mini|Unterschrift Henrichs Dieter Henrich (* 5. Januar 1927 in Marburg; † 17. Dezember 2022 in München) war ein deutscher Philosoph. Insbesondere seine umfangreichen Studien zum Deutschen Idealismus und seine systematischen Analysen der Subjektivität haben philosophische Debatten in Deutschland geprägt. Eine Reihe seiner weit über zweihundert Publikationen wurde in andere Sprachen übersetzt.
Leben
Dieter Henrich wurde als Sohn von Hans Harry Henrich und seiner Ehefrau Frieda, geb. Blum, in Marburg/Lahn geboren. Nach dem frühen Tod dreier Brüder wuchs er als Einzelkind in einer protestantischen, gut situierten Familie auf. Sein Vater starb an einer Lungenembolie, als der Sohn Dieter elf Jahre alt war.
Am 7. Februar 1944 beantragte Henrich die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 20. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 10.141.305).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/14901200Dieter Henrich: Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie. München 2021. S. 62 Nach seinem Abitur 1946 am humanistischen Gymnasium Philippinum in Marburg studierte er von 1946 bis 1950 Philosophie, Geschichte und Soziologie in Marburg, Frankfurt und Heidelberg. Im Jahre 1950 wurde er bei Hans-Georg Gadamer an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg mit einer Arbeit über Die Einheit der Wissenschaftslehre Max Webers zum Dr. phil. promoviert, die 1952 veröffentlicht wurde. In Heidelberg leitete er das Collegium Academicum.
Henrichs Habilitation erfolgte 1956 mit der Schrift Selbstbewusstsein und Sittlichkeit. Anschließend lehrte er an verschiedenen Universitäten. Im Jahre 1960 wurde er ordentlicher Professor in Berlin, 1965 dann in Heidelberg. 1968 wurde ihm eine Professur an der Columbia University angeboten, die er ablehnte. Stattdessen nahm er in den USA ständige Gastprofessuren an: von 1968 bis 1972 an der Columbia University, von 1973 bis 1986 an der Harvard University. Zudem hatte er Gastprofessuren an der Universität Tokio, University of Michigan und der Yale University inne.
Im Jahre 1975 heiratete er Bettina Henrich, geb. von Eckardt (* 1947), mit der er zwei Töchter hatte.
Während seiner Jahre in den Vereinigten Staaten kam Henrich in engen Kontakt mit vielen herausragenden analytischen Philosophen wie Roderick M. Chisholm (den er später nach Heidelberg einlud), Willard van Orman Quine, Hilary Putnam und Donald Davidson. 1981 nahm er eine Berufung an die Ludwig-Maximilians-Universität München an, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 Ordinarius für Philosophie war. 1984 wurde er als ordentliches Mitglied in die Bayerische Akademie der Wissenschaften gewählt,Mitglied der BAdW (mit Foto) wo ihm 1987 die Leitung der Kommission für die Herausgabe der Schriften von Friedrich Heinrich Jacobi übertragen wurde.Leitung der Jacobi-Kommission
Nach seiner Emeritierung an der LMU im Jahre 1994 leitete er weiterhin die Forschungsstelle Klassische Deutsche Philosophie. Seit 1997 war er Honorarprofessor der Humboldt-Universität zu Berlin. Darüber hinaus war Henrich unter anderem seit 1993 Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences, seit 1969 Mitglied im Comité directeur der Internationalen Gesellschaft für Philosophie. 1970 wurde er Präsident der Internationalen Hegel-Vereinigung, die Gadamer 1962 gegründet hatte, um der zu jener Zeit noch streng marxistisch-leninistisch orientierten Hegel-Gesellschaft eine Alternative gegenüberzustellen.
Werk Während sich Henrich in seiner Dissertation noch mit Max Webers Wissenschaftstheorie und Wertlehre beschäftigte, konzentrierte er sich danach vor allem auf die Erforschung der Philosophie des Deutschen Idealismus. Die zentralen Personen seiner historischen Analysen waren dabei Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Hölderlin. Henrichs historisches Interesse war dabei stets verbunden mit einem systematischen Interesse an der Frage der Möglichkeit der Metaphysik als philosophischer Hauptdisziplin. Im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit der Philosophie des Deutschen Idealismus entwickelte er eigene Ansätze zum Phänomen des Selbstbewusstseins, dem Absoluten, Fragen der Ethik und der Theorie der Kunst.
Henrich äußerte sich auch regelmäßig zu aktuellen politischen Themen. So setzte er sich nach dem Mauerfall mit den Essays Eine Republik Deutschland (1990) und in Nach dem Ende der Teilung (1993) mit dem Problem einer deutschen Identität auseinander und warb für die Einheit.
Philosophie des Selbstbewusstseins Das zentrale Thema in Henrichs Werk ist die Erforschung des Phänomens des Selbstbewusstseins. Er begründete mit seinen programmatischen philosophischen Arbeiten zusammen mit seinen Schülern Manfred Frank, Konrad Cramer und Ulrich Pothast die von Ernst Tugendhat so genannte „Heidelberger Schule“ des Selbstbewusstseins.
Kritik an den bestehenden Selbstbewusstseinstheorien Henrich unterscheidet egologische und nicht-egologische Selbstbewusstseinstheorien. Die egologischen Theorien erklären das Selbstbewusstsein als Produkt oder als Vollzug von Reflexionen eines Ego. Zu ihren Vertretern zählt Henrich die Anhänger des klassischen „Reflexionsmodells“: Descartes, Locke, Leibniz, Hume, Rousseau und Hegel, aber auch Fichte, der das von Henrich so genannte „Produktionsmodell“ des Selbstbewusstseins entwickelte. Nicht-egologische Theorien konzipieren das Selbstbewusstsein dagegen als ein subjektloses Phänomen. Henrich zählt dazu die phänomenologischen Theorien von Brentano, Schmalenbach und Sartre.
Kritik egologischer Theorien Reflexionsmodell In seiner ursprünglich 1966 in einer Festschrift für Wolfgang Cramer erschienenen Abhandlung Fichtes ursprüngliche Einsicht setzt sich Henrich erstmals eingehend mit dem Problem des Selbstbewusstseins auseinander. Sein Ausgangspunkt ist die Kritik Fichtes am klassischen Reflexionsmodell, der er sich weitgehend anschließt. Fichte ist für Henrich der erste Philosoph, der die Struktur des Selbstbewusstseins zum Gegenstand seiner philosophischen Reflexion gemacht hat. Das Reflexionsmodell erkläre das Selbstbewusstsein als Ergebnis eines reflexiven Akts auf der Basis einer Subjekt-Objekt-Beziehung. Doch um sich auf sich selbst zurückwenden zu können, müsse das Selbst wissen, worauf es sich bezieht. Es müsse also bereits Selbstwissen und damit Selbstbewusstsein besitzen, wenn es sich reflexiv verhalten will. Damit gerät das Reflexionsmodell – so Fichte und mit ihm Henrich – in einen „Zirkel“. Dadurch werde aber das Selbstbewusstsein nicht nur nicht erklärt, sondern „es gibt demzufolge gar kein Bewußtsein“.
Produktionsmodell Das Gegen-Konzept Fichtes zum Reflexionsmodell geht nach Henrich dagegen von einem Setzungsakt des Ichs aus, wodurch das Entgegengesetzte, das Nicht-Ich, gesetzt wird und das Ich Wissen von sich bzw. dem Selbstbewusstsein hat. Henrich nennt daher Fichtes Modell eine „Theorie des Wissens als Produktion“. Die Begründung des Selbstbewusstseins durch den Setzungsakt eines bereits vorliegenden Selbst sei jedoch ebenfalls zirkulär. Das Wissen von sich, das das Ich durch seinen Setzungsakt erhält, impliziere, dass das Ich entweder bereits ein Wissen von sich voraussetzt, um sich mit sich selbst identifizieren zu können, oder es komme zu keiner Identifikation, falls ein solches Wissen noch nicht besteht.
Kritik nicht-egologischer Theorien Nicht-egologische Theorien fassen nach Henrich das Selbstbewusstsein als ein subjektloses Phänomen auf. Sie gehen davon aus, dass das Selbstbewusstsein ohne Anwesenheit eines Ego bzw. Subjekts zustande kommt. Das Bewusstsein wird als „eine Relation von jeweils einzelnen Inhalten oder Daten zu sich selbst“ konzipiert. Das Selbstbewusstsein entstehe dabei ohne reflexive Zuwendung eines Ichs, als ein objektiver Prozess individueller Bewusstseins-Elemente. Henrich kritisiert an den nicht-egologischen Theorien, dass sie den Sachverhalt des Bewusstseins letztlich nicht erklären können. Im Bewusstsein finde sich immer ein Akteur, dessen Aktivität das Selbstbewusstsein erzeugt: „Bewusstsein ist nämlich immer Gewahren einer Relation zwischen verschiedenen Gegebenheiten. Ohne dass sich eine von der anderen abhebt, tritt Bewusstsein faktisch niemals auf. Das macht seine synthetische Struktur aus, die vor allem von Kant theoretisch ausgebeutet wurde“.
Entwicklung einer eigenen Theorie des Selbstbewusstseins Beziehungsfreies Selbstbewusstsein In seinem 1970 erschienenen Aufsatz Selbstbewusstsein. Kritische Einleitung in eine Theorie entwickelt Henrich gegen die traditionellen Konzepte das Modell eines beziehungsfreien Selbstbewusstseins. Er geht aus von der täglichen Erfahrung mit dem Phänomen des Selbstbewusstseins, in der es nur durch seine Wirkung in Erscheinung tritt. Das Selbstbewusstsein kann nicht an sich erfahren werden, da es kein isoliertes Phänomen ist, sondern nur durch einen anderen Sachverhalt, der vom Selbstbewusstsein ermöglicht wurde. Das Selbstbewusstsein ist nach Henrich präreflexiv, weil es vor jedem Reflexionsakt schon da ist. Es ist zugleich die Voraussetzung aller unserer theoretischen und praktischen Aktivitäten. Henrich betont den Aspekt der unmittelbaren Vertrautheit mit unserem Selbstbewusstsein. Diese übertrifft die Vertrautheit, die wir mit allen anderen Sachverhalten haben: „Die Vertrautheit mit Bewusstsein kann überhaupt nicht als Resultat eines Unternehmens verstanden werden. Sie liegt ja schon vor, wenn Bewusstsein eintritt. Und niemand wird sagen, er habe in der Weise versucht, zu Bewusstsein zu kommen, in der er sich um Introspektion, Reflexion und Beobachtung bemühen kann“. Da das Selbstbewusstsein schon immer und unmittelbar gegeben ist, hat es für Henrich einen „ich-losen“ Charakter. Es ist „anonym und keinesfalls Eigentum oder Leistung des Selbst“. Implizit gehört das Selbstbewusstsein aber immer schon zu einem Ich und kann von diesem expliziert werden, um eine objektive Erfahrung zu bilden.
Bewusstsein, Selbstsein, reflexives Wissen In seinem lange Zeit unpublizierten Text Selbstsein und Bewusstsein von 1971 korrigiert Henrich noch einmal seine Selbstbewusstseinskonzeption. Er erklärt darin das Zustandekommen des Selbstbewusstseins als Resultat objektiv neuronaler Prozesse: „Wenn aber, was offenbar scheint, Gehirnstruktur und Bewusstseinsstruktur aufeinander beziehbar bleiben müssen, so kann keine Rede mehr sein von einem Selbst oder einer Person, das oder die in Beziehung auf das Bewusstsein bestünde. Das Gehirn hat in ihm selbst keinen Eigentümer. Es fungiert. Wohl aber kann gesagt werden, dass in seinem Fungieren etwas geschieht, das mit dem korrespondiert, was ‚Bewusstsein‘ genannt wird“. Henrich führt drei Elemente des Selbstbewusstseins an: „Bewusstsein“, „Selbstsein“ und den „formalen Selbstbezug im Wissen“. Diese drei Elemente sind zwar grundsätzlich getrennt, wirken aber in einem Prozess zusammen. Das Bewusstsein versteht Henrich als ich-losen „Raum“, „in dem etwas auftaucht“. Im Bewusstsein finden dann Aktivitäten statt, die sich als Ereignisse, Ereigniskomplexe oder Prozesse äußern können. Diese Aktivitäten führen zu einem grundsätzlichen Wandel im Bewusstsein: das präreflexive und anonyme Bewusstsein wird zu einem reflexiven Bewusstsein. Henrich nennt diese artikulierende Aktivität „Selbstsein“.