Rootes Pressings (Scotland) (ab 1970 Chrysler Linwood) war ein Automobilwerk in der schottischen Stadt Linwood, das von 1963 bis 1981 etwa 440.000 Autos des Rootes-Konzerns und seiner Nachfolger Chrysler und PSA produzierte. Die bekanntesten Autos aus Linwood sind der Hillman Imp und seine Ableger. Der zeitweise stark subventionierte Betrieb war jahrelang der größte Arbeitgeber der Region. Seine Schließung 1981 und der darauf folgende gravierende Anstieg der Arbeitslosigkeit werden vielfach als exemplarisch für den Thatcherismus angesehen.

Standort Rootes Pressings (Scotland) hatte seinen Sitz in der schottischen Kleinstadt Linwood, die zum Einzugsbereich Glasgows gehört. Die Werksanlagen grenzten an die benachbarte Stadt Paisley.

Nach der Schließung des Betriebs 1981 und dem anschließenden Abriss der Werksanlagen wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf dem Areal das Einkaufsquartier Phoenix Retail Park errichtet.Lageplan des Phoenix Retail Parks (PDF) (abgerufen am 3. Januar 2026).

Geschichte

Vorläufer: Kriegswirtschaft und Pressed Steel Der älteste Teil der Anlage ging auf einen Betrieb der Kriegswirtschaft zurück. Unter der Leitung von William Beardmore and Company wurden hier im Staatsauftrag ab den späten 1930er-Jahren Gewehrläufe und andere Metallteile mit militärischen Verwendungsmöglichkeiten hergestellt.Eintrag zu Rootes Pressings (Scotland) auf www.britainbycar.co.uk (abgerufen am 5. Januar 2026).

1947 übertrug die Regierung den Betrieb „zu äußerst günstigen Konditionen“T. Dickson, D. Judge: Politics of Industrial Closure, Palgrave Macmillan, 1987, ISBN 978-1-349-18862-8, S. 117. auf die Pressed Steel Company, einen unabhängigen Zulieferer der Automobilindustrie, der in seinem Stammwerk in Cowley, Oxfordshire, vor allem Automobilkarosserien für verschiedene britische Hersteller fertigte.Zu den Kunden von Pressed Steel gehörten die Konzerne Rootes und BMC bzw. deren Vorläufer. Ford of Britain hingegen war kein regulärer Kunde von Pressed Steel; Ford unterhielt mit Briggs Motor Bodies in Dagenham einen eigenen, zum Konzern gehörenden Karosseriebaubetrieb. Mit der Überführung der Werksanlagen in die Zivilwirtschaft verfolgte die britische Regierung vor allem das Ziel der Strukturförderung. Die Region um Glasgow war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt von der Schiffbauindustrie, die sich vor allem entlang des Flusses Clyde angesiedelt hatte. Nach Kriegsende brach die Nachfrage nach Schiffen ein, woraufhin zahlreiche Werften schließen mussten. Die Idee, in der Umgebung Glasgows ein großes Presswerk für Blechteile aufzubauen, brachte der Region einen großen, leistungsfähigen Arbeitgeber mit langfristiger Perspektive.

Anders als im Stammwerk in Cowley stellte Pressed Steel in Linwood zunächst keine Automobilkarosserien, sondern Eisenbahnwaggons, Zubehör für Dieselmotoren und andere Metallgegenstände her.Graham Robson: The Cars of the Rootes Group, London 2007, ISBN 978-1-903088-29-6, S. 162. Erst 1959 nahm Pressed Steel in Linwood die Produktion von Teilen für Automobilaufbauten auf. Den Anfang machten Lkw-Führerhäuser; danach waren die Rohkarosserien für den Rover P5 und den Volvo P1800 die ersten Aufträge im Pkw-Bereich.Geoff Carverhill: The Rootes Story Vol. 2 - The Chrysler Years, Crowood Press 2023, ISBN 978-0-7198-4179-8.

Rootes Pressings (Scotland)

Rahmenbedingungen bei Rootes mini|hochkant|Logo der Rootes-Gruppe Zu Beginn der 1960er-Jahre ergab sich eine Verbindung des Betriebes zur Rootes-Gruppe, einem zu dieser Zeit noch als Familienunternehmen geführten Automobilkonzern.Zu Rootes gehörten die PKW-Marken Hillman, Humber und Talbot-Sunbeam bzw. Sunbeam; 1955 kam Singer hinzu. Nutzfahrzeuge verkaufte Rootes unter den Marken Commer und Karrier. Rootes unterhielt ein vergleichsweise kleines Stammwerk in der mittelenglischen Stadt Ryton-on-Dunsmore und war für die Serienfertigung von Automobilkarosserien in hohem Maße auf unabhängige Zulieferer angewiesen.T. Dickson, D. Judge: Politics of Industrial Closure, Palgrave Macmillan, 1987, ISBN 978-1-349-18862-8, S. 119.Die Kapazitäten der zum Rootes-Konzern gehörenden Karosseriehersteller British Light Steel Pressings und Thrupp & Maberly reichten nur für den Bau der Karosserien der teuren Humber-Modelle (BLSP) und einiger Cabrioletversionen (Thrupp & Maberly) aus. Bevorzugter Lieferant für Karosserien war das Pressed-Steel-Werk in Cowley. Der Produktionsprozess bei Rootes war jahrzehntelang kompliziert:Ein Autor nennt die Produktionsprozesse bei Rootes „ein Puzzlespiel mit vielen Teilen“ (multi-piece jigsaw). Vgl. Graham Robson: The Cars of the Rootes Group, London 2007, ISBN 978-1-903088-29-6, S. 151. Die extern produzierten Rohkarosserien mussten zur Endmontage der einzelnen Autos in das 100 km entfernte Rootes-Stammwerk in Ryton-on-Dunsmore gebracht werden; teilweise war für die Lackierung noch ein weiterer Betrieb in London zwischengeschaltet.

Neubau in Linwood Die für 1963 geplante Einführung der Rootes-Apex-Reihe, einer Familie neu konstruierter Kleinwagen um den Hillman Imp, machte eine Neustrukturierung des Produktionsablaufs nötig: Aufgrund der erwarteten hohen Stückzahlen zeichnete sich ab, dass die Kapazität in Ryton-in-Dunsmore nicht ausreichen würde, um zusammen mit den anderen Rootes-Typen auch noch den Imp und seine Schwestermodelle zu montieren. Eine Ausweitung des Werks in Ryton-in-Dunsmore wurde mehrfach angeregt, von der britischen Regierung jedoch nicht genehmigt: Rootes erhielt das dafür erforderliche Industrial Development Certificate nicht. Stattdessen musste Rootes ein neues Werk im strukturschwachen Schottland errichtenEintrag zu Rootes Pressings (Scotland) auf www.gracesguide.co.uk (abgerufen am 6. Januar 2026) und erhielt im Gegenzug dafür finanzielle Unterstützung der Regierung. 1960 konnte Rootes ein Gelände in Linwood erwerben, das unmittelbar an das bereits bestehende Werk von Pressed Steel angrenzte.Graham Robson: The Cars of the Rootes Group, London 2007, ISBN 978-1-903088-29-6, S. 34. Geplant war eine Kooperation: Pressed Steel würde in seinem Werk die Rohkarosserien der Rootes-Apex-Fahrzeuge herstellen, nebenan im neuen Rootes-Werk wäre die Endmontage.

Im Frühjahr 1963 – nach zweieinhalbjähriger Bauzeit – war das Rootes-Werk in Linwood fertiggestellt; eröffnet wurde es im Mai 1963 im Beisein von Prinz Philip. Die neue Anlage hatte eine Größe von 46.000 qm und war auf die Herstellung von 150.000 Autos pro Jahr ausgelegt. Die Investitionen beliefen sich auf 23 Mio £. 1963 waren 3000 Arbeiter in der neuen Rootes-Fabrik beschäftigt, später stieg die Zahl auf 6000 Beschäftigte. 2000 weitere Arbeiter wurden bei Pressed Steel für den Bau von Rootes-Rohkarosserien neu eingestellt.

Übernahme des Pressed-Steel-Komplexes 1965 kam es zu einem Umbruch: Der Rootes-Konkurrent BMC übernahm die Pressed Steel Company und ließ deren Verträge mit anderen Herstellern, unter ihnen Rootes, auslaufen. Daraufhin kaufte Rootes das alte Pressed-Steel-Werk in Linwood für einen Preis von 14 Mio £ und vereinigte es mit dem benachbarten eigenen Betrieb. Die gesamte Anlage in Linwood einschließlich des alten Pressed-Steel-Teils trug daraufhin die Bezeichnung Rootes Pressings (Scotland). Ziel war es, mittelfristig die Produktion der Rohkarosserien aller Rootes-Modelle in Linwood zu konzentrieren. Dieser Prozess zog sich über einige Jahre hin.

Chrysler Linwood mini|hochkant|Logo von Chrysler-Rootes (1971) 1967 übernahm der US-amerikanische Chrysler-Konzern die Rootes-Gruppe. Dazu gehörte auch das Werk in Linwood, das in Chrysler Linwood Ltd. umbenannt wurde. In den folgenden Jahren investierte Chrysler nahezu nichts in die Substanz des Werks: 1976 waren nur zwei Prozent der Blechpressen jünger als acht Jahre alt, 48 Prozent waren bis zu 20 Jahre und 29 Prozent waren älter als 22 Jahre.T. Dickson, D. Judge: Politics of Industrial Closure, Palgrave Macmillan, 1987, ISBN 978-1-349-18862-8, S. 120.

Zentrierung in Linwood Ab 1967 verlagerte Chrysler die Produktionsanlagen für die Rohkarosserien aller Modelle, bis dahin von Pressed Steel in Cowley gefertigt worden waren, nach Linwood. Das betraf die Arrow-Familie (Hillman Hunter und Minx, Singer Vogue und Gazelle sowie Humber Sceptre)Graham Robson: The Cars of the Rootes Group, London 2007, ISBN 978-1-903088-29-6, S. 163. und den Chrysler Avenger. Das Ziel, auch die Endmontage dieser Modelle in Linwood durchzuführen, ließ sich allerdings nur mit Verzögerung erreichen. Für eine Übergangszeit wurden daher die in Linwood produzierten Arrows- und Avenger-Karosserien zur Endmontage in das 520 km entfernte Werk in Ryton-on-Dunsmore transportiert. Erst ab 1970 wurden die Arrows-Modelle in Linwood komplettiert;Graham Robson: The Cars of the Rootes Group, London 2007, ISBN 978-1-903088-29-6, S. 145. die Endmontage des Avenger ging sogar erst 1976 nach Linwood über.

Bedeutungsverlust durch Internationalisierung Ab 1970 verfolgte Chrysler das Ziel, die Rootes-Linie und die Palette der ebenfalls zum Konzern gehörenden französischen Tochter Simca, die bis dahin stark voneinander abwichen, zu vereinheitlichen. Davon profitierte das Werk in Linwood allerdings nicht, denn hier entstanden nur die veralteten, auf die 1960er-Jahre zurückgehenden britischen Autos. Die modernen, in Kooperation mit Simca entwickelten Autos der 1970er-Jahre wurden dagegen nicht in Linwood gebaut, sondern ausschließlich in Frankreich. Den Anfang machte der 1970 eingeführte große Chrysler 160/180/2 Litre, der auf dem britischen Markt die Humber-Reihe ersetzte. Gleiches galt nach anfänglichen Planungen auch für den modernen, 1975 neu vorgestellten Chrysler Alpine (in Kontinentaleuropa: Simca 1307, 1308 und 1309). Nachdem Chrysler den Bau des Hillman Imp und des Humber Sceptre in Linwood 1976 eingestellt und die Fertigung des Hunter als einziger verbliebener Arrow-Variante nach Dublin ins irische Chrysler-Werk verlegt hatte,Bob Montgomery: Motor Assembly in Ireland. Dreoilín Specialist Publications, Foxrock 2018, ISBN 978-1-902773-35-3, S. 49. wurde allgemein die Schließung des schottischen Werks erwartet.

Rettung durch staatliche Förderung