mini|Ruinen der Bibliothek des Pantainos, im Hintergrund die Stoa des Attalos. Die Bibliothek des Pantainos war ein Bibliotheksgebäude im antiken Athen. Sie befand sich am südöstlichen Ende der Agora von Athen, südlich der Stoa des Attalos. Sie öffnete sich einerseits zum Prozessionsweg der Panathenäen, andererseits zur breiten Straße, die zur Römischen Agora führte. Sie wurde vom athenischen Archon und Philosophen Titus Flavius Pantainos zwischen 98 und 102 n. Chr. während der Herrschaft des römischen Kaisers Trajan erbaut, und zwar bevor dieser den Namen Dacicus annahm. Die Bibliothek war Athena Polias, Trajan selbst und dem Volk von Athen gewidmet, wie aus der erhaltenen Inschrift vom Türsturz des Haupteingangs hervorgeht.SEG 21,703; IG II³ 4,1405; Die Bibliothek wurde 267 n. Chr. beim Einfall der Heruler zerstört. Die westlichen Ruinen des Bauwerks wurden teilweise von der nachherulischen Befestigung im Bereich der Agora und einem ihrer Türme überbaut.Alison Frantz: Late Antiquity A.D. 267–700 (= The Athenian Agora. Band 24). The American School of Classical Studies at Athens, Princeton 1988, S. 7, 67 (Digitalisat).

Ausgrabungen Die Ausgrabungen des Gebäudes begannen 1933. Zunächst wurde nur der Inschriftenblock des Eingangsbereichs gefunden und 1935 veröffentlicht.T. Leslie Shear: The Campaign of 1933. In: Hesperia. Band 4, 1935, S. 330–333. In der Folge wurde der westliche Bereich des Gebäudekomplexes ausgegraben.T. Leslie Shear: The Campaign of 1939. In: Hesperia. Band 9, 1940, S. 294 f. (Digitalisat). Der östliche Teil des Bibliotheksgebäudes wurde 1970 freigelegt.Homer A. Thompson, Richard E. Wycherley: The Agora of Athens. The History, Shape and Uses of an Ancient City Center (= The Athenian Agora. Band 14). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1972, S. 114–116 (Digitalisat). Zahlreiche Bauteile von Gebälk, Pilastern, Basen und Säulen der Vorhallen wurden außerordentlich exakt verbaut in dem Teil der nachherulischen Mauer gefunden, der die Westseite des zerstörten Gebäudes einnahm. Hier hatte die Mauer während der Freilegung noch eine Höhe von 3,40 Meter.Alison Frantz: Late Antiquity A.D. 267–700 (= Agora, Band XXIV). The American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1988, S. 130.

Architektur mini|Lage der Bibliothek (Nr. 37) auf der Athener Agora Das Gebäude hatte einen ungewöhnlichen Grundriss sowie Aufbau, was der unregelmäßigen Beschaffenheit des Geländes geschuldet war. Der Typus selbst folgt dem hellenistischer Bibliotheken.Volker Michael Strocka: Römische Bibliotheken. In: Gymnasium. Band 88, 1981, S. 298–329, hier S. 304.

Das wenige Meter südlich der Attalos-Stoa errichtete Gebäude wurde von drei Säulenhallen aus unkannelierten ionischen Säulen bläulichen Marmors umgeben.Homer A. Thompson, Richard E. Wycherley: The Agora of Athens. The History, Shape and Uses of an Ancient City Center (= The Athenian Agora. Band 14). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1972, S. 114. Aufgrund der Geländegegebenheiten handelte es sich um drei getrennte Säulenhallen: Eine entlang der Westfront an der Panathenäenstraße, eine kurze Halle gegenüber der Stirnwand der Attalos-Stoa und eine etwa 45 m lange nördliche Säulenhalle entlang der Straße zur römischen Agora.

Der Eingang zur Bibliothek selbst befand sich in der westlichen Säulenhalle des Komplexes, direkt unterhalb der Stelle, an der der beschriftete Türsturz gefunden wurde. Hinter einer Reihe vorgelagerter Räume lag der Kern des Gebäudes, der vor allem aus zwei Räumen bestand. Es handelte sich zum einen um einen rund 20 × 13,5 m großen Innenhof mit einem Peristyl, dessen Boden mit unregelmäßigen, in Mörtel eingebetteten Marmorplatten gepflastert war. Zum anderen um einen großen, sich zum Innenhof öffnenden quadratischen Raum von 10 m Seitenlänge, dessen Boden mit Marmorplatten gepflastert und dessen Innenwände mit Marmor verkleidet waren.Homer A. Thompson, Richard E. Wycherley: The Agora of Athens. The History, Shape and Uses of an Ancient City Center (= The Athenian Agora. Band 14). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1972, S. 116. Er diente möglicherweise als Versammlungsraum. Zwei kleinere nördlich gelegene Räume, die sich ebenfalls zum Peristyl öffneten, beherbergten vielleicht die Bücherrollen der Bibliothek.Volker Michael Strocka: Römische Bibliotheken. In: Gymnasium. Band 88, 1981, S. 298–329, hier S. 306.

Hinzu kam eine Reihe weiterer Räume, die nicht alle mit der Bibliothek in einem Funktionszusammenhang standen, darunter zwei Räume im Südwesten, die einem Bildhauer als Werkstatt dienten. Ein gepflasterter Raum an der Nordostseite diente möglicherweise dem Kaiserkult.Brian Martens: A Tripod ‘Worth Seeing’ in the Olympieion at Athens (Paus. 1.18.8). In: The Journal of Roman Studies. Band 113, 2023, S. 137–169, hier S. 154–156. Er war durch die um fast einen Meter zurückgesetzte Stirnwand und das vor seinem Eingang um etwa 30 cm erweiterte Interkolumnium in der nördlichen Säulenhalle besonders betont. Zudem hatten die beiden Säulen in der Front des Raums größere Durchmesser (68 cm statt 60 cm). Verwitterungsspuren auf dem Stylobat dieses Bereichs zeugen vermutlich von Statuenbasen.T. Leslie Shear: The Athenian Agora: Excavations of 1972. In: Hesperia. Band 42, 1973, S. 359–407, hier S. 388 f. Der Bibliothekskomplex wird mit einigen Statuen in Verbindung gebracht, die in ihrem Umfeld aufgestellt waren. Hierzu zählen zwei Personifikationen der Ilias und der Odyssee. Außerdem werden die Reste einer Trajanstatue mit einem unterworfenen, knienden Daker mit der Bibliothek verbunden.Matthew Nicholls: Roman Libraries as Public Buildings in the Cities of the Empire. In: Jason König, Katerina Oikonomopoulou, Greg Woolf (Hrsg.): Libraries of the Roman Empire. Cambridge University Press, Cambridge 2003, S. 261–276, hier S. 273 f.; Brian Martens: A Tripod ‘Worth Seeing’ in the Olympieion at Athens (Paus. 1.18.8). In: The Journal of Roman Studies. Band 113, 2023, S. 137–169, hier S. 153–159.

Inschriften Es gibt zwei Inschriften, von denen eine auf die Gründung der Bibliothek durch Titus Flavius Pantainos und die andere auf ihren Betrieb Bezug nimmt.;

OriginalTranskriptionÜbersetzung An Athena Polias und Kaiser Caesar Augustus Nerva Trajan Germanicus sowie an die Stadt der Athener hat der Priester der weisheitsliebenden Musen, Titus Flavius Pantainos, Sohn des Flavius Menander, des Nachfolgers [= Vorstehers der Schule], die Säulenhallen, das Peristyl, die Bibliothek mit den Büchern und alle darin enthaltenen Verzierungen auf eigene Kosten zusammen mit seinen Kindern Flavius Menander und Flavia Secundilla gewidmet.

Die zweite, auf einem Hermenpfeiler aus weißem Marmor angebrachte Inschrift gehört zu den wenigen Zeugnissen, die Einblick in den antiken Bibliotheksbetrieb bieten. Sie erinnert an heutige Bibliotheksordnungen und wird im Museum der Stoa des Attalos aufbewahrt. Gefunden wurden sie in Zweitverwendung in einer rekonstruierten Mauer der Bibliotheksnordwand; ; Richard E. Wycherley: Literary and Epigraphical Testimonia (= The Athenian Agora. Band 3). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1957, S. 150 Nr. 464 (Digitalisat).

OriginalTranskriptionÜbersetzung Kein Buch wird hinaus-getragen, weil wir es geschworen haben. Öffnungs-zeit von der er-sten bis zur sechsten Stunde.

Die Schreibweise mit „υ“ statt ist in Inschriften die übliche Form während des Großteils der Antike.Arthur W. Parsons: A Family of Philosophers at Athens and Alexandria. In: Commemorative Studies in Honor of Theodore Leslie Shear (= Hesperia Supplements. Band 8). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1949, S. 268–272, hier S. 269 Anm. 5 (Digitalisat).

Siehe auch Hadriansbibliothek

Literatur Michael W. Handis: Pantainos and His Unique, Ancient Library. In: Libraries: Culture, History, and Society. Band 4, Nr. 2, 2020, S. 121–138, doi:10.5325/libraries.4.2.0121. Brian Martens: A Tripod ‘Worth Seeing’ in the Olympieion at Athens (Paus. 1.18.8). In: The Journal of Roman Studies. Band 113, 2023, S. 137–169, hier S. 153–159 (online). Homer A. Thompson, Richard E. Wycherley: The Agora of Athens. The History, Shape and Uses of an Ancient City Center (= The Athenian Agora. Band 14). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1972, S. 114–116 (Digitalisat).

Weblinks

Einzelnachweise

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