Maladaptives Tagträumen, manchmal auch zwanghaftes Tagträumen, ist eine psychische Krankheit, bei der eine Person so stark tagträumt, dass ihr Alltag beeinträchtigt wird. Es handelt sich um eine von Eli Somer vorgeschlagene Diagnose für eine dissoziative Störung, die mit exzessiver Fantasie einhergeht und von keinem der gängigen medizinischen oder psychologischen Krankheiten erfasst wird. Maladaptives Tagträumen kann zu psychischer Belastung führen, menschliche Interaktion ersetzen und das alltägliche Leben wie das Sozialleben oder die Arbeit beeinträchtigen. Der Begriff wurde 2002 von Eli Somer von der Universität Haifa geprägt.

Spektrum des Tagträumens Tagträumen ist eine weit verbreitete Aktivität und eine normale Form der Dissoziation, die mit starker geistiger Vertiefung einhergeht. Fast alle Menschen erleben Tagträume. Einige Personen berichten jedoch, dass sie sehr extrem Tagträumen und immer weiter in diese Welten versinken und diese sehr intensiv erleben. Dieses Erleben kann als äußerst belohnend wahrgenommen werden, sodass manche Betroffene ein zwanghaftes Bedürfnis entwickeln, diese Tagträume immer wieder zu wiederholen. In solchen Fällen wurde das Phänomen teilweise als eine Form von Abhängigkeit beschrieben.

Der Psychologe Eli Somer prägte den Begriff des maladaptiven Tagträumens und erforschte, dass bestimmte Reize oder Orte diese intensiven Fantasien auslösen können. Als zentrales Merkmal gelten extrem lebhafte Fantasien mit erzählerischem Charakter, einschließlich fester Figuren, Handlungsstränge und detaillierter Schauplätze.

Somer betont, dass maladaptives Tagträumen keine Form von Psychose darstellt. Betroffene können klar zwischen Fantasie und Realität unterscheiden, im Gegensatz zu Personen mit psychotischen Störungen, bei denen Halluzinationen oder Wahnvorstellungen als real erlebt werden.

Ursachen Über die Ursachen des maladaptiven Tagträumens besteht bislang kein wissenschaftlicher Konsens. Einige Fachleute gehen davon aus, dass es sich um einen Bewältigungsmechanismus handeln könnte. Besonders Jugendliche und junge Erwachsene berichten häufiger davon als ältere Menschen, insbesondere wenn sie belastende Kindheitserfahrungen wie Trauma oder Missbrauch gemacht haben. Betroffene weisen teilweise Ähnlichkeiten mit anderen Verhaltenssüchten auf, etwa Glücksspiel- oder Videospielabhängigkeit, und nutzen ihre Fantasien möglicherweise als Flucht aus der Realität.

Ablauf Untersuchungen zeigen, dass maladaptives Tagträumen häufig bestimmten Mustern folgt. Manche Betroffene berichten vom Behandeln von traumatischen Erinnerungen. Andere nutzen ihre Tagträume, um sich selbst in einer idealisierten Version darzustellen. Weitere Motive können das Erleben von Kontrolle sein.

Behandlung Maladaptives Tagträumen ist derzeit keine anerkannte psychische Störung. Dennoch haben sich seit der ersten Beschreibung im Jahr 2002 Online-Selbsthilfegruppen gebildet. Spezifische Therapieempfehlungen existieren bislang nicht. Es wird jedoch angenommen, dass die Behandlung begleitender psychischer Erkrankungen die Intensität des Tagträumens verringern kann.

Forschung Maladaptives Tagträumen wird aktuell von einem internationalen Forschungsverbund untersucht, an dem Wissenschaftler aus mehreren Ländern beteiligt sind. Studien legen nahe, dass ein kleiner Prozentsatz der Allgemeinbevölkerung entsprechende Symptome aufweist, wobei die Häufigkeit bei Studierenden höher liegt. Insgesamt zeigen jüngere Erwachsene häufiger Anzeichen maladaptiven Tagträumens als ältere Altersgruppen.

Diagnose Da maladaptives Tagträumen in keinem offiziellen psychiatrischen Diagnosesystem wie dem DSM-5-TR enthalten ist, existieren keine anerkannten Diagnosekriterien. Dennoch wurden Instrumente entwickelt, um die Ausprägung und Verbreitung des Phänomens zu erfassen.

Maladaptive-Daydreaming-Skala (MDS-16) Im Jahr 2015 wurde eine Selbstauskunftsskala mit 16 Fragen entwickelt, die als Maladaptive-Daydreaming-Skala (MDS-16) bekannt ist. Sie dient der Erfassung auffälliger Tagtraummuster und soll auf das mögliche Vorliegen maladaptiven Tagträumens hinweisen. Zwei der Fragen befassen sich speziell mit der Rolle von Musik bei der Förderung von Tagträumen. Die Skala wird in mehreren Ländern wie den USA, der Türkei, Großbritannien, Italien und Israel zur Diagnostik eingesetzt.

Mögliche Komorbiditäten Maladaptives Tagträumen wird häufig gemeinsam mit anderen psychischen Störungen beobachtet, darunter Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Angststörungen, Autismus-Spektrum-Störungen, Depressionen und Zwangsstörungen. In Einzelfällen zeigte sich, dass medikamentöse Behandlungen, etwa mit zwangslösend wirkenden Medikamenten, die Kontrolle über das Tagträumen verbessern können. Zusätzlich bestehen Zusammenhänge mit geringem Selbstwertgefühl, emotionaler Dysregulation, Einsamkeit, Persönlichkeitsstörungen und erhöhter psychischer Belastung.

Literatur E. Somer, L. Somer, D. S. Jopp: Parallel lives: A phenomenological study of the lived experience of maladaptive daydreaming. In: J Trauma Dissociation. Band 17, Nr. 5, Oct-Dec 2016, S. 561–576. doi:10.1080/15299732.2016.1160463. E. Somer, O. Herscu, M. Samara, H. M. Abu‐Rayya: Maladaptive Daydreaming and Psychopathology: A Meta‐Analysis. In: International Journal of Psychology. Band 60, Nr. 2, 2025, S. e70027. S. A. Mansuklal, P. M. Pascoal, E. Somer, I. B. Costa, G. Andersson: What is known about maladaptive daydreaming? A scoping review. In: Clinical Psychology & Psychotherapy. Band 32, Nr. 4, 2025, S. e70104. N. Soffer-Dudek, E. Somer, D. Spiegel, R. Chefetz, J. O’Neil, M. J. Dorahy, ... W. Middleton: Maladaptive daydreaming should be included as a dissociative disorder in psychiatric manuals: position paper. In: The British Journal of Psychiatry. Band 226, Nr. 4, 2025, S. 238–242.

Einzelnachweise

Kategorie:Allgemeine Psychologie Kategorie:Träumen