. Der Bräutigam wurde – auch von der Mutter, Louise Augusta Bing (1808–1900) – in „in einem sozial hochstehenden Kreis willkommen geheißen“.
Zunächst musste sich der junge Jurist als Rechtsanwalt etablieren, was ihm schnell gelang. In den Jahren 1863–1864 war er Bevollmächtigter des Sorenskrivers Bernt Anker Steen im Gericht Stjør- og Verdal. 1863 wurde er als overrettssakfører (Senior-Rechtsanwalt mit dem Klagerecht vor allen Gerichten) zugelassen und im Folgejahr eröffnete er seine Anwaltskanzlei in Steinkjer. Schließlich wurde er 1867 nach Ablegung einer weiteren Prüfung als Anwalt auch für den Obersten Gerichtshof (høyesterettsadvokat) zugelassen.
1864 kaufte Ole Anton Qvam (wohl mit der Hilfe der sehr wohlhabenden Schwiegereltern) den großen Hof Gjævran in Egge bei Steinkjer. Am 21. Mai 1865 heiratete er in der dortigen Kirche seine Frederikke Marie (* 31. Mai 1843 in Trondheim; † 10. September 1938 in Egge).
Noch im selben Jahr zog das junge Paar zu der Mutter der Braut nach Stod. Frau Gram war seit einigen Jahren Witwe und Ole Anton Qvam verwaltete ihren Hof Helge Rein Bye. Erst 1873 ließ er sich endgültig mit seiner Familie in Gjævran nieder.
Die Tragödie der Kinder mini|Familie Qvam, 1890. Hinten: Olaf Hafslo Qvam, Louise Qvam. Vorne: Fredrikke Marie Qvam, Ole Anton Qvam Ole und Fredrikke Qvam hatten vier Kinder: Louise Gram (* 1866), Olaf Hafslo (* 1868), Marie Christine Lyng (* 1873), David Andres Gram (* 1877). Nur die Tochter Louise Qvam überlebte ihre Eltern. Sie wurde eine der ersten Ärztinnen Norwegens und trat wie ihre Mutter für das Frauenwahlrecht ein. Nach dem Tode ihres Vaters kehrte sie heim nach Egge, eröffnete dort eine Praxis und unterstützte ihre Mutter bei der Bewirtschaftung von Gjævran.
Die anderen Kinder starben hintereinander an Tuberkulose, Marie Christine 1878 im Alter von fünf Jahren, David Andreas 1888 als 10-Jähriger. Olaf Hafslo, der wie sein Vater Jura studierte und Gedichte und Zeitungsartikel verfasste, verstarb 25-jährig im Jahre 1893. (Die Eltern veröffentlichten im Folgejahr seinen literarischen Nachlass.)
Die Trauer über den Verlust ihrer Kinder war ein wichtiger Anstoß für Fredrikke Qvam, 1896 den Verein Norske Kvinners Sanitetsforening zu gründen, dessen ehrenamtliche Mitarbeiterinnen im Gesundheits- und Sozialbereich tätig sind.
Bürgermeister und Parlamentsabgeordneter Sein Interesse für nationale Fragen führte Ole Qvam in die Politik, zunächst in die lokale. 1867 wurde er zum Mitglied des Gemeinderats in Stod gewählt und 1868–1869 übte er das Bürgermeisteramt aus. Nachdem Egge als eigenständige Gemeinde von Stod abgetrennt wurde, war Qvam 1869–1885 Bürgermeister von Egge. Er bemühte sich um die wirtschaftliche Entwicklung seiner Region als Gründer der Sparbu og Egge Sparebank und der Stenkjær Dampskibsselskab (Dampfschiffsgesellschaft). In beiden Unternehmen war er von 1873 bis 1886 Vorsitzender des Vorstandes.
Ole Qvam wurde erstmals 1870 ins Parlament gewählt, zunächst als Ersatzmann (Vararepresentant). Danach vertrat er 1874–1885 das Amt Nordre Trondhjem, 1886–1888 und 1895–1897 das Amt Søndre Trondhjem und 1898–1900 erneut Nordre Trondhjem. In der Legislaturperiode 1882–1885 war er Präsident des Lagting (Kleine Kammer) und 1886–1888 des Odelsting (Große Kammer). Er war mehrere Amtsperioden lang Vorsitzender des Justizausschusses, ab 1880 Mitglied des Wahlausschusses und ab 1883 Mitglied des Vollmachtsausschusses.
Unter den von ihm mitgestalteten Gesetzen ist die Einführung der Geschworenengerichtsbarkeit am wichtigsten. In den Jahren 1882 bis 1884 wurde diese von der parlamentarischen Jurykommission ausgearbeitet, die unter dem Vorsitz von Ole Qvam tagte. Anschließend war Qvam 1884–1889 Mitglied der durch königlichen Beschluss eingesetzten (zivilen) Strafrechtskommission. In der Militärstrafrechtskommission war er wiederum Vorsitzender. „In all diesen Ämtern leistete er bedeutende Arbeit und lieferte einen wesentlichen Teil der Vorarbeiten, auf denen die so tiefgreifende Gesetzgebung basiert.“ 1889 veröffentlichte er Das norwegische Strafprozessgesetz vom 1. Juli 1887 mit Kommentar.
„Als Qvam ins Storting kam, war er einer der wenigen aus der Beamtenklasse, die sich der linken Fraktion anschlossen. Neben ihm gab es höchstens drei weitere, die als ‚extreme Linke‘ gelten konnten, darunter Johan Sverdrup. Qvam galt als der radikalste und auch als der lautstärkste von allen.“ Die von Qvam angeführten Abgeordneten aus Nordre Trondhjems amt wurden bald als der radikalste Teil der Opposition empfunden und ihre Heimat als „das rote Amt“ verunglimpft. Qvam setzte sich früh für die Sprachreform ein und schlug bereits 1874 vor, die Lehrerausbildung um Altnordisch und Landsmål zu erweitern.
Frauenrechte mini|Ole Anton Qvam (unbekannter Fotograf, ca. 1870) Ole Qvam war der erste norwegische Politiker, der öffentlich für die Frauen das Wahlrecht einforderte. Nach Aussage seiner Frau geschah dies 1869 bei einer politischen Versammlung in Steinkjer. Das Ehepaar Qvam war in der Norsk Kvinnesaksforening (Norwegische Frauenrechtsvereinigung) seit deren Gründung 1884 aktiv und Anton Qvam einer von etwa zehn linken Abgeordneten, die von Anfang an dort Mitglieder waren. 1886 legte er zum ersten Mal im Storting einen Antrag zur Einführung des Frauenwahlrechts vor. Als über diesen 1890 erneut debattiert wurde, stellte er vom Rednerpult fest: „Wir sind ein kleines Volk, wir können es uns nicht leisten, uns kleiner zu machen, als wir sind.“ Er forderte auch, dass Frauen als Verheiratete voll geschäftsfähig bleiben sollten, um über ihr eigenes Vermögen verfügen zu können. Gütertrennung sollte zwischen Ehepartnern die Norm sein.
In einem Nachruf in der feministischen Zeitschrift Nylænde wurde Ole Anton Qvam als die herausragendste Persönlichkeit bezeichnet, die jemals die Sache der Frauen unterstützt hatte: „Für den großen Vaterlandsfreund war die Befreiung der Frauen eine der Voraussetzungen dafür, dass Norwegen das Land der Zukunft werden konnte.“ Der rührend dankbare Kommentar schließt mit einer feinsinnigen Bemerkung:
„Es gibt Männer, die sich öffentlich für die Sache der Frauen einsetzen, sie aber privat ablehnen. Es gibt solche, die auf Festen schöne Worte über unsere Rechte sprechen, aber im Alltag und innerhalb ihrer eigenen vier Wände nicht nach ihren Worten handeln. Bei ihm war das anders. Es herrschte vollkommene Harmonie.“
Venstre-Gründung und Krise mini|Ole Anton Qvam (Zeichnung von Gustav Lærum zu einem Nachruf in Verdens Gang) Die Stortingwahlen von 1882 waren für die linke Opposition sehr erfolgreich. Als die Parlamentssitzung im Februar 1883 begann, schloss sie sich zur Stortingets Venstreforening (Liberale Vereinigung des Storting) zusammen. Am 28. Januar 1884 entstand daraus die Norges Venstreforening als älteste Partei Norwegens unter der Führung von Johan Sverdrup und mit Ole Qvam als stellvertretenden Vorsitzenden.