Die Geschichte der Bentheimer Eisenbahn beginnt mit seiner Gründung als Bentheimer Kreisbahn 1895.
Entwicklung der Gesellschaft mini|Ehemaliges Logo Am 1. April 1895 wurde die Bentheimer Kreisbahn AG gegründet, aber schon am 16. April 1896 in einen Eigenbetrieb des Kreises Grafschaft Bentheim in der preußischen Provinz Hannover verändert. Am 7. März 1935 wurde der kreiseigene Betrieb, der sich seit dem 1. Januar 1924 „Bentheimer Eisenbahn“ nannte, wieder in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, deren Kapital der Landkreis zu fast 100 % übernahm. Langjähriger Direktor und Vorstand des Unternehmens war Regierungsbaumeister a. D. Karl Friedrich Oppermann. mini|Beförderungsleistung im Güter- und Personenverkehr von 1896 bis 1995 Die Verwaltung war zunächst im Bahnhof Bentheim Nord untergebracht. Die Bentheimer Kreisbahn beschäftigte im Jahr 1911 insgesamt 111 Personen. Mitte der 1920er Jahre waren bereits insgesamt 263 Personen angestellt. Die Räumlichkeiten der Direktion im Obergeschoss des Bahnhofs Bentheim Nord wurden zu knapp, so dass ein neues Gebäude gebaut wurde. Am 2. April 1929 wurde das neue Verwaltungsgebäude in Bad Bentheim bezogen, dessen Architekt Fritz Höger war.Ralf Alexander Tyborczyk und Herbert Raben: Bentheimer Backsteinexpressionismus. Das (ehemalige) Direktionsgebäude der Bentheimer Eisenbahn. In: Eisenbahn Geschichte 112 (3/2022), S. 14f. 1939 hatte die Bentheimer Eisenbahn in Summe 278 Beschäftigte. Am 14. Februar 1945 wurde das Verwaltungsgebäude in Bentheim durch einen Fliegerangriff teilweise zerstört und im Jahr 1948 wieder aufgebaut. Seit 1997 befindet sich der Sitz der Bentheimer Eisenbahn im Süden der Stadt Nordhorn samt Werkstatt, Betriebshof und Logistikzentrum.
Im Laufe der Jahrzehnte erweiterte die Bentheimer Eisenbahn AG ihr Portfolio über die Tätigkeit des Güter- und Personentransports auf der Schiene hinaus. So existieren heute eine Reihe von Tochtergesellschaften. Im Jahr 1959 wurde der Gütertransport mit der gegründeten Kraftverkehr Emsland GmbH auf die Straße ausgeweitet. Das Tochterunternehmen dient als Dienstleister für den Transport von Stückgut, Sammelgut und Containern mit aktuell 40 Fahrzeugen und einem Logistikzentrum am Unternehmenssitz in Nordhorn. Mit der 1978 erfolgten Übernahme der Reisebüro Stratmann GmbH in Gronau stieg man in den Reisemarkt ein. Die Gesellschaft wurde zunächst als Nord West Reisen GmbH weitergeführt. Im folgenden Jahr wurde die Reisebüro Berndt GmbH mit Geschäftsstellen in Nordhorn und Lingen übernommen sowie um ein weiteres Büro in Bad Bentheim ergänzt. Derzeit werden diese und weitere übernommene Reisebüros unter dem Dach der Tochter Reisebüro Berndt GmbH geführt. Ebenfalls besteht eine Kooperation der Geschäftsstellen in Nordhorn, Lingen, Bad Bentheim und Rheine mit dem Lufthansa City Center. Zur Wartung und Reparatur von Bussen und Lokomotiven wurde 1984 die Nutzfahrzeuge GmbH, Nordhorn gegründet. Darüber hinaus wurde im Frühjahr 2015 die Grafschafter Parkraum Management GmbH zum Bau und Betrieb von Parkplätzen und Parkhäusern gegründet. Aktuell betreibt die Tochter das Parkhaus an der Euregio-Klinik in Nordhorn und bewirtschaftet die Parkflächen am Bahnhof Bad Bentheim und am Bahnhof Nordhorn. Der Betriebsteil der Infrastruktur wurde im August 2016 in die rückwirkend zum 1. Januar 2016 gegründete Tochtergesellschaft BE Netz GmbH ausgegliedert. An der EuroStar Touristik GmbH, Lingen war die Bentheimer Eisenbahn AG mit 23,0 % beteiligt. Diese Beteiligung wurde 2019 an die Meyering Verkehrsbetriebe in Lingen verkauft.
Infrastruktur
mini|Streckennetz bis in die 1980er Jahre Zweck des Bahnbaus war es, den Kreis nahe der niederländischen Grenze mit Eisenbahnlinien zu erschließen, denn zunächst war nur die 1865 im Süden des Kreises von der niederländischen Spoorweg-Maatschappij Almelo-Salzbergen erbaute Bahnstrecke Almelo–Salzbergen vorhanden. Von dieser Bahnstrecke aus wurde ab 1895 im Bahnhof Bentheim (seit 1979 Bad Bentheim) abzweigend zunächst eine normalspurige und eingleisige Strecke nach Norden über Nordhorn nach Neuenhaus errichtet. Von Bentheim aus wurde 1908 in südlicher Richtung nach Gronau und 1911 von Neuenhaus in nördlicher Richtung nach Coevorden in den Niederlanden erweitert. In den 1980er Jahren blieb der Streckenabschnitt nach Gronau ungenutzt und wurde teilweise zurückgebaut.
Wichtige Industrieanschlüsse befinden sich noch heute unter anderem am Gewerbe- und Industriepark Nordhorn sowie in Emlichheim. Historisch existierten zusätzliche Anschlussgleise wie der Anschluss zum Hafen Emlichheim am Coevorden-Piccardie-Kanal. Ergänzend besteht ein eigenständiger Gleisanschluss von Achterberg nach Ochtrup-Brechte zum Materialdepot der Bundeswehr. Dieser Ast ist vom Personenverkehr getrennt und dient dem Gütertransport.
Bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert entstand ein Netz von Anschlussbahnen, die überwiegend der Versorgung lokaler Industriebetriebe dienten. Zur Anbindung des Hafens in Emlichheim am Coevorden-Piccardie-Kanal wurde im Jahr 1914 eine Anschlussstrecke gebaut, welche am 10. September 1928 vom Preußischen Staatsministerium genehmigt wurde. Die Gleisanlagen konnten nach den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg relativ schnell wieder aufgebaut werden, so dass der Zugverkehr schon im Juni 1945 teilweise anlief. Zum Abtransport von in Osterwald gefördertem Erdöl wurde im Mai 1949 mit dem Bau einer 3,9 Kilometer langen Anschlussbahn in Esche mit Mitteln der Erdölindustrie begonnen. Diese konnte als erste Bahnstrecke in der jungen Bundesrepublik im Dezember 1949 fertiggestellt werden. Später wurde über diese Strecke Erdöl aus Emlichheim zur von Osterwald nach Lingen führenden Pipeline befördert. Ebenso bekam der Gewerbe- und Industriepark (GIP) in Nordhorn 1977 ein eigenes, drei Kilometer langes, Anschlussgleis. mini|Karte der Neubaustrecke Ochtrup-Brechte – Achterberg (DB 9209) Am 17. September 1986 wurde vom verbliebenen Stück der entwidmeten Strecke nach Gronau in Achterberg der Gleisanschluss zum Materialdepot der Bundeswehr in Ochtrup-Brechte eröffnet. Die Strecke ist 8,3 Kilometer lang, wobei 5,75 Kilometer auf niedersächsischen Gebiet liegen (Streckennummer 9209).
Zentrale Einrichtungen des Güterverkehrs entstanden in Nordhorn und im grenzüberschreitenden Industriegebiet bei Laarwald und Coevorden. Die Bentheimer Eisenbahn beteiligte sich ab 1987 an Umbauten des Güterbahnhofs Coevorden und erwarb 1988 ein 10.000 Quadratmeter großes Grundstück der Nederlandse Spoorwegen, um zusätzliche Gleisanschlüsse für das örtliche Gewerbegebiet zu schaffen. Zum 1. Juli 1990 ging der Abschnitt zwischen Laarwald und Coevorden in das Eigentum der Bentheimer Eisenbahn über. Das dort entstandene Güterverkehrszentrum wurde seit den 1990er Jahren stetig erweitert und von einer deutsch-niederländischen Betreibergesellschaft als „Euroterminal Coevorden“ geführt. mini|Lokomotiven der Bentheimer Eisenbahn bei der Eröffnung des Euroterminals Coevorden (2007) Neuansiedlungen von einigen Unternehmen im umgebenden „Europark“ führten dazu, dass das Güterumschlagszentrum mit knapp 22.500 umgeschlagenen Containern im Jahr 2005 an seine Kapazitätsgrenzen gelangt war, so dass die Anlage erweitert werden musste. Deshalb wurde die Anlage 2006 bis 2007 auf eine Fläche von 34.000 Quadratmetern vergrößert und 2007 feierlich eröffnet. Darüber hinaus entstanden ebenfalls mehrere Gleisanschlüsse für die ansässigen Unternehmen und Speditionen. Heute werden dort jährlich etwa 25.000 bis 35.000 TEU umgeschlagen.. Ein neuer Gleisbogen, der im Mai 2017 in Betrieb ging, verbindet das Terminal direkt mit der Strecke in Richtung Rotterdam und macht Rangierfahrten durch das Stadtgebiet überflüssig.. Einen Teil ihrer Anteile am Euroterminal Coevorden veräußerte die Bentheimer Eisenbahn im Jahr 2022 mehrheitlich an eine niederländische Spedition.
Seit 1997 ist die Bentheimer Eisenbahn mit Verwaltung, Werkstatt, Betriebshof und Güterbahnhof im Süden Nordhorns angesiedelt. Der Standort wurde 2003 zum „Grafschafter Logistikzentrum“ (GLZ) ausgebaut, das auf 2.800 Quadratmetern den kombinierten Güterumschlag zwischen Straße und Schiene ermöglicht. 2008 kam ein 3.400 Quadratmeter großes Hochregallager hinzu, 2011 eine weitere Halle mit 1.500 Quadratmetern Fläche.
Am 24. Oktober 2014 wurde am Bahnhof Nord in Bad Bentheim das „EuroTerminal Bentheim-Twente“ eröffnet. Das 8.950 Quadratmeter große Gelände befindet sich im Eigentum der Bentheimer Eisenbahn und Betreiber ist die CombiTerminal Twente B. V. (CTT), die auch das Terminal im Hafen von Hengelo führt. Die Anlage mit einer Kapazität von rund 25.000 Containern arbeitet im Verbund mit dem „Euroterminal Coevorden“ und dem „Terminal Hengelo“.
Die Streckeninfrastruktur zwischen Bad Bentheim und Neuenhaus wurde im Rahmen der Reaktivierung des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) zwischen Bad Bentheim und Neuenhaus ab 2019 abschnittsweise für eine Geschwindigkeit von 80 km/h im Personenverkehr ertüchtigt. Dazu wurden die Gleisanlagen und die Signaltechnik erneuert sowie die Bahnübergänge auf dem Abschnitt mit Lichtzeichen und teilweise mit Schrankenanlagen technisch gesichert. Ebenso wurden zwei Kreuzungsbereiche an der Anschlussstelle Hestrup und am Betriebsbahnhof Nordhorn Süd für die planmäßige Begegnung von Zügen hergestellt. Ebenfalls wurde die zweigleisige Eisenbahnwerkstatt in Nordhorn für rund 5 Millionen Euro bis Mitte 2019 auf voller Breite von 34 Meter auf über 60 Meter Länge erweitert. Die Gesamtplanung zur Reaktivierung des SPNV wurde einer Ingenieurgesellschaft aus Nordhorn übertragen..
Die Bahnhöfe in Bad Bentheim sowie Neuenhaus wurden für den SPNV renoviert und darüber hinaus wurden neue Haltepunkte in Quendorf, Nordhorn-Blanke und Neuenhaus Süd errichtet. Im Bahnhof Nordhorn wurde ein teilüberdachter 110 Meter langer Mittelbahnsteig errichtet, an welchem die Züge aus beiden Richtungen halten. Die Sanierung und Umgestaltung des Bahnhofsgebäudes in Nordhorn wurde im Herbst 2022 abgeschlossen, die Wiedereröffnung erfolgte am 25. November 2022.Nordhorner Bahnhof erstrahlt in neuem Glanz. In: Grafschafter Nachrichten. 25. November 2022, abgerufen am 26. November 2022. Es war zunächst geplant, im Frühjahr 2020 einen Ausweichbahnsteig am in Richtung Ochtrup-Brechte führenden Gleis der Bentheimer Eisenbahn im Bereich des Bahnhofs Bad Bentheim zu errichten. Die Einfahrt zum dortigen Bahnsteig an Gleis 3 im Netz der Deutschen Bahn war in den ersten Betriebsmonaten durch dort wartende Güterzüge gelegentlich nicht möglich.
Schienenverkehr
Aufbau und Entwicklung des Bahnnetzes (1895–1930)
Anfänge und Ausbau (1895–1914) mini|Der erste Fahrplan der Bentheimer Kreisbahn von 1896 mini|Einladung zur Eröffnungsfeier der Bahnstrecke Bentheim–Neuenhaus (1896)