mini|Ausweis der baskischen Behörden für ein Mädchen aus Bilbao, das 1937 die Reise in die Sowjetunion antratDer Name von Maria Luisa Arteche Trinidad erscheint nicht in den Namenslisten des Atlas de las Evacuaciones, aber in der Liste der Los niños españoles evacuados a la U.R.S.S. Die Kindertransporte im spanischen Bürgerkrieg in die Sowjetunion hatten zum Ziel, während des Spanischen Bürgerkriegs Kinder vor den Angriffen der Franco-Truppen zu schützen. Sie waren Teil der Evakuierungsmaßnahmen wie sie auch in andere Aufnahmeländer stattfanden, so zum Beispiel nach Frankreich, Belgien, Großbritannien und Mexiko. Die Sowjetunion war dabei – neben Mexiko – das einzige Aufnahmeland, das die republikanische Seite im Bürgerkrieg unterstützte und nahm annähernd 3.000 Kinder und deren Begleitpersonal auf. Anders als im Falle der nach Frankreich, Belgien oder Großbritannien evakuierten Kinder, gab es für die nach Mexiko und in die Sowjetunion evakuierten Kinder nach dem Ende des Bürgerkriegs keine oder nur eine um Jahrzehnte verspätete Möglichkeit, wieder in ihr Heimatland zurückzukehren.
Geschichte
Auf der Website des Vereins Asociación «Niños de Rusia» heißt es auf die Frage, wer die Niños de Rusia (Kinder Russlands) waren:
Das für die Spanische Republik bittere Ende des Bürgerkriegs, die fehlenden diplomatischen Beziehungen zwischen dem Franco-Regime und der UdSSR und der Beginn des Zweiten Weltkriegs waren die Hauptursachen dafür, dass aus den als zeitlich begrenzten Maßnahmen geplanten Evakuierungen Langzeitaufenthalte außerhalb Spaniens wurden. Und schon zu Beginn der Evakuierungen hatten die Nationalisten und die ihr nahestehende Presse versucht, die Evakuierungen als Diebstahl von Kindern und als deren massenhafte Verschleppung nach Russland darzustellen. Die baskische Zeitung El Diario VascoSiehe zu ihr den Artikel in der spanischsprachigen Wikipedia: :es:El Diario Vasco behauptete am 15. Dezember 1937 die Marxisten hätten die Evakuierung von Kindern aus Madrid intensiviert und mehr als 30.000 unglückliche Kinder nach Russland und Mexiko deportiert. Unterlegt war das mit einer den angeblichen Raub anprangernden Zeichnung.Didier Corderot: Les enfants de la guerre d’Espagne ou les parcours sinueux de la mémoire
mini|In der Sowjetunion ausgestellte Karteikarte für einen spanischen Schüler. Der Name ließ sich nicht verifizieren.
Nach dem eingangs zitierten Artikel der Asociación «Niños de Rusia» wurden 2.895 Kinder in die UdSSR evakuiert.Siehe hierzu auch den Artikel in englischsprachigen Wikipedia: :en:Children of Russia sowie in der spanischsprachigen Wikipedia den Artikel :es:Anexo:Niños de la guerra eibarreses. Sie wurden von 122 Lehrern und Erziehern begleitet, 87 Kinder reisten in Begleitung ihrer Eltern.Carolina G. Fernández-Miranda: La segunda Patria auf der Webseite Niños de Rusia Y Niñas de la Guerra Erreicht wurde das mit insgesamt sieben Kindertransporten.Atlas de las Evacuaciones: Las partidas – Puertos y salidas
17. März 1937: 21 Kinder ab Cartagena mit dem Schiff Isla de Gran Canaria 21. März 1937: 72 Kinder ab Valencia mit dem Schiff Cabo de Palos 13. Juni 1937: 1.475 Kinder ab Santurtzi mit der Habana. Sie waren nur ein Teil der Passagiere der Habana und wurden vermutlich in Paulliac für ihre Reise in die UdSSR umgeladen. 23./24. September 1937: 1.100 – 1.200 Kinder ab Gijón-El Musel. Mit dem französischen Schiff Dairiguerrme ging die Reise nach Saint-Nazaire. Auf dem sowjetischen Schiff Kooperatssia ging es von dort weiter nach London, und von dort dann mit der Felix Dzerzhinsky nach Leningrad. Anfang September 1938: 70 Kinder wurden in Autos und Bussen von Barcelona aus nach Paris gebracht und setzten dann von Le Havre aus ihre Reise nach Leningrad fort. 24. oder 25 November: Ob 300 oder nur 100 Kinder von Barcelona aus nach Paris gebracht wurden, ist ungeklärt. Die Reiseroute insgesamt entsprach der von Anfang September. 29. März 1939: 15 bis 20 Kinder wurden zusammen mit einer deutlich höheren Zahl an Erwachsenen mit dem Schiff und auf dem Landweg evakuiert. Die Fahrt führte von Alicante aus über Oran, Marseille, Paris und Le Havre nach Leningrad. mini|Eine Gruppe der aus Spanien evakuierten Kinder um 1938 im Kinderheim Haus 9 in Leningrad. Neben Leningrad, wo die Kinder angekommen waren, waren Moskau und die Krim die Hauptregionen, in denen die Kinder in Erholungsheimen („Sanatorios“) untergebracht wurden. Elf davon befanden sich in der heutigen Russischen Föderation und fünf in der Ukraine.Einen Überblick über diese Heime bietet die Unterseite Atlas de las Evacuaciones: Casas de Niños 1937–1951 der Webseite Niños de Rusia Y Niñas de la Guerra. Die ursprünglich als zeitlich begrenzt geplante Evakuierung verwandelte sich durch die Niederlage der Republikaner in ein dauerhaftes Exil. Gleichwohl geht Fernández-Miranda davon aus, dass die Kinder in der Zeit bis zum Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Kriegs in „einer glücklichen Phase [lebten], in der sie sich umsorgt und beschützt fühlen“ konnten.Siehe dazu auch die Geschichte, die Detlev Crusius in seinem Spiegel-Artikel über den Exodus der Kinder erzählte. Es ist allerdings fraglich, ob die von ihm erwähnte Reise in die Sowjetunion tatsächlich über Genua ging, da Italien ja mit dem Franco-Regime verbündet war und wohl kaum Hilfsaktionen für republikanische Kinder unterstützt haben dürfte. Die übliche Route führte über Marseille. Auch nach Jesus Fleta Zaragozano erhielten die Kinder dort „im Allgemeinen eine ausgezeichnete Betreuung“, was sich abrupt änderte mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht. Der „löste einen blutigen Krieg und eine Nachkriegszeit voller Entbehrungen aus, in der die ‚Kriegskinder‘ erwachsen wurden“Jesus Fleta Zaragozano: La asistencia a los «Niños de Rusia» und das harte Schicksal der sowjetischen Bevölkerung teilen mussten. Für viele der spanischen Kinder führte der deutsche Einmarsch auch zu einer abermaligen Evakuierung, da ihre Heime in als sicherer geltende Teile der Sowjetunion verlegt wurden. Einige der Älteren unter ihnen kämpften als Freiwillige in der Roten Armee; etwa 400 Spanier starben, wobei allerdings vermutet wird, dass es sich bei ihnen meistens um Spanier handelte, die erst 1939 nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs in die UdSSR gekommen waren. Etwa 80 der Gefallenen waren aber ehemalige Evakuierungs-Kinder.
Von denen, die sich freiwillig zur Roten Armee gemeldet hatten, gehörten auch 75 Jugendliche aus dem Leningrader Jugendhaus. Von ihnen starben mehr als 40 und 22 gerieten in Gefangenschaft, die sie in finnischen Lagern verbrachten. Von dort aus erfolgte ihre Rückführung nach Spanien. Der siebzehnjährige Celestino Fernández-Miranda war einer der ersten, die nach Spanien zurückgebracht wurden. Er kam dort am 7. Januar 1942 an, andere folgten erst im Februar 1943.Auf dem Webportal der öffentlichen Rundfunkanstalt EITB (Euskal Irrati Telebista) ist davon die Rede, dass von dieser baskischen Jugendgruppe nur sieben überlebt hätten. Es ist allerdings unklar, ob damit nicht die Zahl der Überlebenden zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Beitrages (23. April 2015) gemeint war. (Niños de guerra vascos, en el asedio de Leningrado auf eitb.eus)
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lehnte die UdSSR die Rückführungsforderungen des Franco-Regimes ab. Die meisten Niños de Rusia mussten mindestens zwanzig Jahre warten, bevor sie von den sowjetischen und spanischen Behörden die Erlaubnis zur Rückkehr nach Spanien erhielten. In den Jahren 1956/1957 gab es insgesamt 7 Rückführungen, die alle ihren Ausgangspunkt in Odessa hatten. Die ersten beiden Schiffe mit Rückkehrern kamen im September und Oktober 1956 im Hafen von Valencia an. Die Transporte drei und vier erreichten ebenfalls noch 1956 den Hafen von Castellón, während die Transporte fünf und sechs dort erst 1957 eintrafen. Vom siebten Transport liegen keine Daten über die Reiseroute sowie den Abgangs- und Ankunftshafen vor. Die im Mai 1937 vom Franco-Regime gegründete Auxilio Social (Sozialhilfe) arbeitete bei der Ankunft der Rückkehrer und deren weiterer Betreuung mit der Junta de Protección de Menores (Junta zum Schutz von Minderjährigen) zusammen und nutzte die Ankunft der Repatriierten, um die Großzügigkeit des neuen Regimes zu demonstrieren.Siehe auch: Xavier Colás: Niños de Rusia entre las garras de Stalin y los ojos de la CIA, elmundo.es, 14. Dezember 2014. Die Rückkehrer aus der Sowjetunion wurden jedoch nicht nur vom Franco-Regime für Propagandaschlachten benutzt, sondern gerieten auch in den Fokus der CIA. Anlässlich einer 2020 erstellten mehrteiligen Dokumentation über die Niños de la Guerra heißt es in einem Beitrag des Nachrichtenportals El Español, dass in der Dokumentation mit dem Namen Project Niños gezeigt werde, wie die CIA in Spanien aus der UdSSR zurückgekehrte Menschen unter Druck gesetzt habe, um von diesen Informationen über Schwachstellen des kommunistischen Feindes in Erfahrung zu bringen.
Ab 1957 wurden die Rückführungen ausgesetzt und individuelle Rückführungen erst nach dem Sturz des Franco-Regimes und der dann folgenden Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Spanien und der Sowjetunion im Jahr 1977 wieder erlaubt. Es gab jedoch auch eine größere Anzahl der ehemaligen Niños de Rusia, die nicht nach Spanien zurückkehrten, sondern in der Sowjetunion studierten und beruflich Fuß fassen konnten oder dort Familien gründeten. Und es gibt auch Beispiele von jenen, die nach Spanien ausreisten, aber wieder in die Sowjetunion zurückkehrten, weil sie mit der Realität in Spanien nicht zurechtkamen. Im Jahr 2010 lebten noch 171 Überlebende der 1937 aus Spanien angekommenen Kinder in Russland und der Ukraine; in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 2013 wird von „120 ‚Kriegskindern‘, die in Russland geblieben sind“ berichtet.Alejandro Torús: El desahucio acecha a 'los niños de la guerra' en Moscú, publico.es, 15. März 2013. Der Artikel enthält einige interessante Interviews mit jene Kriegskindern, die entweder in der Sowjetunion geblieben waren, oder auch nach dort wieder zurückgekehrt waren. Sehr ausführlich dazu auch der Artikel von Marina Velasco, in dem sie im Oktober 2022 ein Buch vorstellte, das die Geschichte der damals 97-jährigen Teresa Alonso zum Gegenstand hat, die zu den Kriegskindern in der Sowjetunion gehörte. (Marina Velasco: Los niños de Rusia: la historia olvidada de los españoles exiliados en la Guerra Civil, Huffpost, 16. Oktober 2022)
In Moskau wurde 1967 von denen, die nicht nach Spanien zurückkehrten, der Verein Centro Español gegründet. Der Verein, der sich auch 2025 noch um den kulturellen Zusammenhalt von etwa 120 ehemaligen Kriegskindern kümmerte, unterhält eine Tanzgruppe für spanische Tänze und organisiert Spanischkurse für spanische Familien der zweiten und dritten Generation.Centro Español en Moscú
Im Jahr 2012 initiierte die Historikerin Verónica Sierra Blas in Alcalá de Henares die Ausstellung Entre España y Rusia. Recuperando la historia de los niños de la guerra (Zwischen Spanien und Russland. Die Geschichte der Kinder des Krieges wiederentdecken). Die Ausstellung wurde danach in vielen weiteren spanischen Städten gezeigt und 2017 auch in „den symbolträchtigsten Orten des spanischen Exils in Südfrankreich“, so in Argelès-sur-Mer und Perpignan.Universidad de Alcalá: La exposición ‘Entre España y Rusia. Recuperando la historia de los Niños de Rusia’ llega a Guadalajara, 2018.
Die Schattenbereiche: Krankheiten, Krieg und politische Unterdrückung