Der Kindertransport im Spanischen Bürgerkrieg nach Mexiko war Teil der Evakuierungsmaßnahmen durch die Kinder und Jugendliche vor den Angriffen der Franco-Truppen geschützt werden sollten. Die spanisch-republikanische Regierung unterstützte diese Vorsichtsmaßnahmen und fand dabei Unterstützung bei nationalen und internationalen Hilfsorganisationen sowie im Falle von Mexiko auch durch eine verbündete Nation. Während allerdings Länder wie Frankreich, Belgien, Großbritannien und auch die Sowjetunion mehrere Tausend Kinder aufnahmen, war Mexiko während des Bürgerkriegs nur das Ziel eines einzigen Kindertransports mit etwa 450 Kindern, die als Los Niños de Morelia (die Kinder von Morelia) bekannt wurden. Anders als im Falle der nach Frankreich, Belgien oder Großbritannien evakuierten Kinder, kehrten von den nach Mexiko evakuierten Kindern nach dem Ende des Bürgerkriegs nur wenige in ihr Heimatland zurück.
Geschichte mini|Erste Seite der dreiseitigen Liste der spanischen Kinder, die am 7. Juni 1937 in Mexiko ankamen
Am 17. Mai 1937 verließ ein Konvoi mit 456 KindernRELACIÓN DE LOS NIÑOS ESPAÑOLES INTEGRANTES DE LA EXPEDICIÓN LLEGADA EN EL MEXIQUE EL 7 DE JUNIO Y ENTREGADOS A LA SECRETARÍA DE EDUCACIÓN PÚBLICA POR EL COMITÉ DE AYUDA A LOS NIÑOS DEL PUEBLO ESPAÑOL ([Komplette] Liste der spanischen Kinder, die Teil der Expedition waren, die am 7. Juni in Mexiko ankam und vom Komitee für die Hilfe für die Kinder des spanischen Volkes an das Ministerium für öffentliche Bildung übergeben wurde.) spanisch-republikanischer Eltern Barcelona. Diese waren zuvor durch einen in verschiedenen republikanischen Zeitungen veröffentlichten Aufruf aufgefordert worden, ihre Kinder bis zum Ende des Bürgerkriegs nach Mexiko zu schicken. Die Kinder der dann zusammengestellten Gruppe stammten zu 46 % aus Barcelona, zu 29 % aus Madrid, zu 14 % aus Andalusien und zu 11 % aus Valencia.Daniela Lechuga Herrero: Memorias de un cuerpo roto. Las y los Niños de Morelia, 1937-1948
Die Zusammenführung der Kinder erfolgte in Barcelona, und ihre Reise führte sie von da mit dem Zug nach Bordeaux, wo sie einige Tage verbrachten, bevor sie am 27. Mai 1937 an Bord der unter französischer Flagge fahrenden Mexique nach Mexiko aufbrachen. Begleitet wurden sie von etwa 30 spanischen Lehrerinnen und Lehrern, zu denen die Kinder laut Lechuga Herrero ein ambivalentes Verhältnis hatten. Die Kinder sollten, so der Plan, übergangsweise in Mexiko Schutz vor den Gefahren des Spanischen Bürgerkriegs finden, doch dessen für die Republikaner negativer Ausgang und die fehlenden diplomatischen Beziehungen zwischen dem siegreichen Franco-Regime und Mexiko führten dazu, dass für die meisten der Niños de Morelia Mexiko zur neuen Heimat wurde.
Amalia Solórzano (1911 – 2008)Widow of Legendary Mexican President Lazaro Cardenas Dies, Latin American Tribune, 21. Mai 2011, die Frau des damaligen mexikanischen Präsidenten Lázaro Cárdenas, hatte zusammen mit anderen mexikanischen Frauen 1936 das Comité de Ayuda a los Niños del Pueblo Español (Komitee zur Unterstützung der Kinder des spanischen Volkes) gegründetFallece Amalia Solórzano, viuda de Lázaro Cárdenas y valedora de los ‘niños de Morelia’, Artikel auf der Webseite von España Exterior. El periódico de las Comunidades Españolas en el Mundo, 16. Dezember 2008, das mit Unterstützung des spanisch-republikanischen Präsidenten Manuel Azaña die Evakuierung der Kinder nach Mexiko organisierte. Nach der Ankunft im Hafen von Veracruz traten sie per Zug und nach einem Zwischenstopp in Mexiko-Stadt die Reise nach ihrem Bestimmungsort Morelia an.Die Reiseroute ergibt sich aus dem Buch von Emeterio Payá Valera: Los niños españoles de Morelia. El exilio infantil en México. Der Autor (* 1928 in Barcelona – † 2003 in Morelia) gehörte selber zu den Kindern von Morelia und hat sein mehrfach neu aufgelegtes Buch auch mit zahlreichen Fotos ausgestattet. In vielen Quellen ist davon die Rede, dass den Kindern schon bei ihrer Ankunft in Veracruz ein herzlicher Empfang durch die einheimische Bevölkerung bereitet worden sei und diese positive Zuwendung auch auf den weiteren Stationen der Reise zum Ausdruck gebracht wurde. Bei dem Zwischenstopp in Mexiko-Stadt fand zudem eine Begrüßung durch den Präsidenten Cárdenas statt.Redacción El Universal: The Children of Morelia
Bei ihrer Ankunft in Morelia war die Gruppe kleiner geworden. Lechuga Herrero spricht von 440 verbliebenen Kindern, nach der Liste der spanischen Kinder, die Teil der Expedition waren, die am 7. Juni in Mexiko ankam waren es noch 442: 157 Mädchen und 285 Jungen. Die genannten Gründe, weshalb weniger Kinder übriggeblieben waren, als bei der Abfahrt in Bordeaux, sind aber vergleichbar: Inobhutnahme durch in Mexiko lebende Familienangehörige oder durch einige der mitgereisten Lehrer, krankheitsbedingte Unterbringung in anderen Städten. Die verbliebenen Kinder wurden in Morelia in der Escuela Industrial España-México untergebracht, in zwei Gebäuden, getrennt nach Mädchen und Jungen.Verónica A. Gutiérrez: Los Niños de Morelia: From Spain to Mexico…With Love?, patheos.com, 14. Februar 2025 Nach Aurelio Velázquez Hernández sollte die Einrichtung ein Vorzeigeprojekt werden und zugleich ein Pilotzentrum für die von Cárdenas propagierte „sozialistische Bildung“.Aurelio Velázquez Hernández: El proyecto de casas-hogar para los niños de Morelia (1943-1948), in: Tzintzun. Revista de Estudios Históricos, Número 59, enero-junio 2014 Für die Kinder war das eher nachteilig.
Auch jenseits dieser politischen Auseinandersetzungen um die Schule und die Betreuung der Kinder zeichnet Velázquez Hernández ein sehr düsteres Bild vom inneren Zustand der Schule: Trennung der Kinder von den sie begleitenden Spanischlehrern, gespanntes Verhältnis zwischen dem Personal der Einrichtung und den Kindern, Korruption unter dem Personal, und vermutlich als Folge davon mangelnde Disziplin unter den Kindern und Jugendlichen, bewusstes Fernbleiben von der Einrichtung, riskante Beziehungen zu Gruppen und Banden außerhalb der Einrichtung – und als Reaktion der Schule und der Schulbehörde darauf repressive Disziplinierungsversuche. Bis September 1939 hatten 167 Kinder die Schule oder das Internat verlassen, und zwischen 1937 und 1940 fanden sieben Kinder den Tod.
Bereits im Juni 1938 hatte das unter dem Franco-Regime gegründete nationalistische Komitee vom Rote Kreuz vom IKRK die Rückführung der nach Mexiko evakuierten Kinder verlangt. Das IKRK lehnte dies ab und verwies darauf, dass es sich nur auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern um die Rückkehr kümmern könne. Da es keine diplomatischen Beziehungen zwischen dem Franco-Regime und Mexiko gab, verliefen auch spätere Versuche zur Rückführung ergebnislos.Pierre Marqués: Le CICR et la guerre civile d'Espagne (1936-1939), in: Exils et migrations ibériques au XXe siècle, 2/1995, p. 49
Bis 1943 war die Zahl der spanischen Schüler im Internat aus verschiedenen Gründen weiter zurückgegangen, teils weil die Schüler zu ihren nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs nach Mexiko emigrierten Eltern ziehen konnten, teils weil sie auf andere weiterführende Schulen in anderen Teilen Mexikos gewechselt waren. Das führte zu Umstrukturierungen, und die Verantwortung für die in Morelia verbliebenen spanischen Kinder und Jugendlichen wurde auf inzwischen in Mexiko etablierte spanische Exilbehörden übertragen: auf die Junta de Auxilio a los Republicanos Españoles (JARE), die ihrerseits der Comisión Administradora del Fondo para Ayuda a los Republicanos Españoles (CAFARE) die benötigten Mittel zur Verfügung stellte. Im Auftrag der JARE war an den Planungen für die künftige Betreuung der Kinder und Jugendlichen auch der Pädagoge Jesús Revaque Garea beteiligt, der 1937/38 eine Kolonie für spanische Kinder in Dänekark geleitet hatte und seit Mitte 1939 mit seiner Familie im mexikanischen Exil lebte.Fundación Pablo Iglesias: Revaque Garea, Policarpo Jesús
Nach der neuen Konzeption traten ab Mai 1943 an die Stelle des ehemaligen Internats sechs Heime (casas hogar), in denen, wiederum getrennt nach Geschlecht, 52 Mädchen in zwei Häusern und 98 Jungen in vier Häusern ein Zuhause fanden. Die Belegung der Häuser schwankte, lag aber in der Regel zwischen knapp 20 Bewohnerinnen und Bewohnern und knapp unter 30. Als Gründungszweck und Aufgabe der Häuser postulierte die JARE:
Diesen patriotischen und politischen Prinzipien standen aber auch alltagsbezogene Vorstellungen zur Seite: Die Jugendlichen sollten allmählich aus der über sie ausgeübten Vormundschaft entlassen und für ein unabhängiges Leben befähigt werden. Die Verwirklichung dieser Ansprüche wurde jedoch zunehmend erschwert durch die finanziellen Schwierigkeiten der spanischen Exilregierung, für die der Unterhalt der Häuser zu einer Belastung wurde. Übergangsweise wurden die Jugendlichen ermutigt, unter Zahlung einer kleinen Unterstützung freiwillig aus den Heimen auszuziehen, doch zwischen November 1947 und März 1948 mussten die meisten Häuser geschlossen werden; nur zwei, jeweils eins für Mädchen und Jungen, blieben noch bis Ende 1948 übrig. Trotz aller Probleme, die die Kinder in ihrer knapp elfjährigen Exilgeschichte meistern mussten, kommt Velázquez Hernández insbesondere im Hinblick auf das Projekt der Wohnheime mit ihren relativ überschaubaren Wohngruppen dennoch zu einem positiven Gesamturteil.
Lechuga Herrero, die in ihre Studie mehrere Aussagen ehemaliger Kinder von Morelia einbezog, sieht das Ende der organisierten Unterstützung der Kinder weniger positiv. Für sie scheiterte das Projekt vor allem an den Konflikten zwischen unterschiedlichen spanisch-republikanischen Fraktionen im mexikanischen Exil, die zu der Erklärung geführt hätten, das Geld der spanischen Republik sei aufgebraucht. Ohne Vorwarnung und ohne einen Plan für die soziale Integration, die Fortsetzung der Ausbildung oder den Einstieg in den Arbeitsmarkt seien die Wohnheime geschlossen worden und die meisten Kinder seien gezwungen gewesen, ihr Studium aufzugeben und arbeiten zu gehen. mini|68 Jahre nach dem Beginn ihres Exils: ehemalige Kinder von Morelia bei einem Treffen im Jahre 2005 Ganz so alleine gelassen, wie Lechuga Herrero den Eindruck erweckt, wurden die Jugendlichen aber offenbar doch nicht. Didier Corderot erwähnt, dass bereits 1948 eine mexikanisch-spanische Hilfsorganisation gegründet worden sei, um die Einbürgerung der „Kinder von Morelia“ zu erleichtern. Diese Organisation habe sich später auch um die Aufrechterhaltung der Beziehungen zwischen ihnen gekümmert.Didier Corderot: Les enfants de la guerre d’Espagne ou les parcours sinueux de la mémoire Und auch Lechuga Herrero erkennt an, dass trotz der Schwierigkeiten durch die Schließung der Casas Hogar die Kinder von Morelia neue Beziehungen aufbauen konnten, insbesondere zu den inzwischen zahlreichen Exil-Spaniern und den von diesen gegründeten Einrichtungen.