Marianne Wilke, geborene Lehmann (* 29. Juli 1929 in Hamburg; † 17. Juli 2023 in Wedel), war eine deutsche Erzieherin, Holocaust-Überlebende, Zeitzeugin der Zeit des Nationalsozialismus, Antifaschistin und Friedensaktivistin. Bis ins hohe Alter erinnerte sie in Vorträgen an die Verbrechen der Nationalsozialisten.
Leben und Wirken Marianne Wilke wurde 1929 als Tochter des jüdischen Vaters Adolf Karl Georg Lehmann, der bei einer Reederei arbeitete, und ihrer nichtjüdischen Mutter Lilly geboren. Sie wuchs zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Helmut in Hamburg-Eimsbüttel auf. Der Vater übte seine Religion nicht aus und gab den jüdischen Glauben nicht an die Kinder weiter. Einem Teil der Familie gelang nach der Reichsprogromnacht die Flucht nach Großbritannien. Ihre Großeltern Phillip und Henriette Lehmann wurden 1941 im Konzentrationslager Riga-Kaiserwald ermordet, ihr Onkel Helmut und ihre Tante Regina – ebenfalls 1941 – im Ghetto Minsk.
Die meisten der sogenannten „Mischehen“ galten unter der Herrschaft der Nationalsozialisten als „privilegiert“. Auf die Mutter übte die Gestapo Druck aus, sich scheiden zu lassen. Doch die Mutter weigerte sich standhaft und schützte dadurch ihren Ehemann vor einer Deportation in den Osten. Erst am 13. Januar 1945 erging der Befehl, alle arbeitsfähigen Juden aus „Mischehen“ ins Ghetto Theresienstadt zu deportieren.Joseph Walk (Hrsg.): Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat. 2. Aufl. Heidelberg 1996, ISBN 3-8252-1889-9, S. 406 / Dokument VEJ 11/196 in: Lisa Hauff (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 11: Deutsches Reich und Protektorat Böhmen und Mähren April 1943–1945. Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-036499-6, S. 530. Der Vater von Marianne überlebte.
Eingeschult wurde Marianne Wilke 1936 in der Schule Telemannstraße in Eimsbüttel. Als sogenannte „Halbjuden“ durften sie und ihr Bruder ab 1943 die Schule nicht mehr besuchen. Um Marianne vor der Zwangsarbeit in einer Fischfabrik zu bewahren, organisierte ihre Lehrerin eine Stelle als Hausmädchen für sie. Noch kurz vor Kriegsende erhielt sie den Befehl, sich im KZ Neuengamme zu melden, konnte aber bei Freunden untertauchen. Nach der Befreiung holte Marianne Wilke zunächst den versäumten Lernstoff in einer Förderklasse nach, bevor sie an das Helene-Lange-Gymnasium wechselte, wo sie ihr Abitur machte. Ab 1950 besuchte sie das Hamburger Fröbelseminar, erwarb dort 1951 ihren Abschluss als Erzieherin und arbeitete anschließend in einem Kindergarten.
Als Mitglied der Guttempler gehörte Marianne Wilke zu einer Gruppe, die am 31. März 1951 die unter britischer Besatzung stehende Insel Helgoland symbolisch besetzte, um gegen die Nutzung der Insel als Bombenabwurfplatz der Royal Air Force zu demonstrieren. Die Gruppenmitglieder wurden festgenommen und mussten sich einem Gerichtsverfahren vor dem britischen Militärgericht stellen. Nachdem Marianne Wilke zunächst wie die anderen Teilnehmerinnen – im Gegensatz zu den männlichen Teilnehmern – freigesprochen worden war, wurde sie wegen ihres Protestes gegen die Ungleichbehandlung zu zweieinhalb Monaten Haft verurteilt. Nach zwei Wochen verbüßter Haftzeit wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt.
Ebenfalls im Jahr 1951 trat Marianne Wilke in die KPD ein, später wurde sie Mitglied der Nachfolgepartei DKP. Aufgrund ihrer kommunistischen Einstellung verlor sie ihre Arbeit im Kindergarten. Sie machte eine weitere Ausbildung zur Altenpflegerin und arbeitete dann auch in diesem Beruf.
Im Jahr 1954 zog sie mit ihrem Ehemann nach Wedel. Nach einer Familienzeit als Mutter begann sie Anfang der 1980er Jahre, ihr Engagement in verschiedenen Organisationen und Initiativen zu verstärken, die sie teilweise selbst mit ihrem Mann oder mit Gleichgesinnten ins Leben gerufen hatte. Sie hielt Ansprachen an Gedenktagen und folgte Einladungen von Gedenkstätten. Mit ihren Zeitzeugenberichten besuchte sie Schulen, Jugendzentren sowie Hochschulen und sprach vor Polizisten und Soldaten.
Den Schwerpunkt bei ihren Vorträgen legte Marianne Wilke unter Berücksichtigung der historischen Zusammenhänge beispielhaft auf die Ausgrenzungen, Diffamierungen und Verbote, die sie als Kind und Jugendliche erdulden musste oder die sie in ihrem Umfeld beobachtete. So sprach sie darüber, wie andere Kinder nicht mehr mit ihr spielen durften, wie sie von Freizeitaktivitäten ausgeschlossen wurde oder wie sie sich fühlte, wenn die Rassenlehre Unterrichtsthema war. Sie rief in Erinnerung, wie ihre Großeltern in ein Judenhaus ziehen mussten und sie abgewiesen wurde, wenn sie für diese Einkäufe erledigen wollte und deren Lebensmittelmarken mit dem „J“ für „Jude“ vorlegte. Ebenso berichtete sie von Zeichen der Solidarität, die ihr und ihrer Familie entgegengebracht wurden, wie glücklich die Mutter war, wenn sie morgens vor der Haustür kleine Lebensmittelgaben von den Nachbarn vorfand. Durch ihre versöhnliche Art gewann Marianne Wilke das Vertrauen ihrer meist jungen Zuhörer.
Nach ihrem Tod erschien 2024 der Dokumentarfilm Einmal und nie wieder! Ein Dokumentarfilm mit & über Marianne Wilke, den der Regisseur Johannnes Hör in Zusammenarbeit mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Schleswig-Holstein e. V. und mit der Unterstützung des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung erstellte und der Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt wird.
Marianne Wilke war seit 1952 mit dem Boxtrainer und Journalisten Günther Wilke († 2019) verheiratet; das Paar hatte drei Söhne.
Zitat Ihre Vorträge beendete Marianne Wilke mit den Liedzeilen aus Deine Schuld (2003) von der Punkrockband Die Ärzte:
Veröffentlichung mit Günther Wilke: Lübeck unterm Hakenkreuz: Wegweiser zu Stätten des Widerstandes unter der Verfolgung 1933–1945 in Lübeck. VVN-BdA, Wedel 2006, ISBN 978-3-00-019753-6.
Organisationen und Initiativen 1995 bis 2007 Vorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, Landesgruppe Schleswig-Holstein Mitorganisatorin der Kampagne Kampf dem Atomtod in Wedel Mitbegründerin der Friedenswerkstatt Wedel Mitinitiatorin des Wedeler Ostermarsches Mitglied im Wedeler Arbeitskreis gegen Rechtsradikalismus und Ausländerfeinlichkeit Mitbegründerin der Initiative Blumen für Gudendorf Mitglied im Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Ladelund
Ehrungen Marianne Wilke wurde 2013 zur Ehrenvorsitzenden der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Landesgruppe Schleswig-Holstein gewählt. Der Verband Deutscher Sinti und Roma – Landesverband Schleswig-Holstein zeichnete sie 2015 für ihren Einsatz bei der Anerkennung der Sinti und Roma als Minderheit mit dem Schleswig-Holsteinischen Meilenstein aus. Ebenfalls im Jahr 2015 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.
Weblinks
Stolpersteine Hamburg: Schicksal der Familienmitglieder väterlicherseits mit Rede von Marianne Wilke anlässlich der Verlegung der Stolpersteine für ihre Großeltern Einmal und nie wieder! Ein Dokumentarfilm mit & über Marianne Wilke Gabriele Behring – Informationen zum Dokumentarfilm Gedenkstätte Gudendorf – Initiative Blumen für Gudendorf
Einzelnachweise
Kategorie:Pädagoge Kategorie:Person der Friedensbewegung Kategorie:Zeitzeuge Kategorie:Überlebender des Holocaust Kategorie:Mitglied der VVN-BdA Kategorie:KPD-Mitglied Kategorie:DKP-Mitglied Kategorie:Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1929 Kategorie:Gestorben 2023 Kategorie:Frau